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Full text of "Alemannia: Zeitschrift für Sprache, Litteratur und Volkskunde des Elsasses und Oberrheins"

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EEUIiB -SIAHroRD ■.Fv'NTOK-VNIMEBSnT 




Zeilsd>iift für alemannische und Iränkisdie ßescbicblc, 
Uolkskunde, Kunsi nnd Sprad)c 

Zugleidi Zeitscbrifl der ßcsellsdiafi tilr Gesdiiditskimde 
zu Steiburg i. B. 

ßerausgegeben von TMdricb PfaTf. 



neue Toige 

0. Band 

(Der ganz«ii Reihe ib. Band) 

mit S JTbbildungcti und 2 Calcin 




TrelDurg im Breisgau 

Sriedrich Emsr Sebsenfeld 

IfOS 



Für den luhalt ihrer AuMtze sind die Verfasser vei-antwortlirh. 

Abdruck ans dieser Zeitschrift ist nur mit ausdrücklicher Genehmi^nni)^^ der 

Schriftleitunir und der Verfasser jjestattet. 



I i.*U7r) 



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V fc fc 



V. A. Wa^^iK-rs Hof- iir.d riiivfrsirälsbiiolidruokerci, Frt'iburK '■. \U. 



Inhalt. 



Seite 

Wernher, Frhr. v. Ow-Wachendorf, Oxford : Feldmarschall-Leutnant 

Graf Philipp von Arco, Kommandant von Breieach, f 1704 1—11 
Fr. Georg Schurhammer S. .!., Valkenburg, Holland: Schloss 

Winterbach im unteren Glottertale, I 12—32 

Dr. Franz Dietzel, Oberreallehrer, Waldsee: Die Mundart des 

Dorfs Wachbach im Oberamt Mergentheim, I . . . . 33—64 
Julius Schmidt, Pfarrer, Kirchen: Einige Ortsneckereien im 

Markgräflerland 65-70 

J. Ph. Glock, Pfarrer, Wolfenweiler: Die preussischen Werber 

im ,,Leimstollen'' zu Leutersberg 81—90 

Fr. Georg Schurhammer S. J., Valkenburg, Holland : Schloss 

Winterbach im unteren GioNertale, il (Schluss) . . . 91—108 
Dr. Franz Dielzel, Oberreal lehrer, Waldsee: Die Mundart des 

Dorfs Wachbach im Oberamt Mergentheim, 11 (Schluss) 109—136 
Prof. Dr. Karl Baas, Karlsruhe: Zu Heinrich LoufTenbergs Ge- 
sundheitsregiment 137—139 

Johannes Tideman. Kapitftnleutnant a. D., Freiburg i. B.: 

Fronspergers Kriegsbuch 140—143 

Paul Beck, Amtsrichter a. D. in Rayensburg: Bodenseepoesie 

vom Ende des 18. Jahrhunderts 144—149 

Ernst Himmelseher, Apotheker, Neustadt: Scherzhafte Reime 

auf das Bauernleben 150—154 

Wernher Freiherr von Ow-Wachendorf, Oxford: Melchior von 

Ow, Landvogt zu Hochpurg. 1517—1669 (mit Bild) . . 161—171 
Benedikt Schwarz, Hauptlehrer, Karlsruhe: Ortsgeschichtliche 

Mitteilungen aus der Umgebung von Karlsruhe aus der 

ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts 172-191 

Professor Dr. Ernst Boesser, Studienrat, Karlsruhe: Die Ett- 

linger Linien 192—198 

Ernst Batzer, Heidelberg: Das Haigerlocher Stadtbuch von 1561 199-220 
Badische Sagen. Aus Anton Birlingers Nachlass mitgeteilt 

von Professor Dr. Fridrich Pfaff, Freiburg i. B., 1—4 . 221—238 
Albert Mannheimer, Gießen: Ein Bauerngespräch aus dem Jahre 

1738 in schwäbischer Mundart 238—242 

Professor Dr. Wolfgang Michael, Freiburg i. B.: Die verlorene 

Inschrift vom Rheintor zu Breisach (mit 7 Abbildungen) 249—277 
Professor Dr. Eugen Fischer, Freiburg i. ß. : Weitere Hallstatt- 

grabhUgel (LöhbQcke) bei Ihringen am Kaiserstuhl. Zweiter 

Fundbericht. (Mit 15 Abbildungen auf 2 Tafeln) . . 278-292 



IV Inhalt 

Seite 

L. Bastian, Straßburg i. E.: Samuel Isreals GIQokwUnschung 
zur Vermählung Walter Rettichs von Dachstein, ge- 
wesenen Ratsherrn zu Freiburg i. B. und Kapuziner . 2l<:i— 30r> 

Dr. Albert Mannheimer, Gießen: Eine schwäbische Bauernrede 

aus dem Jahre 1737 ;Wi— :H07 

Amtsrichter a. D. Paul Beck, Ravensburg: Kalenderregeln 80^—310 

Anzeigen und Nachrichten. 

Das deutsche Rechtswärterbuch. Besprochen von Eberhard 

Freiherrn von KUnssberg 71—74 

Quellen zur schweizerischen Reformationsgeschichte, I— III 74—76 

A. Chroust: Chroniken der Stadt Bamberg. Erste Hälfte . . 7(^—78 

Fr. Jecklin: Materialien zur Standes- und Landesgeschichte 

Gemeiner III Bände (Graubünden) 1464-1803, I . . . 78—79 

J. L Brandstetter und H. Barth: Reperiorium aber die in Zeit- 
und Sammelschriften der Jahre 1812—1890 und 1891—1900 
enthaltenen Aufsätze und Mitteilungen schweizergeschicht- 
lichen Inhalts 79—80 

Besprochen von Prof. Dr. P. Albert, Archivrat, Freiburg i. 13. 

M. Moser: Der Lehrerstand des 18. Jahrhunderts im vorder- 

ästerreichlschen Breisgau 155—157 

Fr. R. V. Wieser: Die Cosmographiae Introductio des Martin 

WaldseemDller 157—159 

Besprochen von Prof. Dr. Hermann Mayer, Freiburg i. B. 

R. Andree: Votive und Weihegaben des katholischen Volks in 

SUddeutsohland 159—160 

Besprochen von Prof. Dr. Fridrich PfafT, Freiburg i. B. 

Aas dem Badischen Oberland. Festschrift des Sprachvereins 

1907. Besprochen von Professor Dr. J. Miedet, Menimingen 24»> —248 

Mitteilungen (Schloss Winterbach, Minnesang in Baden, Badische 

Sagen) 24s 

A. Lowak: Die Mundarten im hochdeutschen Drama bis gegen 
das Ende des 18. Jahrhunderts. Besprochen von Biblio- 
thekar und Privatdozent Dr. Eduard Eckhardt, Freiburg i. B. 310—312 

Mitteilungen . . . : 312 




Peldraarsciiall-Leutiiant Graf Philipp von 
Arco, Kommandant von Breisach, f 1704. 

Von Wymher Fieiherrn von Ow-W«eheii(torf. 

Johann Philipp Graf von Arco', der 17u3 die Ueichti- 
featung Breisaeh 3o sclimählich den Frauzosen überlieferte und 
'dessen Haupt zur gerechten Strafe auf dem Schafotte fiel, ist 
«ine mythische Figur geworden. Die Phantasie der Nachwelt 
hat sich seiner Persönlichkeit bemächtigt und eine üppige 
Legendenbildung ist aus seinem Grabe emporgewuchert. 
Wahrheit und Dichtung sind heute schwer zu trennen. ÜTiter 
all dem Beiwerk, das mitleidige, von der Tragik seines Schick- 
sals gerühi-te Seelen herbeigeschafft haben, ist es nicht leicht, 
den Kern seines Wesens und Handelns herauszuschälen. 
Sichei' wai' er ein edler, liochherzigei' Mann; ein kluger, feiuer 
Kopf, der sich mit schwärmerischem Idealismus humanistischen 
Studien zuwandte und ganz in Erasmus von Rotterdam auf- 
ging. Dabei eine weiche Natur, allen Einflüssen zugänglich, 
leichtgläubig, ohne jede Energie, zu schwach, um mit dem 
Leben zu ringen. -ledenfalls: alles, nur kein Soldat. Dieser 

' Das Material zu dieseiu Aufbutztf eotnahra der VerfBaser ilem 
K. K. Kriegssrchiv in VVieu, sowie liein Reichafrei herrlich von Owachcu 
Nebenarchiv zu Schlosa Buehhol« [Bi'zirksjiint Wsldkirch, Baden), wo viele 
Nachrichten in Chrnniken und Briefen verstreut Kefundeu wurden. Der 
jetxt leider verstorbene Graf Carl von Arco- Valley, Heicharst der Krone 
Bayern, stellte dem Verfasser seinerzeit in liebenswürdigster Weise sein 
Material zur VerfQguog. Sonstige Quelieji; ,Die FetdzUge des Prinzen 
Eugen von Savoyen", Wien 1878. , Notice historique et Topographique 
aui' In vitle de vienx Brisak* ]iar A. Coate. Arch. de riiisioire de France 
n. i:5er. Tome 12. Bibliothiqne de Tarsenal Paris Nr. fifi30. Ott« Langer: 
,K]niiahine von Breysach 1703* Scfaau-ina-Land 1896. 



n Ow-Wiicheniiorf 



Mann kam, — da er ein .Arco" wai', — auf einen 
militärischen Posten, zu dem er in keiner Weise befähigt 
wai'. Unseres Mitleids ist er sicherlich weit, sein Ende ist 
von 80 furchtbarer Tragik , dass daneben die Grölie seiner 
Schuld versehwindet. Aber eines müssen wir festhalten: alles, 
was in der Folgezeit über Rechtsbeugung, Komplott und über 
einen an ihm begangenen Mord gesclirieben wurde, ist Hirn- 
gespinst und nur mit dem Bestreben des Volks, für die Un- 
gtiicklichen Partei zu nehmen, zu erklären. Arco starb, weil 
seine Handlung nach dem damaligen Kriegsreeht diese Sühne 
heischte. 

1654 geboren, widmete er sich frQh dem Militärstand 
und machte rasch Karriere. Zum ersten Male erwähnt wird 
er iö83, als Wien von den Türken belagert wurde. Gleich 
der Anfang ist nicht sehr glänzend. Arco kam ins Hand- 
gemenge und geriet in Gefangenschaft, aus der er erst nach 
sechs Monaten losgekauft wurde. Uann kämpfte er gegen 
die Hebellen in Siebenbürgen und erhielt 1685, im Alter von 
31 Jahren das Kommando über daa kurbayrische blaue Dra- 
gonerregiment „ Herzog August von Sachsen- Weimar-Eisenach" , 
In den Protokollen der Türkenkriege von IfiSö und 1688 wird 
seine besondere Tapferkeit gerühmt. Ein kurfürstlicher Befehl 
vom 28. Mai 1693 erwähnt einen .General- Wachtmeister und 
Obristen über ein Regiment Dragoner Philipp Grave zue Arco" 
und in einer Dekretabschrift vom 1. Juli 1694 wird er als 
General Feldmarachall- Lieutenant aufgeführte 

Arco scheint sich indessen in bayrischen Diensten nicht 
wol gefühlt oder wenigstens geglaubt zu haben, in der Kaiser- 
lichen Annee ein bessere-s Fortkommen zu linden, denn schon 
1692 bat er um Übernahme in Kaiserliche Dienste, doch 
wurde sein Gesuch abschlägig bescbioden. Im Jahre 1698 
verlobte er sich mit der österreichischen Gräfin Pötting. 
Deren Muttor Marie Barbara bot nun beim Kaiser ihren 
ganzen Einfluss auf. um Ärcos Wunsch durchzusetzen. Darauf- 



* Kaoh einem Bodern kurfariitl. BefM suU 
un 22. September 1694 erreicht haben (?). 



liiei 







j 



rnf Philipp von Am>, t nu4. 

hin wurde am 3. Düzeniber 1700 ,der chm-bayrisclie Feld- 
marschall-Lieuteimnt Über wiederholte Bitte zum Comandanten 
von Breysach und gleichzeitig zum kaiserl. Feldmarschall- 
lieutenant" emaont^ 

Über seine erste Breieacher Tätigkeit verlautet wenig, 
Ich habe aua dieser Zeit nur belanglose Schreiben mit der 
Voi'derösterreiclnscheii Regierung und Proviantkommisaären 
auffinden können. Im Feldzuge von 1702 wirkte er als 
Kommandant des Postieruugskorps am Obcrrbein, und zwar im 
oberen Breisguu und in den sogenannten Markgrafenlanden, 
von Säckingen und Rheinfelden herab über Alt-Breisach bis 
Sponeck und Limburg, In der Schlacht bei Fridlingen am 
14. Oktober 17Üä war er Kommandant der Umgehungskolonne 
in der linken Flanke. 

Das Frühjahi' 1703 verbrachte Arco in Breisach. Seine 
ganze Aufmerksamkeit richtete er auf die Armierung des Platzes: 
große Vorräte an Waffen, Munition und Proviant wurden herein- 
geschafft und die Befestigungen in Stand gesetzt. Unter Arco 
stand als zweiter Kommandant Generalfeldwachtmeister Graf 
Ludwig Marsigli, ein kluger und ehrgeiziger, im Lagerleben 
aufgewachsener Mann. Es war ein Unglück, dass die beiden, 
so verschiedenen Naturen hier zusammen arbeiten sollten. Seit 
Jahren waren sie bittere Feinde, die sich mit Misstrauen und 
Argwohn gegenüberstanden. Marsigli, der im Gegensatz zu 
Arco ganz „Soldat" war, verschaffte sich großen Einfluss auf 
die Besatzung; es kam so weit, dass Arcos Wort in Breisach 
nichts mehr galt. Dadurch verlor dieser Selbstvertrauen und 
ruhige Überlegung. Feindschaft und Haes gegen Mai-sigli haben 
in der Folgezeit all seine Entschlüsse und Handlungen gelähmt 
und beeinäusst. Ein Chronist schreibt; „es waren dieli Männer 
die hart aneinander geraten und sich feindlich gesinnt waren, 
da einer dem anderen eine Gmbe grub, in die beide gefallen 
wnd". 



* Auch dieses Datum iat unsicher, denn schon am 14. Mai 17 
Kbreibt Arco an ilcn Kurfüraten Max Emanuel. daaa er Eoramandant v 
fiiPTsnch );e>rui'iTen sei. 



4 von U«--\Va.-lK'ii,forr 

Die Gai-nison von Breisach bestand aus 3458 Mniin von den 
Regimentern Baden, Kratz, Bayreuth und Mai'sigli, alle trefilich 
ausgerüstet und ,des Kaisers beste Truppen". Über 80 Oe- 
Behütz(> standen auf den Wällen und Munition und Proviant 
war überreichlich vorlianden. 

Man sieht, der Platz war treölieli ausgerüstet und für 
eine Belagerung vorbereitet. Doch scheint die Oberleitung dem 
Ciiafen Ärco nicht so ganz vertraut zu haben. Wenigstens 
maclien drei Schreiben des Generalleutnants Markgrafen Ludwig 
von Baden einen recht sonderbaren Eindruck. So heilit es in 
einem Schreiben vom 8. Mai 1703: 

„Damit jedoch, für den Fall der Feind ihren anvertrauten 
Posten angreifen sollte, der Herr Foldniarschall-Lieutenant 
nicht lange sich den Kopf darüber brechen dürfe: also gebe 
ihm die positive Ordre hiemit, sich bis auf alle erdenklichen 
Extromitaeten zu wehren und kein anderes Oonsilium oder 
Resolution zu nehmen; gestalten da der Feind anders als mit 
dem Degen in der Uand und über die Bresche in dessen an- 
vertraute Festung kommen würde, ich mit ilim keineswegs 
zufrieden sein, sondern zu aller Verantwortung ziehen würde, 
welche Ordre der Herr Feldmarachatllieutenant der gesammten 
Garnison öffentlich ablosen wollen, damit, wenn der Allerhöchste 
über ein oder den anderen Disponiren sollte, ein jeder 
vom ersten bis zum letzten von der Garnison sich der Sub- 
ordination nach diesem zufolge zu richten wissen würde." 

Selbst in damaliger Zeit war dieser Stil recht sonderbar 
für einen Brief an einen bewährten General. Überhaupt scheint 
sich Arco nicht sehr großer Wertschätzung erfreut zu haben. 
Am 4. September, also schon während der Belagerung scliickten 
die Statthalter und ftegenten Vorderösterreichs, J. F. von 
Kagenegkli und Botenberg, nacli Breisach ein Schreiben, in dem 
sie ,Euer Excellenz weltberimlichste Dapferkeit" ei-wähnen, 
aber doch nicht ganz überzeugt scheinen, dass er sich „bei 
dieser attaquen einen unsterblichen Namen' erwerben werde. 

Am 16. August 1703 rückte der Herzog von Burgund 
mit 50 Bataillons, .^9 Eskadrons, zusammen mit 24000 Mann 
gegen Breisaeh vor. Unter Leitung des Marschalls Vauban 



Iraf Philipp v 



CO, t 1TU4 



wurden in der unglaublich kurzen Zeit von zwei Tagen die 
Zirkums'allationBlinien beendet. Am 25, August eröffneten 
10 öeecliützo und 6 Mörser ihr Feuer und 1200 Äi'beiter be- 
gannen mit den Laufgräben. In der Nacht vom 26, zum 
27. August versuchte Arco einen Ausfall, dessen Erfolg kein 
nachhaltiger war, aber immerhin zu Erwartungen Anlass gab. 
Am 5, September hatten die Franzosen bereits 80 Geschütze 
in Stellung gebracht und Stadt und Festung litten sehr unter 
deni Feuer. Da verlor der achwache Kommandant Mut und 
Besinnung. Obwol der Markgraf von Baden und üeneral 
von Thüngen Hilfe versprochen hatten, versanmiolte er am 
folgenden Morgen all seine Offiziere und erklärte, dass: „da 
ntan auf keinen Ersatz hoffen dürfe, der Augenblick gekommen 
»ei, in welchem man die Capitulation in Erwägung ziehen 
düi-fen." Er verlangte ein chargenweises schriftliches Gut- 
achten über die Möglichkeit sich noch weiter zu verteidigen. 
Unter dem Einfiuss Marsiglis, der Arco ins Verderben bringen 
wollte, stimmte alles für die Übergabe, wenn der (larnison 
freier Abzug in allen Ehren bewilligt werde. 

Hierdurch glaubte sich Arco gedeckt. Um 1 Uhr mittags 
lieli er die weilie Fahne auf den Wällen der Festung hissen 
und noch am selben Tage wurde die Kapitulationsurkunde, die 
21 Artikel enthält, in deutscher und französischer Sprache 
sbgefasät. Am H. September, um fi Uhr morgens, mit 
klingendem Spiele, Öiegender Fahne, mit Gewehr und Bagage, 
die Kugel im Munde, verließ die Garnison von Breisach die 
Festung. Es waren 3268 Mann. 4 Kanonen, 2 Mörser und 
300 Fuhrwerke. Die Franzosen machten reiche Beute, denn 
aulSer :17 metallenen , 37 eisernen Kanonen und 8 Mörsern 
fanden sie noch ÜöOOO kg Pulver, 28000 kg Blei, 2000 Pro- 
jektile, 10 000 Säcke Mehl und Körnerfrüchte. 

Das Erstaunen der Welt war groli. Man konnte nicht 
verstehen, warum die gewaltige Festung sich nur so kurze 
Zeit hatte halten können. In Paria rechnete man es dem 
jungen Herzog von Burgund als große Ruhmestat an. feierte 
ein Freudenfest und illuminierte die Stadt. In Wien dagegen 
war die Bestürzung groß, der ganze Ki-iegsplan musste ge- 



n 0«--Wai'benii<.rf 

ändert werden. Markgraf Ludwig von Baden war auUer sich 
voi' Wut. Er schrie und schimpfte auf die Verräter und 
beantragte sogleich beim Kaiser Leopold eine kiiegsgericht- 
liche Untersuchung, die dieser genehmigte. 

Im Winter 1703/1704: trat deshalb in Bregenz eine 
Kommission zusammen, welche sicli aus folgenden Offizieren 
zusanmiensetzte : Feldmarscball Freiherr von Thilngen, tienerul- 
Äuditorleutnant Maldoner, Actuarius auditor Cuno, General- 
feldwachtmeister Burkli und Sehnebelin, Oberst Behrenbach, 
V. Laterman, B. v. Wilstorf, Kateinin, Obriatwachtmeister 
V. Aulach, V. Neustein, Hauptmann HecWer v. Herterich, 
V, Triesheimb, Leutnant Kalbliu v. Griesneg und B. v. Frey- 
berg. Alle Oeschelmisse bei der Übergabe wurden grODdlich 
untersucht, die Beteiligten wurden verhört und ihnen Gelegen- 
heit gegeben, sich zu verteidigen. Die Angeklagten waien 
guten Muts und hofften auf glücklichen Ausgang. Doch es 
kam anders. Nach dem am 4. Februar 1704 vei-öffentiichten 
Urteil wurde Feldmarschall-Leutnant Graf Philipp von Arco 
für schuldig erkannt und zum Tode verurteilt*. 

. . . ,auf eingelangte kaiserliche allergnädigste Verord- 
nung und des gevollmächtigten kaiserl. Generalleutnants Hoch- 
fUrstl. Durchlaucht ergangene gnädigste Ordre, wegen dem 
Herzog von Burgund den Vi. nach eröffneten Trancheen ohn 
erwiesenen Mangel dero nötigsten Requisiten, ohne abgewehrte 
Sturm, so unverhofft als höchst verantworthch allzugeschwind 
beschehene Übergab dero so importanten VBstung Alt-Breyssch 
und darüber vorgenommener, der Sachen genauer Inquisition, 
gcthaner Verantwortung , tiufgenominencr Zeugnissen und 
allei-seits genügsamer Defension und so schrift- als mündlich 
I vor- und anbringung von dem darüber und gesetzten un- 

I parteiischen Kriegsrecht per unanimia et respectixe maiom 

■ dabin zuerkannt und geurteilet worden, daß oben angeregter 

I Chi 

■ Btit 
I Art 



* DioHe8 Urteil habe ich TollinhalÜicb onch einer gleichzeitigen 
Chronik de» FrwiK Aiitun Burtholuinaus II Pfalzgrafea von Bajer «i 
Baochbolz und Weihei'Steiu, auch Herrn KU Stadion, die sich im Owschen 
ArthiT befindet, in der Beilage zur Augsbiirger Postieitang vom 5. Sep- 
UiRibcr 1W3 publiziert, leb gebe darum liier nur einen Aiiaiag. 



Feliimiirschiill-LeiitnHnt Graf Pliiiipp von Arco, + 1704 7 

Philipp Graf von Arco, weil er als ermelter Uomandant in 
genanntem Breysach nicht allein immediate wieder seine 
gehabte ordentliche Instruktion und darüber praestirte Aid als 
all zu bekannter Kriegsartikul, sondern zu mahl auch und ab- 
sonderlich wieder höchst gnädige des kaiserl. Generailieutenants 
hochfiirstliche Durchlaucht inserinotu positive ordre vom 
l'j. Februar und 28. Mai verwiehenen Jahres, Inhalt: daß et 
sich nämlich bis auf den letzten Blutstropfen zu wehren gehabt, 
gehandelt und die behßnge Gegenwehr und die äußeren Werk 
und Gontreescarpe mal apropos allzufrüh verlassen, nach dem 
kaiserl. Leopold, artikels Brief art. iS, daß besagter mit 
dem Sehwert vom Leben zum Tod hingei-ichtet und dessen 
fiflter bis auf ein Quart, so znr Bestreitung der Kriegs- 
rochts Unkosten reservii-t wird , von dem kaiserl. Fisco 
appraehendirt". - 

Dies war für Arco ein schwerer Schlag, eine große Mut- 
losigkeit bemächtigte sich seiner. Seine militärische Ehi'e 
war verloren, an eine Vollstreckung des Urteils allerdings 
j^laubtc er nicht\ Er sandte einen Kapuziner zum General 
von Thilngen und zum Grafen Königsegg mit der Bitte, den 
Termin der Exekution zu verlängern, da er Briefe geschickt 
habe an den Markgrafen von Baden, nach Aschaffenbui'g und 
an den Kaiser. Zu seiner großen Bestürzung erhielt er indes 
^•ine abschlägige Antwort. Tliüngen ließ ihm sagen, es sei 
keine Hoffnung auf Verlängerung, noch weniger fürs Leben. 

Nun fügte sich Area still und gottergeben in sein 
.Schicksal, bat Marsigli und seine andern Feinde um Ver- 
zeihung, empfing die Sakiamente und schloss mit dem Zeit- 
lichen ab, 

' (*her die letüteii .Stunden liea Grafen Aiin gilit cb drei sehr jitite 
B« richte; 

a) die Hausi'hronik der Kajjiiziner io B^t^gen^ mit einem Eintrag den 
P. Markus Jakob, damals Guardian des Klosters. 

b) Der Bericht des Kaspar Boeh, daninis Liienziat und Ortspfarrer 
zu ßr^enz. Absclirift davon im FOratl. Waldburg-Wolfegg-Waldseeaclien 
Archiv in Wolfegg. 

e) Die oben erwähnte Chronik im Reichsf reihe rrlicb von Owsclieii 
Archiv zu Buchholz. 



8 von Ow- Wachendorf 

,Am Tage der Hinrichtung (am 18. Februar) um 5 Uhr 
stand er auf, kleidete sich schwarz an, hörte in seinem Zimmer 
die hl. Messe und betete. 

Um 9 Uhr stallten sich die Soldaten zu FuU und zu 
Pferd vor dem Haus auf, wo der Herr Graf Marsigli wohnte ; 
und als er von zwei seiner Diener aus dem Zimmer geführt war,, 
bekleidet mit seinem Schlafrock , musste er sein Urteil aber- 
mals hören. 

Als dieses verlesen war, trat vor den Herrn Grafen der 
Scharfrichter, das kostbare Schwert in der Hand und fmg 
denselben: ,Ist das dein Schwert?' worauf der General er- 
wiederte: ,Uu weillt es.' 

Da zerbrach der Scharfrichter das Schwert über seine- 
Kniee und warf es mit Schmach dem Grafen vor die Füße^ 
Dann wurde der General wieder in seine Gemächer zurück- 
geführt. 

Nachdem dieser Akt vollendet, begaben sich die Soldaten 
zum Hause des Ol>ei'steu Herrn von Eck, wo auch ihm, da 
die anderen Offiziere der Schuld freigesprochen waren**, das. 
Urteil verlesen waixi. 



* Dies ist unrichtig. Das Urteil lautete vielmehr folgcndennaßenr 

liraf Marsigli wird mit Zerbrechung des Degens aller Ehren lud 
Ämter entsetzt, außerdem dessen Equipage zur Bestreitung der Kriegs- 
unkftsten verkauft. 

Oberst Baron von Eckh wird ohne Abschied seiner Charge entsetzt, 
mit 1000 tl. Straf pro expensis angesehen und sodann cum infamia 
cassirt. 

Oberst Tannor von Reichenstorff wird nebst Bezahlung von U'VK» fl 
zu Kriegsri'chts Unkosten seiner Charge, jedmrh i*eservato honore, 
privirt. 

Die Oberstleutnants: Banm v. d. Haubeu und Joldto. die Obrist* 
Wachtmeister: v. rnwieh. v. Stain. v. Liebenberg. Böhmer: die Haupt- 
leute: Gaminiany. Kosenfeld. v. Wallenfels. v. Lindeufels. v. Seuan. Graf 
Castell. Welckher. v. Mirbach werden einer wie der andere. jetli»ch mit 
Erhaltung ihn^r Ehre abgeschafft, dabei jetler Obristor -VO. jetler Obrist- 
lieutenanr o«<» imd jeder Hauptmann Hv tl. zu Kriegsreihtsuukösten 
indiziit und bis zur Erlegung solcher Summe mit Arrest belegt. Die 
Lieutenants de Danqueren. Halhog. Hagenschioner. Hrundonstoin. Drostem. 
Rauscheier. Srheiil und «^rempli-r. fcrurr die Fähndriche Koholobzy» 



Inzwischen erwartete der gute Graf von Areo die Todes- 
»tmide, indem er sagte: ,Wie Jajige zögern doch durch die 
GüU> Gottes diese Menschen V 

Gleich darauf trat ein Ki'iegsofäzial in das Gemach und 
sagte: ,Verzeihen Excellenz, ich bin gezwungen zu rufen, da 
es Zeit ist.' 

Aus Dankbarkeit für diesen schweren Ruf schenkte der 
Ueneral dem Offizial ein überaus schönes Paar Pistolen. 

Ohne Zögern nahm er Hut und Handschuhe. Das Kreus 
in seine Hand nehmend, eilte er voi-aus wie zu einem Hoch- 
zeitsfeste. El- war der erste auf dem Wagen. 

Auf dem Wege zum Tode sah er keinen Mensehen, seine 
Augen und seinen Sinn riclitete er auf Gott. Nur dem General 
la Tour, den er im vorbeifahren erblickte, machte er eine 
Reverenz. 

Als er auf der Kiclitstätte angekommen, sprang er zuerst 
UU8 dem Wagen, in Gott sich freuend, zur Vervvunderung der 
vielen Tausend Zuschauer. 

Nachdem das Urteil abgelesen war, sprach der gewesene 
HerrGeneralfelduiarschall-Leutnant Graf Philipp von Arco das 
Kj'uzifix in der linken Hand, bei dem Ricbtatock auf einem 
schwarzen auf dem Schnee ausgebreiteten Tuch stehend zu den 
Zusehenden mit lauter Stimme folgenden Abschied den 18. Fe- 
bniar 1704 zwischen 11 und 12 Uhr: 

41ier ist das Bildnis des wahren Gottes, der ein Richter 
ist im Himmel und auf Erden. Dieser weiK, ob ich den Tod 
wegen Übergabe der Feste Breysaeli verschuldet habe oder 
iiit. Und zwar wider alles verhoffen ein so scharfes Urteil 
wider mich ausgefallen, so will ich doch aus Liebe Gottes 
und um seinen Willen zu erfüllen, solches mit Lust und Freude 
annehmen, wie ich allen denjenigen, die an meinem Tod Schuld 
haben, mochte nit altein von Herzen vorzeihen, sondern auch 



Lnriscli, Liddlierg, Sdiraidt. Eysendorrer, Ueiateru werdun abgescliafft, 
jedorh sine infainia und ohne Erlegung £U den KriegakOatpn. — Alle 
diese OffiEJere listten in liem, tou Arco vcrlnngten Bchrirtlii'hon Gut- 
nrht«!! ftir die Kapitulation gestimmt. 



10 von Ow-Wachendorf 

den liöchsten Gott, bei dem ich noch heute im Himmelreich 
zu sein verhoffe, bitten werde, daß er auch ihnen verzeihe. 
In gleichem ich auch Alle ersuche, dali sie auch nach meinem 
Tod mit einem Vater unser odei' guten Gedanken bei Gott für 
mich bitten wollen. Anbei können alle und jede oh einem 
so groüen Generalen von so hohem Haus, der über die 
30 Jahr so viel getreue Dienst Ihro römisch Kaiserlichen 
Majestaet und dem römischen Reich geleistet und endlich das 
Leben auf solche Weis durchs Schwert lassen muß, sich 
spiegeln und lehren, daß auf dieser Welt alles, alles nur eine 
pure, lautere Eitelkeit seye, ausser alleinig Gott dienen, als 
welcher einer jeden Verdienst gewiß und treulich belohnt; 
hier ist doch keine Gnad zu hoffen — ' 

hierauf kniete er nieder und empfing von den P. P. Capu- 
zineiTi die letzte Benediktion. worauf er wieder aufstund und 
ferneres sagte: 

.Fürnemblieh aber bitte ich für das durchleuchtigste Erz- 
haus Oestreich, daß der höchste ihm alles Glück und Segen 
mitteilen wolle; mithin befehle ich auch unseiem gnädigsten 
Kaiser meine liebste Gemahlin und verlassene Kinder.' — 

Hernach nahm ihm sein Kammerdiener seine Perücke ab 
und setzte ihm allsogleich eine weilie Schlatliauben auf. Er 
aber machte seinen schwarzen Rock und Kaniisole auf, zog 
solches ab und gab es seinem Kammerdiener. Darauf nahm 
der Kammerdiener das Halstucli und verband ihm seine Augen 
damit. Als dieß geschah, schrie er auf: 

.In nianus tiias commendo spiritum meuml' 

Darnach tat ihm sein Kammerdiener die weiße Kaniisole 
und Homt Über die Axel herabrichten und stellte ihn mit 
dem Angeeicht gegen Sonnenaufgang, worauf er dreimal an- 
fing zu nifen: 

,Jesus steh mir beiV 
und als er das dritte mal rufte, schlug ihm der Freymann 
illno stehend das Haupt lienmter, und weil er die Hände etwas 
hoch hielt, so seins ihm auch die Daumen sanmit dem 
Kruzifix mitKelinuen worden; wonach er in die Kapelle gesetzt 
und de« Nachts in einem bedeckten Wagen mit sechs Pferden 



Feldmarschall -Leatnant Graf Philipp von Arco, f 1704 H 

bespannt und Windlichtern in allhiesige Pfarrkirch in der 
St. Nikolaikapelle begraben worden. 
Begegnet den 18. Februar 1704. 

In Couiitem Arco, Gubematorem Brisaci veteris: 
Fortia foedifragis tradebas moenia gallis 

Arco sed cai*o tres tibi tanta stetit: 
Annis triginta pro caesare bella gerebas 

Gesisses utinam tempus in omne tuüm 
In casus ibas omnes quo gloria duxit 

Bisque novem credo vulnera passus eras 
Postremum fatet (non cetera vulnera laudem) 

Non bene qui coepit, sed bene finit, habet. 
Arcus Bellonae Brisaci imbelle gerebas 

Hinc tua nunc Arco, mortificata caro. 
In Comitem Marsigli: 
Perdidit Arco caput, Marsigli perdis honorem 

Supplicio tali dignus uterque suo. 
Attamen interea gravier tua poena videtur 

Mortuus ille cito, tu inori^re diu. 
Mors Arco mors est Marsigli mortis imago 

Mors Caput Arco premit, Marsigliique pedes 
Sic foedo ense cadunt, quos ante beaverat ensis 

Sectus is in medium est, hie miser ense caret. 
Yiennae affixa, 2. April: 1704." 



Schloss Winterbach im nntereii Glottertale. 

Von Georir SchmrhaiBBier. 

({«ellea: 1. Großh. Generallandesarchiv Karlsruhe. Akten Winterbach 
and Glottertal. — 2. Pfanrarchiv Glottertal. — 3. Genieindearchiv 
Unterglottertal — 4. Zeitschr. f. Gesch. d. Oberrheins Bd. 21. — 
.^. Kindler von Knobloch. Oberbad. Geschlechterbnch. 

Zwischen dem tisehwander- und dem Lindingerhof im 
Unterglottertal liegt heute ein kleineres Hofgut, der Schloss- 
hof genannt. Der Wanderer, der von der Feme schon das 
zweistöckige Wohnhaus mit seiner langen Fensterreihe sieht, 
bemerkt sofort, dass er es hier nicht mit einem gewöhnlichen 
Bauernhaus zu tun hat. l^enn eine solche Bauart ist man 
sonst im Tale nicht gewohnt. Und wenn er sich aus dem Bau 
nicht klug werden kann, so wird ihm der Name desselben die 
Lösung geben. Schlosshof I Ja, hier befindet er sich auf dem 
einstigen Rittergut Winterbach, hier stand einst in früheren 
Zeiten ein Wasserschloss mit Türmen, Maueni luid Zinnen, 
und adlige Herren hatten hier ihren Wohnsitz. 

In welche Zeit reicht die Entstehung des Wasserhauses 
Winterbach zurück? Die Akten* vom Jahre 15V»5 nennen es 
ein , Erblehen von vil hundert Jaren*. aber iienauere Kunde 
vermögen sie uns nicht zu geben. Bader* meint, es sei höchst 
wahrscheinlich hier vor Zeiten ein Römerkastell gestanden, 
um den Eingang ins Glottertal zu schützen. Beweise hiei-fur 
lassen sich nicht erbringen, wenn man nicht den ins Glotter- 
tal einst führenden Kömerweg hier geltend machen wollte. 

Vielleicht stand hier früher der steinerne Dinghof des 
Grafai von Freiburg, der im 14. Jahrhundert noi*h Herr über 



' AicUt Kariarahi^ i^= AK\ 

* Ztüadv. 1 d. GMch. d. Oberrheins 21. 



Mrlilosa Winterliacb im unteren (jlotterUle l;( 

einen gpolien Teil des Glottertals. vor allem auch des Unter- 
tals, war. Aus solchen Dinghöfen entwickelten sich ja ^iele 
der WeihersclilÖaser im Breisgau. Später (wol Mitte Aes 
14. Jahrhunderts) kam dann Untertal an das Margai'eten- 
stift in Waldkirch, und das Schloss Winterbach tritt uns in 
den ültesten Urkunden als ein Erhielien dieses Stifts entgegen. 
Aus dem Freiburgischen Vogte wäre also dann ein Schloss- 
hen' geworden. Dieser Umstand würde es auch erklären, dass 
die älteren Herren zu Winterbach im Glottertal reich be- 
gütert waren. Z. B, die Brenner und wol auch ihre Vor- 
gänger besassen außer ihrem Kittergut auch noch die Neun- 
lehen im Oberglottertal. 

Die erste Kunde über die Bewohner von Winterl)ath . 
stammt aus dem Vi. Jahrhundert. Im Jahre 1245 nämlich 
tauchen in Freiburger Urkunden als Zeugen auf ein .Domi- 
nus H. et Johannes de (iloter"^. Da neben dem Wasser- 
haus Winterbaeh nur Bauernhöfe im Glottertal waren und ein 
etwa au sge wände lier Bauer es wol schwerlich zu dem adligen 
Titel , Dominus de Gloter' gebracht haben dürfte, ao können 
wir in dem Dominus H. wol den Schlossherm von Winter- 
bacli erblicken. 

Ein Wappen ,Glotern° findet sich in dem Wappenbuch 
vop F. Reiber in Strasburg. Die obere Hälfte des Schild- 
bilds zeigt in Schwarz eine silberne Wagenrunge, die untere 
Bälfto ist golden ohne Bild. Die Helmzier zeigt den Rumpf 
eines alten Maimes, dessen Kleid die Schildbilder trägt. 

Äußer H. und Johannes begegnet uns 1253, ebenfalls als 
Zeuge, in Freiburger Urkunden auch ein Albertus de Gloter*. 
Etwa 80 Jahre später, 1335, hören wir von den Gebrüdern 
Johannes und Konrad von Winterbaeh", dass sie, sowie 
Heinze, Burggraf von Schauenburg, Bürgen des Otto Grüne 
sind, der mit der Stadt StraOburg Friede macht. Die Herren 
von Schauenburg begegnen uns später noch einmal. (In ihrem 
Wappen trugen sie auf rotem Grund drei silberne Fliegen- 
wedeL) Im Jahre 1389 wird nämlich ein Ludwig von Schauen- 
burg" erwähnt, „genannt von Winterbaeh", vermählt mit 
Anna von Diei-sberg, genannt von Winterbach. Ob und wie 



* Sclireiber. Urkundenbucli. 
' Eindler, GeBchlechterbiirli. 



14 Örbarlimimipr 

or mit ilpii übrigen Schiossheri-eii von Winterbach zusammeu- 
liängt, kimn ich nicht zeigen. 

Hans von Winterbach, dem wir 1335 begegnen, war 
ein Freiburger Btlrger und hatte auUer Konrad noch mehrere 
GontohwistH'. Seine Frau hieß Verena Zeringer. Schon 1341 
wird Bio als Witwe liezeichnet. Vielleicht war Hans ihr erster 
Mann und damals gestorben, wenn auch ein Hans von Winter- 
hach erwt i;l(iH im Oherbadiechen üesehlechterbuch als .tot' 
erklärt wiid. 

Auf einem Verzeichnis der Dorakapitel-konstanzischen 
Lohorigllter' im Oberglottertal, das mindestens bis ins Jahr 
1340 zurückreicht, hören wir von „der Richterin und Claus 
Humlirecht". Diese beiden hatten °/^ Lehen, das sogenannte 
KuonKflmannlehen inne, vielleicht den heutigen Guilerhof. der 
jii hei den NeunlehenhOfen der Winterhacher Junker liegt. 

In dem Güntcrstaler Güterbuch" aus dem Jahre 1344 er- 
fahren wir Näheres von dieser Riehtorin. Hier wird sie be- 
zeichnet ni8 ,riie von Winterbach, der man sprach die Rich- 
teriu'. Sie war wol die Frau des Claus Humbrecht und ums 
.Inhr 1314 wio auch ihr Mann schon gestorben. Ihnen war 
uuf ScliloHH Winterbach ihr Bruder oder Sohn .Herr Andres 
Ilunibrpcht von Glotor' gefolgt, der „mit seiner Tochter 
Kiillu'riuun" molii-mals in dem Günterstaler Pergamentkodex 
iTwilliril. wird. Ihm hatte, neben Ulrich dem Metzger, das 
IJUnlcrfttalpr Kloster die meisten seiner Güter im Glottertal 
KU vurdanken. So stiftete wol er zu einer Jahrzeit für die 
Kiehterin zwi>i Teile eines Lehens, das damals ein gewisser 
LöffinRcr innehatte, bostohond aus einigen Jucherten Feld 
und Wiild oben nn den Ncunlehenhöfen in der Nähe des jetzigen 
Unudiirkei-- und Wälderhansenhofs, und ein Juchert Land mit 
eiuoni HauK darauf .in der lemptnun rein" ain Ählenbach. — 
Kino hi'dmitondere Stiftung war die andere, worin Herr Hum- 
hwcht nnd Tochter den Klosterfrauen folgende Güter ver- 
maehleu: Untoii an Sohloss Winterbach am Mflnzenbach ge- 
l»»(t(m ein Haus und Garten nebst verschiedenen Stücken 
WiowMigelaudo und ebenso verschiedene Matteu im Ohrens- 
iMWh; im Ahlenltnoh hingegen das «obere Leheu* (den heutigen 
St«mpfeph«ft nntl dns halW Wfibellehen (Iberehof?). -- Da- 

' lWl«-fcr. ». • AK, 



^thloHS Winterbach im unteren Glottertsle 



15 



mit iiiclit genug, schenkten der Winterbacher Sclilossherr 
,und seine Tochter", die vielleicht in Günterstal verpfiündet 
war, wie dies damals öfters geschah, den KloBterfraiien auch 
noch verschiedene Gilter in .Tenzelingen", nämlich Acker in 
dem Verenbach, solche , neben dem Spital" (d. h. Gut) und 
.neben Sifrit von Glotter". 

Äußer diesen Zeugnissen über seine fromme, woltätige 
Gesinnung ist auf die Nachwelt keine Kunde von Junker An- 
dres Humbrecht gekommen. 

Schon ums Jahr 1349 scheint er gestorben zu sein, denn 
statt seiner hören wir von einem Kunzo von Winterbach*, 
der damals Zinsen zu Westhofen an seinen Verwandten Ger- 
hard von Eich verkaufte. 

Wol in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts ging 
das Schloss an die aus Neuenbürg stammende Familie der 
Brenner über'". 

Ihr Wappen zeigt auf Silbergrund einen mit der Spitze 
nach abwärts gerichteten, an den Ecken mit halben Lilien 
besetzten schwarzen Triangel, während die Helmzier in einem 
mit halben Lilien besetzten schwarzen äpitzimt mit weißem 
Stülp besteht. 

Der erste, der sich nach dem neuen Besitztum nannte, 
war Hans I Brenner von Winterbach, der uns in den Ur- 
kunden 1381 zum erstenmal entgegentritt, und der mit Elisabet 
Turner vermählt war. Im Jahr 1386 ist er Schultheiß in 
WaldkircU und wird von der Äbtissin des St, Mai-garetenstifts 
mit dem Meiertum Simonswald belehnt. Um 1421 war er 
gestorben, während seine Witwe noch 1427 erwähnt wird. 
Von seinen Töchtern trat Magareta ins Kloster GUnterstal 
ein, wo sie 1421 als Nonne, 1431 und 1464 aber als Äbtissin 
auftritt. Oleichfalls seine Tochter ist wol Elisabeth (1421 
erwähnt), die 1427 mit Eberhard Schenk von Schenkenberg, 
I4ß4 mit Leonhard Siiseinmnn von Ortenberg vermählt ist. 

Der Sohn Hans Brenners, gleichfalls Hans (II) mit Namen, 
war vermählt mit Ursula von Brunnebach. 1429 verkaufte 
er dem Kloster St. Katharina zu Freiburg Zinse von seinem 
,Wigerhnse, hofe und geses^^e" in Winterbach. Um 1440 war 
er schon gestorben, während seine Witwe Ursula noch lebte. 



* Kindler, GecchlecUtorbuch. 



" Kindler, GoscUIecbterbnch. 



16 Schiirliammer 

Sein Sohn hieß ebenfalls Hans (III). Von seiner ersten 
Frau, Enneli von Falkenstein, die vor 1464 starb, hatte er 
eine Tochter Beatrix. 1464 verpf rundete er sie im Kloster 
Günterstal, wo sie 1480 noch als Nonne lebte. 

Wol in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts ver- 
kauften die Brenner das Schloss Winterbach an die Familie 
Krebs in Freiburg. Ihre übrigen Besitzungen im Glottertal, 
die neun Lehenbaueni im Oberglottertal, l>ehielten sie jedoch 
noch bis zum Jahre 1537, wo dieselben das Frauenkloster 
St. Klara in Freiburg „umb ein summa gelts* an sich brachte *^ 

Das Stift Waldkirch, das 1437 aus einem Frauenkloster 
in ein Chorherrenstift umgewandelt worden war, gab nun dem 
Käufer Hanns Rudolf Krebs „das hus zu Winterbach, vornan 
im thalo zu glotem gelegen, mit aller siner zugehörde, mit 
ackern, matten, holtz und velde", zu Lehen ^*. 

Die Krebs waren ein angesehenes Freiburger Patrizier- 
geschlecht, das aus Neuenburg stammte. Ihr Wappen (von 
1666) zeigt einen weißen Krebs auf Goldgrund, bzw. 
auf blauem Grund über einem Herzen mit den Buchstaben 
lAK einen weißen Krebs, von grünen Lorbeerzweigen um- 
geben, darüber eine 4^^. 

Im Jahre 1493 starb Hanns Rudolf und hinterließ seine 
Frau mit zwei unmündigen Kindern, Georg und Maria. Die 
Witwe konnte das Lehen nicht erhalten, weil Winterbach ein 
Mannlehen war, und bat darum ihren Vetter Wilhelm Krebs, 
der Bürgermeister in Freiburg war, „solich lehen in tragers 
wise zue empfahen vnd von der Kind wegen ze tragen". Das 
Stiftskapitel verlieh nun an den Vetter das Wasserhaus mit 
seinen Zubehörden, nach Weisung der Stiftsrötel „mit Vor- 
behaltung der zins, aigenscliaft vnd gerechtigkeit", wogegen 
dann der neue Lehenträger dem Kapitel eidlich gelobte, dem 
Stift „als lehenstrager vnd mann desselben fromen vnd nutz 
ze schaffen \Tid schaden ze wamen vnd ze wenden, oueh zue 
allen manntagen vff eruorderung gehorsam gewertig vnd ver- 
bunden ze sin. Recht sprechen ze helfen vnd alles das zu thun, 
das ein lehenmann sinem lehenherrn von leliens wegen zu 
thunde schuldig vnd pflichtig isf. 

" Zoitsdir. 21. »- Zeitschr. 21. 

" Wohnhaus am Münsterplatz in Freiburg. 



Schloss Winterbach im unteren Glottertale 17 

Die beiden Kinder Hanns Kudolfs hatten schein ts 
kein großes Interesse für ihr Glottertäler Besitztum, vielleicht 
waren sie auch infolge des frühen Todes ihres Vaters in Geld- 
verlegenheit gekommen — kurz, am 12. März 1507 verkauften 
sie mit Bewilligung des Propstes, Dekans und Kapitels zu 
Waldkirch, um ihren Nutzen zu fördern, eines ewigen Kaufs 
dem „vesten Baltassar Tegelin von Freiburg für 300 Gold- 
gulden das Wasserhus Winterbach im Gloterthal gelegen mit 
schüren, garten, ackern, matten, holtz. vnd veld, wunn vnd 
weid vnd aller andern zugehörd Mid gerechtigkeit*, wie es 
ihre Vorderen erkauft hatten, als ein „recht vnd vnverkümmert 
lehen, daruon genanntem Stifft jerlich gend 8 Schilling Pfen- 
ning lehenzins und 2 pfenning bodenzins von dem Schneulins 
acker". 

Die Familie der Tegelin stammt aus Freiburg, wo schon 
1239 ein Rudolfus Degenhard erwähnt wird'*, wovon Tegelin 
nur eine Diminutivform ist. Nach dem Schlosse Wangen (auf 
dem Blankenberg zwischen Thiengen, Opfingen und St. Niko- 
laus, nannten sie sich seit 1420 Tegelin von Wangen). 

Ihr Wappen weist in rotem Felde einen silbernen Druden- 
fuß auf, während die Helmzier in einem roten Kissen besteht, 
auf dem ein silberner, mit Hahnenfederbüscheln besetzter Dru- 
denfuß steht. 

Die Familie Krebs war mit der der Tegelin eng befreundet; 
ein Krebs von Müllheim war mit einer Tegelin von Wangen 
verheiratet. So ist es leicht zu erklären, wie diese Familie 
auf das Wasserhaus Winterbach kam. Also 1507 kaufte es 
Balthasar Tegelin von Freiburg. Er hatte sich 1502 ver- 
mählt mit der Witwe des Kaspar Frank, Katharina Müselin 
von Waldkirch. Im Jahre 1510 vermachte er und „sein ehe- 
liche Hausfraw" zu ihrem und ihrer Vorderen Seelentrost als 
imwiderrufliche Gottesgabe an das ewige Licht auf dem Kirch- 
hof zu Freiburg, wo Balthasar damals Bürgermeister war, 
„zween sester Nußgelt von vnd ab jrem Schloß vnd Gesäß 
zue Winterbach, mit allen begriffungen vnd zuegehörden für 
gantz fryg, ledig vnd eigen", mit der Bestimmung, diesen 
ewigen Zins alljährlich an die Münsterpfleger abliefern zu 
wollen, widrigenfalls dieselben „das Schloß mit aller zuegehöre 



" Kindler. 
Alemannia K. F. 9, 1. 



0,8 SchurliniiiTner 

' dat'umb angriffen vnd reclifeitigen mögen, biß obgenannte 
Gottesgab vßgericht vnd bezalt wüi't'"\ 

Unter Balthasars Zeiten tobte im Breisgau und wol auch 
im Glottertal der »püriBch Uffruhr", der Bauernkrieg im Jahre 
1525. Inwieweit das Schloss Winterbach hierbei in Mitleiden- 
schaft gezogen wurde, lässt sich nicht mehr sicher feststellen, 
Tatsache ist, dass 60 oder 70 Jahre später Junker Balthasar 
Gut es für nötig fand, das Schloss vollends abzubrechen und 
neu aufzuführen und dass 1597 ein alter Mann aussagte", 
er habe ausdrücklich gesehen, dass Wiuterbach früher »mehr 
alä noch einmal so liocli, auch mit Gängen und aufzügen viL 
anseheulich gehauwen und vor Jahren ein sehöns, gewaltigs Alts 
Thunn müsse gewesen sein". Früher müsse eine Fallbrücke 
dort gewesen sein, jedoch habe eine solche seines Gedenkens 
nicht mehr bestanden. — Diese Umstände machen es uns 
wahrscheinlich, dass auch das Schloss Winterbach die Wut 
der fanatisierten Bauern zu fühlen bekam. 

Nach dem Überschlag der V.-Ö. Landstände bezifferte 
sich der Verlust des Balthasar Tegelin freilich nur auf 2B3 fl,, 
während Eustach Tegeiin mit 1877 ti. darin verzeichnet steht ". 
1528 starb Balthasar Tegelin und hiuterliel) einen scheints 
noch unmündigen Sohn Konrad. Statt seiner bat nun „der 
geistlieh herr Kueland Schenk, Kaplau zuo Friburg, ge- 
dachta Tegelins stieffsun", das .Stift Waldkirch angelegentlich, 
ihm das Wasserhaus Winterbach zu verleihen, wie es sein 
Vater geliabt. Da es aber bei dem Stift nicht Brauch war, 
dass Priester ,so nit Prelaten weron", je ein Manugericht 
wie ein Lehenmann besässen, so erbot sich Rnland Schenk, 
den Stiftsherren an seiner Stelle einen „togenlichen Lehen- 
trager" zu geben, nämlich den „edlen vnd vesten" Kustachius 
Tegelin von Wangen, Aitbürgermeister zu Freiburg, der dann 
an seiner Statt das Maimsgericht des Stifts, so oft es erfordert 
werde, besitzen und alles tun würde, was er nach Lehens- 
pflicht zu tun schuldig wäre. — Dies wurde angenommen imd 
,am Abend Katluirine virginis*, d.li. 24.November 1528 wurde 
ihm der Lohenslirief ausgestellt, wonach ihm, Ruland, das 
fragliche Lehen verliehen sei, jedoch der „lehenrecht der 




4 

J 



I unteren Olottertnie 



19 



Lehenschafft, Eigenechafft vnd Maiisciiafft, zins, väll vnd 
andern gereclitikeiten vorbehalten" '^ 

AU Ruiand Schenk auf den Wald nach Broitnau zog, kam 
das Schloss an Balthasars Sohn Konrad und dann an den 
Junker von Dornientz. Vielleicht war dies Hans Jakob v. D., 
der mit Dorotljea Widergrün von Stauffenberg verheiratet 
war und die Burg auf Neuen Windek besa^s. vielleicht aber 
auch Hans Oswald von Uornienz, der mit Ursula Strauß ver- 
mählt war. Ihre Stammburg hatten die Ouenmenzer im 
Oberamt Maulbronn, nämlich die Burg „Löffelholz" hei Dürr- 
menz. Im Wappen führten sie einen goldenen Hing mit rotem 
Stein auf hlauem Grund, ebenso als Helmzier'*. 

Einmal hatte der Pfarrer im Glottertal dem Junker Dor- 
raenz seine Magd „abgedingt" und hierüber geriet dieser nun 
in solche Wut. dass er drohte, er wolle den Pfaff erschießen. 
Der Pfarrer ging voller Angst auf das schwarzenbergische 
Amt zum Herrn Martin von Rechborg und klagte ihm seine 
Not. Dieser befahl nun seinem Vogt, im Untertal, dem Blatte 
mann, er aolle dem Junker, der damals auf dem Schloss 
Winterbach sich aufhielt, des Pfarrers wegen den Frieden 
mit dem Stab gebieten. Nur ungern machte sich der Vogt 
auf den Weg, denn mit dem Dormenzer war nicht gut Kirschen 
essen. Er traf den Junker vor dem Schloss auf der Fall- 
brücke und gebot ihm den Frieden. Aber da kam er gerade 
recht. Der Schlossherr fuhr den armen Vogt an und sagte 
ihm dermaßen die Meinung, dass dieser, ohne vom Stab und 
seinem Amt Gebrauch zu machen, sich entfernte und sich 
nieniala wieder blicken ließ*". 

Nach den Dorraenzern kam das Schloss an Mathias Marx, 
der auf Wintorbach starb. Das Stift bekam als Sterbfall sein 
Ross. Er hatte eine Schwester zu Endingen und diese glaubte 
nun, sie werde erbsweise das Gut bekommen. Aber hiergegen 
erhob Eustach Tegclin Einsprache und zeigte, dass das 
Schloss Winter bacb ein alt adlig Maunslehen und keinRunkcl- 
lehen sei, dass also keine Frauen hier Erbrecht hätten. So 
bekam also er am 23. November 1541 das Gut zu Lehen und die 
Schwester des Marx niusste sich mit der Fahrnis begnügen". 



' Zeitsi-hr. 



" Ki[]Jler 




90 



Si:hiirhnininer 



Eustach TegeliD war vermälilt mit Christine zu Rhein 
hatte das Schloss in Besitz bis 1563, wo er starb und 
Freiburger Münster begraben wurde. 

Das Gut ging über auf seinen Sohn Hanns 6eor| 
Tegelin. Am 13. Juli 1564 wurde ihm ein Lehensbrief ans 
gestellt, wonach ihm das Haus Winterbach wie seinem Vatei 
Eustach und vorher seinen Vettern Balthasar und Koni-at 
„zue aiuem rechten Mannslehen" vom Stift verliehen ward*' 
Der junge Schlossher lieli sich noch weniger gefallen, al 
ehemals Junker Donnenz. Als einmal der Vogt auf seil 
Gut kam und ihm hier befehlen wollte, da zerbrach er ihi) 
den Stab und warf denselben in den Weiher. Dadurch ba 
kam das Dorfoberbaupt einen heUlosen Respekt vor ihm un^ 
wagte es nicht mehr, in die Höhle des Löwen zu gehed 
Wenn er künftighin dem Junker etwas zu sagen hatte, s( 
wartete er, bis er ihn vor der Kirche traf, und teilte ihfl 
dann dort auf Uutertäler Territorium das Nötige mit". Da 
Junker Hannsjörg war vermählt mit Rosa von ßoggenbacli 
DieTegelins pflegten gern das edle Waidwerk in dem schöne] 
Wald, der hinter dem Schloss sich am Berg hinaufzog. Di 
war dann oft eine gemüthche Gesellschaft beisammen. Dj 
kam dann Besolt, der markgräfliche OberschultheiU voi 
Malterdingen, der zugleich auch Herr von Ohrensbach wai 
und der gar viel zu erzählen wusste von seinen weiten Reiaä 
in Ungarn, Frankreich und andern fremden Landen, oder voii 
Wildtal herüber fand sich Snewiin Bemlapp ein, oder e 
kamen sonstige Bekannte aus der Nachbarschaft zu Besud 
auf Schlo-^s Winterbach. Da wurden dann Fische und Vög€ 
gefangen, Hasen und Füchse ins Garn gelockt oder mit den 
.Veldtgeschoss" erlegt. Die Wildschweine. Hirsche un 
Rehe freilich mussten die Herren in Ruhe lassen, denn de 
Junker Tegelin hatte nur das Recht des kleinen Waidwerk 
und die Schwarzenberger wachten mit Argusaugen darübeic 
dasB die Winterhacher ilire Befugnis nicht überschritten, dem 
sie hatten die Jagd im Glottertal und hielten oft Hetzjagdet 
mit Volk und Hunden in den Forsten des Eandelgebiets ah 
Wenns auf den damaligen Junker von Elzach, Sebastian vom 
Ehingen, angekommen wäre, so hätte der Winterbacher JunJ 



' Zeitschr. 21. 



■ AK. 



A 



ScbioH 



Wiiiterliacli 



interen Glottertule 



21 



KOT Überhaupt nicht mehr jagen dürfen. Denn Sebastian 
war ,ein gar acharpffer' Junker und dem Winterbach gar 
gram. Jedesmal, wenn er das Hchlösslein mit seinem Turm, 
Ringmauer und Graben erblickte, ärgerte er sich und sagte 
oft, wenn nur das .Storckhenuesf da drunten hinweg wäre, 
Über alles im Tal habe er zu gebieten, nur über dies Storckhen- 
nest nicht". 

Am 11. September 1566 verkaufte Junker Tegelin im 
Beisein des Junkers Pankraz von Stoffeln und des V. 0. 
Hauptmanns Müiheimer, dem .frommen vnd vesten Valentin 
Weillbecken" genannt Zeck' für 200O fl, bar seine Be- 
hausung Winterbaeh, ,so ein freyer Edelmannsaitz vnd von 
löblicher Stifft sant Margrethen zue Waldkii'ch ein recht Erb- 
lehen ist, welches vff knaben vnd döchtem dienen soll vnd 
mag. mit aller seiner zuegehörd, nemlich Haus, Burgstal, 
Wassergraben, Scheuren, Stadel, Bomgarten, Ackern, Matten, 
Boltz, Veld, mit sampt allem dem, das von alt«i's her dazue 
gehört' ". 

Valentin Weißbecke war von Stock ach herüber ge- 
kommen. Er wohnte ständig auf Winterbach im Gegensatz 
zu seinen Vorgängern, die sich meistens zu Freiburg usw. 
aufhielten und gewöhnlich einen Meier auf das Gut setzten. 

Die Leute rühmten ihm nach, ,er sei ein gar gutter 
Junker gewesen". Schon der Umstand, daas er sich stets im 
Glottertal aufhielt, musste ihn den Bauern näher bringen, 
alB einen solchen Freiburger Patrizier, der nur einmal zur Jagd 
oder sonst für einige Wochen aufs Schloss kam. Aber trotz 
seines leutseligen Wesens wusste er doch seine althergebrachten 
Rechte zu behaupten, was folgender Vorfall beweist: 

Einst bekam sein Meier, Hans Laub'^, mit einem Pöhren- 
tiÜer ^auem Streit, und die beiden schlugen einander herum 
,in dem grienen" ("auf den Wiesen) unten am Glotterbach. 



*• AK. " Zeitscln' 21. 

** Er gab Lsas dem Stift Waldkirch slit Entsrb&ilieimg hierfür so- 
viel von seinen Gigentllmtichea GQtern, ala der Knufschilling fflr Winter- 
baeh betrag [3000 S.). frei aaf und UeÜ sie sich als Muinlehen wieder 
xnrflckgeben. 

" Dieser Laub war scbeints ein streitlustiger Kamerad, denn bald 
daraur bekam er mit einem Fassdaubenmacher nSadel, wofür dann beide 
5 fl. PreTel zahlen muBstea. 



Schurbar 



Als die Frau von Ebuot. wol die Herrin von Föhrental, davi 
erfuhr, verlangte sie deswegen Frevelgeld von Laub. Äbi 
rtiesor erklärte, das Grien gehöre zu Wiiiterbach, der Junkaj 
Weißbecke sei dort Herr, also sei er ihm den Frevel zii 
zahlen schuldig. Als er dann zum Junker ging, gab er ihn 
recht und schenkte ihm dann den Frevel. Die Schwarzeii 
bergischen Amtleute wagten es damals nicht, den Frevel fGi 
sich zu beanspruchen, denn sie wussteii wol, dass der Besitze 
von Winterbach die niedere Gerichtsbarkeit auf seinem Gut 
habe und dass er sich diese nicht nehmen lasse". 

Von seiner Frau, Barbara geborene von Rottweil, hatte a 
einen Sohn Hanns Ludwig und eine Tochter Magdalena, dl 
den , edlen vesten Baltbaßar Gueten' heiratete. 

Als Valentin Weißbecke starb, verkaufte'* der WaW 
kireher Stadtschreiber Lnkas Schieß 8. März 1585 ,als vei 
ordneter Vogtmann" der Witwe des Dahingeschiedenen, ,z 
deren besseren Nutzen und nach deren frommeu Willen", ot 
wol das Gut ursprünglich kein Kunkel- sondern ein Mann 
leben war, also gar nicht auf eine Frau hätte übergebe 
dürfen, „mit lehenherrlicher Verwilligung" an den „edlen veetQ 
Balthassar Gut, der Vogtfrauwen fründlichen, lieben Dochtei 
mann, den freien Siz und Wasseihaiis, genannt Winterbad 
im Glotterthal gelegen, so ein Freyer Edelmann siz ist vnn 
fürterhin Pleiben soll, mit aller seiner Zugehördt, benandtlid 
burgstahl, Wassergraben, Scheuren, Stellen, Baumgärten, ßebeii 
Äckhern, Matten, holz, veld, Ligends und stands, gebauwen 
vnnd ungebauwens, stoßet unten an die Buochmatten, andef 
theils an der Wydiin gütter, oben an Suggenthaler Eckh, dc[ 
vierten Theils an Aiclielberg In Weygengraben ( Wiggisgrabel 
bei der Wiggisbmck), nach Anzeig der Lochen ungeuärliol 
150 Juchart holz und veld, sampt geschiff vnnd geschiiT, ge 
fögel, Wein vnnd all anderer vahrender haab, vßgenomm^ 
der Witibin vnnd Junkhfrauwen Cleider, khleinödter, Silbef; 
geschirr vnnd drey aufbereite bethstatten, vnnd was dl 
Frauw Witib vßerhalb dem gedachten Siiz Wilndterbacb ai 
hauptgunth vnnd sonst haben möchtfl". Der Besitzer miia 
von der Bappenmatte jährlich 8 Schilling Freiburger Währun( 
und vom Schnewlinsacker 2 Pfenning ans Stift Waldlürt» 



■ AK. " AK. 



A 



Scl.lo= 



Wint^rbai'li i 



23 



Elen, dem er auch den Fall zalileo miiB», währoad er sonst 
von allen andern Lasten frei ist. „Vnnd ist diser kliaiiff be- 
fichehen vmb 5600 fl. guetter Preyburger im Preyßgauw Münz 
vnnd WebruDg'^", 

Die Faniiiie Gut wurde 1530 von Kaiser Karl V. geadelt. 
Als Wapponbild trugen sie auf blauem Grunde drei, 2 : 1 ge- 
stellte, goldene Gaiben, als Helmzier ilber dem gekrönton 
Heira einen geschlossenen blauen Flug mit dem Scbildbild. 

Balthaser Gut entwickelte auf Winterbacli alsbald eine 
lege Tätigkeit. Um SOO fl. kaufte er die angrenzende MUhle 
unten am Bach, von der er fortan der Herrschaft Schwarzen- 
berg jährlich eine Fastnachtshenne zu zahlen hatte. Das alte 
Schlösslein war unbrauchbai-. Wie es aussah, erfuhren wir 
Seite 18 aus dem Bericht von 1597. Auch eine Fallbrücke 
habe früher über den Weiher zum Schloss geführt, während 
jetzt nur noch .ein schlecht Brncklein" vorhanden sei. — 
Der neue Besitzer ließ das alt« Schlösulein abbrechen und 
machte sich dann daran, es auf der alten Stelle wieder 
neu aufzuführen. Während dieser Zeit bewohnte er ein 
neues Haus, das er außerhalb des Schlossgrabens hatte bauen 
lassen. Das Bauen kostete ziemlich Geld und dazu wurde 
der schwerhörige Junker auch noch schwer krank; dadurch 
geriet er in „ain Abgang an Geld, so dass er um seine 
Haushaltung und seine Güter zu erhalten", seintn Bruder, 
der Oberamtmann war, einmal bitten musste, ihm 20 fl. zu 
leihen. Damals befürchtete er auch, da er die alten Hechte 
und Freiheiten seines Guts nicht so recht kannte, die 
Oberamtleute in Waldkirch könnten eines Tags ihre freund- 
schaftlichen Gesinnungen gegen ihn ändern und ihm die 
bisherige Ausübung des kleinen Waidwerks verbieten, und 
darum bat er 1589, sie möchten ihm in einem Revers aus- 
-drücklich die Erlaubnis hierzu geben, was auch geschah. — 
Ganz unbegründet war ja sein« Befürchtung nicht. Denn 
manches Mal konnte er dem alten Freunde im Wildtal drüben, 
dem Snewiin Berlapp, der hie und da herüber zur Jagd kam. 
berichten von der Habgier der Schwarzenbergischen Amtleute, 
die dem Stift Waldkirch überall die Einkünfte, wie Todtälle 
usw. zu beschränken suchten, um sie selber einzuheimsen. 



* AK. 




24 Scharhammer 

Trotz seiner Geldverlegenheiten war Junker Balthasar 
doch nicht allzustreng, wenn ihm ein Bauer etwas schuldig 
war. Eines Tages verlief sieh ein Ross des Hans Striegel,, 
der droben bei der Kirche wohnte, auf das Gut Winterbach 
und tat auf den Feldern großen Schaden. Der Junker \ie& 
das Tier einfangen und in seinen Stall einsperren mit der Ab- 
sicht, es nicht eher herauszugeben, als bis der Schadenersatz 
geleistet sei. Als aber die Leute auf Winterbach am Nacht- 
essen sassen, schlich sich des Striegels .böser Bub"" heimlich 
in den Stall und führte das Pferd fort. Als dies der Junker 
erfuhr, geriet er so in Wut, dass er den Bauer verklagte. 
Jedoch der Richter erklärte, er solle sich mit Striegel ver- 
gleichen. Nun war der Junker dem Besitzer des Pferds 
etliche Schillinge schuldig und gedachte, diese als Schaden- 
ersatz zu behalten. Als aber der Bauer zu ihm kam und 
ihm klagte, wie arm er sei, wieviel Kinder er ernähren müsse 
usw., da gab ihm der Junker das Geld uud schenkte ihm den 
schuldigen Frevel. 

Im Jahre 1589 setzte Balthasar den Valentin Keller für 
drei Jahre als Meier ein. Der „Lehenszedel" hiervon ist 
noch erhalten und mag hier folgen, um uns einen Begriff 
von dem Amte, den Rechten und Pflichten eines solchen Mannes 
zu geben: 

„Zu wissen vnd khundt gethan seye meniglichem hier 
mit disem Brieffe, das der Edell vnnd vest Balthaßar Guet 
zue Winterbach den Erbarn Veite Kellern zu einem Meyer 
über alle güeter vnnd Ackher vnnd Matten, was dan zu 
dem Adlichen siz Winterbach (Außerhalb was in dem In- 
fang des Rebergs) sampt den weyhem Nachuolgendter ge- 
stalt uff drey Jar lang, die negst nach Datumb diß nach 
einander khoment, uff vnnd angenommen hat: 

Erstlich das gedachter Meyer solche guter in guettem,. 
wesenlichen Bauw vnnd Ehren vor Abgang erhalten solle. 
Zum Dritten*^ solle der Meyer khein Ander holz dan 
vnschädlich brenholz vnnd was zum zeunen vonnötten^ 
nicht haben zu houwen. vnd da Er Brenholz abhaue, solle 
er den Junker darumb befragen, ahn wellichen enden er 
dasselbig feilen vnd abhauen solle. 

^' Der zweite Punkt fehlt in der erbärmlich geschriebenen Abschrift^ 



-Scblüss WinteriiBch im unU'ren GlolterUk ä5- 

Iteiii alle Rindt (?) so auff dem guet erwachsen, sollen 
dem Junker zustehen, also das der Meyer khein ansprach 
daran habe, zu dem solle auch ermeltor Meyer wie auch 
sein gefriudt weder Vogell noch liaßen vLluemen noch fahen. 
Zum Besten solle der Meyer das ganz guet, so Ime 
von dem Junker geliehen vnd eingeraumpt worden, In 
gueteni wesenliehem Bauw vnd Ehren, vnd abgang mit 
Zeilnen, hägen. graben vnnd allem so darzu gehörig, er- 
halten vnnd bewahren, auch bessern vnnd nit ,bö8seni'. 
Darzu er noch sein gefrindt durch die güeter kheine Neiiwe 
Pfadt oder weg machen, aunder sich sampt seinem gefründt, 
seinen gethanen aydts PüicUteo, so er gedachtem Junker 
als seiner Oberkheit geschworen, gemeß vnd also verhalten» 
das Ime Meyer ein ehr, vnnd dem Junker ein Nuz \'nd 
woUfarth seye."" 

Wenn auch Junker Baltbasar sein Gut einem Meier zur 
Verwaltung übergab wie seine Vorgänger, so blieb or doch 
auf Winterbach mit seiner Familie, Wie wir schon oben er- 
wähnten, war er mit den alten Rechten und Freiheiten seine» 
Lehens nicht so recht vertraut, und die Ämtleute in Wald- 
kirch ließen sich die günstige Gelegenheit, ihren Machtbereich 
zu erweitem, nicht entgehen. So nahmen sie z. B. die niedere 
Gerichtsbarkeit auf Winterbach für sich in Anspruch, als 1590 
ein gewisser Jakob Betz aus Fischingen, ein junger Zimmer- 
mannsgesetl, der mit einem Kollegen dort ilbemacbtete, ,ein 
ledernes Hosengesäß vnd ein barchntes flinnenes) Wamps" 
stabl. Als aber dem Junker Dägelin einer einige Gänse stahl, 
zogen nicht die Amtleute, sondern jener selber die Frevel- 
sbgabe ein". 

Jedoch als die Übergriffe der österreichischen Amtsleute 
immer häufiger wurden, da wurde dies auch dem Junker Gut 
zu arg und auf dem nächsten Landtag zu Freiburg überreichte 
er mit seinem Gutsheirn, dem Prälaten des Stifts in Wald- 
Idrcfa, dem Erzherzog Ferdinand seine Klagen wegen der 
Rechte zu Winterbach. 

Aber die Sache war noch nicht eutschieden, als nun die 
Schwarzenbergischen Amtleute ihrerseits hierüber einen Prozes» 
g^en den Junker anstrengten. 



•■ AK. 



■ AK. 



26 Schurhammer 

Da starb im Jahre 1591 Balthasar Gut und hinterließ seine 
Frau mit vier unmündigen Kindern, deren eines erst einige 
Wochen alt war. Nun befahlen die Amtleute zu Waldkirch 
den Vögten zu Ober- und ünterglottertal, sie sollten zur 
Witwe Gut gehen und von ihr den Sterbfall für den ver- 
storbenen Gatten verlangen. Denn, so sagten sie, die öster- 
reichische Herrschaft gehe bis an die Fallbrücke des Schlöss- 
leins, und da nun Junker Balthasar nicht im Schlössleih selber, 
sondern außerhalb des Burggrabens in dem neuerbauten Haus 
gestorben sei, so müsse er den Schwarzenbergern den Sterb- 
fall entrichten. 

Der Vogt war wenig erbaut, als er diesen Befehl erhielt. 
Denn mit den Winterbachern wars immer so eine heikle Ge- 
schichte, es war nicht gut mit ihnen Kirschen essen. Sein 
Vorgänger im Untertal hatte dort beim Junker Tegelin 
schlimme Erfahrungen gemacht und seitdem immer gesagt, 
zu Winterbach wolle er nichts zu schaffen haben. Und nun 
gar Sterbfall verlangen? Das war doch bisher nie Sitte ge- 
wesen? Jedoch, seine Pflicht gebot ihm, zu gehorchen, und 
so nahm er seinen Amtsstab, ohne den er ja keinen amtlichen 
Akt vollführen konnte, holte noch den andern Vogt und einen 
dritten Mann, und nun gingen sie miteinander auf das Gut 
Wintorbach zur Schlossherrin. 

Die Unterredung, die sie dort hatten, mag folgen, wie 
sie in den Akten enthalten ist. 

„Was wollt ihr?" fragte Frau Gutin die Deputation. 

„Die Amtleute von Waldkirch schickten uns, den Fall 
auszuschlagen von Ihrem Junker seligen", lautete die Ant- 
wort. 

„Ich weiß nichts von einem Fall, den ich den Amtleuten 
schuldig bin", entgegnete erregt die Witwe, überhaupt, so 
pressiere es nicht, ihr Mann sei ja erst begraben worden, 
zudem sei sie eine arme, wislose, betrübte Wittfrau und habe 
noch niemand, der sich ihrer annehmen wolle. Es werde 
nächstens einer ihrer Vettern zu ihr kommen, dem wolle sie 
die Sache anzeigen. Soviel sie wisse, habe sie einen freien, 
edeln Mannssitz, die Amtleute hätten ihr nichts zu sagen. 

Diese Worte verblüfften die drei Bauern ein wenig, aber 
nichtsdestoweniger erklärten sie: 



Si-hloSB W'interbach i 



ren Glottertale 



27 



„Die Amtleute haben uns befohlen, wenn die Frau den 
Fall nit welle mit Gutem ausschlagen lassen, so sollen wir 
es mit Gewalt tun." 

Eine solche Sprache hatte dio Frau nicht erwartet. Ge- 
walt wollten die Schwarzeiiberger anwenden auf ihrem freien, 
adligen SltzV „Gegen Gewalt', entgegnete sie, ,kann ich 
mich freilich nit wehren, denn ich bin eine arme, betrUbte, 
verlassene Wittfrauen, deren ihr Junker selig erst gar kürz- 
lich verschieden." Sie sei da in ihrem Witwenhaus, in ihrem 
freien, adligen Sitz, habe niemand bei ihr, denn Dienstmägd 
und ihre vier kleinen Waislein, sie könne sicli wider Gewalt 
nit anders wehren, denn sie riefe das kaiserlich Recht an. 

Die.'^e Wyrte brachten auf die drei Abgesandten die ge- 
wünschte Wirkung hervor, denn sie fragten nun ziemlich 
demütiger als vorher, ob sie dies den Ämtleuten sollten an- 
zeigen? 

,Ja, zeigts nur an", gab ihnen die Witwe zur Antwort, 
«nd dann beschwerte sie sicti aufs energischste, dass der Vogt 
■den Stab bei sich habe, und fragte ihn, was er damit auf 
:ihrem freien, adligen Sitz mache; den Stab hätte er wol da- 
lieim lassen können, denn auf ihrem Sitz habe er nichts zu 
Sebieten« er solle nur machen, dass er wieder heim komme 
anit seinem Stab und sie auf ihrem freien adligen Sitz in 
Suhe lassen. 

Die drei, an die diese Komplimente gerichtet waren, 
TTussten hierauf nichts weiteres mehr zu sagen und machten 
-Mich schleunigst auf den Heimweg. Ursprünglich hatten sie 
vorgehabt, das Koss im Stall als Fall mitzunehmen, aber die 
Witwe folgte ihnen hinaus in den Hof, weshalb sie alle Er- 
-oberungsgedanken, die sie vielleicht trotz der vorhergegangenen 
Audienz noch etwa hatten, gänzlich aufgaben. 

Nachdem die resolute Schlossherrin so den Vögten heim- 
geleuchtet hatte, machte sie sich sofort auf den Weg nach 
Waldkirch und beklagte sich dort beim Propst über die un- 
verschämten Forderungen der österreichischen Amtleute und 
Wollt« sogar ans Obergericht nach Ensisheim sclirciben. 
Dieses energische Auftreten machte die Schwarzenberger doch 
Htutzig und sie ließen die Frau Gutin nun vorderhand in Ruhe. 
Die obigo Erzählung zeigt uns den energischen Karakter 
der Frau Magdalena. Mit kräftiger Hand führte sie zu Winter- 




Scilurbnmiiier 

bacli dos Begimout seit ihr Mann gestorben war. Und die 
Schwarzenberger Amtleute wagten nicht mehr dreinzureden. 
Die niedere Grericbtsbarkeit, die sie dem Junker schon aus 
den Händen gewunden hatten, wagten sie der Witwe nicht 
zu bestreiten. Als 1592 der Knecht des Meiers mit einem 
Zimmei-Diann, der gerade am Schloss „im Graben" baute, 
Händel anfing und sich herumschhig. musste er der Schlossfrau 
den Frevel bezahlen. Im nächsten Jahr erwischto Frau tiutin 
einen, der in ihren Reben „treubell" stahl. Sie nahm dem 
Ertappten alle Trauben wieder ab und t^agte ihm nun ganz 
gehörig die Meinung. Dann verlangte sie von ihm '/i Krone 
Frovelgeld. Da.s war für den armen Tropf viel und in seiner 
Not ging er zum Bader, der droben bei der Kirche wohnte, 
und der wie alle seines Standes eine gelenkigere Zunge hatte, 
aJs die wortkai'gen Talbewohner. Diesen nahm er ala Für- 
sprecher mit aufs Schloss, und seinen rednerischen Bemühungen 
gelang es, die gestrenge Frau milder zu stimmen, so daea sie 
den Frevel für den Missetäter auf 1 Fi'anken heruntersetzte. 

Im Jahre 1592 (4. August) verliehen Propst und Kapitel 
des Stifts zu Waldkirch dem Heinrich Ruh von Wiuenda, als 
dem Vormünder der von Balthasar Guten hinterlassonen minder- 
jährigen vier Söhne Helferich, Oswalt, Balthasar und Valen- 
tin, gegen Angelobung der gewöhnlichen Lehenspäichten, dos 
Wasserhaus Winterbath mit allem, was dazu gehört, ,vn- 
geuerlich ain vnd fuffzig Janchert" zu einem rechten Erb- 
lehen **. 

Einige Jahre darauf starben auch die wackere Frau Outin 
und Balthasars Schwieger, bevor das Sehlösslein fertig ge- 
gebaut war, so dass die Sorge für die Kinder dem Junker 
Kuh allein oblag. 

Ihm wollten die Ämtleute nun die Ausübung des kleinen 
Waidwerks verbieten ^^. Seinem Vorgänger habe man die Er- 
laubnis hierzu nur aus guter Naclibarschaft und Freundschaft 
gegeben, der jetzige Besitzer könne jedoch dies Recht nicht 
beanspruchen. Jedoch, wenn sie geglaubt hatten, dem Junker 
Kuh imponieren zu können, so hatten sie sich getäuscht. 
Unbekümmert um deren Protest trieb er das Waidwerk weiter 
und erklärte, hierin lasse er sich von den Österreichischen 




J 



SchloHa Winterbncli im unteren Glottertale 



29 



Amtleuten nichts befehlen. Ebenso weigerte er sich auch 
entschieden, den Sterbfall für .lunker Gut, dessen Frau und 
Schwieger zu entrichten, was ihm die Ämtleute zugemutet 
Itatten. 

Infolgedessen strengten nun die Schwarzenbergischen 159Ö 
einen Prozess gegen den Junker an, der fünf Jahre lang währte 
und wobei sie ihm all seine Vorrechte gegenüber den andern 
Talbewohnem absprachen. Sein Gut Winterbach sei eigent- 
lich nichts anderes als ein gewöhnlicher Bauernhof, aber kein 
adliger Sitz. Unter den Dägelins habe ein AUmoudweg durcli 
«ein Gebiet geführt, was dies beweise. Wenn der Inhaber des 
Guts erkläre, er sei dem V.-Ö. Ritterstand immatrikuliert 
und einverleibt, folglich müsse er auch die entsprechenden 
Freiheiten haben, so sei er im Irrtum. Für seine Person 
ätehe er wol unter der V.-Ö. Regierung landesfüititlichor 
Jurisdiktion, aber diese adlige Freiheit ei-strecke sich nicht 
auch auf seine Güter, Er kOnne darum doch Höfe usw. haben, 
wo er weder hohe noch niedere, noch forstliche Überhoheit 
Iiabe, und ein solcher sei Winterbach. Die Herrschaft Öster- 
reich sei Inhaberin der Herrschaft Schwaizenberg und habe 
als solche im Untertal die hohe, mittlere und niedere, sowie 
■die forstliche Oberhoheit, ihr sei auch Grund und Boden zu- 
ständig. Im Unt«ital gelte kein anderer Stab in Gebot und 
Verbot als der des betreffenden Vogts der Österreichischen 
fiegierung, deren Mächtbereich sich bis an die Fallbrücke des 
Schlössleine Winterbach erstrecke. Innerhalb des Schloss- 
grabens könne der Junker adlige Freiheit beanspruchen, aber 
weiter nicht. Dort brauche er auch keinen Sterbfall zu bezahlen. 
Aber da die Guts außerhalb in dem neuen Haus gestorben 
»eien. so müsste für sie, wie für andere freie Leute im Tal, 
diese Fallgebühr entrichtet werden. 

Niedere Gerichtsbarkeit könne der Junker nicht bean- 
spruchen, denn die Inhaber von Winterbach hätten nie eigen 
Gericht und Stab gehabt, sondern alle Frevel, die Meior oder 
Gesinde begingen, seien vom Untertäler Gericht bestraft wor- 
den. Höchstens heimlich hätten die Junker dies selber getan. 
Wenn das Gut exempt wäre, wie hätte es dann geschehen 
können, dass seine Vorgänger von andern Höfen sJcli Grund- 
«tticke erkauft hätten, wie z, B. den Schnewlinsacker und 
vom „Qrauenspachhof des Gall Weydlin die Rappenmatte? 



Femer, wie wäre es dann möglich gewesen, dass einzelne 
Meier auf Winterbach, wie z. B. MicLel Füchslin, zugleich 
auch Vögte im Untertal waren? Zudem, als 1584 der Wald- 
kircher Bürger Hans Muniich auf dem Gut einen Forstfrevel 
begangen habe, sei er nicht vom Junker gerichtet worden, 
sondern vom Untertäler Gericht, wie auch unter Junker Gut. 

Von irgendwelcher forstlicher Hoheit könne auch keine 
Rede nein. Die früheren Besitzer hätten sich nie hohe oder 
niedere forstliche Obrigkeit angemaßt. Dagegen hätten die 
Inhaber der Herrschaft Schwarzenl>erg im Gut Winterbach 
stets Rot- und Schwarzwild aufgehetzt. Als vor Jahren Hans 
Theurkauff ein Reh in dem Brujirain aufgejagt und bis aufs 
Schlosseck verfolgt hatte, hätten die Hunde das durch einen 
Schuss verletzte Tier auf das Gut getrieben. Der Besitzer 
von Winterbach habe es damals geholt, aber auf Verlangen 
nach Waldkireh herausgeben müssen. 

Der Anwalt des Junkers bestritt die Behauptungen der 
Schwarzenbergischen Amtleute und erklärte, das Schlösslein 
samt allen darum liegenden und zugehörigen Gütern (außer 
der Mühle) sei ein uralter, freier, adliger Sitz und als solcher 
dem V.- Ö. Ritteretand der Landgrafschaft Elsass inunatiikuliert 
und inkorporiert. Von der Heri-schaft Kastei und Schwai-zen- 
berg sei es allezeit abgesondert gewesen. Von unvordenklichen 
Jahren her werde es von adligen Personen bewohnt und 
hätten diese allezeit neben dorn Genuss aller andern adligen 
Freiheiten auch auf ihren Giiteni gehetzt, gejagt und ander 
Waidwerk getrieben, ebenso auch die kleinen Frevel genchtet, 
was er alles durch einzelne Beispiele bewies. Das Gut Winter- 
bach habe von jeher Asylrecht gehabt. Wenn ein Totschläger 
dorthin floh, habe man ihn nicht weiter verfolgen können. So 
sei vor Jahren ein Ohrensbacher und auch ein Heuweiler 
Bauer wegen Mords dorthin geflüchtet und hätten Jahr und 
Tag dort als Knechte frei und sieher geschafft. 

Die Seh Warzen berger hätten Über Winterbach nichts zu 
gebieten. Der Propst zu Waldkirch sei darüber Schirmherr, 
das Gut sei ein Grundbesitz des Margaretenstifts, das ein von 
der Herrschaft Schwarzenberg getrennter Stand sei und eigenes 
Gericht habe. Die luliaber von Winterbach könnten als Lehen- 
träger zu Schutz und Schirm des Stifts erfordert und ermahnt 
werden. Sie hätten jederzeit von den Krebsen bis auf 




A 



Stblos 



Wiuterbucli im unteren GloUerUle 



31 



Junker Gut das freie adlig Maiingericht des Stifts besetzt 
und dabei über adlige und andere etiftisclie Untertanen ge- 
urteilt. Also mit den Schwarzenbergem habe das Gut Winter- 
bach nichts zu schaffen. Zudem zahle der Junker seinen Sterb- 
fall fiir jedes Haupt, das auf dem Gut sterbe (8 ü.), an das 
Stift. Das Gut sei im Untertal auch besonders ausgemarkt. 
Seine Bewohner seien im Gegensatz zu den Schwarzenhergi- 
fichen Untertanen von jeglichen Fronen frei. Dass sie zu 
keiner der vier Talvogteien geliörten, beweise schon der Um- 
stand, dass die Winterbacher stets ihre Toten selbst zu Grabe 
trügen und bei den Kreuzgängen, wo jeder Vogt seine Leute 
besonders stelle, auch das Gut Winterbach seine Leute be- 
sonders zu dem Pfarrherni stelle. 

Wie dieser langwierige Prozess ausging, wissen wir nicht. 
Jedoch scheinen die Amtleute doch wenigstens teilweise ge- 
siegt zu haben, denn 1622 bittet Georg Wilhelm Streitt um 
das Jagdrecht auf Winterbach und 16.!>ti sein Sohn Rudolf 
Streitt um die niedere Gerichtsbarkeit auf diesem Gute. 

Als einer von den vier Söhnen des verstorbenen Junkers 
Balthasar Gut, nämlich Johann Valentin Gut, mündig gewor- 
den war, übernahm er das Gut Winterhach. Er geriet mit 
der Gemeinde Föhrental in einen lange währenden Streit wegen 
^des Grüns vnderhalb der winterhach ischen Mühlin im vnderen 
Glotlerthal". der endlich 1614 (14. Juli) durch den Ohervogt 
vcra Heinach und den Amtmann Merz zu Waldkirch von seilen 
des Junkers, und durch den von Sikingisehen Anwalt Colino 
von Seiten der Föhrentaler, auf einem Augenschein dahin ge- 
8chlicht«t wird, dass „Zeichen gesteckt vnd Gruben gemacht 
worden, wornach der Platz gegen dem Glotterbach bis hinab 
sn den Thalweeg dem Junker gehören, vnd in dilleni Bezirk 
den Thalweeg hinaufl' zur Vehrenthaler Allmendt vnd Wal- 
dung der dortigen Gemeind ein Weeg zum Trib vnd Trab aus- 
gezeichnet werden solle'**. 

Im Jahre 1619 verkaufte .Johann Valentin Gut das Schloss 
Winterbach an Georg Wilhelm Streitt von Immendingen, 
der damals erzherzoglicher Rat und Regimentsmitglied der 
V,-0. Lande und seit 1602 mit Johanna von Beiern vermählt 
WUT. Sein gespaltenes Wappenschild zeigt links tn Blau einen 

" Zeitschr. 21. 



32 Sciiuihamr 



- SchloHä Winterbach im untereu Giot.tertale. 



goldenen, einwärtagekehiten Greifen, rechts in Gold eine rot« 
Blume nnd über dem gekrönten Helm als Zier einen goldenen 
Oreifen ^'. 

Der neue Junker wohnte in Freiburg und setzte als Meier 
■den Caspar Schneider auf das Gut, Kacli dem Erblehenbrief 
vom 10, Mai 1623 belehnte das Stift zu Waldkirch den „edel 
vnd gestrengen hern" mit diesem Gut in der Weise, dasa der- 
selbe „auf MaTin vnd Frauwen, Söhn vnd Döchtem vnd all 
ihre Erben vnd Nachkommen" Übergehen solle. 

Der neue Schlossherr war offenbar sehr reich und hatte 
seinen Rang al.i Regiinentsrat wol nicht zum wenigsten die- 
sem Umstände zu verdanken. Er hatte dem Erzherzog Leo- 
pold, der wegen des Ankaufs der von Ehingischen Herrschaft 
Kastel-Schwarzenberg (Erzherzog Ferdinand hatte sie 1567 
um 28000 fl. erworben) damals in gi-oüer Geldnot war — übn- 
gens bei den Österreichern keine Seltenheit — zuerst 8000, 
dann 700Ü ti. geliehen. Da der erzherzogliche Schuldner keine 
Aussichten auf baldige Bezahlung machen konnte, so verlangte 
■Georg Wilhelm Streitt im Jalu-e lti22 als Entschädigung füi* 
die geliehene Summe folgende Zugeständnisse": 

1. Das Dorf Heuweiler, wo die HeiTschaft Schwarzen- 
berg von uralter Zeit her das Hochgericht mit Stock, 
Galgen und Exekution hatte — ea bestand damals 
aus II Höfen und 21 Untertanen — , solle man ihm 
kaufs- oder pachtweise überlassen, da er keine Unter- 
tanen auf seinem Gut Winterbach habe. 

2. Das Jagdrecht möge man ihm auf seinem Gute ge- 
statten. 

3. Seine Mühle solle abgabenfrei sein. 

4. Einen Teil des Fischwassers möge man ihm kaufs- 
oder lehensweis abtreten. 

Wie aus den Klagen und Forderungen seines Sohnes Ru- 
dolf zu schlieUen ist, wurden die Wünsche des Vaters nicht 
erfüllt; vielleicht war daran der Umstand schuld, dass Junker 
■Georg Wilhelm bald darauf staih. 




Mundart des Dorfs Wachbacli 
im Oberamt Mergentlieiin. 

Von Franz Dietzel. 

I. Lautlehre. 
Einleitnng. 

In der Erforschung der Landesmundarten ist man in 
Württemberg nicht müßig gewesen. Fischers „Geographie 
<ler schwäbischen Mundart** (Tübingen, Lauppsche Buchhand- 
lung, 1895) ist eine auch außerhalb der Dialektforschung viel 
genannte und gewürdigte, einzige Leistung, und sein „Schwäbi- 
sches Wörterbuch* wird sich nicht nur ähnlichen Unterneh- 
men, wie, dem Schmellers, würdig an die Seite stellen, son- 
dern alle derai-tigen Werke in mancher Hinsicht überholen. 
Zu diesem regen Interesse an den Landesmundarten, das auch 
vonseiten der Regierung geteilt wurde, st^ht die allzu stief- 
mütterliche Behandlung, welche der nördliche Teil des König- 
reichs bis jetzt erfuhr, in einem auffallenden Gegensatz. Über 
dem Schoßkind, dem Schwäbischen, der weitaus besterforschten 
von sämtlichen deutschen Mundarten, hat man das Fränkische 
l^anz übersehen. Was an gedruckten Abhandlungen hieiüber 
vorhanden ist, findet sich zmneist in den seit 1824 vom Kgl. 
Statistischen Landesamt herausgegebenen Oberamtsbeschrei- 
bungen, die neben vielen andern landeskundlichen Unter- 
suchungen auch sehr schätzbare Angaben über Mundarten 
enthalten. Hie und da findet sich im «Journal von und für 
Deutschland*^ ein Idiotikon, so ein hohenlohisches aus den 
Jahren 1788 und 1789. Mitunter bringen auch die namentlich 
für Lokalgeschichte so ergiebigen „Württembergischen Viertel- 
jahrshefte für Landesgeschichte'' Untersuchungen aus dem 
Gebiete der Dialektkunde. Diese meist dilettantischen Ar- 
beiten können auf Vollständigkeit und Zuverlässigkeit wenig 
Anspruch erheben. Vor allem gilt dies für die in der 1880 
herausgegebenen ,, Beschreibung des Oberamts Mergentheim ** 
veröflFentlichte Mundartabhandlung des Pfarrers Speier. Ohne 
genaue Abgrenzungen überträgt sie lokal beschränkte Er- 
scheinungen auf das gesamte Oberamt, entbehrt jeder für 

Alemannia N. F. 9, 1. 3 



34 Dicttel 

üiiie solche Uiiteröiicliuiig nötigen flpracligüschicIitiiclK'ii (jruiid- 
lage; ist eben me)ii' eine zufällige als wirklich in das 
Leben der Sprache eingehende Darstellung. Die gediegenste 
Arbeit ist die von H. Bauer in der leider nun seit Jahren 
eingegangenen „Zeitschrift des Ijistnrisclien Vereins fiir 
das wirtembergische Franken": ,Der ostfränki^sche Dialect, 
wie er zu Künzelsau und in dessen nächster Umgebung ge- 
sprochen wird" (Jahrgang 1864). Günstiger liegen die Ver- 
hältnisse auf dem angrenzenden hadischen Gebiet. Otto Hciligs 
, Grammatik der ostfränkischen Mundart des Taubergruudes 
und der Nachbarmundarten" in Bremers , Sammlung kurzer 
(iraniniatiken Deutscher Mun<larten" ist eine auf sehr gründ- 
lichen Lokalstudien beruhende, verütenstvolle Arbeit, auf die 
jeder Forscher ostfrankischer Mundarten zurückzugreifen haben 
wird. Ein Missgriff des Verfassers allerdings war es, die 
Nachbarmundarten so stai-k zum Wort kommen zu lassen. 
Das Bild, das man so von dem sQdlich angrenzenden Sprach- 
gebiet bekommt, ist im ganzen unvollständig und undeutlich. 
.Notwendig ist doch vorerst, dass klare Typen für sich be- 
handelt werden" (s. Brenners Kritik im Literar, Zentralblatt 
IB99, S. 630). Diese Forderung ist in erster Linie immer 
und immer wieder hinsichtlich der Kegeln über Quantität 
aufrecht zu erhalten. Klarheit und Sicherheit über diese von 
Ort zu Ort wechselnden Verhältnisse kann nur eine an den 
verechiedenaten Punkten über den gesamten, dem Volk zur 
Verfügung stehenden Wortschatz angestellte Einzelunter- 
suchung gewähren. Damit ist zugleich ein nicht selten laut 
werdender Einwand zurückgewiesen, als ob eine Mnndartstudie 
auf wiirttembergischen Boden durch den Fischerschen Sprach- 
atlas überhaupt übertiüB.sig geworden wäre. Es stellt dieses 
Werk doch wol nur einen tiohbau dar: zu einem stattlichen 
Ausbau muss durch möglichst viele Einzelarboiten das Material 
erst beigebracht werden. Dass übiigens das PfaiTdorf Wach- 
bach, dessen Mundart in folgendem dargestellt werden soll, 
mit den umliegenden (Jrtschaften Stuppach, Neunkirchen, 
Apfelbach, Herbsthausen, Kot, Hachtel im Atlas sieh nicht 
eingezeichnet findet, mag eine Darstellung seiner Mundart 
noch wünschenswerter erscheinen lassen. 

So klein man sich auch das Gebiet zu sprachlichen Be- 
I obachtungen aussuclit — und das hier gewählte ist für eine 




J 



Die MunJaH des Dorfs Warhbach ' [\'^ 

zusaiumenhäiigende Betrachtung das denkbar besclu'ilnkt(»Ht^^ 
iimfasst es ja doch nur ein einziges Dorf — es fohlt nicht 
an bald geringeren, bald auffallenderen Schattierungen in d(»r 
Sprechweise von einer menschlichen Siedlung zur andern, vh 
heri'scht ein mannigfaltiges Schwanken im Dialekt einon und 
desselben Orts. So hört man beispielsweise schon in dem 
7 km entfernten Markeisheim it, mos, motr für das in Wach- 
bach übliche is, miios, mu^tr = ist, muss, Mutier; in Apfel- 
bach, i^ km entfernt, spricht man /iVc/i?, lix-t, hw, in Wach- 
bach fifctrfy likt, Im'ic = Fichte, Licht, Krüge. Durch Zu- 
wanderung von auswärts, namentlich durch Heirat(?n, Hetzen 
sich allmählich solche ursprünglich nicht heiiin'schen Wort- 
formen und Ausdrucksweisen fest; so kamen nach Waciilmch 
sehr viele hohenlohische Elemente, und es bietet des Inter- 
essanten genug, Kindern zu lauschen, deren Vater, und noch 
mehr Mutter, von auswärts kommen. Doppelformen gelufU 
nebeneinander her; neben einem ursprünglichen kicff - • f^V' 
wcsen, nistet sich ein hrees9 und schließlich noch /nrfst. Neben 
diese durch örtliche Abweichungen erzeugten Schwankungen 
des Sprachgebrauchs stellen sich andere, hervorgerufen zinneiHt 
durch Schule und Kaserne. So sucht die Schule der TenuiH 
zu ihrem schriftdeutschen IW'hte zu verhelfen und dem <*, 
dem zurückgelegten s-Laut, sein mundartlichem Oebiei ht reit ig 
zu machen. Alte Leute sprachen und sprechen noch niruarnn 
Schwann. trofAl Wald. Igangk lang, h^aiiyk (ßHUfi : junge \Mi' 
sonders nach abgelegter Dienstzeit - gebrauchen dafür in^'iht 
die Schriftform. Immer weiter dringt auf dieMrrn Wege da« 
der Mundart völlig fremde Imi^erf^-ktuf/i vor. Der Zug in die 
Stadt, das Haschen naelj htä^itit^rhen Münieren. m> ohne hafl 
und Kraft sie gegenöl^er dem un»•ueh*^Jgerl , bied/i'rn, länd- 
lichen Wesen f^ich aiKrh au^iehfu'^i wj^;;en, i^ieift amU im 
Sprachleben stet« wtrher um «sjch. Zum n^-ij^rn Hut ^Uir 'itttUu-r 
will die grole BauenlJ^p^l<el:e nicht r^' ht |/;*»»^nL ^nA d-rr fV/hn 
glaubt seinea Laiidsleut^i mehr zu nsiy^uU^r^iu. wi^$tu <'i> /u* 
ruckgekehrt in^ mtenjJiA-u*?. e;j>^j ^v&4u>^'}i^ti. %<uJJ^*»^'ht '/m^ 
einen preoüi-^-lMSj kii^n*:)x h^'isutfi K^f^*-i>iii' /,ij */4 }^^j >;# Jj tnuh^ 
Doch die Schuld au ^U dje'^ij Wiijjciju;j;^fii. wj<*ij rj- atju y^/i^/lt- 
lieber *Aer i!.<:«üis::ger Art. '?r4i;feij s^^/t-u hi>^'u^/4t\if). '!< J<j/l»o^« 
and TelegjapL mit ö*i: l'\*r,'^t-'U ^-jr ;'j*;^'V-? Z**j^ r\xfiuisn-iA* • 
Flrfiudangeu a ucb jeii^ i i ' •'.xlitii f ^ru^^x. r^'k^'j**-* . *; *< m < ■ : i ü • 



36 DielKcl 

SelbstUbci'liebung, voll lauter ätandesbewiisstseio. für das so 
poesiei-eiche , natürliche , ungeschminkte Landleben nur ein 
Xasenrünipfen und Spötteln übi-ig haben. 

Betrachten wir nun, soweit es für imserc Zwecke er- 
forderlich ist, das Dorf Wachbach. Es liegt im Wachbachtal, 
einem Seitentälchen des Taubergrunds, ö \ j km südlich von 
der kleinen, ansehnlichen, ehemaligen Residenzstadt des Dcutsch- 
nioistere und jetzigen wilrttembergischen Oberamis- und Hade- 
stadt Mergentheim. Die Bedeutung des Namens — alt Wa- 
chenbach — ist nicht geklärt. Die Mergentheimer Oberamte- 
beschreibung und mit ihr die württenibergischen Gescbichts- 
quellon deuten auf einen Personennamen Wagn, Waccho hin. 
Bei J. Mones Erklärung (Celtische I-'orschungen zur Geschichte 
Mitteleuropas 1857), wonach der Name vom keltischen i/iryoff 
Kächlein (Dem, zu gwj/ Bach, dazu qiiec kleiner Bach, wie 
in Quecbronn) herrühren soll, ist eher ausgedrückt was ge- 
wünscht, als was wirklich ist. Geschichtlich bietet der Ort 
nichts von allgemeinem Interesse. Ein Marktflecken voa 
gogenwäitig etwa 900 Einwohnern, besitzt er ein evangeli- 
sches und katholi.sches Pfarramt und hatte bis in die jüngste 
Zeit eine Synagoge. Gnmdherren sind die Freiherrn von 
Adelsheim, deren zweiter Stammsitz ^Vaehbach ist. Der 
Einflu^E der nunmehr bis auf wenige Familien ausgewanderten, 
einst zahlreichen jüdischen Bevölkerung auf den Wortschatz 
ist, wie in der ganzen Gegend, kein geringer, wenn auch schon 
manches hebräische Wort dein Sprachschatz namentlich dar 
jüiigein Generation entschwunden ist. Ein Urteil über den 
„jüdelnden Ton und Klang" des fränkischen Dialekts möchte 
ich mir vorbehalten. Jedenfalls ist die Beweisffllirung der 
Beschi-eibnng des Oberamts Künzelsau, 1883, S. 134: „Hat der 
Fmnke eine starke Anzahl hebräischer Worte in seinen Wort- 
schatz anfgenonimen, ohne dasa er sich des liebräischen Ur- 
sprungs bewnsst wäre, wie sollte sich der Ton und die Aus- 
sprache dorn jüdischen Einfluss ganz haben entziehen könnenV* 
nicht bindend genug. Einzelne Wörter kennen lange nicht 
jene Schranken, die eine LauterScheinung hemmen: Leicht 
Hnden sich am Waldessaume Bäume, vom Winde angoflogeD; 
doch nur Bäume, kein Wald. 

Der Karakter des Dorfs ist durchweg ländlich: die Be- 
völkerung kleinbäuerlich, rückständig in Anschauungen und 




Diu Miiixlait des Durra Warliliiifli 



37 



Lebensweise, zäli festhaiteiKl am Althergebrachten, wider- 
strebend gegen Neuerungen. Industrie findet sicli weder im 
Orte selbst noch im ganzen Umkreis, so dass also die Reinheit 
der Mundart, wofem Industrie überhaupt eine Gefahr für den 
Dialekt bedeutet, von dieser Seite nicht gefähi-det eracheint. 
Die Mundart selbst ist ostfi'änkiseh, Politiscbo und 
Sprachgeschichte sprechen hierfür. Freilich ein mit vielen 
schwäbischen Elementen durchwachsenes Ostfränkisch, Gilt 
ja doch auch der württembergische Franke in der Fremde so 
gut wie der Altwürttemberger als Schwabe. Es einer ost- 
fränkisclien Unterniundart zuzuweisen, ist nicht möglich, bevor 
man nicht gewisse lautliche Merkmale fllr eine derartige Schei- 
dung festgelegt hat. Es ist folglich auch ziemlich willkürlich, 
wenn es nach Bremer, dessen Sprachgrenzen in Karte 2() der 
„G. d. schw. Ma." wiedergegelien sind, zum Taubergründi- 
schen gerechnet wird, nach Hlg. aber (§ I) als hohenlohisch 
gilt. Die gleichfalLs von Bremer stammende Lautkartc in 
Hlg. Gr. zieht die Nordgrenze für das Hohenlohische bis 
stark vor Tauberbischufsheim, etwa bis Lauda und Dittigheim. 
Tatsache ist allerdings, dass letztgenannte Orte mannigfach von 
Tauberbischofsheim abweichen, wie ich aus eigener Beobach- 
tung feststellen konnte. Doch geht es wol nicht an, dies 
alles für Hoheuloliisch anzusehen. Als äußerste Nordgrenze 
dieser Mundart, die man allgemein in VV. als eine von der 
beimischen Sprechweise verschiedene atisieht, könnte etwa das 
5 km entfernte Herbsthausen gelten. Mit derartigen Eintei- 
lungen ist aber gar nichts gewonnen, wenn sie nicht auf 
streng empirischen Untersuchungen sich aufbauen. Ganz der- 
selbe Fehler, den man ao oft bei Betrachtungen über die Eigen- 
tümlichkeiten eines Yolksstammes gemacht hat und noch 
macht. Behauptungen werden aufgestellt, die Schwaben hätten 
jene Eigenschaften, die Franken diese; sie seien — meinet- 
wegen — , falsch, fromm, frech und fein'. Sicherlich würde 
man oft zu Anschauungen gelangen, die den landläufigen ge- 
radezu entgegengesetzt sind, oder doch herausfinden, dass diese 
oder jene als spezifisch fränkisch geltende Eigenschaft ebenso- 
gut schwäbi.'ich ist, falls man sich einmal die Mühe nicht ver- 
drießen lieUe — und niemand wäre hierzu mehr berufen, als 
Oeistliche und Lelirei' — , jedes Durf nach seiner Eigenart zu 
karakterisieren. 




38 Dietzel 

über die Abfassung der folgenden Abhandlung erübrigt 
mir noch, einiges zu bemerken. Zum Beleg der Lautregeln 
suchte ich während längerer Zeit — ein Entwurf lag bereits 
1903 der Kgl. Oberstudienbehörde als Probearbeit für das 
Staatsexamen vor — den gesamten mundartlichen Wortschatz 
beizuziehen und wo ich übei' die Aussprache im Zweifel war, habe 
ich durch wiederholte Nachprüfung mir Sicherheit verschafft. 
Die hier gegebenen Beispiele sind meist so gewählt, dass sie mit 
denen von Hlg. angeführten sich decken, wo die beiden Mund- 
arten auseinandergehen, wo diese aber zusammengehen, suchte 
ich neues Material beizubringen. Im Konsonantismus, der wegen 
der großem Übereinstimmung mit dem Schriftdeutschen in Süd- 
deutschland weniger ausschlaggebend ist, glaubte ich solche nur 
in beschränktem Malie aufführen zu brauchen. Die als Sprach- 
proben angegebenen Sprichwörter, von denen ein Teil der 
Sammlung ,, Fränkischer Sprichwörter" von Pfarrer Hartmann 
in Nassau (in den Württ. Vierteljahrsh. f. Landesg. Jahrg. XII 
1880) entnommen ist, die meisten jedoch von mir gesammelt 
sind, können einen interessanten Einblick in die so bilderreiche 
Sprache des Franken, in sein ganzes rfeistes- und Gemüts- 
leben gewähren. Eine Darstellung des Wortschatzes, der 
Flexionslehre, sowie der frühern Lautverhältnisse musste ich, 
einer ursprünglichen Absicht entgegen, zurückstellen, da 
namentlich das Material zur letztern allzu umfangreich in 
dem Freiheirl. von Adelshoimschen Archiv — unter anderm 
eine Dorfordriung vom Jahre 1504 — sich vorfindet. In der 
Anordnung folgte ich den Bearbeitungen der Mundarten, die 
Fischer in den neuen Oberamtsbeschreibuiigen Heilbronn, 
Ehingen usw. veröffentlicht hat. Abweichungen von der Tau- 
berbischofsheimer Mundart sind angegeben, Übereinstimmungen 
nicht. Kürze des Vokals bleibt unbezeichnet; Länge ist durch 
Verdopplung (aa, ee, ii, oo, uu) gekennzeichnet. 

Yokalo. 

Quantität. 

^ 1. Für die Ma. von W. gilt hinsichtlich der Quantität 
wie für die heutige Schriftsprache das Gesetz, dass mhd. kurzer 
Vokal in offener Silbe gedehnt wird, iciisi^ (mhd. wisr) Wiese; 
sfuHtr-f (mhd. sfidr) Stube; lioosf (nihd. InfSf) Hase; //pe(.NV> 



Die Muudart des Dorfs Wachbach ;J9 

<mhd. hrse) Hose (über die Qualitätsverändenmg in diesen 
beiden Beispielen s. die einzelnen Vokale): Icnc'^ (mlid. Irlßcn) 
leben. 

Diese Regel ist nicht immer streng durchgeführt. Alte 
Kürze bleibt mitunter in offener Silbe bestehen, besonders 
vor /. (Hierzu ist zu vergl. Fischer, G. d. schw. Ma. 13 Anm.T). 
-„Man darf daran erinnern, dass t mhd. die einzige etymologisch 
feste Fortis ist, die weder auf Gemination beniht noch mit r/ 
paradigmatisch im Wechsel steht: tac tagcs, aber (jot goies.") 
fair (mhd. vater) Vater; lot (mhd. go() Gott: pot (mhd. hotr) 
Bote; daneben aber — zum Beweis, dass auch vor t nicht 
durchweg kurzer Vokal bleibt — pgfff; sali (mhd. satf^T) Sattel: 
sat (mhd. saf) satt; plat) (mhd, hlatr, plate) Platte; Z7//7/ (mhd. 
l'ifel) Kittel; klieti (mhd. leten) Kette; JchuH (mhd. Jcutcl) Ge- 
därm. 

Kürze ist ferner öfters — nicht durchweg — erhalten 
^vor einem Konsonanten, auf den -on, -01%, -er, -cl folgt** 
(JBehaghel P., Gr. V § 38, ebenda auch die Erklärung; HIg. 
^ 157. 2). kawl (mhd. gahel) Gabel; Imur (mhd. hakr) Haber; 
Jihhd (mhd. kübel) Kübel: witr (mhd. xvider) wieder. 

fl 2. Vor doppelter Konsonanz ist bei ursprünglich ein- 
silbiger Form Länge eingetreten; in ursprünglich oder noch 
jetzt mehmlbigen Wörtern Kürze erhalten, so dass also langer 
und kurzer Vokal im selben Paradigma miteinander wechseln. 
Ichgupf (mhd. Ä*o/>/) Kopf; pl. khepf (mhd. Jcöpfr); tsgupf (mhd. 
£Opß Zopf, pl. tsrpf; hinmf (mhd. hmt) Hund, pl. hmt; tian-o 
<mhd. tttrn) Turm, pl. tirw; ggroni (mhd. ann) Arm, pl. m//; 
VKur^m (mhd. wurm) Wurm, pl. mrm; icihi (mhd. whi)Vi\\'i, 
pl. wert; smitis (mhd. schürz) Schurz, pl. snis', kgims (mhd. 
(fatis) Gans, pl. kcpis; swgiwfs (mhd. swanz) Schwanz, pl. swents; 
ebenso ist Länge beim Eigenschaftswort in prädikativer, 
Kürze in attributiver Stellung: Isniuii (mhd. grstmt) gesund, 
jedoch tes is 9 ksuni^r; her nigu" is atcr an so ofilt der Mann 
ist auch schon alt, aber tes is awr na so im altr won": tii 
mite is awr au witr 'ßmggl Iggr mt friis die Milch ist aber auch 
wieder einmal gar nicht frisch, aber: tes is Iggr Ih^ frisi milc. 

Viele Durchbrechungen dieser Kegel von der Dehnung 
alt-einsilbiger Formen erklären sich infolge schriftsprachlichen 
Einflusses: alte Leute sprechen riivt (mhd. rntt) Kind, junge 
rint: desgleichen tsiins und tsiifs. 



40 



Dietzel 



Vor beatiniiiiten Konsunantengriippen erscheint allerdings 
Erhaltung alter Kürze häufiger, obwol daneben auch fast eben- 
soviel Fälle mit Dehnung vorkommen. 

So vor /d (nhil. cht), fraxt (nihd. rruht) Frucht; ect echt: 
axt acht; kniet Geschichte; ksict Gesicht; hvict (mhd. fjeieiht} 
Gewicht; tsuxt {m\\d. eiiht) Zucht; mit Dehnung: liid [mhd. 
tie/it) Licht; rrecl (nilid. ri'hf) recht; nooxt (mhd. nalU) Nacht. 

Vor Nasalkonsonant: fnut (mhd. vnnt) Fund; Humpf 
(mhd. s/w»»;;/) stumpf; fa»ip/' (mhd, rf^m^/) Dampf; fH«ns (mhd. 
Hiensch) Mensch; wuu-s (mhd. irunseh) Wunsch; /in/" (mhd. rihif} 
fünf; uns (mhd. wts) una. 

Dagegen Imint (mhd. hnnf) Hand: sentit (mhd. .s«h/) Sand; 
kpn7i.i Gans. 

Ganz ausgesclilosöen scheint Dehnung zu sein vor mhd. hs- 
(dazu vgl. Fischer, G. d. schw. Ma. § 15). 

taks (mhd. dahs) Dachs; flak-i (nilid. flaits) Flachs; icakx 
(mhd. wahs) Wachs. 

Weitere Listen unter den einzelnen Vokalen. 



L 



Qualität. 

Die einzelnen inhd. Kürzen. 

Mhd. a. 

§ 3. Mhd. n ist kurzen, roinas n wie im Hd., wenn der 
(juantitätsregel zufolge die alte Kürze beibehalten ist; also in 
mhd. geschlossener Silbe mehrsilbiger Wörter. 

lialt'i (mhd. haUen) halten; tmpa (mhd. trappe) Treppe; 
maxj (mhd. maclmi) machen: kfuita (mhd. katze) Katze: .iaxtt 
(mhd, sfha/ilel) Schachtel, j» alti ,«(u.fi altes Weib; irans (mhd, 
H-anne) Wanne, ivans-praat tggsetss recht breit, recht behag- - 
lieh dasitzen; üimpsfla^ (mhd. smips, Ihische) Schnapsfiasche; - 
ratafaU (mhd. faite, mUi-) Rattenfalle; Aiviiii9 (mhd, stvaiie^ 
Schwarte, ii htap (i iiifr fast itvart^ krax^ ich haue dieli ge — • 
hOrig, tüchtig durch, (^ dass die Schwarten krachen); hnak^^- 
(mhd. smacken) schmecken; s ^laJci mr k^r nikü aU tral icl^ 
habe gegenwärtig gar keinen Appetit; tcnkli^uiü tr »et Amah^ ^ 
den kann ich nicht riocben. ausstehen (([»Jr dir ist Dat. etliic), 
statt iiiiaka in diesem Fall auch f^rputs-); 3 kwalt (mhd. getrau} 
Gewalt, eine Menge (wie mhd. kraft, „ei« michpl ktaft tltr 
recken"): daneben <i loDiit = Last; <li-er hat J loost, <* kwaU aost j 



Die Mundart des Dorfs Waclibach 41 

= viel Sacli, ist reich); angst o pang angst und bang, tgg w£rts 
aam hants angst o pang da wird es einem ganz angst (Adj. 
zum und vom Subst. Angst ma. engst) und bang; hialdfal 
Knall und Fall, urplötzlich ; ant (mhd. ande = Leid, Weh) in 
den Redensarten: s tudt mr atvr sgu ant naxm ich sehne mich 
so sehr nach ihm; ich vermisse ihn so sehr; naxtem tudt mrs 
aa net ant nach dem sehne ich mich (auch) nicht; aa^Jiantl 
ein Handel, einerlei, gleichgültig, tcs is mr aa net aa**hanÜ 
das ist mir (auch) nicht einerlei; gn'*icant<) (mhd. anwandi^ neben 
pu**w€ntr Endstück eines Ackers; gii**%cant9, gu^tventr halo dieses 
Stück hacken, weil es nicht tsak9rt geackert werden kann; 
dann auch ^Ende** überhaupt tnn ml i so on gu'*nanto ngu*^ 
nuix9 dem will, werde ich schon ein, Ende machen; anteni, 
auch gu"tem (mhd. andern) beinahe, bald, s irfrt iets antetn tsarn» 
laitd es wird jetzt gleich zusammenläuten (um in die Kirche 
zu gehen); ivan (mhd. wanne) wenn; xca^ü iets tes ting net 
plai(iv9) lest IriicM t^ scnstl sleic wenn du jetzt das Ding nicht 
sein lässt, bekommst du „deine schönsten Schläge** ; tan (mhd. 
danne) denn; ivoos hatrn tan was hat er denn, was fehlt ihm 
denn? 

§ 4. Im Falle der Verlängerung wird mhd. a zu dem 
für das Fränkische karakterfstischen o-Laut getrübt. Im Unter- 
schied von dem aus ä entstandenen offenen g ist dieses ge- 
schlossen; offen nur vor r und sonst nur in ganz verschwin- 
denden, von auswärts gekommenen Beispielen. Da der Schwabe 
nur gg < mhd. d kennt, so spricht er dieses, will er den Franken 
nachmachen, auch für mhd. a. Gerade umgekehrt sind die 
Verhältnisse in Tb., indem hier mhd. a zu gg, ä zu oo sich 
wandelt. 

sooxJ (mhd. sagen) sagen; trooxd (mhd. tragen) tragen; 
kroos (mhd. gras) Gras, aftrkroos der dritte Grasschnitt; 1doo§ 
(mhd. glas) Glas ; ^wart^mooxd (mhd. stvaHe, mage) Schwarten- 
magen; slooxif (mhd. slahen) schlagen, dn oohslooxdfi9r ein Ab- 
geschlagener, Durchtriebener; hooivlng (mhd. hahunge) Halt, 
Kraft in den Gliedern; ii hop Icho Iwotving in nmi ggr')m ich 
habe keine Kraft in meinem Arm; toox, 1. (mhd. tac) Tag, 
2. {mhd. daeh) Dach; hooU (mhd. Äa/5) Hals; nooxt {\\\\\A, naht) 
Nacht; in Zusammensetzungen: foosonaxt Fastnacht: kotnaxt 
gute Nacht I pioofs der im Frankenland so beliebte, besonders 
an tr khevru'<f Kirchweih viel verzehrte, dünne Kuchen (nach 



4a 



DiclKfl 



Hig. g 52* 4 mit tnlul. i/latieti durcliselilagen, zueämniennl 
a. auch Fischer, VVb. I 1178 unter „PJatz"). s phjof (mhd. hhit) 
das Blatt, die Zeitung; footJ (mhd. va<ien) Fadem .inooirl (inlid. 
SHobel) Schnabel ; .iotin (mhd. schal) Schale, aar-sool'f Eierschaifii. 
9 Soots mite eine Schale Milch; trooS-/ (mhd. tcase) Waseti. Hasen. 

§ 5. lu KUnzelsau (Bauer S. 375) scheint für inhd. h 
auch offener p-Laut zu stehen; ebenso gibt auch die Mergtli. 
0/Ä, B. S. 139 irpps, hggs-t Gras, Haae an. In W'achbach er- 
scheint nur vor r oifenes pp. 

fo^r^ (mhd. vam) fahren; ggrs (mhd. ars) podes: hltggiM 
(mhd. karst) Karst; pg^ti (mhd, hart) Bart; i'ppr^ (mhd. hnru) 
Barn; sirg^iis (mhd. sicars) schwarz; kggr (mhd. f/ar) gar. 

^iVHur^m Schwärm (wie Tb.) wird immer seltener. Hig. 
§ 'J47, 2 erklärt uu aus pp < « infolge Einwirkung des «■ 
wie in icuu (rahd. iran) wo, 

Jt 6. In einzelnen Wörtern hat sich für iio alte Kürze a 
erhalten. Dieselben sind zum Teil bereits g 1 angeführt ; es 
handelt sich dabei um nicht recht mundartliclie Begriffe. 
Kürze mit Qualitätsvei-itnderung des a zu o, wofür die Tb. 
Ma. zahlreiche Beispiele bietet, ist im gießen ganzen unserer 
Ma. fremd. Nur wenige, aus der Unbetontheit im Satze leicht 
erklärbare. o-Formen kommen vor. 

oni (nihö. ankiti) dorthin; besonders geni gebraucht kiisj 
tmi, max fast oni Ihitm&t mache vorwärts, beeile dich; tn«* 
oani wohin? hhoni neben Ich^uni kann ich, hs Idioni net aa no 
tu.i(M) das kann ich nicht auch noch tun. hhd gehabt (ans 
mhd. md. (jelixä), iriri- net vil hat h)wt häufig gebrauchte 
Redewendung, wenn jemand etwas Dargebotenes ausschlägt; 
du-9ri alheni, sai nd s.' ohcä^ri (aus ahd. ahurnri mlid. altvanv) ; 
Jisort gesagt. 

Dann steht noch o in den mit -bacli (ma. Mo.r) zusammen- 
gesetzten Ortsnamen: ivaxpor, iiiuäi'ox, ajf/ Ipar, h(ilop().r,hiut.)pox, 
rl^pox Waclibach, Stiippach, Apfelbach, Hollenbach, Lauden- 
bach, Riedbach. 

Mit ursprünglichem o hat sich o <^ mlid. a zu gn ge- 
wandelt in vgiixl (mbd, naffi^) Nagel (vielleicht aus der Ver- 
bindung hgitmrr lind ngiixf). Für eine bindende Schluss- 
folgerung hinsichtlich der Zeitfolge der Lanterschelnungen 
mag dieses isolierte Beispiel nicht hinreichend sein. 



1 



Die 



i U.>rfh Wa.hlM.li 



43 



§ 7. Diesfr gedehnte oo-Laut wird wie urspriingliclies o 
vor Nasal zu pii. Wir haben denigoiiiäü vor n selir aUf 
Vokaländeruiig des « y o. Tb, bietet oo, 

fi^am^r Cmhd. hanwr) Hammer; Uigunip (mhd. hamp) 
Kamm: tspu" (inbd. ^an) Zahn; nipii" (mhd. ma«) Mann; Sf»(M/ 
(liibd. sant) Sand; ir^ii»/ (nibd. »raiiO Wand: neben trnit, ge- 
rade wie zu hgiitit (inbd. huiit), Hand die aus den ubliquen 
Kasu» (mild. Uen. Dat. ^ Itpnilr) stammende Nebenform heut 
existiert, k^itns (mhd. gansl Gans; ^icgunts (mhd. siram) 
Sebwanz; ipiinfs (mhd. taru) Tanz; Hrgimgk (mhd. .'/rdne) 
Strang: kM^uiuji (nilid. ijcstunc] Gestank; Igungk (mbd. i««cl 
laug: krgungli (mbd. l.-i-unc) krank: pQitngk (mhd. bfinc) Bank, 
neben }>eitffi; klipn" (mhd. tu«) kann; »pW, Hp«" heran, hin(an). 
n((>»jJ (mild, cow, riiiiif) Rahmen; nustty (mlid, »«»«) 
Namen, uehmeu die Entwicklung von no, müBsen folglieli sehr 
früh gedehnt worden sein. Doppelfornien existieren für Fidine 
(mhd. i-(iiiC): /ii-'it-' und fgiiw. 

Mhd. r 1» ITjnlHilt). 

§ H. Im allgemeinen hält nni^ere Ma. die beiden mbd. 
*^Laute. das germanische r und das Umlants-e des 8. Jahr- 
hunderts acbaif auseinander und bietet so oft — ich erinnere 
All ma. l-mcl für t'reglingen, von Crago: Sffil^ filr -ßtetteii 
in Niedei-stetten , vom ahd. stat — eine nicht zu unter- 
schätzende Handhalio zur Erschließung ursprünglicher Formen. 
Dos primäre, in ahd. Zeit entstandene Umlauts-e erscheint 
bei erhaltener Kürze als geschloBsenes c, mit Nasalierung vor 
Nasalen. I)a.s Hd. schreibt dafür inkonsequenterweise bald 
e, bald ii, letzteres namentlich, wenn verwandte Formen des- 
Belben Wort** mit a gegenilberstebeii, 

pel- (mhd. l'T'ckc) Bäcker, j pehat soviel als auf einmal ge- 
backen wird; heM (udid. gt-Me pl. zu gast) Gäste, oft als Schimpf J 
gebraucht trs snn mitm kr-W. soviel als „Lumpen", , Schurken'; 
kUril (mhd. licUf) Kälte Imii is so--i kriminanliu kliflt eine 
grimmige Kälte; j trt't oder wrtint/ (mhd. tnitr) Wetto; tdä 
maxi U Ur^ü ucl zin- Bekräftigung oft gesagt; dir (ahd. dfiro) 
älter, dazu das subst. f'eff das Älter; Ungar, niengM^ (ahd. 
tfiigiro, -isto) länger, am längsten, t Img die Länge: engl (mhd. 
etwjeli Engel; kheii^ (mhd. kennen) kennen; ppt (mhd. bette) 
Bett; trek (mhd. tceeke) Weck; jKllr (ahd. Mdiro) bälder; .ielfa , 



44 Dietzel 

(mhd. schelve) Baumrinde; epiiro selp Haut der Kartoffeln; 
pf^ngJc (mhd. benke pl. Nom. Gen. Akk., sing.: Gen. Dat.) 1. Bank 
2. Bänke, Nebenform zu 2)g\mgh; ebenso neiit Wand (neben 
wgunt) A^*;?/ Hand, Adiznlmisi Handschuh (neben hgunt); beide 
auch pl., krengk (mhd. krmke Schwäche, der dünnste, schwächste 
Teil des Körpers, zu kranc schmal, schwach). Fluchwort in 
f9rek ttn(f) kriic ti krengk! mes^i' (mhd. inezzcr) Messer; stek» 
(mhd. stecken) stecken; tgg hasisn atv^r ksfekt da hast du's 
jetzt! enfry (mhd. enk-) Ente; tengle (mhd. tengeln) dengeln; 
fengke (mhd. denken) denken; kelts (mhd. gelte) Gelte; hefU 
(mhd. heften) heften; le/l (mhd. leffel) Löffel; esi(cj (mhd. ezzich) 
Essig: stelo fmhd. stellen) stellen; engst (aus den alten Cas. obl. 
des subst. angust, angesl) Angst, engst(lji ängstlich; epfl (aus 
dem Plur. epfili) Apfel; nelo (mhd. wellen) wollen (Paul § 43, 
2); necti vergangene Nacht; Mt hält, hei st hältst (ahd. heltit, 
hdtis) (nicht mit l wie Tb. Hlg. § 51, 2), spretsi^ (mhd. 
spreizen) spritzen; ivekst 1. (mhd. wecken) weckst, 2. (mhd. 
wehsit, wahsit vgl. Braune § 27 Anm. 2a) wächst; j^'l^^ neben 
pelc pl. zu poolic Balg (ahd. heUji). gWwentdr (neben gu'^want^r 
zu mhd. wenden s. Fischer Wb. 2. 282/83) Anwander; krefti 
(mhd. krvftic) kräftig; lepin\^ (mhd. *lepperen zu mhd. lap) ver- 
schütten, lep^rqec^r. 

Hierher gehören noch verschiedene Wörter, fih* welche 
der Etymologie nach eigentlich r zu erwarten wäre. Vgl. dazu 
Paul § 43 Anm. 3. 

ivelor (mhd. welher) welcher: /e/sv (mhd. velse, vels) Felsen; 
leti (mhd. ledec) ledig; seks (mhd. sehs) sechs, tr sekst d. sechste^ 
aber: sectsecj sectsic (mhd. sehzehon, sehzec) 16, 60; epr (aus 
mhd. et<iw'er) jemand, epos (aus mhd. etewaz) etwas; swestr 
(mhd. swester) Schwester: kestr (mhd. gestern) gestern; tsetl 
(mhd. Zettel) Zettel: (daneben auch tseitl). 

Außerdem steht e in speltr (mhd. sp'clter) abgespaltenes 
Ilolzstück, !^pelt9 spalten; ähnlich in Tb. Hlg. § 55, 4b. Da- 
gegen wieder regelmäßig in W. let'y (mhd. Vette) Tonerde, hiet» 
(mhd. klme) Klette. 

Auf der andern Seite haben e, wiewohl eigentlich e zu 
erwarten wäre, folgende Wörter: telr (mhd. teuer) Teller; ai**fvltl 
(mhd. einceltic) einfaltig; heks (mhd, hecse, ahd. hagzissa) Hexe; 
het')ri (mhd. hederich) Hederich. 

Zweifelhaft ist das ursprüngliche e in Icq) Löwe. 



iJlt Munilait äea liorfs U'n.IibHi lj 45 

§ ft. tiedelitit erhält dieser e-Laut einen i-Nachklang: 
der so entstandene Diplitong ist am besten dem englischen in 
.game'," „say' usw. zu vergleichen. 

IficJ {nilid. Ifgen) legen: Jmtr^ (mlid. liebeii) heben; heitf'' 
uut lekä, 3 khiint /«vi«? Pate werden; reic^ (mhd. reffen) regen, 
rfEf '■'*'■' S' "«' i'eiä si nimi der rührt sich und regt eicli 
nicht mehr; /:eici 1. (mhd. gegiti) gegen, IricJ Icistut entgegen 
gelien: keic^(n)t (mhd. gebende} Gegend, klciiir (tnhd. gleser) 
Gläser: eW (mhd. escl) Esel; kheicl (mhd. kegel} Regel, dazu das 
verh. kkek/J oderA/KaA*; kwe'iM (mhd. jeiroK'n) gewöhnen; jpleitr 
(ahd. Uvth- pl.) Blätter; tseil» (mhd, zehi) zählen, prfseila er- 
zählen; viel gehört wird: 

„i icil fr ep^s f3rtseil-> 
fort tr aJtä peiU 
iriins kli3 (piiro ]mt 
jijjjj hhgu'si khiiani seile." 

triii-i (mhd. denen) dehnen; seinm schämen; sdtiiiii ncf 
schämst du dich nicht y Und als Antwort ist zu hören: „i liop 
mi »m^ nei''^r^ heli.» Hciml awr si is net fgul ttgrts"; &Uict («hd. 
slehU) schlägt: seipt a^gi: ]>cit badet; neicl (ahd. »r>r/i7)) Nägel; 
icejt (zu mbd. icaten) Weed, Pferdeschwemme (Kluge S. 416); 
im// (mhd. iredd) Wedel; mein-' das Vieh beim Ackern treiben: 
eiiri (mhd, /-ben, vgl. Paul § 43 Anm. 3) eben, Ebene (Flur- 
name); einus (mhd, ameise. u. a. s. Kluge S. 12) Ameise; trviel 
trägt: kVirt klagt; jekt jagt; nteiU raalilt; Iretpt gräbt, 

f 10. Das jüngere (mhd,) Umlauts-e ist mit germ. c zu- 
sammengefallen; es ist wie dieses bei erhaltener Kürze offenes 
f, bei Länge geschitissenes et. Dieses Umlauts-p findet sich 
vor manchen Doppelkonaonanten, die in ahd. Zeit noch den 
Umlaut aufgehalten haben; vor Deminutivendungen und in 
Fallen, wo der Umlaut erat später analogiseli entstanden ist, 
(Vgl. Braune § 27, Paul g 40.) 

tuHtrM^ctiiß.Yi&abeiTVl\i.donnersd>likhti>j zu Donnerschlag? 
oder -scMächtig = artig) verflucht, verdummt, dann zur Steige- 
rung /ff'r hut mi So' tuntrUl^äi ftisrrni; imvvü (mhd. smalitec) 
Bchta&ch^Ag-fhn^tismentls; «J'Hijv/iohuniächtig; /rerfi trächtig; 
rtfv/ Nächte; pfc pl. zu poox Bäche; Sfd^ Sächlein; p^h pl. zu 
podk Balg; kli^H-U Kälblein; hhiitir^ (mhd. hdier, haltfr) Kelter 
(auch Flurname). ic{ii (nibd, iirlsrb) welsch, tgp w^i mr kants 



46 



Ümtxvl 



tr^i oder raic^ii (bei groUeni Lärm): u-irMr Wagner: pirii, 
^fsU (zu blass) 1. weilier Fleck auf der Stini des Pferdes 
oder Rindviehs, 2. ein solches Tier mit einem solchen Fleck, 
namentlich eine Knh, 3. Hausclt on flrs^ hooir-t (Fischer Wli. 
Blässe I 1162); /«fwJr Hafner. 

Mit Dehnung: iifecJ pl. zu (roöjv? Wagen; feec pl. zu ftiojc 
Tag; kreeir^ pl. zu kivoiva öraben; Aee/j pl, zu hoop Hafen; 
rtWc pl. zu rooi Had; pleetr (neben jileitr) pl. zu plori. Dem. 
pleetU, j^itle Blatt, A/iw/ic Käfig; Sme^lr schmäler: irii'l<i (mhd. 
icein, ifcihn) wählen; jener (mhd.jrffer) Jäger; bw:-* iHig. Wb. 
S. 18, nihd. tncice) Schilfrohr; pirtir, preist Konipiir. und 
Superlat. zu praat (nihd. Inril) breit; / pcerf, preelh'(i Breite 
(jedoch als Flumanie / prnat): kiceni-, klcctiM Kompar. und 
Superlat. zu kha' klein; hcesr Kompar. zu hiias heill. (Kein 
Umlaut tritt ein wie in Tb. Hlg, § 52, 5 in laatib Deniiii. zu 
laat<n-3 Leiter.) 

^ 11. Altes wie jüngeres Umlaute-e vor *■ ist offen t; ;v-. 
Diphthongierung findet nicht statt (Hlg. g 199 u. a.l. 

}i§rp^ (mhd. Iirrbest) Herbst; prw^ (mhd. nbai) erben: 
rrwäs (mhd, erweis neben areweU) Erbse; rntäl (mhd, erbeil 
neben arheit, arebeif) Arbeit. In diesen beiden wurde der Um- 
laut durch ci hervorgerufen (Paul g 40, 9), eriiil fnihd. nnieT) 
Ärmel; frni pl. zu ppran» Arm; iivthj Wärme; w(mt'f wärmen; 
f^ivo (mild, ciineen) färben; /,>■(■»■' (mhd. ffertceii) gerben; 
}ip-p herb, 

{■^r3 1. (mhd. errtr) Emte, 2. (mhd. rltfr) Ähre; perr (mhd. 
6«) Beer; (pU (mhd. erk) Erle, efrlütaar Erlensteige (Flur- 
name); im^n ernähren; jrfsf^ra (mhd. teren) zehren^ irfi-iv 
(mhd. iveren) wehren, (cpfr im Flurnamen .faitlsktceer Scheitels- 
wöhr; ftrrSt, fifrt (ahd. feris, ferit) fahret, fahrt; hei-r (mhd. 
her) Heei-, s will kirr das wilde Heer. 

Mhd. e. 
^ Vi. Mild. •'■ (altes germ. v) ist bei erhaltener Kili-ze iu 
der Ma. oB'en und von dem geschlossenen Umlauts-'? (aus n) 
^ abgesehen vor r — verschiede». 

k^-> (mhd. gi'-lleii) laut tönen, schreien; %/a, Üj/^, ki-la rufe» 
r die Kinder, weim sie einen Hasen sehen; kgÜ» (mhd. gi'-lfen} 
[igelten, dazu kd gelt, nicht wahr?; f^ (mhd. vi'l) Fell; lliilr 
YimM. kf^hr) Keller: rsJ (nihd. ivint) essen; »jfM« (mhd. nii^keti) 





Uio Miimlnit de» Dorf» U'^icblimh 



melken ; wfÄs'J (mlid. wi'kseln) wechseln, iccf:sl Weclis«!; pfgts3 
(nihd, pfrl^en) pfetzen; m£S (nihil, infsat) Messe; ^»ffo (mhd. 
rinrfh-e) Schnecke; Ait{'pf3 (mhd, snrpfe) Schnepfe; Sgrwo {iiihd. 
scliirlic) Scherbe; leio (mhd. leite) Letten, Tonerde, khls (nihd. 
i-ftW'') Klette; .iflD (mhd. sc/m-Z^c) Schelle, Glocke; /ifZ/J {mhd. 
Ä<V/e») helfen; .■i/fW.w (mhd, sit/fe) Stelze; ^i/r »•■{(" (mlid, /i/J-mcÄ) 
Pfirsich. 

]| 13. Bei Länge erscheint ce (Tb. nO- 
/(W< (mhd. WW) Feld, pl. /;■/(»■; kHl (mhd.;/-//) C.tld; nvct 
(mhd. W7t<) recht; rwfta (nihd. ri'-be) Rebe: «wj (mhd. regen) 
Regen: kleecs [mhd. ffd''gen) gelegen; kleecahait {mW. ißtfieniieU) 
Uelegenbeit; neeid (mhd. ncht^ Nebel; neeicJ (mhd, niben) 
neben; leetca (mhd. Ifhen) leben: ?pe(»' (mhd. /rrfec) Leder; s««J 
I. (mhd. srfle) Säge, 2. (mhd. spj7pw) Segen, 3. (mhd. .wÄe«) sehen; 
iterc (mhd.sft-c)Steg; tvecc (mhd. »wj Weg; kneect (m\\&.hnekt) 
Knecht; peee (mhd. ph-h) Pech; trcek (mhd. rfn^c) Dreck, aber 
<i-fi* {f, dreckig; /rer/' m. subst. zu treffen, /ee« ivili aivr »n 
trafkceui. sl&ct (mhd. s/cA/) schlecht; /eere (mhd. i'i'i;?^) fegen; 
/ kiiuu fiat st bfi-pct. nee.H {xaM.' ni'st) Nest (Paul § 43 Anm.3); 
ttied (mhd. fH('/) Mehl; weecJ (mhd. wi'yen) 1. wegen, 2. wägen, 
3. plur. von irooxä Wagen: ifpeir (mhd, weter) Wetter; wees» 
(mhd. teesen) Wesen; a irer-s^s maiv umständlich sein; lce.iJ 
(mbd. lesen) lesen; krcew^ (mhd. kri-be) Korb, >i kantss krooslreeu-s 
fd. (Verstärkung); Apeeh (mhd, sp'cc) Speck, 

I 14. Vor r tritt Offenheit des Vokals ein: 
tffT» (mhd.i/trMcJ geni; urfrr; (mhd. n-prf) wert; Ami(mhd, 
liert) Herd; h^rt(j) (mhd. lurfe) Herde; khfxr^ (mhd. ^mw) 
Kern; ppric (mhd. hi'rij) Berg: tvfcrik-c (iiilid, tvere, irf'rrh) 
Werg. 

m 15. Bei Niisalierung steht ebenfalls r, rc, 
pmsl (mhd. p'mset, lA'-nsel) Pinsel; iaiuri, tew-Trug (lug) 
(mbd. ärmere) dämmeni, Dämmerung; nem^ (ohne Dehnung 
mhd. tv'nie») nehmen: seuf (nihd. smf) Senf; frow (mhd. fc'nwi, 
Irnc) lehnen. Lohne; preeim (mhd. bri'tne) Bremse. 

Mhd. ;. 

^ Ifi. Mhd. ( ist bei erhaltener Kürze reines * geblieben; 
uiit Naealierung vor Nasal. 

sid (mhd. sickel) Sichel; kils (mhd. Hitie) Hitze: tswiis 
(mhd, gicischeii) zwischen: sHicr Silber; imiis (mhd. smille) 



I 

A 



48 Dietzel 

Schmiede; sik<f schicken, krip gegriffen, Av?/i/'d geschliffen; pis^ 
(mhd. bijize) Bissen; uhif^ (mhd. winde) Winde; .^intl (mhd. 
schindcl) Schindel; Uhigd (mhd. Ich'nge) Klinge, Schlucht; äpin9 
(mhd. spinnen) spinnen, dann: überspannt sein ; rin9 (nihd. rinne) 
Rinne; priny^ (mhd. bringen) bringen) Tb. Hlg. § 212, 1 hat ^). 
Zu a geschwächt wurde ? in: 9no ihnen ii pin pai 9n9 
Jcwee ich bin bei ihnen gewesen. 

^ 17. Gedehnt ist ii etwas geschlossener als das kurze /. 

Miitrf (mhd. slite) Schlitten; Miits (mhd. sUjs:) Schlitz, Riss 
im Kleide; tiila (mhd. dil, dille) Diele,' dickes Brett; wiiii9 
(mhd. u'isc) Wiese; siip (mhd. sip) Sieb, siitvd (mhd. sihen) 
sieben; friis (mhd. vrisch) frisch (nur prädikativ tii milc is 
friis: aber: 9 fri,^i,milc); tiis (mhd. fisch) Tisch; psiis (mhd. 
beschis) Betrug; psiis Ichiimt tifn fiis Betrug wird offenkundig; 
fsiil (mhd. zil) Ziel; fniisf (mhd. mist) Mist, ohev ausmi§t9 aus- 
misten; kiift (mhd. gift) Gift; hiiff sais^ recht erzürnt sein, 
lifti zornig, böse; miif (mhd. mit) mit; aber 7nit (mhd. mitte) 
Mitte; smiit (mhd. smif) Schmied, aber sniita Schmiede; triit 
(mhd. frit) Tritt: hiict (mhd. f//W) Gicht; wiis (mhd. wisch) 
Wisch; sfriic (mhd. strich) Strich, Versteigerung hgults striic; 
striik (mhd. sfWr) Strick; striid (mhd. stn'gel) Striegel: Jckiis 
(mhd. A-is) Kies; ;>r/i^ Brett (aus dem ahd. britir pl. wie epfl): 
iinu^s (mhd. imbi£) Imbiss, Vesperzeit ali iim^s zu jeder Vesper- 
zeit; wiint (mhd. wint) Wind; Ihlint (mhd. Mnt) Kind; khiiti^ 
Kinn; ä//w?/ (mhd. himel) Himmel; y>//7?/^ (mhd. blint) blind; 
pliintslaaxa Blindschleiche; .s7/;^c? Schiene: piini)l> Philippine. 

Bei folgenden Wörtern unterbleibt die Dehnung; 

rit Kitt: smis (mhd. sniiz) Schmiss: ]}iU (mhd. biUf bilde) 
Bild; rint (mhd. n;?/) Rind; Z*/r^;^s/ Gewinst; srift {mhd, sehn ft) 
Schrift; ring (mhd. W^?c) Ring; //w// (mhd. dinc) Ding; ^5/>?,s' 
(mhd. zins) Zins; 67;;?,9 (mhd. siw?^, simez) Sims; Z'nn/ (mhd. 
(/WwO Grind: Ihitl (mhd. Zv7<?/) Kittel; ksict Gesicht; krict Ge- 
richt; kwict Gewicht. 

§ 18. ir verwandelt sich häufig in p- (wie ur in pr), 
aber nur bei erhaltener Kürze, während bei Länge ii bleibt 
(individuell ist hie und da vor r dann ein flüchtiges ^ wahr- 
zunehmen). 

wiirt (mhd. wirf) und iveii Wirt; 7/frs (mhd. hirz) Hirsch, 
hrrs^wert Hirschwirt; kherwo (mhd. kirlfCj kirwe = kirchwihe) 
Kirch weihe: kherc {mhd. kirche) Kirche (übrigens nur evange- 



Die Mundart des Dorfs WacLbach 49 

lischerseits so gebraucht, die Katholiken sagen khirc)^ naikhp'Cd 
Pfari-dorf Neunkirchen; kser (nihd. gcschirre) Geschirr; t kail 
^i^kserJ die Pferde anschirren; tvcH wird; fermo Grmen; kens- 
h^rt Qänsehirte; erti irden; nenn (nihd. scirm neben sc'erm) 
Schirm; gufos^rm Ofenschirm; /i>r£T^ verirren, fdrwero ver- 
wiiTen; kiv^r Gewirr; wertspurc (mhd. Wirjs:burc) Würzburg. 
Dagegen: sfiir9 {stii9r^) {mXA. stirne) Stirne; hii(^))'d (mhd. 
Jiinir) Hirn; mii(<f)r mir; a'ii(9)rmig Wirsing. 

Mhd. u. 

§ 19. Mhd. u hat bei erhaltener Kürze seinen reinen «- 
Laut — auch vor Nasal — beibehalten. 

stuts9 (mhd. stutzen) stutzen; kurcl (mhd. yurgel) Gurgel; 
^idts (vom mhd. schultlmze) Schultheiß (daneben das hebräische 
.^guf4); tungko (mhd. tunken) eintauchen, tumjkoll maxo das 
Brot zum Eintauchen in den Kaifee zurechtschneiden ; fanyhf 
im\\^. funke) Funken; A-.s7?m(/to gestunken; huml (ivihdL, hummel) 
Hummel; hiäsl (mhd. hutzel) Hutzel; piäso Kerngehäuse im 
Obst: // waas wuu tr putsd st^kt oder auch = ivim t khats im 
Jifia lait ich weiß was schuld ist; prpfuH9 verpfuschen; prtus^ 
vertuschen; ,^upc, snvpp (mh. snupfeu) schnupfen; Mupp (mhd. 
^ttijtfen) Stupfen, stoßen. 

Zahlreich sind die Fälle, wo ma. u einem schriftdeutschen 
-o gegenübersteht. Das Mhd. hatte hier zürn Teil Doppelformen 
mit und u. 

tunt9rB (mhd. donren, dunren) donnern, tuntncctr, tiintr- 
l'hail Fluch werte ; tuntrsti Donnerstag; klmpl (mhd. koppcl., kuppel) 
Koppel, khupliif'9 kopulieren; truki (mhd. trucken, trocken) 
trocken; sun9 (mhd. siinne) Sonne, sun9plu9ni^ Sonnenblume, 
sundwirm Löwenzahn; lud^fraa Frau Holle; sunti (mhd. sun- 
tac, sunnentac) Sonntag; stimr (mhd. sumer) Sommer; sumrhani 
24. Juni; suida (mhd, sde) Sohle, cum f^rsuuld einen durch- 
hauen; sunU (mhd. sunst) sonst, tnno sudst umsonst; ungkl 
Onkel; ämu" (mhd. sim) Sohn; tvux^ (mhd. ivoche) Woche; tuusd 
(aus ndd. dose) Dose; khumo kommen, knumd genommen und 
viele andere Parte. Perf. 

§ 20. Gelängtes u hat etwas geschlossenere Qualität als 
das kurze mehr offenere, ausgenommen vor r. 

pufA^ (mhd. husch) Busch; luuft m, (mhd. luft) Luft; tuufo 
(Tb. dyd9 Hlg. § 166) auf einem Hörn blasen ; ^rM2^;z; (mhd. hruch) 

Alemannia N. F. 9, 1. 4 



bielit 



Bruch: juut (n\hd.ju<iel Jude; (tiuk (mhd. tue} Tücke, aani i 
tuak ipiib; pmUt l)emm. 2niutäl> kleines Fiäschchen (Fischer 
Wb. I, 1505); truux.) {mhd. tnthe) Kiste; huuiit (mhd. hunt} 
Hund; pfuatil (mhd. pftint) Pfund ; ksuunt (mlid. ijesiitit) gesund. 

Zahlreich sind die Fälle, wo Dehnung unterblieben ist. 
Da bei m — ähnlich wie bei t — mit der Verlängerung kein 
Qualitätsunterschied gegenüber dem Nhd. eingetreten ist. so 
konnte eine Anlehnung an die Schriftsprache um so eher statt- 
finden und findet auch immer mehr, bei der jüngeren Gene- 
ration namentlich, statt. 

Aus (mhd. schuz) Schuas: suis (mhd. schus) Schutz: .«uf 
(mhJ. srhiif, sehut) Schutt; Vlnäl (mhd. kutel) Gedärm; SMit 
(mhd. s"AO Sucht, Seuche; /-rf«// Geduld; IhmiM^n'a&i', jtnt^t 
Brust; jitwff jung; tnim (mhd. rfn»») Stück, Teil, s längs tnim 
ein großer Mensch: strumpf Strumpf: .ipnmfi Sprung; tt'uiigk 
Trunk: stumpf stumpf; krnm krumm; fulx-A Fuchs: purr Biirg: 
flirr. Furche: pimt bunt und Bund; AtiU Schuld. 

§ 21. itr wandelt. sich bei erhaltener Kürze zu or (wie 
ir zu f-r). 

l-^ii (mhd, i/urt) Gurt; /jprs Bursche, üemin. ptrSlf; pgrU 
pl. Scherz, Possen (ital. itMc/f, Fischer Wb. I, 1544. littrlr); 
pprlsU pnrzeln, kopfüber nach vorn fallen, dazu ppiislpaam-r 
Burzelbaum; frnughf^rt Frankfurt; t^rUi durstig, zu tunvit 
Durst; irgrtd (mhd. warsi^) Wurzel; irgrfAaufl Wuifschaufel 
(mit auch bei Luther); Idigrts (mhd. hure) kurz; tgnis turnen; 
tgrntauu'it(lu)ieUübe)1üvie\\9M)i&', ^«pr^ (mhd. «»urrcji) schnurren, 
sausen; gril Ursula; hgrti (mhd. huiirc) hurtig; tgicU taumeln, 
unsicher, schwankend gehen (,zn alt Ti-d- Taumel. Fischer 
Wb. II 278 torkle"; übrigens nicht Indh wie die 0/A. B. M. 
176 angibt): tgrttUJ turmein. 

Mhd. ü. 
$ 22. Wie infolge nachlässigerer Aussprache ü zu e ge- 
worden, so ist auch mhd, ii, der Umlaut vou m, durchweg zu 
( entrundet, Die gerundete Aussprache von ü sowol als von 
ö ist der Ma, so unbekannt, dasa es langer Übung bedarf, um 
diese Laute im Schriftdeutechen oder in fremden Sprachen 
richtig zu sprechen. Tb. hat auch hier Kundung. Vor Nasal 
steht nasaliertes i. 



I 




Die MiiiiJail des Duifs Wuclihaüli 



51 



sUl^ (mild. seliiilMn) schütteln, einen diirchhaueii : trin^s 
Cmhd. imasc/ieu) wünschen; pinU, phit^b (nihd. hiindel) Bündel; 
sits (mhd. schüUe) Schütze, f(fUi(s Flurhüter: mihr (mhd. mül- 
M«-) Müller; Mikb (mhd. stückclin) Stilcktein; )iiks-i (mhd. hühse) 
Badise, pilci-trmitsJ Schulranzen; frirtt^ Früeiitehen. a snuars 
frirtlatees! ;!(Wr«/i/'Strümpfe: /A/Hs/sJKünzelsau (StadtJ: tipfsh 
(mhd. tüpfilin) Pünktchen. Wo tijifib kein Jota. 

g i'i, Uiiigelaiitete und nicht umgelautete Formen gingen 
mhd. vielfach neben einander her. Für die umgelauteten 
Formen, die besonders dem fräiikiach-md. eignen, hat sich 
meistens die Schnftsprache entschieden, ebenso die Ma. Doch 
herrschen vielfach Doppelformen, manchmal steht ma. i (mhd. 
m), wo hd. u und umgekehrt, 

tsirili, ts^nii zurück! Wäj, rwA» rücken, »■«/• (rik) j^iJs/j.' 

Statt des subat. Kücken ist allgemein puH gebräuchlich; 
khulsl^, WUsls kitzeln; utuk^ (mhd. mucke, miicke) Mücke, 
Fliege; A-(ßJ Gulden; silti schuldig; trika drucken; msi/f/) Un- 
schlitt, inisstiitst umsonst sind seltener in W.; häufiger in 
andern Orten, so in Lßffelstelzen, wie auch dort häutiger Hm 
Btatt mm herum gehflrt wird. Tb. (HIg. g 220) bietet als 
weitere Beispiele für den Umlaut noch fflytup (mhd. "gdümpfi) 
Kollektiv zu Lumpen, W. klump; kht/nfdsjt (mhd. kihiifsjt) 
komnKsjt (auch schon in Hengershausen, 1 Stunde von hier 
gebräuchlich), W. khumiit. 

% '24. Auch dieses sekundäre i wird wie ursprüngliches 
vor r zu offenem _c gebrochen. Die Entlabialisiertmg ist also 
froher eingetreten als die Brechung, nicht so in Tb., woi-fr 
offene» p ergibt, m + r aber einen mehr gerundeten Mischlaut 
(a. Hlg.'g 202, 5a und § 204. Sa). 

tcertspiM (von mhd, ivürze) der an Maria Himmelfahrt 
geweihte KräuterstrauU : hcpis Gewürze; wf^rfi (mhd. icürfel) 
Wflrfel in irp'/ltsukr: fiisrmj erzürnen; f^rdtsinut^ DUrren- 
zimment; üy (mhd. dürre) dürr; hitun tera Dürre (Flurnamen); 
fffj (mhd. dürfen) dürfen; fpref^ (mhd. wVr/i(e«) fürchten, fp-ct- 
kliats für Hasenfuli: H»jrts(.i)r kürzer, kherls Kürze in sjhojj 
hh^rts in so einer Kürze, so bald; jifWs (zu mhd, schüreen 
abkürzen) Schurz: /rrc/safo Demin. zu Wurzel: Irivgrcs erwürgen: 
<» WfrmU Demin. zu Wurm ; p^rile bürsten, dann in der Be- 
deatung saufen, mufa wH •> ppSt^pinlr; irfrM Würste; ffrM 
Fürst; iti^rtfrj (mhd. nfürzen) stürzen, das erste Äckern nach 



n nach J 

m 



52 Dietzel 

der Ernte; pnis»!^ zu Bürzel; das Demin. bedeutet ein kleines 
krüppeliges Huhn. 

Mhd. 0. 

§ 25. Mhd. hat seinen geschlossenen Laut beibehalten, 
wenn es kurz geblieben ist. 

tol'^ (mhd. toJce) Puppe, khogrotoMo Kornblumen; kkofs^ 
(mhd. Jcotzai) sieh erbrechen; slotorJ (mhd. slotiern) schlottei^n 
i tsitr un(f) Motr wii ^n espls l-aaivori wie Espenlaub; sokh 
(mhd. schocken)^ sotU^ notU schütteln, rütteln hoH nai" tsod^ 
muss dei jenige Pate, der das Kind, wenn es während der Taufe 
weint, auf den Armen wiegt, um es zu beruhigen; Tcnoxi^ (mhd. 
hiochen) Knochen tantrshiox starkes Schimpfwort; W/, lot9 
Abkürzung für Charlotte; molol^ (zu mhd. mocl:r „Zuchtsau") 
Kuh, in der Kindersprache, mold einer der nicht viel redet 
und dumm dreinschaut; hopp 1. hüpfen, (njlid. Impfen)^ 2. Hopfen 
hopfo tsopfo — Hopfen zu(o)pfen; trofd getroffen; prox^ ge- 
brochen; frt^rol'O erschrocken: l'siox9 gestochen; l'^osi> ge- 
schossen; HuwU geschwollen; Isopß gesoffen, frsof^ ertrunken, 
psop besoffen; kos^ gegossen. 

Sehr selten sind natürlich infolge der Erhaltung des 
germ. ti in dieser Stellung die Beispiele für nasaliertes o. 

fo*" m^n fair von meinem Vater. 

§ 26. Vor folgendem r steht durchweg offener p-Laut. 

pgrcB (mhd. horcjen) borgen: pgrt<f (mhd. hode) Borte; 
pgrMo (mhd. horste) Borste(n); mgrc) (mhd. morynt) Morgen kot9 
wgn9 guten Morgen; ivgrco (mhd. md. irorgni) würgen, fncgrc^ 
erwürgen; kslQrw^ gestorben: sgrco (mhd. sorgen) sorgen, ^f^T 
hat aa kmide fs<^ sgrc^ an tSt) wgro) viel durchzumachen; tgrd9 
turkeln. 

In einigen der angeführten Beispielen erscheint nebenher 
auch ein offener r-Laut, was nach Hlg. § 203 in Tb. die Regel 
zu sein scheint. 

s^n'c Sorg, i(i) hop als ser(i)c skcrt hvrisu'i're ich fürchte, 
es geht überzwerch; tercio turkeln; frwere'* erwürgen, ver- 
worgen. 

$ 27. Der gedehnte o-Laut erscheint in der Ma. mit 
einem Nachklang von u. Dieser Diphthong ist zwar nicht 
ganz gleich dem englischen Laut in Jiome^ „hole", wol aber 
ganz ähnlich. Vor allem ist das englische o etwas länger, 
als das ma. 



Die Mundart des Dorfs Waclibach 53 

fgiä (mild, fote) Taufpate; pgiU 1. (mhd. böte) Bote, 2. Par- 
tie, Tour im Spielen (nach Fischer, Wb. I 1323 zubieten); 
pgut9 (mhd. boden) Boden, dann allgemein für , Dachraum", 
Bühne, jigud^Jcart^ Flurnamen ; igiil (mhd. tole) bedeckter Ab- 
zugsgraben; pgitl Pole, Schimpfwort, Qiuntspgul) pgulis, tfer 
niect ^ pgidi^sl'sict vgu" macht ein böses Gesicht; rgiU Pfarr- 
dorf Rot (zu mhd. roden gehörig = gereutetes, gerodetes Land 
M. O./A. B. S. 711); Jiguf (mhd. Ao/*) Hof, arcsh^ip Pfarrdorf 
Archshof en (Hof des Argo M. O./A. B. S. 46 1), itiugshguf 
Üttingshof. hgusJ (mhd. hose) Hose; gupst (mhd. obez) Obst, 
rgiäs (mhd. rotz) Rotz; frantsgus Franzose; Igup Lob, Iginv^ 
loben, sgu Jcot l^up so Gott Lob! tsgiUl (mhd. zotel) drolliger 
Kerl (Hlg. Wb. 19); ^pas<> schlummern, im Halbschlummer vor 
sich hinträumen (Fischer, Wb. H 286/87): pgiUs^mfrtl Pelz- 
niärtel; klgup (mhd. klobe) 1. Kloben, 2. ungehobelter Mensch, 
S, störriges Pfei-d; hguUsldguts Holzklotz; tgn2)f (mhd. iopf) 
Topf, aber topfo Topf, Kreisel spielen. 

Vor Nasal findet sich ebenfalls gu; wgun9 (mhd. wonen) 
wohnen; hguni (mhd. honec) Honig; icgnuing Wohnung. 

§ 28. Vor r steht gg (ohne Diphthongierung). 

tggri^^ (mhd. torsp) Krautstengel (HJg Wb. 18 erklärt die 
Dehnung aus "^torese); pggrhhirc (mhd. borkirclie) „Emporkirche" ; 
pggrBs h2inc\\ (Fischer, Wb. I 1295 unter Po/r): i^pggri> (mhd. 
spor) Sporn; tggro (mhd. dorn) Dorn; ggrt (mhd. ort) Ort; 
fggrBf (mhd. dorf) Dorf; frlggr^f verloren, kfrggr-) gefroren, 
k.^wggri^ geschworen: wggrt (mhd. irort) Wort. 

Mhd. ö. 

§ 29, Den gerundeten o-Umlaut kennt unsere Ma. nicht. 
Er ist durchweg zu e entlabialisiert, das weniger an Kraft 
erfordert als der an Klangfarbe älinliche ö-Laut. Tb. hat ge- 
rundeten Laut. 

Uch Löchlein (Flurname), leer Löcher; s alt slesl^ das alte 
Schlösschen (die frühere Ritterburg, jetzt ein kleines Wäld- 
chen), lieltsn heltsU Hölzer, Hölzlein, s tertUr helish Wäldchen 
bei Dörtel (Weiler); hhepfU Köpfchen: hheci Köchin; pepdi 
(Demin. zu mhd. bolle) Kügelchen, Klümpchon: pes'wy Bö- 
schung; trepfh Tröpfchen, tröpfeln; fectr Töchter; n fremst<> 
am frömmsten; prtl fem. zu Bote; prehüo Demin. zu Brocken; 
he^3id Demin. zu Hose; hetli göttlich: reklo Demin. zu Rock: 



Dfettol 



welklii Demin, zu Wolke; stehU Deniin. zu Stock; pekh Demiii. 
zu Bock; weJflsr Komp. zu wohlfeil, billig, t aWk/teSt.» die Un- 
kosten. 

Der Umlaut unterbleibt zumeist zwecks leichteren Ver- 
ständnisses in der Kinderspraclie wie in Tb. (Hlg. § (iS, 2). 

s /.Ao/i/Wj icasJ das Köpfchen waschen; s rok-)l-> giffsUai 
anziehen. 

Dl 80. Offenes f erscheint vor r, bei Dehnung (■;■. 

i(frf/3 Wörtlein ; khaa" Sf^rtns w^rtU; pnile kleine Borte; 
la^rlä Demin. zu Zorn n-ii si tfp- awr 3 tseiia ai'päl (einbildet): 
h^rll> (Demin. zu mhd. korde) Horde tsum Am/s/ lers um Hutzel 
zu dürren; klicrh Könilein. jntisnaklifrli Bohnen(körnlein); pih 
kleiner Ort; i^rU 1. kleines Tor; 2. Demin. zu Dorn. 

Diphthongierung, die man nach Hlg. § 109 anzunehmen 
vei-sucht sein könnte, findet nicht statt bei Dehnung, so wenig 
wie or zu fH3r diphthongiert. 

)f 31. Abgesehen von der Stellung vor r diphthongiert 
auch dieser entrundete p-Laut wie der «-Umlaut im Dehniings- 
falle zu i'i. 

feivl Vögel, l'viiititeSt Vogelnest; pehld neben lüvU bügeln 
(von einem mhd, ftä^W»), doch regelmäßig yfWai.** Bügeleisen: 
irei/ (mhd. kiSte) Kröte, kreit htmpici, lump^ krp'tt neben peic^- 
ling und fBrvhling in Wachbach meist gebrauchtes Schimpf- 
wort: kreiirr, kreipM Komp. und Sup. zu grob; eifj Öfen; 
t reUr die Einwohner von Rot (genau so wie rpitr Bäder) ; 
t'heif die Höfe, t'fu-ifr die Einwohner der Höfe Reisfeld, Holz- 
hronn, Reckeretal, Neubronn: k/ietiksheifr Bewohner von Kö- 
nigshofen; eil Ol, icaii i meid wenn ich möchte, 

Vrsin'Oiiglkli lange Vokale. 

Unsere Ma. trennt streng die mhd. Längen von den alten 
Kürzen, die ja hd. vielfach zusammengeworfen sind. Sie kennt 
nicht die regelmäßigen Kürzungen der langen Vokale, die in 
Tb. (Hlg, § ItiJO n. f.) vor Doppelkonsonanz und Geminata 
einzutreten pflegen und die auch der Schriftsprache in vielen 
Fällen eignen: mhd, diihle, kh'ifter, jäiiirr, luxen nhd. dachte, 
Klafter, Jammer, lassen. In dieser häutigeren Erhaltung ur- 
I fiprlinglicher Längen verrät die Ma. mehr oberdeutschen als 
L'mitteldeutschen Charakter, da oberdeutsche Ma. weniger 
Lkilnen. 





Dio Mundart di^.t Dorf» Wiii^libiii 



Mhfl. >i. 

)f 32. Wie uiliil. (I (line Verdunipfuny zu no erfuhr, 
auch ü, Awi sich zu offenem pp-Laiit entwickelt liat. Wo die J 
Ma. langes aa besitzt, entspricht dies, von den schriftdeutschea j 
Kindringlingen abgesehen, einem nihd. ri, ou, öii. gp statt ä I 
ist auch BchwäbiBch: dem Hd, ebenfalls nicht ganz fremd; vgl. 
Wahn und Argwohn; warum und wo; Atem und Odem; Docht j 
AUS inhd. tiiltl; Schlot aus släJU. Der ma. p()-L*iiit ist so ziem- 
lich derselbe wie im englischen .all". 

/f)p (mhd. dfi) da; jpp (mhd. jrf) ja, daneben ja nach po- 1 
fiitiven Fragen: ha.itaus udiiana hast du es nicht getan? ^pp"; 
JiiiMwia fu^na? Ja', htg^ßy (mhd. Udfter) Klafter: ig^pa (mhd. 1 
tiipe) verächtlich für Finger; pr^U (mhd. hrdle) Braten; rpp* I 
<inhd. rät) Rat, rg^havA Rathaus; &trggsa (mhd. sfräze) StraÜe; ] 
/■(■pj!/" (mfad-f/rrf/") Graf; jpp/- (mhd. jAr) Jahr, a mggls jggr das [ 
nächste Jahr: Sggf (nthd. srhdf) Schaf; prggjcl (mhd. brdhi) , 
geliracht; wggi/a (mhd. irtiiien] Wappen; ngpx (mhd. julch) nach, ' 
tihs >igg.c J nggx alles nach und nach; pr^ (mhd. hrdche) I 
Brachland : plppii (mhd. hlrise) Blase, savplgpS^ : piggx (mhd. 
pitiffe) Plage: pigglai-'' {mhA. Uätn) Blattern; ggnat (tahA. äl>ei^ i 
Abend, l-oti> n^u-H guten Abend (Gruß vom Mittagessen ab); ] 
vogt imhd. »Af) Naht: wpfrf/ (mhd. vAtlrl) Nadel; /Vppj-e (mhd. \ 
frßfjrti) fragen, neben fr^eca; ^m (mhd. {item) Atem; icppr^ | 
(mhd. «dW«'//) Wahrheit; jrfpp (mhd. W/i) blau; irpj) (mhd. (?»'(*) 1 
grau; Wppic^ (mhd. Wriwe, tW) Klaue. Unterscheide: »100^^ (mhd. 
mtJn) mahlen; mpgli (mhd. miilai) malen; troox (mhd. wagen) I 
Wagen; trg^z (mhd. iviige) Wage: root (mhd. f«0 Bad; rpgl j 
<mhd. rdO Bat. ' 

Für das in der Umgebung gebräuchliche Partie, perf. ' 
tpy.i^/ (mhd. ffedfUii) gedacht ist in Wachbach das neugebildete 
Ifiti/l gebräuclilicli. 

Statt pp haben 00: saloot ijahd. sulät) Salat; ipitod (m\>A. 
spitäl] Spital; moota (mhd. nwO Mahd; .^iörf (mhd. s/rfi) Stahl ; 
Mi'it (mhd. sdi) Saat neben sppf wie Tb. (Hlg. § 71, 1). 

Nach Karte 7 der ,G. d. achw. Ma." (dazu Test 27 I 
S. 30 Anm. 1) ßllt Wachbach in ein Gebiet, wo „für ä öfters oa, 
/*» überliefert ist, ganz allgemein für wo (iriia)'. Auch Hlg. 
$ 69c( gibt für mhd. n „in S(iiden) gewöhnlicli Diphthongie- 
rung" zu w an; prg^te braten, Irgat Draht, spa( Saat, Itgir 



Dietzel 



Hnar. In Waobbach ist dieser Doppellaut viiliig unbekannt ; 
auch wo (mhd. ird} heißt dort stets jtmi. 

§ 33. Zalilifieh sind junge Entlehnungen aus der Schrift- 
sprache mit «rt statt dea mgeirechten pg. 

Imatit fmhd, rfrndih) (iiiade; iphiant (niJtd. splmit) Spinat; 
tuhaato {mhd. >hicütr) Dukaten); hhanaal {mhd. frartii!) Kanal. 
In Tb. (Hlg. S 71} liaben diese Wörter pp statt des zu er- 
wartenden m. Ferner frans (mhd. vriU) Frall: aal (mhd. /!/> 
Aal, al)er in Zusammensetzungen g^ fei {wofür auch .s7i;'/r ff-f) 
sehr fett; filihaiii- Vikar; paapif Papst (Tb. pg^st); Itiax (mhd. 
läge) Lage: Ütraal (mhd. sfräl) Strahl: Staat Staat, Aufwand; 
o haben: /aÄ) (mhd. lasen) lassen; hat (mhd. hiH) hat; l.nipf> 
(mhd. krüpfv) Krapfen; /'t^fjrf {mhd. vrrdäht) Verdacht. 

% 34. Übereinstimmend mit ursprünglichem ü diphthon- 
giert auch dieses vor Nasal zu *w; 

sfwmJ (mhd. süme) Same; u^mH (uihd. Arnät) Ohmet, 
Öhnid; sptby {mhd, spün) Span «n» rf» .■^^w^" iiim-c einem 
Schwierigkeiten beretten; mu^tut {mhd. mänOt} Monat: lumaa^ 
(mhd, ämalit) Ohnmacht; «Jwa (mhd. «jm?) ohne; luans (mhd, 
5ri«n) tun und getan: ju-m^r» jammern, das subst. Jammer 
(mhd. ^'(imo) dagegen ist ungebräuchlich; kmani, besonders in 
hruanüoU't, h'iiäitd^iaU Kramladen und Demin. {mhd. Iriim). 

Mond (luhd. mCme) lautet allgemein muunt (in der 
Kindersprache iiigu" Wann) nie mouiit, wie iu Künzelsau. 
(Bauer S. 382) und wie auch in der M. 0-, A. B. S. U4 an- 
gegeben ist. Fischer {G. A. scb. Ma. § 24 S. 32 Anni. 1> 
vermutet, dass mm {An) in den fränkischen Gegenden jetzt 
Öfters durch das eigentlich altem (In entsprecheude au', oh" 
abgelöst zu werden scimiul; für Wachbach trifft dies nicht 
zu. Eher dürfte hier das umgekehrte der Fall sein; /'«■»(* 
und fguta {mlid. vanf\ Falme; ruam» (mhd. riiiiir) Rahmen; 
titiäiH9 (mhd. naiue) Name, 

Brombeere (mhd. brtmbei) ist jimwpirr- 

Mild. ,r: 

^ 35. Mild. /!■ (Umlaut von A) erscheint als liinger ge- 
schlossener ce-Laut (Tb. hat ff) in: 

Wtcei (mhd. Vtese) Käse; feeU (mhd. raien) fehlen; tscf 
{mhd. emhe) zäh: kneeti in ( kneetic fnm die gnädige Frau (sonst 





Die Mundart des Dorfs Wachbach 57 

Icneetic); iheep (nach Hlg. § 73. mhd. *(jehr('he) ti t'är hrd kheep 
fest, eng. 

sted (mhd. sted^) langsam, gemächlich; Ispreec Gespräch; 
i ied ich täte; i leec9t ich läge; ifrees (mhd. gevrecze) Gefräß 
(verächtlich füi* Mund); Icfces (mhd. gev(eze) Gefäß; nreec (mhd. 
schuege) schräg; seelic (mhd. saiu) selig. Hieher gehört ver- 
mutlich auch eew'h ceivis umgekehi't, besonders von Kleidungs- 
stücken, ter hut s9n huM rewis vf\ s. Fischer, Wb. I S 32 
unter ähich. (mhd. cehech)-, Jcred9 (zu mhd. (jrdt) Gräte. 

§ 36. Vor r steht offenes ee surer (mhd. sivccre) schwer ; 
sefre (mhd. schecre) Schere; Ifer (mhd. leere) leer; Icfmii (mhd. 
gevcerlich) gefährlich, meer (zu mhd. mccre) in den Redens- 
arten: tgg is jo l'ggr niks tr rnf'er da liegt ja gar nichts daran, 
das hat ja gar keine Bedeutung, aa epds tr meer verächtlich: 
hat das auch noch eine Bedeutung! 

§ 37. In einer großen Anzahl von Wörteni findet sich 
für zu erwartendes ee der offene fj'-Laut, möglich dass dies 
„eine Folge bewusster Anlehnung an die daneben stehende 
umlautlose Form" (Hlg. § 74) ist oder dass die Schriftsprache 
hier vorbildlich gewirkt hat. 

r*f^ (mhd. naihv) Nähe; spret (mhd. mpcete) neben ^pggt 
(mhd. späte) spät; seefr Schäfer; freeco neben frggx'f fragen; 
(aus fr§gc^t, fr^gd fragst, fragt, neugebildeter Infinitiv); streesV^j 
Demin. zu str^s Straße; hrelcU 1. Dimin. zu hgglio Häkchen, 
2. häckeln; pr^ei bratet: pleest blast, kred gerät; miH{rtoU 
(mhd. unfeeteßtnj) ein bisschen, in negativen Sätzen gebraucht: 
ieer hat k1u> tnC'teetaU an s9n^ klaatr, = nicht die mindeste 
Unordentlichkeit. 

Mhd. e. 

§ 38. Mhd. e ist in der Ma. von Wachbach außer vor 
Nasal im Gegensatz zu den östlich und südlich angrenzenden 
Gebieten Monophthong geblieben (Karte 10). Während Tb. 
(Hlg. § 76) geschlossenen Laut aufweist, wird in Wachbach 
mhd. e zu offenem fe, 

rfe (mhd. rech) Reh; smf (mhd. snr) Schnee; rerst (mhd. 
erst) erst; fer (mhd. ere) Ehre; wir. (mhd. nur) mehr (daneben 
meentr oder mi^**)^ ee (mhd. h') eher (daneben eeutr): klee (mhd. 
klc) Klee; slf'e (mhd. siehe) Schlehe; see (mhd. se) See; weg 
(mhd. tve) weh, '? weew'tl^ Schmerz in der Kinderspraclie ; tsee 
(mhd. A(^ie) zelie; kheerd (mhd. hren) kehren: Pedr Peter, 



68 



DtetKel 



p^rli (tnhd. piierlm) Petersilie; /tffrfo {Demin. zu mhd. äAt«, 
Äfre) Großvater; cfr l!{et, stfff geht, steht; (';'/^(J (Deniin. zu 
efa) Eva; jy"^ (mhd. i'hdteti) Dienstboten, 

Bezüglich mii-ia» mähen ; /cffw^ drehen ; p^iva bähen ; 
8ecw-> säen: wi'(tr)<> nähen ist zu vgl. Hlg, § 7^ Anm. 5»: 
,Uas ee der Mundart weist darauf hin, dass statt des normalen 
oberdeutschen mhd. rr in diesen Wörtern vielmehr mhd. f 
vorliegt, wulehes das gleiche war, wie mhd. p <; germ. ai.' 

Unrichtig ist jedoch Anm. 5'": .Auf mhd. utawen, dr<F- 
WC» usw. weisen nuriv^ Hrfeiva usw. in den S-Maa." Li 
diesem Falle hätte ja inisere Ma. meetr^ nicht nnric3; es ist 
vielmehr auch hier mhd. e festzuhalten. • 

j( 39. Geschlossenen cc-Laut zeigen folgende wol «icht 
recht mundartliche Wörter: 

fvwi {mhd. ävii-fyj} ewig, besonders liäußg in der Ver- 
bindung eeici tmt iiu l^-ti ewig und meiner Lebtag, t^iT khumt 
aa etivi vnt mn Irli w/; und tpg h^^ts isuu mi a« eeivica triieew» 
du fiehts zu, wie wenn ein Ewiger, Abgeschiedener daneben 
wttre, w (nihd. r) Ehe; stel (mhd. säe) Seele, doch niu" ka- 
tholisch, und zwar wenn vun der menschlichen Seele die R«de 
ist, so gebraucht, sonst, insbesondere protestantischerseits, 
«fr': ' urtivi fltWJ die armen Seelen, doch: mahisr sM. 

Uiezu vgl. Fischer, G, d. schw. Ma. 7. 

fi 40. Vor Nasal tritt diphthongisches ii ein: 

rf/iWi» (mhd. stm) stehen; ki^i^ (mhd. ijrn) gehen; tsu-'i^" 
(mhd. jit'Atfl) zwei (neben tsivmi und tstcmt); wi^ii (mhd. 
Krtwe) wenig (daneben iro);/). 

Mild. ;. 

K 41. Mhd. r — uhd. mit mhd. ei in ei zusammen- 
gefallen — ist zu dem breiten, ftlr den Franken so karak- 
tertstisühen at-Laut diphthongiert worden. 

iraivo (mhd. schriben) schreiben: plai (mhd. bli) Blei; tsait 
(mhd. zH) Zeit, Isaiti (mhd. £itec) zeitig, reif; plaiw^ (mhd. 
bliben) bleiben; fraili (mhd. triliche) freiUcb; fraiti (mhd. vritac) 
Freitag: prai (mhd. ftiii Brei; Snai^ (mhd. snien) schneie»; 
lotet (mhd. }ich[e]) Leiche, Beerdigung; imikHl (mhd. w'ihset) 
WeichseK-Kirsche) ; leaikarss (alt Wicharftsluini) Weikersheim; 
Straiti (mhd. stritec) streitsüchtig; frpai (mhd. ilarhi) dabei: 
kait (mhd. git) gibt; laU (mhd. Ut) liegt; pfaif> (mhd. pfffe) 




Die Mundait drs Dorf, Wm 



59 



Pfeife: Unait^ (mlid. snidi-n) schneiden; imuui (inbd. smUm) 
sirbnieilkn, werfen; kmiiU (nihd. grinen) weinen; haint (nihd, 
hinl) heute nacht; haint hals kSnitit, Jiaini snaits m^x), nie 
aber wie anderwärts und wie auch nihd. „heute"; Aai' (mlid. 
sehin) Schein, Sai''hailic scheinheilig: fui" (mhd, vin) fein; 
iai" (mhd. litt) Lein, 1. lal'eH Leinöl; mai", tai'\ sai" (nihd. 
min, din, sin) mein, dein, sein; unbetont i>i3, h, ss; iirai" (mhd. 
sirin) Schwein, die aus Schweinsleder verfertigte Peitschen- 
achnur. 

Unterscheide r<iaf (mhd. yeif) Reif(en), Ring; luif (mhd. 
i-ife) Keif, gefrorener Tau; wuiit (mhd. ivride) Weide, Putter- 
<plBtz); icaita (mhd. iride) Weide, Baum; saat^ (mhd. seile) 
Saite; saiU (mhd. Site) Seite; laap (mhd. leip) Laib (Brot); 
iaip (mhd. /»*/*) Leib, Köi-per; hat (rahd. /«/) Leid; laita (mhd. 
Jiden) leiden; raas (mhd. reise) Reiao; rais (mhd. ris) Reis; 
_/««/ (mhd. reile) feil; /'mj/j (mhd, uf/c) Feile. 

BIhd. / ist erhalten in rUwaisi (mhd. ribis'-n) Reibeisen 
(ebenso Zw. Ma. g 30, 2). 

3 M?a»'te, 3 ?cut' (mhd. irUe) eine Weile, eine Zeitlang; 
abiraH, cä^ical jetzt (verstärkt irwrfa/JHn?) immer, beständig; 
irol (mhd. idfe) weil; san (mhd. sr») sein, Inf. dann 1. und 
3. Pers, Plural d. Präs. Indik,, mr san, $i san erklären sich 
leicht infolge ihrer lln betontheit. Iahe (nihd. Vtlarlte») Lei- 
lach, wofür Tb. (Hlg. g 50 Inilie) mag durch eine Dissimilation 
des / entstanden sein, ^w für pai (mhd. ht) bei mit dem un- 
bestimmten 3-Laut wie kuU^, maatl-J aus ursprünglichem ijtd- 
div. niaidlh. Vgl, Fisclier, G. d. achw. Ma. 30, 1, S. 37 
,ein solcher Zusammenfall alter und neuer Diphtonge scheint 
in Ostfr. auch sonst gelegentlich stattzufinden, besonders vor 
Nasal: tmi" mein, meist aber wol aus tonloser Stellung. " 

Nhd. iringarfe, (C'njtr/f Weinberg ergab ivai'sii. Meistens 
aber ist dies zu ivirrf, w^ptJ kontrahiert. 

Mhd. H. 

% 42. Ganz mit dem Schriftdeutschen geht unsere Ma., 
Venu sie mhd. h zu au diphthongiert. 

hau§ (mhd. hiis) Haus, aUhmtss Althausen. naiJtuus Neu- 
hana; mauf (mhd. mül) Maul; mi/HN (mhd. miis) Maus; sauft 
(mhd. schufel) Schaufel, auch Flurname; katil (mhd. r/iif) Gaul; 

(mhd. Sil) Sau; saiiirr (mhd. siiber) sauber; saiib (mhd. 




» 



si'U) Säule; naa^r (inhd. siir) Bauer: rniii (tnfad. * 
raux (mhd, riich) rauli; iraiiwa (mhd, schrAbc) Schraube: kraut 
{mhä. krüi) Kraut: laut (nilid. li'd) laut: Slaux (mhd. s/wcA) 
Schlauch : pmM" (mhd, 6»v?h) braun: muw (mhd. scähiw) Schaum; 
taum3 (Dihd. ihhne) Daumen. 

Vor Eintritt der Diphthongierung wareu infolge ihrer 
ünbetontheit bereits gekürzt worden die Adverbien; iif auf, 
ruf herauf, nuf hinauf, tnif darauf, ebenso in den Komposi- 
tionen lifstlsna aufstehen, uf'pas^ aufpassen usw. (Dagegen 
mit (IM./ aus, raus, naus, traus ans, außen, heraus, hinaus, 
draullen, atiskiM^ ausgehen, ausplaiiCJ ausbleiben.) 

tuu (mhd. di'i) du wie hd, jedoch tauts^ (seltener /»»/.w) 
dutzen uud fautsfraini. 

jtijäsf und jatLctS'' (mhd. ^VfcÄc^'nO wie /k?, subst.y(iMj-/«r, 
jiixtsr. 

Mhd. iit. 

)f 43. Die Ma. kennt keinen Unterschied in der Behand- 
lung des altgerni, Diphthongs iu und des Umlauts von ü. 
Beide lauten ui (in Tb. ay). 

hai^r Häuser; tmiH^r pl. zu Maul; faiet (mhd. viuhte) 
feucht; fai^r (mhd. viur) Feuer; tatcla (mhd, diuhte) däuchten, 
dünken, s taid mi es däucht mir (mich); kraifs {mhd. krivse) 
Kreuz: Aaior,) (mhd. schiuri') Scheuer; ^taisr (mhd. stiiire) Steuer; 
Sprai pl. Sprai^ (mhd, spriu) Spreu ; iaits (mhd. ttutsclte) deutsch ; 
tait» (mhd. diiäen) deuten: uic (mhd, iiick) euch, unbetont ic; 
aiar (mhd. iuwer) euer; raits (mhd. rurten) reuten, urbar machen, 
raithaaii-' Haue zum Reuten; »«jj (mhd. riuwett) reuen; lui^rit 
(mhd. Hure) schlechte Ware, insbesondere Getränk; tai/l (mhd. 
tiitvcl) Teufel; fraint (mhd. friuvi) freund, im mhd. Sinne von 
.verwandt'; nai" (mhd. nimi) neun, naini !) Uhr. prafl» 
.Bräunlein", d.h. braunes Pferd ; m*m-> den Acker, Weinberg 
ordnen (Tb. rauni^ HIg. § 233). farsairnJ versäumen. 

Gegenüber dem Scliriftdeutschen sind folgende Wörter 
mit Umlaut hervorzuheben: 

Iraitcl (mhd. trtibe, tnibel) Traube; uiair^r (mhd. martere) 
Maurer; piirprai^r (von mhd. brütcen, briuii-en) Bierbrauer; 
kraissli grausig; tgg kraiSalts aan (mhd. gnlsm. gritise») da 
grausta einen. 




Die Mundart des Dorfs Wachbach 61 

Mhd. 0, 

§ 44. Als recht oflfener pp-Laut wie mhd. ä und a vor r 
erscheint auch mhd. 6, 

Tcrggs (mhd. gröz) groß; ppr (mhd. ör) Ohr; ?pp,s' (mhd. Ws) 
los, frei; Iggs {m\iA,Uz) Los: kliggr (mhd. l:6r) Clior; .sppi>- (mhd. 
schdz) Schoß; /rpp.s/(nihd. /rosO Trost; .sVppSr> (mhd.Ä^fec*/*) stoßen; 
^fogstrguk Trog zum Stoßen. 

2>pps5^ (mhd. Msheit) Bosheit; Mggstr (mlid. klosfer) Kloster; 
Iggt (mhd. ?(>/) Lot; ggstor^ (mhd. osteni) Ostem; Äppx (mhd. 
7if>cÄ)hoch, hggxniwit Hochmut; lyrggt (mhd. brot) Brot; hggxtsic 
(mhd. hochzU) Hochzeit. 

Unterscheide rp()^ (mhd. rot) rot, und Rat (mhd. r(H): rgnf 
Kot (Pfarrdorf von „Rode d. i. gcreutetes, gerodetes Land" 
MO/AB S. 711); rgst (mhd. rast) Rost (zum Braten); rguM 
(mhd. rosO Rost (verrosten); iggt (mhd. W/); /p?<^ (mhd. tote) 
Tote, Pate; wpp^ 1. (mhd. not) Not, 2. (mhd. nät) Naht. 

Früh scheint mhd. 6 in 50 gekürzt worden zu sein, 
denn die ma. Form sgiiy sgu sgu so so! deutet auf mhd. 0. 

tsiam fem. zu tswaa zwei (neben tstvi^**) kann sowol 
auf mhd. zwo als ztvuo zurückgehen. Doch spricht whu wo 
(mhd. ivo < ivä) mehr für mhd. ö. 

§ 45. Wie mhd. v diphthongiert auch o vor Nasalen und 
zwar wie das aus A entstandene gg zu 10, Tb. hat (Hlg. 
§ 229). 

pu^no (mhd. hone) Bohne; tees Jchaaß pr hh^ pu^nc das 
erachte ich für nichts; h0n^ (mhd. schmen) schonen; lu^** (mhd. 
Vm) Lohn; Tcru^no (mhd. Icrone) Krone; fru^n^ (mhd, vronen) 
fronen. 

Infolge seiner Unbetontheit wurde mhd. schmi schon 
zu so» 

Das Bestreben Schriftdeutsch zu reden erzeugt infolge 
des Zusammenfalls von o und ä nicht selten Formen wie 
praat Brot, taaren Dornen. Auch bei andern Lauten kommen 
solche falsche Rückbildungen vor: tantssail Tanzsaal. 

Mhd. ce, 

§ 46. Während mhd. ä und ö durchweg dieselben Ent- 
sprechungen in der Ma. haben, gehen ihre Umlaute aus- 
einander; ce geht mit v — ein Beweis, wie früh die Ent- 



62 Dietzel 

runduiig eingetreten ist — ; wird also ijc. Tb. hat geniiii 
Lmit (ü\g. g 82). 

klifs Klöße; flif {mhd. fh-he) Flölie; kr^^r, ÄTfj-s größer. 
Größe; rf-i^l^ (mhd. rwden) rösten, hri^Hi ?^iir3 gei-östet« 
Kartoffel: Afpe, lie^ (mhd, hwhe) Höhe, lii-fc^r, h§frSt höher, 
höchste; «fpii nötig, hj¥/j nöten; r[;'rJ (mhd, foicp) Köhre; 
rffJto Röslein; irrj'.^f.» (mhd. Ira-sten) trösten, trfeMr TrOstei",- 
p(§H (mhd. hcese) bös; fg? (mhd. u.-äe) öde; .s/fir.* (mhd. 
siteren) stören; ^fjsJr Lose; adf^äs ablösen; khfiic (mhd. ge- 
h(üric) gehörig: isuukhfp-hig Zubehör; tw/jfj-re abhören, ab- 
fragen; l-lreStr Klöster; /ä/jirffjä/a bröseln, prg^^^U Bröselein, 
Brosame; hli^ts^ (mhd. kiiize) Kieze, Korb, HUckenkorb (Kluge 
S. 205); tyftl (mhd. m-id) JWtel. 

Einige niuht eigentlich ma. Wörter haben ähnlich wie 
bei mhd. <: geschlossenes ee. 

fhds Flöte; pket (mhd. hlwdf) blöde. 

^ 47. Vor Nasal steht wie bei mhd. i< der Diphthong ia. 

Äii^ (mhd. schiene) schön, Komp., Sup, Ma'piicl Schön- 
bühl (Weiler); .^etir, n ienM'f; llf' (mhd. leene) Löhne; pi^ala 
Dem. zu Bohne: tin" Töne; kri-mr Kröhner, piam Böhm (Fa- 
miliennamen). 



I und ' 



Ursprüngliche Diphthon 
Mhd. ei. 

% 4K. Mhd. ti laltgerm. ui), das im Bd. geblieben und 
mit mhd. i zusammengefallen ist — geschrieben ei und ni: 
Teil, Mai — ist in unserer Ma. zu langem, hellen «a-Laut 
geworden. 

Ort (mhd. ei) Ei; praut (mhd. brctt) breit, / jwaat die Breite 
(Flurname), sonst pietiing; siraac (mhd. strdch) Streich, oU 
Mntac alle Augenblicke: taac (mhd. /«c) Teig, iaac(k) iti pltt-e 
teigige, weiche Birnen; saahr leicB (mhd. seil) Seiler legen 
beim Fruchtsammei u; Amn {m\iA. schrei) Sclirei; i uaus im\iA. 
weil) ich weiß, tr uaas Weizen; haas^ (mhd. Äfize») heißen, 
im Sinne von schimpfen te^r hat mi /.7«i«sa; das Hd. heiüen 
ist ma: si srniw^ sich schreiben; luitiMcA Eidechse; ance (mhd. 
eich) Eiche, aaMi (mhd. eichel) Eicheln; ja uncis iigprt sein 
eigenes Wort; saat9 (mhd. scheide) Scheide; laatsaal Leitsail; 
laat^-t (mhd. leiter) Leiter; «(atr/j (nilid. sleifen) schleifen, am 



) schielten, am j 



Die Mundart des Dorfs Wachbach ()3 

Boden hinziehen und subst. die Schleife; waat (mhd. weide) 
(Futter-) Weide; Jcraas (mhd. kreiz) Kreis; straaf^ (mhd, streif) 
Streifen; kl<ias (mhd. geleis) Geleise; taal (mhd. teil) Teil; 
siaax Steig, äggf'Maax, li^erstaac Schafsteig, Heersteig (Flur- 
namen); Uaac9pox Staigerbach; tsaa^r Zeiger; ^üaaco bleichen, 
plaac bleich; tswaa (mhd. eicei) zwei, tsicaiurU zweierlei, 
Maa^ (mhd. sleizeii) schleißen, und subst. Schleiße; saafe 
(mhd. seife) Seife; kaaM (mhd. geist) Geist; laat (mhd. leit) 
Leid; kaas (mhd. geiz) Geißj taa**pox Dainbach; staa*" (mhd. 
stein) Stein, part9Ma(i** Bartenstein; raa" (mhd. rein) Rain, tr 
wais raa'* der weiße Rain (Flurname), dann raa" auch „rein**; 
paa** (mhd. 6e?n) Bein: toluiam daheim, t^haam is tyhaam; 
aafn9r (mhd, eimber) Eimer; maaning {mhd. meinimge) Meinung; 
^aa'* (mhd. alein) allein ; aa'*s (mhd. einez) eins, ein Uhr, an'*s 
unt (ui^s is tstvaa; tsaan^ (mhd. zeine) Zaine, geflochtener Korb; 
maa^'sl Meißel, maa^'str Meister, n miia**HtJ am meisten, müssen 
mhd. noch n nach ei gehabt haben; für Meister kommt in 
Wachbacher Urkunden wenigstens fast immer meinster vor oder 
haben wir hier progressive Nasalierung. 

Dieses aus mhd.^ei entstandene aa lautet zu ce um in 
Wöa* klein, Komp., Superl. Iileefi9r, n kleefisfd; praat breit, 
preet^^Tj n preetsto (oder praat^t9) dazu preeting Breite; aber 
laat9rU Dini. zu Leiter, nicht wie Tb. Ifdorlo (Hlg. § 52, 5). 

§ 49. Statt aa liegt öfters ai vor, aber prüft man die 
Wörter genau, so findet man sie meist als hd. Eindringlinge, 
so khais9r Kaiser, haUic heilig; uitor (mhd. eiter) Eiter; auch 
für aat (mhd. eit) Eid hört man jetzt mehr ait. 

Kontraktions-d (aus agi, egi) liegt vor in maat (mhd. 
meit aus magd) Magd; haateks (mhd. egedchsa) Eidechse. 
Unterblieben ist gegenüber dem Schwäbischen die Kontraktion 
in seit oder seiet, trect, treid sagt, tragt. 

Mhd. ou, öu. 

§ 60. Mhd. on — nhd. mit mhd. u in au zusammen- 
gefallen — ist zu demselben langen aa wie mhd. ei mono- 
phthongiert. Da auch sein Umlaut öu — nhd. eu oder äu 
Heu, Gäu — bei diesem aa angelangt ist, so lässt sich durch 
die Ma. nicht ausmachen, wie weit ou und ön anzunehmen ist. 

aa (mhd. auch) auch und „Ei" (mhd. ei); fraa (mhd. 
vrouwe) Frau; aap (mhd. ouicc) Aue (Flurname); siaap (mhd. 



64 Dietzel — Die Mundart des Dorfs Waehbach 

5^0Mj)) Staub; faaf(mhd. taufe) Taufe; raax (mhd. rauch) RsLueh; 
laax9 (mhd. /oiiY/c) Lauge, laax9prftsi> Laugenbretzel; laaf^ (mhd. 
laufen) laufen; rggtlaaf9 Rotlauf; laap, laaiv^n, lamcli (mhd. 
laup) Laub; kha^f^ (mhd. l'oufen) kaufen; haatc9 (mhd. Iwuicm 
hanwe) 1. hauen, 2. Hacke; taaiv9 (mhd. toutcen) tauen, nicht 
jna. ist das subst. Tau; trlaaw^ (mhd. erhüben) erlauben; 
Jclaaj) (mhd. gelauhe) Glaube; Mraaivo (mhd. strauwen, ströuwen), 
streuen, dazu das subst. Mraap Streu; fraaiv9 (mhd. frouwen, 
fröuwen) freuen; traaw^ (mhd. drauwen, dröuweti) drohen; kaa 
(mhd. hoHwe, hötuve) Heu; laa (mhd. gauwe^ gäutve) Gäu, die 
Gegend etwa von Bernsfclden bis Ochsenfurt, koapuntjü nennt 
man die Weiber vom Gäu mit ihrer eigenartigen Tracht; 
fraal'i (mhd. fröuivelin) bedeutet „Großmutter**; paam (mhd. 
hotivi) Baum;- traam (mhd. träum) Traum ; traatn» (mhd. traunwn. 
trimmen) träumen; tsaam (mhd. zäum) Zaum; aiHsaam^ ein- 
zäumen; saam (mhd. säum) Saum: raam (mhd. räum) liahm; 
das i) in der nhd. Form ist nach Kluge S. 308 dialektisch; 
dazu das verb. ooraam^ abrahmen. 

Zu beaclitcn ist der Unterschied taap (mhd. taup) taub, 
tniuro (mhd. tul)e) Taube; Imawo 1. (mhd. Jiouwe) Hacke, Haue; 
2. hauw9 (mhd. hübe) Haube; raax (mhd. rauch) Rauch, raux 
(mhd. riich) rauh. 

Gekürzt wurde aa in hiap (mhd. genauwe) genau; tgg 

hji'ts aa hnap tsu da gehts kümmerlich zu, knaps kaum. 

Moderner Umlaut ist auch hier nicht selten, peetnl^ 

Bäumlein; re<?/' (mhd. rou/^) Raufe ; teic9 (mhd. tugen, Praes. 

taue) taugen, tes teict aa nct fiU das ist nicht viel wert; liffsi 

(mhd. laufest) laufst, hjeft lauft; khefst, klwft kaufst, kauft. 

(Fortsetzung folgt.) 



Einige Ortsneckereien im Markgräflerland. 

Von Jnlius Schmidt. 

In seiner Abhandlung: „Aleinannische Ortsneckereien aus 
Uaden^ * heißt Dr. 0, Haffner den mit dem Leben im einzelnen 
Orte näher Vertrauten auf diesem Gebiete der Volkskunde will- 
kommen; er begrüßt auch das kleinste Scherflein. Solchen 
Willkommgruß möchte der folgende bescheidene Beitrag er- 
widern, das dort Gesagte ergänzend und erweiternd, wenigstens 
für cmige Orte aus dem Amtsbezirk Lörrach. Mein Stoff ist 
geschöpft aus dem, was die Leute selber erzählen von den tlber- 
namen, die ihren eigenen Orten oder der Nachbarschaft an- 
haften, und vor allem aus der „Kurzen Besclireibung über die 
dem hochfürstlichen Haus Baden- Durlacli in der Landgrafschaft 
Sausenberg und Herrsclwft Bötteln befindlicJie lurisdictionalia 
Begaliu, alt und neues Herkommen, im Land und mit der Nach- 
barschaft, sambt eines jeden Orths Beschaffenheit in specie, wie 
solches von Zeit zu Zeit bey Oberampt vorgekommen aus ein- 
gekommenen Berichten und andern actis ich gelesen und ge- 
hört habe. Angefangen Lör'ch den 10. Februar 1731". Deren 
Verfasser ist der damalige Landvogt Ernst Friedrich von Letärum 
in Rötteln, der sein Werk aus Dankbarkeit seinem Herrn, dem 
Markgrafen Karl, dem Gründer von Karlsruhe, gewidmet hat. 
Nicht weniger wie acht Foliobände umfasst dies interessante 
Manuskript, welches das Großh. Generallandesarchiv in Karls- 
ruhe im Originale noch aufbewahrt. Zwei Bände davon, I und V, 
habe ich durchgesehen bei der Vorarbeit für die Geschichte 
Dieines derzeitigen Pfarrorts Kirchen am Rhein, Bezirksamt 
Lörrach. Vielleicht kann ich gelegentlich auch die übrigen 
^ Bände nachsehen und dann in dieser Zeitschrift mitteilen, 
^as von Leutrum bei der Beschreibung jedes Orts unter der 

» Alemannia, Neue Folge VIII, Heft 1/2, S. 102. 
Aleoannia N. F. 9, 1. r 



fJH Schmidt 

stets wiederkehrenden Rubrik „Ohnnahmen" weiter verzeichnet. 
Für diesmal genüge das Folgende, das im Band V S. 3002, 
3185, 3320, 3433, 3546 und 3592 über Hinzen, Kirchen, 
Efringen, Fischmgcn, Egringen und Winterstceiler angemerkt 
ist. Dem füge ich alsbald je das noch bei, was ich persönlich 
außerdem bei den Leuten selber in Erfahrung bringen konnte. 

Binzm, „Die Binzener haben den Ohnnahmen von Ihren 
Nachbarn, daß sie Kräften genennet werden, welches wohl daher 
rühren mag, weilen diser orth wegen seiner tiefen Situation 
morastig ist, worinnen sich dise Thierlein gern auflialten." 
Nach Haffner führen die Binzener mit dem andern Markgräfler- 
ort Auggen, im Amtsbezirk MüUheim, den Ehrentitel „Mohmr, 
Bemerkenswert ist der Unterschied iti der Feststellung des 
Übernamens für diesen Ort aus dem Jahre 1893, auf dessen 
Fragebogen Haffner nach S. 88 a. a. 0. fußt, und dem Jahre 
1739, in welchem von Leutrum den fünften Band seines Werks 
geschrieben hat, sicherlich genau orientiert als oberster Beamter 
der damaligen baden-durlachischen oberen Markgrafschaft. Bei 
Umfrage in Binzen brachte ich zwar über die Entstehung jener 
beiden Namen weiter nichts in Erfahrung, doch erklärte man 
mir wegen des ersten von den beiden Spitznamen: Wenn der- 
selbe auch heute nicht mehr gebräuchlich ist, so erinnert daran 
doch noch der Name einer Gasse im Dorf, welche die ^Frösch- 
gass" oder Froschgasse heißt. 

Über Kirchen sagt von Leutrum: „Die Kirchener heißen 
die Nachbarn Grieüpappeutrüger, solle daher entstehen, weilen 
einer in seinem Waydsack einen solchen Brey oder pappen in 
die reeben getragen, zu seiner speiß nach Vollender Arbeit, als 
der aber den Sack visitiret, war er unterwegs ausgeloffen." 
Von diesem Spitznamen weiß hier heutzutage niemand mehr 
etwas. Dagegen ist der andere heute noch geläufige Übername 
nicht weniger interessant, der die Kirchener die „Böhnlisetzer^ 
nennt, wozu die Leute noch selbst die Aufklärung mit den 
Worten geben: „I gang in Halderai go Böhnli setze." Der 
Haldenraiu ist ein Gewann, das, früher zum Viehtrieb benützt 
und mit einigen über 100 verkrüppelten Eichen bestanden, in 
einen Neubruch verwandelt und anno 1760 mit Genehmigung 
des Markgrafen zum größten Teil als Rebberg angelegt wurde, 
während der Rest anderweitig angebaut wurde mit Gemüse, 
auch Bohnen. Noch mit einem dritten Kirchener Übernamen 



[• OrtanLTki'rt 



i M<ii k^iädprlimH 



67 



kann ich aufwarten. Die Kirchener solteiis nicht, immer gern 
faSren, wenn man sie: „t'hilc/iemer Dan" oder „Luri" heißt. 
DSri und Läri aollen gleichbedeutende Ausdrucke sein und das 
teilweise langsame, lehrhafte Reden der Bewohner bezeichnen, 



ra Miil?- Unddasa 
. Kirchen schon be- 
mir zur Erklärung 
n' iV Frau diiret nit, 

Kuriosität darf ich 



das zur Frage herausfordert: „Hest Babbe 
jener Spoltname auch manches Vaterherz i 
kümmert hat, das beweist der Satz, dei 
weiterhin mitgeteilt wurde: „Ich dar' nit 
un' docli däre mine Chinder!" — Doch di 
hier wol nicht übersehen, welche von Leutrura in Band V 
unter den ^onera" von Kirchen so verzeichnet: „Mit dem 
Wucher Vieh bat. Iiiesige Pfarrei auch nichts zu tun, und wäre 
in wünschen, dass die Pfarreien an anderen Orten mit der- 
gleichen auch nicht beschweret wären, dann der Gruß: l{cn' 
pfarrer den miiiii oder Sli&r raus ohnangenehm fallet, und 
mancher Bauer seine Freud darunter hat." 

Erwähnt Hnffner S. S8 die Efriiiyer als die Slichtitiif und 
lässt die Erklärung dafür durchblicken in dem allgemeinen Satz, 
den er vorausschickt: , Neben Hochmut und GroKtuerei werden 
auch manchen Orten Streit.itirht und GrohhrJt nachgesagt", so 
tut dies von I.eutrum zwar auch, aber die andere Begründung 
verniutend: „Die Effringer werden F/scAs^iVWöij/ genennet, eine 
gattung kleiner Fisch, welche dise Inwohner gern essen müssen, 
und solchen stark nachsetzen. ■* Doch scheint ein weiterer 
Efringer Übername Haffner eher recht zu geben, als von Leu- 
txuni, derjenige der „liänkiirutachni-'", zumal wenn dieser Name 
so gedeutet wird, wie dies Haffner S. HG für die Kanderer tut, 
aU (jenossen desselben Ehrennamens, 

Von Leutrum kann aber mit seiner BrklKrung neben die 
Efringer als ähnliche Gourmands stellen die Fischivtfir. Über 
diese schreibt er: .,Die Fischinger werden J-'ischbrüh titiiliret, 
solle daher kommen, weilen sie grolie Liebhaber vom Fisch- 
essen seyen, und üfters auf Markt an Rhein laufen, alda bey 
den Fischern Fisch kauffen und sich zurüsteu lassen, haben 
demnach den Nahmen mit der That," Die Fischinger haben 
Sbrigens auch einen Fisch im Dorfwappen. Von jenem frlihern 
Titel weifl man freilich im heutigen Fischingen und dessen 
Nachbarschaft nichts mehr, um so mehr aber von dem andern 
Spott- und Schildbiirgemamen „Nebellwi iiier" . Ist Haffner nach 
S. 104 die Erklärung dieses Namens unbekannt, so kann 




;en 1 

im I 

ich I 

J 



68 



i^i'limidl 



hier mit einer außerordentlioli interessanten, ja lustigen authen- 
tischen Fischinger Erklärimg dienen. Dieselbe enthält folgende 
Geschichte, die in Fischingen passierte im letzten Jahrzehnt des 
lä. Jahrhunderts, zur Zeit der damaligen Kriegs not, und die mir 
ein ortskundiger Fischinger, der sich auch flir die Geschichte 
seines Orts lehliaft interessiert, so etwa erziihlte: Vogt Weifi 
wird nachts durch ein Geräusch vom Schlafe aufgeschreckt. Er 
steht auf und schaut zum Fenster raus. Selber etwas benebelt 
sieht er Nebel draußen, aber auch in der Ferne, in den Gärten. 
unbekannte Gestalten. Das sind ganz gewiss Franzosen oder 
Marodeure, so denkt er. Alsbald schickt er zum Wächter, das 
Dorf zu alarmieren, aber ganz in der Stille, dass der Feind 
nicht ungestraft entweicht. Das Aufgebot ist beisammen; jetzt 
rücken sie vor, dem „Forster", der zu sachkundiger lieitnng 
besonders hfirbe ige rufen, ist das Kommando übertragen. Als 
sieden Feind angeschlichen, erbietet sich der Wächter, allein 
als Patrouille vorzugehn, zuvor aber befiehlt er sein Weib und 
seine Kinder dem Schutz und der Fürsorge des Dorfs, falls er 
nicht wiederkehren sollte. Dem Wächter am Ziel pocht das 
Hern, Doch, o Schrecken und Staunen, was ist das für ein 
Feind? Hanfstengelbündel siud's ja nur! Schneller, als er ge- 
kommen, ist er zurück bei den Mutigen, er klärt die Täuschung 
auf, und alle, besonders der für das Heil seines Dorfs ver- 
antwortliche Vogt, ziehen, um eine schwere Sorgenlast leichter, 
löblich heim. Keinen blutigen Kampf hatten sie zu bestehen 
brauchen, freilich konnten sie so auch keine SiegesIropbBe heim- 
bringen! Und doch eine kam nach, aber eine recht unerwünschte! 
Die Fischinger bekamen von ihren Nachbarn ob dieser Heldentat 
den Spitznamen Nebelheimer. Seitdem tragen die Fischinger 
an diesem Namen, den sie wol nicht mehr los bekommen 
werden, wie den andern: Fischbrüh, den, seit jenen Tagen 
offenbar, der Name Nebelheimer ganz und gar verdrängt hat. ~ 
Der mir das alles erzählt hat und dem ich's hier nacherzählt 
habe, teilte mir weiter noch mit, dass die ganze Geschichte 
einmal im HnlieUmietider gestanden habe und zwar im Jahrgang 
3SX9, freilich ohne Bezeichnung des Dorfs; will sehen, ob ich 
diesen Kalender einmal auftreiben kann zur Bestätigung des 
oben Berichteten. Interessanter aber wäre es, wenn das ganer 
Gedicht noch festgestellt werden könnte, das gleichfalls zu 
Anfang des 19. Jahrhunderts entstanden sein soll und jenen 



Einige Ortsueckereien im Markgräflerland 69 

Schildbürgerstreich der Fischinger besingt, dabei besonders die 
damals führenden Persönlichkeiten, den Vogt voran, aufs Korn 
nehmend; eine Fischinger Frau wusste mir zu berichten, ihr 
Großmütterli habe dies Lied in einer Neujahrsnacht (1825 oder 
1826) in Binzen singen hören. Allgemein ist dafür noch be- 
kannt die Weise: „Ich bin der Doktor Eisenbart." Bruchstücke 
vom ganzen Liede konnte ich noch entdecken, aber beim Um- 
fragen nur zwei vollständige Strophen zusammenbringen. Die 
will ich hier gleich aufschreiben; die Lücke zwischen denselben 
und der fehlende Schluss sind, dem Inhalt nach, unschwer aus 
meiner obigen Erzählung zu ergänzen. 

Der alte Vogt von Nebelheim, 

Er trinkt vom allerbesten Wein ; 

Kr schaut des Nachts zum Fenster naus 

Und sagt, es sei ein Nebel draus. 

Der Forster sagt, er kann nicht kommen, 
£r hat das Bauchweh überkommen. 
Doch, als der erste Schnss geschah, 
Da war der G'vattermann schon dn. 

übereinstimmend mit Haffner schreibt von Leutrum über 
Mgringen: .,Dise Inwohner werden von ihren Benachbarten 
Tlggringer Lämmer betittelt, woher eigentlich dises derivire 
ist mir nicht bekannt". So hochdeutsch wie der alte von Leut- 
rum schreibt Haffner freilich nicht, er sagt La nnnle, oder die 
Egringer selber und ihre Nachbarn sprechen Lämmli , dagegen 
findet er die Namenserklärung bei der Ironie S. 99. 

Über Winters irf'ih'r (Filial von Mappach bei Egringen) 
weiß von Leutrum etwas ganz besonders Schönes : „Die Winters- 
weiler w^erden jnsgemein die Welschen genennet, weilen sie so 
gern den rothen wein trinken, gleichwie auch die benachbarten 
Franzosen ehedessen den rothen dem weiiien wein praeferiret 
und aufgekaufft haben ; anitzo gehen zwar unsere vicini gallj 
mehr dem weilen nach, gleichwohlen müssen die zu Winters- 
weiler ihren alten Übernahmen behalten." — Durchs Engental 
hinter geht man nach Wintersweiler. So sagen die Leute heute 
noch oft, wenn sie diesen Weg nach Wintersweiler machen: 
„Mer gange ins Welschland." — 

Zum Schlüsse möchte ich noch zwei Obernamenreihen no- 
tieren, welche die beiden Orte JMärli (den Eischerort am Rhein, 



70 Schmidt — Einige Ortsneckcreieii im Markgräflerland 

das heutige Filial von Eimeldingen) und Weil je in einen Spott- 
kreis einschließen. Die Mfirkter heißen die „Ueigd" (= Reiher, 
Fischreiher), auch „Mätirr Kiopfli^ und „Mihier Stumfie^. 
Die Erklärung für alle drei Namen liejrt am Tage, im Vischerort 
und dem bekannten körperlichen Gebrechen und dem Mangel 
an Größe seiner Bewohner. 

Die W\''äcr führen den Spottnamen y,Kieslisteiriif scher*': 
der Name soll daher kommen, dass die Weiler außerordentlich 
viel Kieselsteine auf ihren Feldern haben, so dass es einen 
wundernehmen muss, dass dort etwas wächst. Daneben heißen 
die Weiler, wie Haftner S. 99 schon verzeichnet, „Bebtnesser^. 
Darüber hörte ich folgende ergötzliche Erklärung. Früher soll's 
so gewesen sein, ob auch noch heute? Da wird ein Weiler 
gefragt: „Woher sind Sie?" „Von Wil. Worum?"; diesem 
„Worum" sei dann stets ein Griff nach dem Sack gefolgt, wo 
das bekannte und gefürchtete Rebmesser stak. Den Ruhm des 
letzteren Namens teilen mit den Weilern die HaUinger. Diese 
führen jedoch noch einen weiteren Titel. y,T^sel$olirrn^ sagt 
Haffner S. 104 in seinem Necknamenverzeichnis am Schluss; 
noch kürzer freilich pflegt der Volksmund einfach zu sagen: 
,, tW". Das erklärte mir ein geborener Haltinger so. „Wenn 
se naime laufe, so hengt en ne der Ecke vom Nastuch zum 
Sack use." Oder sieht man einen solchen, so heißt es gleich: 
„S'isch ä Haltiger!" 

Eben wollte ich den Schlusspunkt zu dieser meiner Ab- 
handlung machen, da kam ein Efringer Handwerker in mein 
Pfarrhaus, eine Arbeit nachzusehen. Als er fertig war, be- 
sprach ich mit ihm auch nocli einiges von den obigen Orts- 
neckereien in der hiesigen Gegend. Bei dieser Gelegenheit er- 
fuhr ich zuletzt eine Neuigkeit über Ist ein, eine schwache halbe 
Stunde von Efringen entfernt am Rhein liegend. Aus seiner 
Jugendzeit, in welcher er mit den Kameraden aus Efringen auf 
Geheiß der Eltern die Nachlese auf den Fruchtfeldern oft zu 
besorgen hatte, wusste er mir zu sagen: Die Isteiner Buben 
waren uns in unserer Arbeit gar manchmal zuvorgekommen, 
hatten auch zuweilen selbst eine ganze Garbe stipitzt. Da 
rächten wir uns dann, indem wir ihnen nachriefen : „ fsieincr 
MoJnr hen Dreck hinter de Ohre." — 



Anzeigen und Nachrichten. 

Das Deatsehe Bechtswörterbnch. In den Sitzungs- 
berichten der Berliner Akademie der Wissenschaften berichtet 
Heinrich Brunner alljährlich über den Stand der Arbeiten 
am Wörterbuch der deutschen Rechtssprache. Da dieses Unter- 
nehmen nicht nur für Rechtshistoriker und Philologen, sondern 
auch für die allgemeine Geschichte, Kultur- und Wirtschafts- 
geschichte von der größten Bedeutung ist, so sind einige Worte 
hierüber an dieser Stelle vielleicht von Interesse. 

Das Bedürfnis nach einem Werke, in dem die deutschen 
Kechtsausdriicke aller Zeiten und Mundarten gesammelt und er- 
klärt sind, ist wol bei allen Studien auf historischem Gebiete 
ein lang und lebhaft empfundenes. Die bereits vorhandenen 
Glossare und Wörterbücher sind teils recht veraltet ^ und lücken- 
haft, oder sie berücksichtigen die rechtliche Bedeutung der Aus- 
drücke zu wenig; andere bringen überhaupt keine Erklärungen 
oder sie beschränken sich der Natur der Sache nach zeitlich, 
örtlich oder sachlich auf ein begrenztes Gebiet, wie z. B. die 
oft vorzüglichen Register der Urkundenausgaben. Du Cange 
berücksichtigt das deutsche Sprachgur erst in zweiter Linie. 

Bereits 1893 hat Heinrich Brunner auf dieses Bedürfnis 
nach einem deutschen Rechtswörterbuche hingewiesen und be- 
reits ausgesprochen, welche Förderung der historischen For- 
schungen durch ein derartiges Unternehmen zu erwarten sei. 
Die Berliner Akademie der Wissenschaften nahm sich dieses 
Plans an, das Kuratorium der Stiftung Hermann und Elise, geb. 
Heckmann, Wentzel stellte Mittel hierzu zur Verfügung, und 



' Ganz abgesehen davon, dass sich in den hetzten Jahrzolmten in- 
foljie der groIW>n Zahl von dankenswerten (^uellenausgaben nnsere Kenntnis 
des alten Wortschatzes außerordentlich erwciteit hat. 



72 



Aiueigen »iid Narhricliten 



1896 bildete sich eine Eomuiission, die aus dei 
V. Amira (München), Brunner, DUminler, Gierke, Wein- 
hold (Berlin), Frensdorff (Gilttiiigen) und Schroeder (Heidel- 
berg) bestand. Heute sind in der Kommission die Professoren 
Brunner, Gierke, Frensdorff, Huber (Bern, als Vorsitzender 
der Beit 190Ü bestehenden Schweizer Kommission), Roethe 
(Berlin), Schroeder und Freiherr v. Sciiwind (Wien, als Vor- 
sitzender tter 1903 ins Leben getretenen österreichischen Kom- 
mission). Den Vorsitz iTihrt Geheimrat Brunner, die Leitung 
der praktischen Arbeiten liegt in den Hunden Geheiuirat Schroe- 
der a. Als Hillsarbciter standen bzw. stehen letzterem zur 
Seite; 1890 — 1901 Professor R. His (jetzt in Königsberg), 
1901 — 1904 Dr. jur. et phil. H. Rott, seit 1901 Dr. pliil. 
G. Wahl, seit, 1903 Privatdozent Dr. jur. L. Pereis und seit 
1905 der Unterzeichnete. 

Die leitenden HrundsStze bei der Arbeit sind kurz folgende: 
Es werden alle Rechtsausdrucke (als solche gelten auch Rechts- 
aymbole, Münzen und MaUe) des deutschen Sprachgebiets vom 
Beginn der Aufzeichnungen bis um das Jahr 17ÖÜ gesammelt. 
Auch die angelsSclisischen, friesischen und lango bardischen 
Wörter werden aufgenommen; der skandinavische Wortschatz 
wird nur ifur Etymologie gemeingermanischer Ausdrücke heran- 
gezogen. Aufzeichnungen in lateinischer Sprache werden eben- 
falls verwertet, jedoch daraus blolj die eingestreuten germani- 
schen Wörter notiert: z.B. JUS quod vulgariter dicitur spitzrelit', 
oder gualdemannus. Vor allem gilt es, die gesamten Recht^- 
aufzeichniingen älterer Zeit auszuziehen, weiters werden aber 
auch Urkunden und andere Nebenquelleu der Recht serkentilnis 
verarbeitet. 

Die Fülle des Slaterials erfordert eine grolle Zahl von 
Mitarbeitern, und es sind auch erfreulicherweise Juristen, Histo- 
riker und Philologen im Deutschen Reich, in Österreich, in der 
Schweiz, in den Niederlanden und in Belgien dafür gewonnen 
worden. Wie den Sitzungsberichten der Berliner Akademie der 
Wissenschaften' zu entnehmen ist, sind bereits sehr viele Quellen 
erledigt, doch ist begreiflicherweise noch ein reichlicher Stofl" 
zu bewältigen, so dass weitere Meldungen zur Mitarbeit sehr 




■)i -ibyedru 



sdirirt 




Aiizeigpij lind Nnil 



73 



willkommen sind'. Diejenigen Forscher, weiche dem Werke 
Interesse sclienken, aber infolge Berufspflichten und anderer 
Arbeiten nicht in der Lage sind, in größerem Umfange mitzu- 
arbeiten, können der allgemeinen Sache dadurch aulierordentlich 
schätzenswerte Dienste leisten, dass sie gelegentliche Funde 
dem Reehtswörterbuche zukommen lassen. Für diese gelegent- 
liche Mitteilung von Notizen handelt es sich vornehmlich um 
solche deutsche Kechtsausdrücke und formelhafte Wendungen 
der Rechtssprache, die entweder überhaupt oder doch in dieser 
Zeit und Gegend selten vorkommen; insbesondere sind aber jene 
Ausdrücke sehr willkommen, die in den landläufi|ren Glossarien 
und Wörterbüchern nicht oder nicht in der gefundenen Bedeu- 
tung für jene Zeit und Gegend verzeichnet sind. Hierbei kommt 
gedrucktes und ungedrucktes Material in Betracht. Namentlich 
wird, sich Anlass bieten zu solchen gelegentlichen Beitrügen bei 
Archivstudien, Urkundenausgahen , lokalgescliichtlichen Unter- 
suchungen n. dg!, Aul" diese Weise kommen Kenntnisse des 
Spezialforschers der Allgemeinheit in weitestem Malle zugute: 
Die zeitliche und räumliche Verbreitung von Rechtsausd rücken 
und Rechtaeinrichtungen kann genauer festgestellt werden, viele 
bisher nicht geuUgend erklärte Wörter werden in ihrer Be- 
deutung erkannt, und der reiche Schatz unserer deutschen 
Rechtssprache erhält weiteren Zuwachs'. Abgesehen von solchen 



* Zusi-hriften wolle» an Uehtimmt Prot. Dr. Kichard Schroeder, 
Heidelberg, Ziegelhäuser Liuiilstr&ße Ko. lü, gelichtet werden, worauf Zu- 
a«Di)tuig einer lostniktion und Zuteilung einer Quelle erfolgrt. Betrefb 
toterreichischer Quellen wolle man sich an Prof. Dr. Ernst FreJhrn. 
V, Schwind, Wien XllI, Penz Inge rat mlie '}G. wenden. 

' Diese lleitrfige bitten wir auf OktavblHtter des Kanzleipapiers 
[16'. > X lO'it cmj quer zu schreiben mit Unterstreichung des >Stich- 
worts nnd rechts mit Freilassung einex beiläufig zweiüngerbreitea Rands. 
(Nur eine Seite besehreiben.) Die betreffende QaellooBtelle ist buch- 
stalieagetreu und in solcher Auidehnung xo geben, dass sich die Beden- 
long des Stichworts mötdichst unzweideutig erkennen lllast. Etwaige 
Erkiftrnngen des Einsendt^rs oder solche Notizen, die sich in der .\usgabe 
aelbst finden, sind aelir erwOnscht imd mUgen auf dem rechten Rande 
T^nnerkt werden mit Angabe des L'rhebers der Erklärung. Ort. Jnhr 
und Fundstelle (bei Büchern such Xtandnuininer, Seite und Vrknnden- 
nummer) sollen möglichst genau ungegeben sein. Ferner wird um deut- 
lich« lateinische Schrift gebeten. .\uf Wmisch werden gedruckte Zettel- 
raniuü«Te, wio sie im .\rcbive des ftechtswOrterbuchs (Heidelberg, L'ni- 
vcraitAt^bibliothek) verwendet werden, jederzeit unentgeltlich zugeschickt. 



74 



Anz^i^L-n und Nacli richten 



— bnchs labenge treue II — QuelleuauBEÜgen wird sich apter Tlm^ 
StSotien Gelegenheit zu einer wertvollen Bereicherung de3 ge- 
samnielteu Materials dadurch ergeben, dass Bemerkungen, Kr- 
gSnzungen und Berichtigungen zu bereits Yorbandenen Würter- 
bilchern dem Archive des Bechts Wörterbuchs bekannt gegeben 
werden. 

Von der künftigen Einrichtung des Wörterbuchs geben 
einige Probeartikel, die von Koinmissionsmil gliedern verfasst 
wurden, ein anschauliches Bild. Su der Artikel weickbild (von 
B. Schroeder) in der Festschrift für den 26. deutschen Juristeu- 
tag 1902, dann inakler (von F. Frensdorff), pflege (von 
0. Gierke), walmub (von H. Brunner), wize (von G. Roethel 
in den Sitüungsbe richten der Berliner Akademie der Wissen- 
Echaften, iihilusophisch-historlsche Klasse, 1906. 

Eberhard Frhr. v. KUnssbery. 



Qoellen zur scliweliterlschen Reform ftllonsiresrhicihte. Herausgegeben 

vom Zwingli verein in Zllricli untpr Leitung von Prof. Dr. Emil 
Egli. 

1. Ü. Finaler. Die Cbrunik des Bernbaid W.vß 1.510 — l.^:j(.t. 
Basel IBOl. XXV, 167 S. -« 5.20. 

2. E. Egli. Heinrich Bulliu^ers Diiirium (Äniuilea vitae) der 
Juhre 1.W4— 1574. B«9cl liM>4. XV, 145 8. J( 4. — 

3. K. Hauser, Die Chronik des Uiirencius Balihart von 
Wintertur 118.5—1532. Basel litOli. XXVIII, 402 8. ,« 8. ~ 

Wir erfüllen nur eine Pflicht der Berichterstattung, 
wenn wir mit folgendem die Leser unserer Zeitschrift auf vor- 
liegende VerötFent Hebungen des unter Emil Eglis, des Züricher 
Kirchenhistorikers, Leitung stehenden Zwiugli Vereins hinweisen, 
die ihres Inhalts wie ihres Ursprungs wegen alle Aufmerksam- 
keit verdienen und fllr die Geschichte auch unseres engeren 
Arbeitsgebiets vielfaches Interesse bieten. Schon ein flüchtiger 
Blick in die Jedem Bande dieser Quellen zur schweizerischen 
Reformationsgeschichte beigegebenen sorgfältigen Orts- und 
Personenregister beweist, wie mannigfach die Bezieiiungen sind, 
welche in der berührten Zeit den Rhein zwischen Baden und 
der Schweiz herUber- und hinübergingen, und wie mannigfaltig 
die Belehrung ist, die wir für die Aufhellung der Geschichte 
der Kirchentrennung in deutschen Landen am Oberrhein aus 
diesen Schweizer Quellenschriften zu ziehen vermögen. 




mögen. i 



I und KacliiLcliU-]! 



Es sind die Chroniken luid Tagebücher vuii drei in her- 
vorragendem Maße an der Einführung der Reformation in der 
Nordschweiz beteiligtea Männern, von denen Bernhard WyfS 
wegen seiner persönlichen Anhänglichkeit an Zwingli und seiner 
treuen Ergebenheit an die Sache der Beligionsneuerung bekannt 
ist: Heinrich Bullinger, Zwingiis nächster Nachfolger auf 
der Kanzel des Grollmünsters und in der Leitung der Kirehen- 
Ünderung ^a Zürich, der dessen Werk daselbst aufrecht erhielt 
und weit Über die reformierte Schweiz hinaus für seine Zeit eine 
Leuchte gewesen ist; und endlich Laurencitis Bolihart, der 
milde und versöhnliche Anhänger des Reformwerks, der als ein 
äuUerst gewissenhafter und wahrheitsliebender Chronist seiner 
Vaterstadt Wintertur nicht bloß fiir die Zeit der Kirehenänderung, 
sondern auch fiir die ältere Geschichte ein seltenes Denkmal 
der Pietät und sich selbst ein Ehreudeukmal gesetzt hat. 

Bernhard Wjft, ein geborner Ravensburger, besaß lebhaften 
liistorischen Sinn, den er nicht allein durch die vorliegende Chro- 
nik der Reformationszeit von 1519 bis 1530, sondern auch durch 
andere geschichtliche Aufzeichnungen bekundet, und hat sich 
bis zu seinem Tod In der Schlacht bei Kappel (1531) stets als 
ein ruhiger und sorgfältiger Beobachter bewÄhrt, Seine Chronik 
nimmt unter den Quellen zur zürcherischen Reformationsge- 
schichte eine um so bevorzugtere Stellung ein, als das für dieses 
Gebiet äußerst wichtige und umfassende Werk Bullingers durch 
sie aufe beste ergänzt wird. Dieser kam ja erst nach Zwinglis 
Tod bleibend nach Zürich und die Abfassung seiner Refor- 
inationsgeschicbte füllt erat in die Jahre 1567 bis 1574. Speziell 
in der Schilderung der Vorgiinge bei der Reformiemng Zürichs 
war er auf Angaben und Mitteilungen anderer angewiesen, 
und hier haben ihm die Aufzeichnungen des durchaus zuver- 
lässigen Chronisten Wj'ß sehr gute Dienste geleistet und er 
lehnt sich, wie der Herausgeber feststellt, gerne dann und wann 
an ihre Darstellung an. 

Bullingers Diarium seinerseits hat ganz besonders eigen- 
tümlichen Wert und bildet die erste Quelle sowol für sein 
eigenes Leben wie auch, bei aller Einfachheit nach Inhalt und 
Form, für die ganze schweizerische Zeitgeschichte. Es ist des- 
halb ein doiipelles Verdienst des ZwingHvereins, dass er gerade 
zum 400. Geburtstage Bullingers am 18. Juli 1904 die erste 
Druckftusgube seiner Annales vttae zustan degebracht und seiner 



76 Anzeigen und Nachrichten 

großen schriftstellerischen Tätigkeit einen neuen Denkstein ein- 
gefügt hat. 

Wenig bekannt und geschätzt war bisher Boßhärts Chronik 
von Wintertur, die hier gleichfalls zum erstenmal im Druck er- 
scheint. Das über die Zeit von 1185 bis 1532 sich erstreckende 
Werk ist um deswillen so wertvoll, weil ihr Verfasser als ein 
ebenso ruhig denkender wie ehrlich und sachlich schreibender 
Chronist sich erweist. Er besitzt nicht die Größe und Weite 
des Blicks wie Bullinger, aber auch nicht solche einseitige Leiden- 
schaftlichkeit ; er versteht fesselnd zu erzählen und bereichert 
namentlich die Geschichte und Reformationsgeschichte Winter- 
turs mit neuen Kenntnissen und Gesichtspunkten. Er hatte 
von 1507 an eine Reihe von Jahren zu Freiburg im Breisgau 
studiert und im Hause des Gerichtsschreibers Meister Ulrich 
Frauenfeld, eines hoch angesehenen Mannes, Aufnahme gefunden^ 
war dann Priester geworden und von 1515 etwa bis 1525 
Pfründebesitzer auf dem Heiligenberg bei Wintertur, bis er sich 
der Reformation zuwandte. Ihr hing er mit Eifer, Hingebung 
und wahrer Überzeugung an, doch hielt er sich frei von Leiden- 
schaft und Schmähsucht gegen die Altgläubigen, wie dies aus 
vielen Stellen seiner Chronik deutlich hervorgeht, die ein ebenso 
schönes Zeugnis seines frommen, gottesfürchtigen Gemüts wie 
seiner schlichten Wahrheitsliebe und unparteiischen Bericht- 
erstattung ist. 

Die Ausgabe der genannten drei Chronikwerke trägt durch- 
aus das Gepräge jener gediegenen Wissenschaftlichkeit, Sorg- 
falt und Sachlichkeit, die wir au den Veröffentlichungen der 
schweizerischen Historiker gewohnt sind. 

Freiburg i. Br. P. Albert. 

A. Chronsty Chroniken her Stadt Bamberg. Krstc Hälfte. Chronik des 
Bamborgcr Immuiiitätsslreits von 1430 bis 1435. Mit einem 
UrkimdeiKinhang. Nach einem Manuskripte von Tb. Knochenhauer 
neu bearb. und lierausg. (Veröffentlichungen der Gesellschaft für 
t'ränkiscbe (iescbichte.) Leipz., Quelle & Meyer, 1^07. Lex. S". 
LXXII, 3GS S. .// ir>. 

Der Historische Verein zu Bamberg hat in den Jahren 
1849 — 50 schon einmal eine „Quellensammlung für fränkische 
Gescliichte'* zu veranstalten unternommen, die aber trotz viel- 
versprecliender Anläufe über einige wenige Bändchen nicht 



Anzeigen und Nachrichten 77 

hinausgekommen ist. Um so mehr ist zu wünschen und zu hoffen, 
dass der vorliegenden neuen Sammlung, die nicht minder ver- 
heißungsvoll beginnt, ein günstigeres Geschick beschieden sei. 
Der darin behandelte Gegenstand ist allerdings nicht sehr an- 
ziehend und wird weitere Kreise, auf die doch derartige Ver- 
öffentlichungen nicht in letzter Linie angewiesen sind, schwerlich 
dauernd zu fesseln vermögen, trotz des gelehrten Aufwands und 
der völlig einwandfreien wissenschaftlichen Behandlung, womit 
gerade der vorliegende erste Band hergestellt ist. 

Es ist die Geschichte eines langwierigen und in seinen 
Einzelheiten wie in seinem ganzen Verlauf hässlichen Streits 
zwischen der vom Kaiser begünstigten Bürgerschaft Bambergs 
nnd dem mit seinem Bischof verbündeten Domkapitel wegen der 
von der Stadt beanspruchten Gerichtsbefugnisse über die Hof- 
leute des Domkapitels, in den der Reihe nach Bischof, Nachbar- 
städte und Reichsfürsten, Kaiser , Konzil und Papst ziemlich 
lebhaft verstrickt werden. Auf diese Weise erweitert sich das 
anfanglich rein lokale Interesse an der Angelegenheit über die 
^anze große Welt der damaligen Zeit, wenn auch freilich das 
Leben und die Rechtsverhältnisse in der Stadt Bamberg wie 
die Hauptpersönlichkeiten der in den Streit verwickelten Parteien 
überwiegend im Vordergrunde stehen. Die Aufzeichnung ist die 
älteste, die aus Bamberger bürgerlichen Kreisen erhalten ist, 
und leider textlich verderbt, so dass die Arbeit des Heraus- 
gebers keine geringe gewesen ist. Sie reicht auch nicht bis 
zum Ende des Streits, doch hat der Bearbeiter diese Lücke 
durch die letzten 20 der von ihm anhangsweise beigefügten 
65 Urkunden, durch welche die Objektivität der Handschrift 
des unbekannten Chronisten wesentlich beeinflusst wird, einiger- 
maßen zu ersetzen gesucht. Die ganze Ausgabe fußt auf der 
in Mitte der 60er Jahre des vorigen Jahrhunderts von Th. Knochen- 
hauer für die deutschen Städtechroniken gelieferten Vorarbeit, 
die von dem jetzigen Herausgeber namentlich durch die Heran- 
ziehung von Originalurkunden , welche die Anschauung, das 
Recht und die Rechtlichkeit der Gegenpartei des Chronik- 
schreibers, des Domkapitels und Klerus, zur Sprache bringen, 
verschiedentlich ergänzt und verbessert und auch in der teil- 
weise veralteten Einleitung und den Anmerkungen namhaft 
richtig gestellt und bereichert worden ist. Auch sonst ist 
seitens des Herausgebers alles geschehen, um das Werk durchaus 



78 Anzeigen und Nachrichten 

musterhaft zu gestalten, im Einklang mit der ganzen äußern 
Ausstattung, die in jeder Beziehung gediegen genannt werden 
muss; nur der Preis dünkt mir in Anbetracht der Art und 
Entstehung übertrieben hoch. 

Freiburg i. Br. P. Albert. 

Fr. Jecklin. Materialien zur Standes- und Landesgeschichte gemeiner 
III Bünde (Graubünden) 1464—1803. Mit Unterstützung von Bund, 
Kanton, Stadt Chur und Privaten herausg. 1. Teil: Regesten^ 
Basel 1907. 4^. XII, 686 S. M 12.— 

Mit vorliegendem Unternehmen erfahrt die seit etwa zwei 
Jahrzehnten immer eifriger geförderte Herausgabe der sogenannten 
regionalen und institutionellen Urkundenbücher, die neben der 
allgemeinen Gesclüchte auch den verschiedenen Stufen der sozialen 
Kultur ein besonderes Augenmerk zuwenden, insofern eine, 
vielleicht unwillkürliche Erweiterung, als damit die Vereinigung 
beider Arten zum Nutzen sicherlich der ganzen Geschichts- 
forschung glücklich eingeleitet und durchgeiührt ist. Den 
breiteren Raum nimmt wohl auch in dieser Regestensammlung 
der politische Teil der Geschichte der drei Bünde ein, aber 
auch die übrigen Äußerungen des öifentlichen Lebens finden so 
vielseitige Beachtung und Bereicherung, daß sie jenem fast dieWage 
halten. Der Herausgeber hat deshalb seine Arbeit richtig als 
., Materialien zur Standes- und Landesgeschichte" Graubündens 
bezeichnet, im Hinblick darauf wol, dass das Zunftwesen darin 
hauptsächlich Berücksichtigung findet. Diesem Inhalt ent- 
sprechend stammt auch das Material nicht allein aus dem an 
Landesschriften reichen Stadtarchiv Chur, sondern auch aus 
zahlreichen andern, für die Bündnergeschichte wichtigen Archiven 
des Landes selbst und der Nachbarkantone. Die Umgrenzung des 
Stoffs ist nach zwei für Chur und die drei Bünde bedeutungs- 
vollen Zeitabschnitten getroffen: der Anfang mit 1464 als dem- 
jenigen Jahr, in welchem Kaiser Friedrich IIL die Einführung 
von Zünften in Chur bewilligt hat und der Befreiungskampf 
des Bunds von der Oberhoheit des Bischofs lebhafter und 
urkundlich belegbarer wird, und das Ende mit dem Jahre 1803 
als dem Beginn einer auf der Mediation Napoleons aufgebauten 
modernen Staatsverfassung des Kantons. 

Indem ich mir eine eingehendere Würdigung des Werks bis 
zum Erscheinen des in Jahresfrist in Aussicht gestellten dar- 



Anzeigeu und Nacbrichten 79 

stellenden Teils vorbehalte, kann ich diese Voranzeige nur mit 
dem Hinweis schließen, dass wir es hier mit einem nach Anlage, 
Ausführung und Inhalt gleich gediegenen Unternehmen zu tun 
haben. 

Freiburg i. Br. P. Albert. 

J. L. Brandstetter und H. Barth, Repertorium (iber die in Zeit- und 
Sammelschriften der Jahre 1812—1890 und 1891—1900 enthal- 
tenen Aufsätze und Mitteilungen schweizergeschichtlichen Inhalts. 
Herausgegeben von der Allgemeinen Geschichtsforschenden Gesell- 
schaft der Schweiz. Basel 1892. 1900. IV, 407 und VII, 809 S. 
. fC 7.20 und 8.— 

Was der deutschen Geschichtswissenschaft trotz aller Be- 
mühungen und Anläufe bisher nicht gelungen ist, das bietet 
liier die Geschichtsforschende Gesellschaft der Schweiz für einen 
Zeitraum von nahezu 100 ihrer Geschichte überraschend prompt 
und pünktlich nach Plan und Ausführung. Für letzteres war schon 
der Name Brandstetter eine vollkommene Bürgschaft, die er in 
gewohnter Weise erfüllt, ja übertroffen hat, so zwar, dass seine 
Art, das schwierige Unternehmen anzufassen und durchzuführen, 
bei allen ähnlichen Versuchen zum Muster dienen kann. Auch 
sein Nachfolger in der Arbeit für die Jahre 1891 — 1900 hat 
die auf ihn gesetzten Erwartungen glänzend gerechtfertigt und 
eine mustergültige Fortsetzung des Brandstetterschen Reper- 
toriums geliefert. Das Werk ist für jeden, der sich irgendwie 
mit Schweizergeschichte befasst, ein unentbehrliches Hilfs- 
mittel, um das wir unser Nachbarland zu beneiden allen Grund 
haben. 

Das zweibändige streng einheitlich angelegte Werk zerfallt 
in drei Teile, deren erster das Verzeichnis von mehr als BOO 
Zeit- und Sammelschriften enthält, die mit ihren geschicht- 
lichen Arbeiten den Inhalt des Repertoriums bilden. Der zweite 
Teil bringt das Verzeichnis der Abhandlungen und Mit- 
teilungen mit der Angabe des Inhalts, Verfassers und Fundorts 
derselben und der dritte das gegen 3000 Namen umfassende Ver- 
zeichnis der Verfasser in alphabetischer Ordnung. Die Zahl 
der im zweiten Abschnitt aufgezählten Abhandlungen beläuft 
sich auf viele Tausend Nummern, seine Reichhaltigkeit kann 
hier auch nicht annähernd dargetan werden, da in ihm die 
politische Geschichte chronologisch geordnet, von der römischen 



80 Anzeigen und Nachrichten 

Zeit bis zur Gegenwart, die Kirchengeschichte, Orts-, Kultur- 
und Kunstgeschichte, Urkunden, Chroniken, Heraldik, Münz- 
kunde, die Verfassungs- und Rechtsgeschichte, das Unterrichts- und 
Erziehungswesen der Schweiz seit 1812, dem Jahr der Gründung 
der ersten geschichtsforschenden Gesellschaft des Landes, ver- 
treten ist und so übersichtlich und zweckmäßig geordnet, dass 
das Auffinden der gesuchten Artikel ohne alle Mühe möglich ist. 
Angestellte Stichproben haben nicht ein einziges Mal versagt, 
vielmehr die gewünschte Auskunft in allerkürzester Frist er- 
teilt und zwar gerade auch in Fällen, wo einem der Verfasser 
nicht bekannt ist, wo man sich also des Verfasserverzeichnisses 
nicht bedienen kann. Eine unerschöpfliche Fundgrube für den 
Forscher, hebt mit Recht eine Anzeige des Werks hervor, wie 
auch für den Staatsmann, Zeitungsschreiber und andere mehr 
ist der letzte Abschnitt des zweiten Teils, das Verzeichnis 
der Nekrologe und Biographien von Tausenden von Per- 
sonen mit jedesmaliger Angabe des Geburts- und Sterbejahrs. 
Es würde zu w-eit führen, hier näher auf den Inhalt des vor- 
trefflichen Handbuchs einzugehen; ich kann nur wiederholen, 
was ich schon eingangs gesagt habe: dass besonders wir in 
Baden das Standard work der benachbarten Schweiz mit Be- 
wunderung und — Neid betrachten und benützen. 

Freiburg i. Br. P. Albert. 



Die preussisciien Werber im „Leirostollen" 
zu Leutersberg. 

Eine Episode aus dem siebenjährigen Kriege 
von J. Ph. Glock. 



Das Preußenland, das vor der Besitznahme von Schlesien 
immerhin noch in den Anfängen seiner Maclitentwickluiig stand, 
war zu klein, um König Friedrich II. seine Soldaten zu liefern. 
Der langwierige siebenjälirige Krieg war einer der blutigsten, den 
die Weltgeschichte kennt. Die jahrelang fortgesetzten Feldzüge 
and die zahlreichen Schlachtfelder forderten so viel Menschen- 
lel»en zum Opfer, dass die Landeskinder nicht ausreichten, die 
Lücken auszufüllen, welche die Gefallenen und Verwundeten jeder 
Schlacht aufs neue in die stolzen Regimenter gerissen hatten. 
Was hier das Vaterland im engem Sinne nicht zu leisten 
vermochte, das brachte die Werbetrommel zustande, die in 
allen deutschen Gauen fleißig und mit Erfolg gerührt wurde, 
wo immer das Regiment der geistlichen oder weltlicheu Landes- 
herren keine feindselige Stellung gegen die friderizianische 
Politik eingenommen hatte. Auch in Sliddeutschland hatten 
die preußischen Werber ihre „Bureaus", wie sie amtlich hießen, 
errichtet. Im benachbarten Württemberg waren Heilbronn 
und Göppingen, Reutlingen und Ulm bevorzugte und ergiebige 
Standquartiere. Hier war die Kriegslust jener oberdeutschen 
BauemsQhne noch lebendig, die im Anfang des 16, Jahr- 
hunderts der Werbetronmiel des Soldaten -Jörg (Georg von 
Fnindsberg) zu seinem denkwürdigen Römerzug bis unter die 
Mauern der Engelsburg mit siegreicher Begeisterung gefolgt 
waren. Dass auch in der Südwestecke des Reichs, iu der 
alten Markgrafschaft, während des siebenjährigen Kriegs 
jireußische Werber ihr Handwerk ausübten und in der Herr- 
schaft Badenweiler jahrelang ein „Bureau" unterhielten, dürfte 



4 



Giock 



weniger bekannt sein. Das markgräfliche Standquartieir 
Werber war in dem Dörflein Leiitereberg, einem FÜial des 
Kirchspiels Wolfenweiler, das damals zur Vogte i gleichen 
Namens gehörte und mit den Orten Haslacb, Mengen, Thiengen 
«nd Opfingen den nördlichen, in das Herz des österreichischen 
Breisgaus hineingreifenden Teil der Herrschaft Badenweiler 
ausmachte, eine markgräfliche Enklave vor den Toren Frei- 
burga, die schon im Bauernkrieg für die Schicksale der Breisgau- 
hanptstadt verhängnisvoll gewesen war. Leutersberg selbst 
liegt am Fuße dos hier in die Ebene am weitesten vorgreifen- 
den Sehönbergs, und zwar am Westabhang, übeiTagt von den 
Trümmern der im Bauernkrieg zerstörten Schneeburg. Während 
aber die Häuser des Orts rechts und Ituks der steil zum 
Schönberg hinaufziehenden Dorfgasse gebaut sind bis hinauf 
zum „Vogelsftiig*, dem Leutersberger Genieindewald, grüßt 
,ze Unterst im Zinken" unmittelbiu' an der alten, verkehrs- 
reichen Landeshauptstraße, die von Freiburg nach Basel fülu't, 
ein uraltes, einsam gelegenes, stattliches Wirtshaus: Bad 
Leimstollen, im Volksmund kurzweg «der Leimstollen" 
genannt. Das Bad mit seinen zwölf kleinen, nicht gerade 
mit dem neuesten Komfort ausgestatteten Badestuben oder 
«Kämmerlein", wie sie in den alten Urkunden des .Brunnens" 
genannt werden, ist eines jener alten kleinen Bauembäder, 
die vorzeiten in großer Anzahl über die ganze Landschaft 
des Breisgaus zerstreut zu linden waren und als deren wenige 
übrig gebliebene Vertreter nur noch der Silberbrunnen bei 
Bahlingen am Kaiserstuhl, das Bad Sankt Nikolaus bei Op- 
Ungen am Tuniberg, das Hunzinger Bad, das Kibbad im 
Kappeier Tal, die Kirnhatde hei Kenzingen, das Suggenbad bei 
Waldkirch, den Kuckuck bei Bollschweil und das heute, wenn 
auch in anderer Form, noch blühende und besuchte (JJlotterbad 
betrachten dürfen '. Mit jedem Bade oder richtiger „Brunnen" 
war eine Wirtschaft verbunden „zu einiger Ergetzung" derer» 

' Vgl, G, Pictorius. BsdenfartblkWein. Frankfurt a. M. 1560, 
Dazu F. Pfaff. Z. der CJes. f. Gescliii-htskunde XI. Frciburg i. B. 1894, 
S. 113—117. t'brigens eind kleine Heilbäder ouch heute in vielen Dörfern 
des BreisgRus zu finden. P. 



A 



Die preußischen Werber im «Leimst ollen' zu Leutersberg 83 

die dort „ihre Gesundheit suchten ''. Nachdem männiglich, 
Mann und Weib, gebadet hatte und gehörig „geschröpft^ und, 
wenn die Jahreszeit es vorschrieb, auch „zur Ader (Oder) 
gelassen* worden war, wurde dem strapazierten Leibe durch 
Speis und Trank ein Bene getan. So badeten die Alt- 
vordern im Breisgau. So wars auch noch bis in die letzten 
Jahrzehnte des verflossenen Jahrhunderts im Bad Leimstollen 
zu Leutersberg. Das alte Wirtshaus im Bade führt den 
Rebstock im Schilde, der Badewirt hieß der Rebstockwirt 
und echter Rebensaft — der beste war und ist der Leuters- 
berger Schanzbucker, der just da wächst, wo die bayrische 
Reichsarmee 1644 in den denkwürdigen Schlachten um den 
Schönberg die große Stemschanze im Leutersberger Rebberg 
gegen die Franzosen unter Conde und Turenne errichtet hatten 
— wurde den Gästen gereicht. Die zwölf Badezellen stehen 
jetzt fast verlassen, nur ausnahmsweise machen die Alten 
von dem Wasser des Stollens noch gegen Gicht und Glieder- 
weh einen Gebrauch, aber die Wirtschaft hat sich bis auf 
unsere Tage siegreich behauptet. ^Die Sage vom Leimstollen'* 
ist im ^ Schauinsland " (Jahrg. 1876, S. 29fF.) nachzulesen. 

Dass preußische Werber während des siebenjährigen Kriegs 
sich innerhalb des Kirchspiels Wolfenweiler, und zwar im 
Filialort Leutersberg, aufgehalten haben, ergibt sich für den 
Pfarrherm, der nicht bloß kraft Amt und Pflicht die laufen- 
den Einträge in die Kirchenbücher besorgt, sondern auch ein- 
mal zurückschaut in die vergangenen Jahre und Tage, wo 
andere Hände die Kirchenbücher führten, aus den Einträgen 
in den Geburtsregistern, wo sich dreimal, anno 1758, 1760 
und 1761, der Vennerk findet „spurius" und in der Rubrik, 
in der sonst der Name des Vaters leuchtet, die etwas ärger- 
liche Bemerkung gemacht ist: „Als Vater hat sich be- 
kannt ein preußischer Werber in Leutersberg." Auch 
die Namen der Mütter, ortsangehörige Mädchen aus Leuters- 
berg, Wolfen weiler und Schallstadt, also aus dem ganzen 
Kirchspiel, stehen an der erwähnten Stelle dabei. 

In Baden Generalia, Herrschaft Baden weiler (Großh. 
Generallandes- Archiv, Convoluta), befindet sich ein Aktenstück 



84 



Glock 



von ziemlichein Umfang aus den Jahren 17 
die Überschrift trägt: .Verhandlungen der vorderöster- 
reiuhischen Regiernng mit der Herrschaft Baden- 
weiler von wegen der sich aufhaltenden preußischen 
Werber in dem Vogtciort Wolfen weil er." Hier er- 
bebt die vorderösterreichische Regiernng Klage darüber, dall 
die mark gräfliche Regierung , inmitten des währenden 
Krieges zwischen dem Hause Österreich und der 
Krone Preußen" dem bisherigen, freundnachbarlichen Her- 
kommen entgegen zusehe, »wie daß in dem niederen 
Vogteiort Wolfenweiler etlichen Subjekten, die man 
als preußische Werber sicher entdeckt habe, Unter- 
schlupf gewährt werde zum nicht geringen Ärgernuß 
aller Inwohner des Brysgaus und der Stadt Fryburg, 
insonderheit der Kayserlichen Regierung". FrOher 
(gemeint sind die letzton Franzosenkriege und die wieder- 
holten Belagerungen Freiburgs) habe man sich in allen solchen 
Fällen «nachbarlich verständigt und kontentiert". Der 
Obervogt in MUliheim antwortet als Vorgesetzter der Herr- 
schaft Badenweiler im Namen des Markgrafen: dass sich 
Werber der Krone Preußen in dem Vogteiort Wolfenweiler 
zurzeit auflialten, werde nicht hesti'itten. Das Recht der Auf- 
enthaltsgewährung an fremde Personen sei ein Regale der 
hochfUrstlichen Regierung, wegen dessen nicht von- 
nOten sei, die Zustimmung der österreichischen Re- 
gierung einzuholen. Übergnffe in fremde Gerechtsame 
seien durch die „vermuteten" preußischen Werber bis jetzt 
nicht angezeigt worden. Ihr Bureau befinde sich auch nicht 
im Vogteiort (Wolfenweiler) unter den Äugen des Vogts, 
sondern „im Zinken" Leutersberg. Auch sei von dem Vogt 
auf besonderes Befragen nichts vorgebracht worden, weswegen 
man die besagten Werber aus dem Lande weisen sollte. Nun 
ereignete sich aber doch bald darauf ein Fall, der einem 
Übergriff in die Gerechtsame der österreichischen Regierung 
etwas ähnlich sah. Aju 28. September 1 7ö7 ward der Stubenwirt 
Johann Burggraf sowie dessen Ehefrau und Knecht und Magd 
von dem Vogt Martin Kayser von Wolfenweiler einem strengen 




Die preußischen Werber i 

Verhör unterworfen, in dem die Genannten wahrheitsgemäß 
aussagen sollen, wie es sich mit der Herberge verhalten 
habe, welche etliche Tage zuvor zwei Milnstertäler 
Bursehen — Trudpert Kiesterer ans Untermünstertal und 
Baschi (Bastian) Brückner vom Spielweg — ,in der Stuben- 
wirtschaft genossen hätten". Die genannten Beiden 
hatten nämlich eine Fuhr Langholz aus dem Münstertal nach 
Freiburg verbracht, auf dem Kückweg mit ihrem Fuhrwerk 
am Leimstollen in Leutersberg den bei den Talleuten üblichen 
Halt gemacht, dort in der lustigen Gesellschaft der Werber 
eins über den Durst getrunken und waren infolgedessen nicht 
mehr imstande, ihre Rösslein nebst Wagen unversehrt ins 
Münstertal zurückzubringen. Sie kamen vor der Stube in 
Wolfenweiler so betrunken an, dass der Stubenwirt Burggiaf 
sich ihrer erbarmte, Ross und Wagen in seinem Hof einstellte 
und die beiden Miinstertäler, „so sich total iter über- 
nommen hatten", durch seine Hausfrau und Magd sofort 
zu Bett bringen ließ. Am andern Morgen hatten die beiden 
Münstertäler ihren Rausch ausgeschlafen, aber nur einer 
(Trudpert Riesterer) kehrte mit dem Wagen in die Ueimat 
zurück. Dem andern (Baschi Brückner) hatte es bei den 
Preußen im Leimsfolien so gut gefallen, dass er sofort dahin 
zurückkehrte, noch einen vergnügten Tag dort zubrachte, 
das Handgeld als preußischer Soldat annahm und infolge- 
dessen nicht mehr in das Münstertal heimkam. Der zurück- 
gekehrte Bursche aber berichtete zu Hause über die Ursache 
des Ausbleibens seines Kameraden und der Dienstherr, der, 
wie es scheint, an dem Ausreißer eine tüchtige Arbeitskraft 
verloren hatte, erstattete in seinem Ärger bei seiner Herr- 
schaft in Staufen Anzeige wegen Entziehung seines Knechts 
, durch die Preußen' im Leimstollen zu Leutersberg. Da 
schon etliche derartige Fälle im Münstortale vorlagen, über- 
gab die Herrschaft Staufen die Sache weiter nach Freiburg 
und von hier erging nun die zweite, verschärfte Beschwerde 
an die mai'kgräfliche Regierung wegen der „schädlichen 
Tolerierung der preußischen Werber im Vogteiort 
Wolfen weil er". Als erschwerend wurde in dieser Beschwerde- 



86 



Olock 



N 



Bchiift vermerkt, dasa der Baschi Brückner vom Spielweg 
nicht direkt im Leimstollen in Leutersberg „angenommen" 
(d. h. angeworl)en) worden sei, sondern auf dem indirekten 
Wege über die Stubenwirtschaft in Wolfenweiler. Die Stube 
(heute die Wirtacbaft zum Ochsen) war aber damals in erster 
Linie in Ermanglung eines besonder» Hatbauses (dasselbe 
wurde erst 1832 erbaut) Oerichtsstube, öffentliches Lokal 
für alle Amtshandlnngen des Vogts und Gerichts. Hier 
galt nun das äprichwort: Wenn das geschieht am grünen 
Holz, was soll am dürren werden?, d. h. wenn auf der Gerichts- 
stuhe, wo der Vogt im Namen des Markgrafen amtierte, 
Werbungen eingeleitet werden, dann kann die markgräfliche 
Regierung nicht mehi- ablehnend sich verhalten. Zum Be- 
weise, daas das Übernachten der beiden Münstertäler Burschen 
auf der Stube mit dem Geschäft der Werber in Leutersberg 
in gar keinem Zusammenhang stehe, dass der Stubenwirt die 
beiden Betrunkenen nur aus Barmherzigkeit in seinem Haue 
aufgenommen habe und dass der Ausi-eißer Baschi BiTickner 
„aus eigenen Stücken' zu den Werbeni in den Leim- 
stollen nach Leutersberg zurückgekehrt sei, dass also die 
Werber die Stube „mit keinem FuU betreten haben", 
wurde durch den Vogt im Auftrag der Regierung das oben 
erwähnte ausführliche Protokoll aufgenommen, das von allen 
vier Verhörten, dem Wirtsehepaar und den beiden Dienst- 
boten, gleichlautend abgegeben wurdo. Mit diesem Protokoll, 
das von Wolfenweiler nach Müllheim ging, hatte die mark- 
gräfliche Regierung eine ausreichende Waffe in der Hand, die 
etwas verschärfte zweite Beschwerdeschi-ift der kaiserlichen 
Regierung tatsächlich zu widerlegen. Die Werber aber trieben 
ihre .Bureau" -Geschäfte nach wie vor ungestört ira Leim- 
stollen weiter. Der Vogt und die Ortseingesessenen waren 
ihnen nicht abgeneigt, denn in loco scheinen sieh die Herren 
Werber durchaus korrekt und tadellos gegen jedermann 
benommen zu haben. Nicht eine einzige Klage liegt in den 
Gemeinderataakten, die doch sonst über Hintersassen und 
fahrende Luute jede Kleinigkeit aufmucken, gegen die Werber 
vor. Bei den Bürgern erfreuten sich diese militärischen 





Die preußischen Werber im «Leimstollen" zu Leutersberg 87 

Hintersassen, wie es scheint, sogar nicht geringer Beliebtheit. 
Sie ließen in guter Stunde etwas draufgehen und so kam 
Geld in die Gemeinde unter die Leute. An Sonntag-Nach- 
mittagen ging es im Leimstollen besonders hoch her. Da 
kam der alte Ruppe- Marti, in den Kirchenbüchern genannt 
„das Spielmännli**, mit seinen drei Genossen, und wenn dieses 
erste Wolfenweiler Quartett aufspielte, dann hatte die Stunde 
im Leimstollen geschlagen. Dann war Frohsinn der Meister 
und ungeschmälerte Freude am Augenblick die Parole, der 
alle gehorchten, vorab die Werber, die zu den lustigsten 
gehörten. Gewiss, manches junge Blut, dem die väterliche Zucht 
des Hauses und der Ernst des Lebens zu beschwerlich ge- 
worden war, hat in solchen Stunden den letzten Halt ver- 
loren, mit den Werbern Kameradschaft getrunken, das Hand- 
geld genommen und hat die Heimat und seine Lieben nimmer- 
mehr gesehen. Mancher stämmige Bursche des Schwarzwalds 
bis nach Todtnau hinauf am waldigen Feldberg hat hier die 
schwere Holzaxt von sich geworfen, als ihm das Soldaten- 
glück in des Königs Rock in den verlockenden Worten der 
Werber als höchstes Erdenglück vor die trunkene Seele trat. 
Wie viele von ihnen auf Schlesiens blutigen Schlachtfeldern 
den ehrlichen Soldatcntod gestorben sind, wie viele die 
Schlachten und Wunden, Strapazen und Krankheiten über- 
standen haben? Wir wissen es nicht. 

Wer damals im Leimstollen in Leutersberg Handgeld 
genommen hatte, mit dem gings, sobald ein sogenannter 
„Transport*, d. h. eine gewisse Zahl dieser Kriegsfrei- 
willigen beieinander war, nach dem markgräflichen Ort Weis- 
weil bei Kenzingen, von wo zu Schiff den Rhein hinunter 
nach der nächsten größeren Werbestation gefahren wurde, 
um von da in Eilmärschen die zugewiesenen Garnisonen zu 
erreichen. Den Weg nach Weisweil machten die Werber 
selbstredend nicht auf der bequemen Landstraße über Frei- 
burg — das wäre ein Ding der Unmöglichkeit gewesen, da 
in der Stadt und im ganzen österreichischen Breisgau strengste 
Kontrolle geübt wurde — , sondern unter Benützung des 
unterhalb Leutersberg sich erstreckenden Mooswalds über 



Glock 



■ 



Bützingen, Eiclistetten und Bähungen am Kaiserstuhl, 
von da übei' Dreisaiii und Elz hinüber nach dem sicherea 
Weisweil. Auch Biirgersöhn« aua den markgräflichen Vogtei- 
orten entschlossen sich, dem Kuf der Werber zu folgen. Von 
einem, der sich anwerben ließ, den siebenjährigen Ki-ieg bis 
zu Ende mitmachte, lange Jahre im Frieden Garnisondienste 
leistete und dami am Abend seines schicksalsreichen Lebens 
in die alte Heimat zurückkehrte, erzählen die Kirchen- 
bücher der Pfarrei Wolfenweiler: Der Tapfere hieß 
Johann Meyer von Föhrenschal Istadt, seines Handwerks ein 
Maurer. Anno 1759 nahm er bei den Werbern im Leim- 
stollen das Handgeld, 1760 rückte er von Jüterbog, wo er 
ein halbes Jahr militärisch ausgebildet wurde, nach Schlesien 
zur großen Armee, machte bis zum Schlüsse des Friedens 
17Ö3 verschiedene Feldzüge und Schlachten mit und erhielt 
nach beendigtem Kriege in Anerkennung seiner guten Führung 
eine Stelle als Wachtmeister bei dem ostpreußischen Grenadier- 
Kegiment in Königsberg. Hier lernte Meyer die Tochter des 
Feldapothekers Wilhelm Seidenberger, Eleonore, kennen und 
machte die Erwählte seines Herzens zur Wachtmeisterin, Als 
ihm aber durch das Ableben der Eltern und zweier älterer 
Brüder, die ohne Kinder starben, das mütterhche Erbe in 
Föhrenschallstadt zugefallen war, da kündigte der alte Wacht- 
meister dem Künig den langjährigen Dienst und zog mit 
Weib und Kindern — ein weiter, beschwerlicher Weg in 
damaliger Zeit — vom Pregel an der Ostsee an den Batzen- 
berg im Breisgau zurück. Mit dem Geld, das er erspart 
hatte, konnte er noch einige Stücke Acker und Reben zu 
dem Erbe dazukaufen und baute die heimatliche Scholle wie 
seine Mitbürger als braver, schlichter und von jung und alt 
hochgeachteter Mann. Nur in einem, so geht die Kede bis 
auf diesen Tag, unterschied sich der alte Hans von seinen 
MitbürgeiTi und die alte Eleonore von den übrigen „Weiber- 
völkern" des ganzen , Kirchgangs". Er trug bis in den Tod 
seinen alten Grenadier -Schnauzbart, während die Mitbürger 
nach alter Bauernsitte eines glattrasierten Gesiclits sich be- 
fleißigten, und am Sonn- und Festtag machte er den Kirchen- 




Die preuliisclien Weiber i 



j Leulersberg 



-wreg von FOhrenschallstadt nach Wolfenweiler nicht in den 
'Gblichen Lederhosen der Bauern, sondern in langen weißen 
Ciainaschen. Und dio alte Wachtmeisterin erachten im Hause 
Cottes nicht mit der Markgräfler Flügelkappe auf dem Kopfe, 
Bondem in der damaligen Königsberger Tracht zum nicht 
geringen Erstaunen ihrer Mitschweatern. Eine seiner Töchter 
lebte in Führenachallstadt unter dem Namen „PreuÜen-Mine" 
Xis in die Mitte des vorigen Jahrhunderts. Zwei Ui'enkel 
«les alten Wachtmeisters Hans, in denen sich das Soldaten- 
Wut des Ahnen regte, machten den Feldzug gegen Frank- 
reich 1870/71 mit, der eine als Eekadroüswachtnieister bei 
*len Mannheimer Dragonern, der andere bei den Kailsruher 
Leibgrenadieren. Der letztere fiel bei Quingey iii Frankreich. 
Ein anderer Urenkel lebt bis auf diesen Tag in Föhren- 
schallstadt: Johann Meyer, der ,PreuUeu- Schuhmacher", wie 
man Uiii zum Andenken an den noch nicht vergessenen Ahn- 
herrn zu nennen pflegt. 

Auch der volkstümliche Humor scheint den Werbern im 
LeimstoUen nicht gefehlt zu haben, wodurch sie sieh bei alt 
und jung in der Gemeinde beliebt gemacht haben. Am 
3. Oktober 1760 war in Wolfenweiler laut Gemeinderechnuug 
über die Einnahmen und Ausgaben dieses Jahrs die übliche 
Versteigerung des Alhnendobstes, Als die großen Nuasbäume, 
die früher beim Leimstollen an- der Landstraße standen, 
zur Versteigerung kommen sollten und eben der Waibel im 
Beisein des Vogts und Heimburgers (Katschreibers) , zum 
ilritten" gerufen hatte, da trat der Wachtmeister der Werber 
aus dem Leimstollen heraus und tat das Höchstgebot. In dem 
Versteigerungsprotokoll wurde daher aufgenommen: „Die 10 
starken Nußbäum am Leimstollen, ersteigert durch 
die preußischen Werber zu 8 fl. 40 kr., wurden der 
Dorf Jugend zu Leute rsberg und Wolfen weiter von 
den Werbern zu deren nicht geringer Ergötzung ver- 
ehrt." 

Und noch einmal beschwerte sich die vorderösterreichische 
Regierung, diesmal aber nicht im eigenen Namen, sondern 
im Numen des Stadtkommandanten von Freiburg, E; 



war ^^t 



90 ßiock — Die preußiacKen Werber 



stolkn' za Leiiterebegi 



im Spätherbst des .Jahrs 1762, da ritten eines Tags meliFe» 
Offiziere des in Freibui-g liegenden österreichischen Regiments, 
einer an sie ergangenen Einladung des Grafen Kageneck in 
Mnnzingen folgend, zur Jagd dahin. Als sie eben auf der 
Landstraße am LeimstoUen vorbeiritten, standen zufällig die 
preußischen Werber gerade unter der Haustüre der Wirt- 
schaft und vertrieben sich die Zeit, indem sie aus ihren 
langen holländischen Tonpfeifen den Rauch in die Höhe 
bliesen. Da die Preußen nicht vorschriftsmäßig, wie die 
Offiziere es wol erwarteten, salutierten, sondern ,mit aus- 
gespreizten Füßen hinstanden und die Pfeifen nicht 
geziemend aus dem Maul nahmen', beschwerte sich der 
Stadtkommandant bei der Regienmg und diese bei der Herr- 
schaft Badenweiler über das „undisziplinierte" Benehmen 
der preußischen Weriier in Ansehung des Kayserlicben liohen 
Militärs. Auf diese Beschwerde erging seitens der mark- 
gräflichon Regierung keine Entgegnung. Die Sache blieb, als 
zu unbedeutend, auf eich beruhen. 

Zum Schlüsse sei noch bemerkt, dass der mehrjährige 
Aufenthalt der preußischen Werber und der Umgang mit den- 
selben an den Ortseingesessenen des Kirchspiels Wolfenweiler 
auch geistig nicht spurlos vorbeigegangen ist. Die Leuters- 
berger, Wolfenweiler und Schalistadter erwäraiten sich während 
der Kriegsperiode so zusehends für die Sache des Preußenkönigs 
oder, was dasselbe bedeutet, sie wurden so sehr alt«nfritzisch, 
dass anno 1760 ein Generalreskript der markgräflichen Regie- 
rung erging, welches Vogt Martin Kayser vor versammelter 
Gemeinde zu veilesen hatte, des Inhalts: Die gnädige Hen-- 
schaft versehe sich allen Ernstes zu den getreuen Untertanen 
der unteren Vogteiorte, dass sich dieselben im Verkehr mit 
den breisgauischen Naclibarn im währenden Kriege zwischen 
dem Haus Östori'eich und der Krone Preußen „alles un- 
nötigen Räsonnierens" bei Strafe zu enthalten haben. 




J 



Scliloss Winterbacli im unteren Glottertale. 

Von Georg Scharhammen 

(Fortsetzang.) 

Wegen der Zehntlieferung kam der Winterbacher Schloss- 
herr in Streit mit dem Pfarrer. Die zwei Wägen voll Heu, 
sowie den Großzehnten hatte er ohne Weigerung im ersten 
Jahre (1620) geliefert; anstatt des Weinzehnten aber bezahlte 
er nur 1 Krone, was der Pfarrer nicht annehmen wollte, 
den Kleinzehnten (von Hanf, Flachs, Erbsen, Bohnen usw.) 
weigerte er sich, herzugeben. Da der Junker erst frisch auf- 
gezogen war, 80 ließ es der Pfarrer jenes Jahr hingehen. 
Aber wenn er sich eingebildet hatte, derselbe würde im 
nächsten Jahr seine Schuldigkeit eher erfüllen, so hatte er 
sich getäuscht. In den Jahren 1621 — 1624 wurden auf Winter- 
bach 22, 33, 55 und 57 Saum Wein geherbstet, ohne dass 
der Pfarrer den Weinzehnten bekommen hätte. Ebensowenig 
wurde der Heu- und der Kleinzehnte entrichtet und auch der 
Sigrist, der auf Winterbach jährlich drei Haber- und zwei 
Korngarben, einen Laib Brot an St. Johanni und Weihnachten 
und einen Pfingstkäs zu fordern hatte, ging leer aus. Der 
Junker verbot dem Meier, „zu geben, was der Pfaff wolle**^ 
und dabei blieb es bis zu seinem Tode, der 1624 erfolgte. 
Erst seine Witwe berichtigte 1625 die ausstehenden Zehnt- 
lieferungen und tat fortan hierin ihre Schuldigkeit ^•. 

Als Junker Georg Wilhelm gestorben war, verlangte die 
Witwe, ihr Mann müsse am gebührenden Ort, nämlich beim 
Altar in der Kirche, bestattet werden. Jedoch dieser Forde- 
rung widersetzte sich der Pfarrer, indem er erklärte, „es 
gebühre sich nicht und würde auch kein Geschlecht zugeben, 
daß eines fundatoris und adligen alten Geschlechts als die 
von Sterne und Schwarzenberg Freyherren Grabstein aus- 
gegraben und ein anderer in desselben Grab gelegt werde". 

^ AK. 



92 Schurhammer 

Vielmehr werde er den Junker Streitt dort beerdigen, wo 
auch Junker Weißbeeke, Gut und andere adlige Geschlechter 
ihre Ruhestätte gefunden hätten (wol außen an der Kirche, 
wo der Friedhof war). Um jedoch die Schlossherrin zu- 
frieden zu stellen, so erklärte er, „er wolle nit wehren, 
daß die alte, doch noch schöne, geschnizelte Bilder von dem 
altar hinweg gethan und ein Epitaphium darfiir uflFgestellt 
werde; das aber solche widerumb vergult in ein Corp (?) wohl 
formiert gestelt und ihr wappen und Namen darunder ge- 
mahlet werde, wolle er nit wehren"**^. 

Nach dem Tode des Vaters übernahm sein Sohn Jakob 
Rudolf Streitt das Gut. Damals tobte gerade der Dreißigjährige 
Krieg, der sich jedoch erst in den dreißiger Jahren in das Breis- 
gau zog. Während das Land von Schwedischen und Kaiser- 
lichen aufs brutalste ausgeraubt und verwüstet wurde, hatte 
das Gut Winterbach keine Kontribution, Einquartierung und 
andere „schwerste Ahnlagen* und wurde durch die Salvaguar- 
dien (Schutzwachen) vor Brand und weiterem Ruin bewahrt. 
Jedoch aus dem Jahre 1656 erfahren wir, dass das Schloss 
sehr ruinös und die Felder verödet seien, was doch wol auch 
eine Folge der vorausgegangenen Kriegszeiten war. Der 
Junker baute damals eine neue Scheuer. 

Die Vermögensverhältnisse des Schlossherrn waren 
scheints seit dem Kriege nicht mehr so glänzend, und so 
sandte er 1656 ein Schreiben an die Regierung, worin er sich 
beklagt, dass nun seit 30 Jahren die Pensiones ausständen 
und er allein über 45000 fl. Interesse und Kapital ausstehen 
habe. Er bitte darum um folgende Rechte: 

1. dass die Bauern ihm Fronen leisten sollten; 

2. dass man ihm die niedere Gerichtsbarkeit und das 
Fischwasser (welch letzteres die Bauern jährlich um 
10 oder 12 Pfund Pfennig beständen) überlasse; 

8. dass er jährlich ein Paai* Rot- und Schwarzwildbret 
schießen dürfe, und 

4. dass die Güter, die er etwa zu AVinterbach hinzukaufe, 
gleich seinem Gut von der Schwarzenbergischen Herr- 
schaft befreit und der V.-Ö. Regierung immediate ein- 
verleibt würden. 



40 



AK. 



Schloss Winterbacb im unteren Glottertale 93 

Dieses Schreiben hatte Erfolg, und in einem Erlass vom 
9. Juni 1659 machte der Landesfürst, Erzherzog Ferdinand 
Karl, dem Junker J. Rudolf Streitt folgende Zugeständnisse ^^* 

1. Das Gut Winterbach im Glottertal sei mit seinen Zu- 
gehörungen dem breisgauischen Ritterstand immediate 
inkorporiert und von der amtlichen Botmäßigkeit dar- 
um gleich andern adligen Gütern befreit. Er (Vasall) 
dürfe inl Tale noch einen Hof erhandeln, der dann 
(außer den Kollationen) ebenso gefreit sein solle. 

2. Ein jeglicher Untei'tan der drei Vogteien (Unter-, 
Oberglottertal und Ohrensbach) solle, wie sie solches 
bisher der Landesherrschaft schuldig gewesen, dem 
Inhaber des Winterbachs semel pro semper sechs 
Frondienste leisten, zur Instandsetzung seines Guts. 

3. Der Vasall möge bis auf Widerruf den dritten Teil des 
Fischwassers unentgeltlich und das übrige gegen den 
üblichen Zins genießen, jedoch den Untertanen an ihrer 
Wässerung ohne Schaden. 

4. Der Forstknecht solle ihm jährlich zwei Stück Rot- 
und zwei Stück Schwarzwild schießen. 

5. Solle er die der Landesherrschaft im Glottertal jähr- 
lich (von Seiten Ohrensbachs) fallenden 54 Mutt Habers 
fünf Jahre lang beziehen, hingegen müsse er 

6. „mit seiner auf 45000 fl. gesetzten (bei dem Junker), 
der Kammer in capitali und Interesse zu ersuchen 
habenden Prätension neben andern V.-Ü. Kreditoren 
sich gedulden*, dafür werde er jedoch 

7. als V.-Ö. Regimentsrat mit entsprechendem Gehalt in- 
stalliert. 

Im Jahre 1669 verkaufte der obei-steinische Obervogt 
Jakob Rudolf Streitt, Herr zu Vollmaringen und Göttelfingen, 
das Wasserhaus im Glottertal. Käufer war der stiftmurbachi- 
sche Kanzler Johann Ulrich Hang mit seiner Frau und 
deren Vater, dem V. 0. Kanzler J. Th. Zeller. Am 19. De- 
zember dieses Jahrs wurde er mit dem Gute vom St. Mar- 
garetenstift belehnt*^. Die Hang (auch „Hug" geschrieben) 
waren ein Freiburger Geschlecht und trugen als Schildbild in 
Schwarz vier nebeneinanderstehende goldene Rauten und als 

*' AK. " Zeitschr. 21. 



94 Schuihnninier 

Helmzier über dem Steclihelm einen wachsenden, bärtigen 
Mann, der als Kopfbedeckung einen ecbwarzgoldeuen Wulst 
mit fliegenden Bändern trägt- In der Rechten hält er einen 
goldenen Stern und auf seinem schwarzen Kleide sind drei 
goldene Rauten '^ 

Von der Familie Haug kam Winterbach (wann, ist un- 
bekannt) an Adam Franz Wilhelm, Freiherrn von Stotzingen, 
Herrn zu Heudorf und Höfen, indem dieser die Witwe l?) 
des Ulrich Haug, Baibai'ä Ida geborene Zc-ller von Buchholz 
heiratete. 

Die Stotzinger gehörten dem schwäbischen Uradel an. 
Sie stammten aus Niederstotzingen in der ehemaligen Mark- 
grafschaft Burgau. In ihrem Wappen trugen sie auf blauem 
Grunde einen silbernen Tragkorb ( „Stützen ' ) mit grünen 
Reifen, während die Helmzier aus einem blauen Engel bestand, 
dessen Ooldlocken mit einem Kreuz geschmückt waren, wälirend 
auf den blauen, ausgebreiteten Flügeln Sterne glänzen**. 

Der Freiherr gab im Jahre 1681 die zum Gut Winfer- 
bach gehörige Mahlmühle dem Johann Unniüssig aus Wald- 
kirch zu Lehen, worüber der Lehensbrief also lautet'^: 

,Ich Adam Franz Wilhelm, Freilierr von Stotzingen, 
Herr zu Heudorf und Höfen, bekenne hiermit männiglich, 
dass ich für mich und meine Nachkommen verliehen habe, 
verleihe auch hiermit nochmalen mit einem beständig und 
immerwährenden Erblehen dem ehrbaren und bescheidenen 
Meister Johann Unmiiasig, von Waldkirch gebürtig, allen 
seinen Erben nnd Nachkommen, und zwar erstens auf sein 
Absterben seinen vorhandenen Söhnen, sodann auf deren 
Abgang seine« Töchtern, solang vorhanden, meine eigen- 
tümliche Mühle im Glottertbal, zu meinem adenlichen Sitz 
gehörig, und an demselben gegen der Landstrati gelegen, 
mit allem dem, was zwischen dem Bach und der Stml) bis 
hinaus, allwo man gelochet, und von altemher wie bis dato 
zu dieser Mühl gehörig gewesen, und ist aammt den darauf 
stehenden Nuss- und Obstbäumen sammt aller Nutzung ihm 
oder seinen Erben gehörig. Ich erlaube nnd vergönne hier- 
bei auch ihm, Johann Unmüssig, seinen Eiben und Nach- 
kommen auf meine Winterbacher Weid neben und mit 



h 



• Kindler. 



' Siebinacb«r, Wapjtenlmcli. 



' AK. 




1 unteifn Glottenale 



95 



andenn meinem Vieh eine Kuh zu seinem besseren Unter- 
halt (jedoch mir oder Inhaber dafUr zu einer Hekcgnition 
2 fl. jährUdi erstatten solle) auf die Sommer- und Herbat- 
weid treiben zu dürfen. Wobei ich aber das Wasser aus 
dem Bach bei der Mühlen auf meine Matten richten zu 
lassen und solches nach meinen und meines jeweiligen Meiers 
Belieben zu gebrauchen, mir in allweg vorbehalte . . .' 
Die Lehenträger sollen die Mühle in guten Ehren und 
wesentlichem Bau erhalten, und vor Abgang, soviel wie immer 
möglich, beschützen. Das zum Wasserbau oder Mülihverk 
notwendige Holz künnen sie im winterbachiechen Wald holen, 
dagegen dürfen sie für den Hausgebrauch das Holz nur zu- 
Bammenieaen. Für das Herrschaftsrecht bezahlen sie dem 
Junker jährlich 1 Krone oder 1 fl. 9 Batzen. Zur Heu- und 
Ohmdzeit soll der Müller zwei- oder dreimal gegen Bekösti- 
gung fronen. Als Lehenzins soll er jährhch 15 Mfttt Molzeni 
geben, oder .wie es die Mühle jeweilig erträgt"; jedoch aus- 
genommen die Kriegszeiten, wenn er etwa von Haus weichen 
milsste, oder wenn die Mühle ohne des Müllers Schuld ruiniert 
werden würde. Der Lehenträger soll nicht befugt sein, die 
Mühle zu verkaufen, verpfänden oder zu beschweren, dagegen 
solle er den Nutzen und Frommen des Junkers fördern. 

Lange scheint der Herr von Stotzingcn das Gut Winter- 
bach nicht besessen zu haben. Schon im Jahro 1683 {am 
25. August) verkaufte er es" gegen Barzahlung des Kauf- 
Bchillings an ,die Frauw Wittib von Kleinbrodt', Maria 
Apollonia geborene von Pflummexn. 

Die reichen Vorfahren der Kleinbrodt lebten als ,Klein- 
brödtlin'' im 14. Jalirhundert in Freiburg. Im Jahre 1668 
(16. Juli) brachte Joh. Leonhard Kleinbrodt für sich und seine 
Nachkommen den Adelsstand für Reich und Erblande durch 
Kaiser Leopold I. in sein Geschlecht. In dem blau und silber 
gevierten Wappen befindet sich auf grünem Mittelschild eine 
rote in einer silbernen Rose; die blauen Schildfeldor zeigen 
zwei goldene Brötchen, die silbernen je einen grünen Zedern- 
baiun. Die Helmzier auf dem gekrönten Stechhelm weist 
einen grünen Zedernbaum auf, Rechts davon ist ein offener 
blauer, links ein roter Flügel, die rechts durch einen grünen, 



• Zeiteclir. 21. 




J 



9b .Sdiurliammer 

links durch einen silbernen mit einem Brötchen versehenen 
Schrägbalken geschieden sind*'. 

Von der Freifrau Maria ApoUonia erbte das Gut Winter- 
bach Karl von Kleinbrodt im Jahre 1683, von ihm ging es 
über auf Josef Euseb von Kleinbrodt, Unter ihm kam die vom 
rreiherm von Stotzingeii als Erblehen verliehene Mühle an die 
Familie Schwörer ". Im Jahre 1 738 kam Winterbach an 
Euaebs Sohn Franz Marquard von Kleinbrodt, der 1765 als 
Benefiziat in Buchholz starb". Von ihm ging das Gut (1770?) 
an seinen Bruder Karl über. Nach dem Totenbuch von Glotter- 
tal starben daselbst auUer den oben erwähnten folgende 
Kleinbrodts; 1745 Januar: Franziska Scholastika von Klein- 
brodt, 1783 28. Dezember: in einem Älter von 73 Jahren 
Maria Elisabetha von Kleinbrodt und 1785 die Witwe Marianne 
von Kleinbrodt. 

Das Gut Winterbach hatte unter Karl von Kleinbrodt ohne 
Mühle 188 Juchert Boden. Davon waren 57 Ackerland, 
24 Matten, 6 Rehen, 76 Wald, 22 Weide, wozu noch 6 Juchert 
für Haus, Garten usw. kamen. — 1774 erlaubte Kleinbrodt 
dem Küfer Anton Disch, auf seinem Gut sich ein Haus zu 
bauen. 1784 wurde ein zweites Taglöhnerhaus am Wiggis- 
gi'aben errichtet. 

Auf der Mühle war anfangs der vierziger Jahre der letzte 
Schwörer gestorben und liatte zwei unmündige Söhne hinter- 
lassen *". Die Witwe heiratete damals den Untertäler Christian 
Gschwandter, der jedoch 1758 ebenfalls starb. Von den beiden 
Söhnen des Schwörer konnte der eine die Mühle nicht ülier- 
nehmen, der andere wollte nicht, und so kam sie an Blasi 
Gschwandter, der 1804 starb. Er hatte die Mühle völlig ver- 
walirlosen lassen und darum allmählich alle Mahlkunden ver- 
loren. Als der Gachwandtersbläsi gestorben war, inspizierte 
Karl von Kleinbrodt als Lehensherr die Mühle. Da sah es 
schön aus! 

Der Einlass des Wassers aus dem Talbach in den Mühl- 
graben war mit keiner Stellfalle versehen. Der Mühlböderich 
war durchlöchert, so dass selbst das wenige Wasser, das den 
Weg durch den Mülilgraben fand, nicht ganz auf das MOhU 



' AK. 




Scliluss Winterliach im unteren liluttertale 



97 



I kam. Die ^Vasseretube war ohne Dach und ohne Wand. 
Das einzige Rad zu einem Mahlung war mit Ketten zusammen- 
gebunden; das die Stampfen oder ehemaligen Bleiplatten treiben 
sollende Rad ganz zerfallen und unbrauchbai-, der Stampf- 
Idotz desgleichen, so dass nichts in denselben geschüttet wer- 
den konnte. Die Wassermauer war bis ins Fundament zer- 
iTittet, dem Einsturz nahe; die Riegelwand darüber war ge- 
senkt. Kein guter Sparren auf dem ganzen Daclistuhl, dieser 
überall eingesunken und dem Regenwasser offen, die darunter- 
liegenden Blöcke alle abgefault. Der schon vor zehn Jahren 
im Winterbacher Wald gefällte Kichenklotz, den der Müller 
zur Hei-stellung des Böderichs geholt hatte, ebenso auch die 
vor zehn Jaliren gestellten Tannstämme zur Herstellung des 
Dacbstuhls lagen halbverfault vor dem Hause. 

Da musste Abhilfe geschaffen werden: die drei Kinder 
des verstorbenen Mililers konnten die Mühle nicht weiterführen, 
geschweige denn wieder omporbringen. Denn der Sohn war 
ein dickhalsiger, engbrüstiger, übelhürender Mensch und die 
beiden Töchter waren im höchsten Grade blödsinnig. Kleinbrodt 
brachte die drei nun dazu, dass sie ihm die Mülile um 1600 11. 
verkauften, wogegen sie ihr Stück Wiesen und Feld behielten 
und in der Mühle fernerhin wohnen bleiben dürften. 

Hiergegen aber erhob der Pfleger der drei, Josef Schill, 
Protest und erklärte den Kauf für null und nichtig. Es kam 
deshalb zu einem langen Prozess. Der Kläger erklärte, mit 
dem bischen Geld könnten die Töchter nicht leben. 

Aber Kleinbrodt schrieb 1S09 hierauf an die Amtleute 
nach Waldkirch, nicht die Rücksicht auf die Pflegetöchter, 
sondern Absichten des Ptlegers und Konsorten auf die Mühle 
und auf das Vermögen der Pflegeliefohlenen seien die Trieb- 
federn der wiederholt in Vor-schlag gebracliten Auflösung des 
Erblehenverbands. Wenn übrigens das Geld den Töchtern 
nicht reiche zum Lebensunterhalt, so sollten sie taglölmem 
wie mehrere hundert Inwohner des Tals, die nicht einmal 
eigene Häuser besässen — während die zwei Töchter doch 
das Haus hätten. — Zudem erlösten sie jährlieh von der 
Mühlmatte 100 fl. und hätten noch Vi Juchert Acker im 
Denzlinger Bann. „Wenn mit diesen Mitteln", so schließt er 
sein Schreiben, ,zwo Weibspei-soneu ihr Leben in eigener 
Wohnung nicht fristen können, so müssen wahrhaftig zwei 



^ 



Drittel der KaDieralherrschaft Kaatel und Scliwai'zenberg 
Untertanen verhungern." 

Es wurde schließlich ein Vertrag abgeschlossen, wonach 
von Kleinbrodt die Wiesen und Acker der Gschwanderschen 
Kinder erhielt, sich dagegen verpflichtete, diesell>en lebens- 
länglich zu verpflegen und zu unteihalten. Der Kauf der 
Mühle wurde als zu Recht bestehend erkannt, aber kurz darauf 
brannte sie, vielleicht aus Rache angezündet, bis auf den 
Grund nieder. 

Kleinbrodt suclite den ßebbau im Glottertal wieder ein- 
zuführen, der infolge der vorausgegangenen Kriege fast völlig 
aufgehört hatte. Seiuem Beispiel folgten allmählich die andern 
Bauern. Der Saum Wein kostete damals an Ort und Stelle 
drei Louisdor, und der gute Glottertäler war nach der Mei- 
nimg eines Badgastes ans jener Zeit Bchuld daran, dass der 
Schlossherr noch als SOjähriger Greis springen und hüpfen 
konnte wie ein Knabe*'. Neben der Einführung des Rebbaus 
wird dem Kleinbrodt auch die Einführung der ersten Pfirsich- 
bäume nachgerühmt. 

Der alte Kleinbrodt war allgemein beliebt im Tale, und 
noch jetzt erzählen die alten Leute, was fui- ein guter Mann 
er gewesen sei. Habe ein Bauer einmal Brandunglück ge- 
habt, so habe er ihm gera geholfen. Er war Landvogt der 
Ortenau, aber 1812 oder 1813 ließ er sich pensionieren und 
lebte als Hagestolzer auf seinem Gut Winterbach im idylli- 
schen Glottertal. 

Im Jahre 1S05 wurde das Margaretenstift in Waldkirch 
aufgehoben, und an Stelle des bisherigen Lehensherm trat nun 
der Landesfürst. Im Jahre 1812 belehnte Groüherzog Karl von 
Baden, der seit sieben Jaliren HeiT auch über das Breisgau 
war, seinen Landvogt Karl von Kleinbrodt mit dem Wasser- 
haus Winterbach, als einem rechten Erblehen, unter der Be- 
dingnis, dass er für jeden Todfall 4 Pfunde Rappenmünze und 
für die RAppenmatte und den Schnewlinsacker 8 Schillinge 
2 Pfennige jährlichen Zinses entrichte". 

Eines mochte dem alten Kleinbrodt manchmal seine alten 

3 verbittern — er hatte stets mit Geldmangel zu kämpfen. 




Schloss Winterbacli im unteren Glottertale 99 

Darum hatte er auch manchen Strauli mit der Gemeinde 
Unterglottertal auszufeehten wegen der Beiträge zu öffent- 
lichen Lasten". Als er 1817 z. B. zum Schulhausbau bei- 
steuern sollte, weigerte er sich dessen entschieden, obwol er 
auf seinem Gut drei Pamilienhäuser hatte, von denen die Kin- 
der die Schule besuchten. Die Gemeinde wandte sich schließ- 
lich, als alle ihre Bemühungen nichts fruchteten, an das Land- 
amt Preiburg, und dieses schickte dem alten Herrn am f), Sep- 
tember den striktesten Befehl zu, innerhalb acht Tagen seinen 
Beitrag zu entrichten, der 126 11. betrug, Jedoch am 9, Ok- 
tober musste der Vogt Reiehenbach berichten, der Herr von 
Kleinbrodt habe noch keinen Kreuzer bezahlt. Vielleicht hätten 
die Glottertäler noch lange wart*n können, hätte nicht 1818 
die Freifrau von Gleichenstein für ilm die Summe hergegeben. 
Vier Jahre darauf ist der Gutsherr der Gemeinde Unterglotter- 
tal wiedemm 1.56 fl. schuldig. Da er nicht zahlen kann oder 
will, so wird der Vogt angewiesen, ihm seine entbehrlichen 
Fahrnisse, nötigenfalls auch Vieh des Schuldners zu pfänden 
und, wenn binnen acht Tagen keine Zahlung erfolge, öffent- 
lich zu versteigern. 

Mit dem Obervogt Zwerger stand Kleinbrodt nicht auf 
bestem Fuße. Er beklagte sich einmal, „jener scheine es sich 
zur Pflicht zu machen, ihn in Prozesse, Schaden und Kosten 
zu versetzen und zu verwicklen ' . Der alte Herr hatte eine 
Hypothek nach der andern aufgenommen'**, um die vielen 
Schulden zu bezahlen; allein dem Advokaten Dr. Amann in 
Freiburg schuldete er 6300 fl. Zu allem Unglück brannte ihm 
außer der Mühle auch noch seine Scheuer ab, — Da starb 
er am 20. Februar 1826 in einem Alter von 83 Jahren, der 
Letzte seines Stammes. Auf dem Gottesacker hinter der 
Kirche wurde er begi'aben; ein einfaches, mächtiges Holzkreuz 
bezeichnete die Stelle, wo der Letzte aus dem Geschlechte 
der Kleinbrodt und der letzte adh'ge Schlossherr von Winter- 
bach in die Erde gebettet wurde. 

A1.S Karl von Kleinbrodt gestorben war, stellte es sich 
heraus, daas seine Schulden sich auf 32 637 fl. beliefen. Der 



" Gemeindearchiv Unterglottertal. 
'* Siehe Gemein dearchiv Unterglottertal; Unuidbücher 
1 nnd Untergl Ottertal. 



i 



100 



BclmrhHm 



Staat betrachtete das Winterbacher Erblebengut irrtümHeb 
als heimgefalJen und ließ es 1827 versteigern. Der Meist- 
bietende war Stadtrat und Posthalter Werber von Kenzingen. 
der das Gnt um -12 650 &. käuflich erwarb. 
Die Kaufbedingungen waren folgende": 

1. Die Belehnung des früheren Besitzers geht in allen 
Dingen auf den Käufer über. 

2. Außer den Staatsiasten an Zehnten, Grund- und Häuser- 
steuer und den gewöhnlichen Genieindelasteii haftet 
nichts weiteres als 5 ff Rappen, 8 Schilling, 2 ^ oder 
6 fl. 40 Kr. auf dem Gut. 

3. Nach einem besonderen Veitrag mit dem letzten Lehen- 
inhaber müssen die Gscliwanderschen Hinterbliebenen, 
nämlich zwei alte Weibspersonen von 65 und 5ß und 
ein Sohn derselben von 32 Jahren lebenslänglich ver- 
pflegt und unterhalten werden, was nun auch dem 
Käufer obliegt. 

4. Bei Wiederaufbau der abgebrannten Scheuer und Mühle 
ist die betreffende Entschädigungssumme bei der Brand- 
versiclieruugskasse zu erheben. 

5. Von den Wiesen sind 2'/j Juchert durch autikreti- 
schen Vertrag verpfändet und die auf dem Leiiengut 
befindlichen Taglöhner, Küfer Disch und Schreiner 
Ehinger, sind Afterlehensleute. 

6. Der Käufer bat von den noch für zwei Jahre ver- 
pachteten Güteni den Pachtschilling zu beziehen, 

7. Vom 1. Januar 1828 tritt Käufer in die volle Nutzung 
des Gutes, muss aber von da an auch alle Lasten 
Übernelunen. 

8. Gütermaß wird nicht gewährt. 

9. Auf dem Gut haften 26000 fl. Schulden, die von der 
Lehensherrachaft anerkannt und gerichthch versichert 
sind. 

10. An dem vom 1. Januar 1828 an zu 5Vo verzinslichen 

Kaufschilling muss ein Fünftel bar und der Rest in 

gleichen Raten auf 1. Januar 1829, 1830 und 1831 

bezahlt werden. 

Dieser Kauf wurde von den Verwandten des Verstorbenen 



h. 



' AK. 




und dessen Gläubigern {z, B. der Freifrau von Gleiclienstein, 
der Ober\'ögtin Bienzinger und andern) nicht als rechtsgöltig 
anerkannt, und es entstand nun zwischen ihnen nnd dem 
H roßherzoglichen Fiskus ein Rechtsstreit, der 183SJ damit 
endete, dass letzterer an erstere den Gutserlös von 32650 fl. 
heraus zu bezahlen hatte '''. 

So war das Rittergut Winterbaeh in bürgerliche Hände 
gekoninien. 

Benedikt Werber war der Sohn des Salmenwirts in 
.Ättene" l Ettenheini). Er hatte die .Post" in Kenzingen 
gekauft, weshalb er auch einfach „der Posthalter' genannt 
wurde. 

Er begaim alsbald auf dem Gute zu bauen. Das alte 
„Waaserhaus" oder „Burgstal", in dem der Kleinbrodt ge- 
wohnt hatte, war ein grolier Bau; der erste Stock aus Hau- 
steinen, der zweite aus Riegelwerk bestehend. Daneben stand 
das sogenannte Rebhüsli, in dem einige arme Leute wohnten. 
Werber ließ das Schlosa niederreilien, den Schlosaweiher zu- 
werfen luid die dabei befindliehe Baumschule entfernen, so 
dass jede Spur des ehemaligen Herrensitzes heute völlig ver- 
schwunden ist. Gegenüber dem früheren Schloss baute er 
dann sein Wohnhaus, das er später noch verlängerte. Es ist 
dies der heutige Schlosshof. ein zweistöckiger Ban mit langen 
Fensterreihen. Ebenso baute er auch die unter Kleinbrodt 
abgebrannte Scheuer und 1835 auch die Mühle wieder auf 
lind lieU sich auch die Genehmigung zur Errichtung einer 
iijägemühle geben^'. 1834 hatte der neue Gutsherr bereits 
über 45000 fl. auf seinem Gut Winterbach verbaut^*. 

Um das Geld für seine ewigen Bauten und Veränderungen 
aufzubringen, verkaufte Werber außer der neuerbauten Säg- 
mühle, für die er von Maurermeister Seb. Amba im .Jahre 
1841 2400 fl. erhielt, die sogenannte Buch- oder Mühlmatte, 
die einst Balthasar Gut mit der Mühle um 800 fl, hinzugekauft 
hatte und die darum nicht zum Dominalgut Winterbach ge- 
hörte, seit 182« in 12 Parzellen an 12 Besitzer (10 vom 
Glotter- und 2 vom Föhrental), die sich darauf in ( 
Häusern mit ihren Familien ansiedelten. So hatte sich i 



J 



102 






Jahr 1848 auf dem zirka ein Morgen großen schmalen Wies 
streifen rechts und links von der Talstraße bereits eine kleine 
Kolonie von Taglöhnerfamilieii gebildet, und das Gut Winter- 
bach zählte damals 125 Bewohner ^^ 

Es entspann sich nun ein langwieriger Sti-eit zwischen 
Werber und der Gemeinde Unter gl ottertal. Ersterer erklärte, 
die Mühlmatte gehöre ins Unterglüttertal, folglich gehörten 
auch die Tagldhner darauf dorthin. Jedoch die Gemeinde 
wehrte sich hiergegen entschieden. Entweder müsse das ganze 
Gut Winterbach zu ihrer Gemarkung geschlagen werden, oder 
aber sie würden sich niemals die Last von 12 armen Tag- 
löhnerfamilien aufbürden lassen, erklärten die Bauern. Zum 
Äustrag kam die Sache nicht, solange Werber Gutsherr war. 
Er und die Gemeinde Unterglott«rtal standen sich allzeit gegen- 
über wie Feuer und Wasser, und Werber war wol ebenso- 
sehr bei den Bauern verachtet wie gehasst. „In allen Punk- 
ten", heißt es in einem Schreiben, „wo er mit der Gemeinde 
in Berührung kam, fing er Prozess an." 

Dies zeigte sich gleich in den ersten Jahren. 1832 war 
die neue Gemeindeordnung in Kraft getreten, wonacli Werber 
zu den Genieindeumlagen heisteuei-n sollt«. Jedoch, davon 
wollte dieser absolut nichts wissen. Er schrieb dem Genieinde- 
rat, wenigstens wolle er sieh als Äusmärker behandelt wissen, 
wie auch die 12 Ohrensbaelier Bauern, die den Eichberg im 
Untertal besäßen, zumal er gegenwärtig nicht einmal im 
Glottertal wohne, sondern das Gut durch einen Pächter ver- 
walten lasse. Überhaupt verlange er, wenn er an den Um- 
lagen für Polizei usw. mitzählen solle, auch Schutz für sein 
Eigentum, denn er werde fortwährend bestohlen; ganz enorme 
Diebstähle kämen stets vor, er werde geradezu ausgeplündert; 
man müsse mindestens auch einen Nachtwächter anstellen. 
sonst bezahle er nichts. 

Die Gemeinde erwiderte ihm, ein Nachtwächter könne 
im Glottertal mit seinen auseinanderliegenden Höfen nichts 
nützen und für sein Gut allein könne er keinen verlangen. 
Überhaupt bezeichne er den kleinsten Holzdiebstahl sofort als 
.enormen Diebstahl, Ausplünderung etc.". Außer dieser schrift- 
lichen Antwort des Gemeinderats gaben dem verhassteu Guts- 



** Arckir Untertal. 





Bcki«» WinterbAch im mterm (rtottvrtale ]03 

foesitzer «inig^ Barschen auch noch eine andere, dir freilich 
dnrdi die damalige allgemeine Erbitterung nicht ent^.hnidigt 
werden kann. Sie brannten üun nämhch ein Bebhanf^ nieder, 
ein anderes bnudien sie dee Kachtf^ ab und ^astahten ihm das 
darin befindliche Hok. TTberhaupt gah es damals 7., B. bei 
den Baaembid»en nicht ak ein Verbrechen, auf dem Out des 
Werbers Pflaumen usw. zu ^bengeln^, ja die sonst so strenfjen 
Täter daheim «sdien es meistens sogar nicht imgem. denn da- 
durch bekamen wenigstens ihre Sprdsslinge die (Gemeinde- 
Umlagen auf solchen Umwegen. 

Um zu manifestieren, dass sein Out eine eigene Oemar- 
knng «ei und er folglich nicht zu den Umlagen der Oemeinde 
Unterta] verpflichtet werden könnte, hatte Werber ISJ^O bei 
der Herstellung der Taktraße sich angeboten, das Straften- 
BtüdL, das auf sein Out zn liegen kam. auf eigene Kosten 
machen zu lassen und zwei Arbeiter, den «Tosef Kuenle und 
den Josef Furtwängler, damit beauftragt.. Als dann der Unter^ 
täler Togt das Bauen verbot, imd zwar auf Befehl des Be- 
zii^Lfiamta, erklarte ihnen Werber, sie sollten nnr weiter- 
arbeitea, er stehe für alles. Da die I^eute jedoch keinen 
obri^seitliehen Konsens hatt^en. musste der Posthalter 10 fl. 
Strafe bezahlen, ließ sich nun aber amtliche Eilaubnis zum 
Straßenbau geben. 

Jedoeh halfen alle seine Bemühungen nichts. Die Vnter^ 
tüer Uieben unerbrttKch in ihren Forderungen und strengten 
sdiließlich einen Prozess gegen Werber an. Dieser schrieb 
an die Behörde unter anderm: Was den Beitrag zur Schule 
angi^ie, so solle man den Rosenkranzbniderschaftsfonds mit 
sein^i 10000 fl. dazu verwenden, wie es durch die VeT\>i>l* 
nongi^i Josefs II, und Großherzog Karl Friedrichs voi^sohrie* 
b^i seL . . . Warum er für die Polizei iH^isteuem solle, 
kdnne er nicht einsehen, der Ortspolizeidienor sei nur der 
Dien^ des Börgermeisters, der Gemeinderäte, des Ratsohm- 
bers und des Akzisers, aber nicht der aufmerksame Wächter 
g^en die Frevler des Gesetzes. Für seinen geringtMi Gehalt 
von 45 fl. funktioniere er taglich eine Stunde, die übrige Zeit 
widme er seinen Privatgeschäften. Darum müsse er sich 
einen eigenen Waldhüter und Bannwart halten imd bezahlen. 
Er sei also nicht verpflichtet, auch noch für die Geuuniule- 
polizei zu zahlen usw. . . . 



Schiirhamnicr 



Man erwiderte jedoch dem Posthalter, der Fonds der 
Rosenkranzbniderschaft sei laut der Stiftungsurkunde aus- 
schließlich für kirchliehe Zwecke bestimmt; übrigens betrag« 
er keine 10 000. sondern nur 5000 fl. Betieffs der Ortspolizei 
möge sich Werber erinnern, dass der Ortsdiener mit niemand 
mehr zu schaffen habe, als mit ihm, und mit den Werber- 
scßen Angelegenheiten mehr in Anspruch genommen werde, 
als wegen aller Bürger im ganzen Doif. Kein Beiti-ag werde 
mit mehr Recht geleistet als gerade dieeer. Wolle er bessere 
Sicherheit als andere Leute, dann verstehe es sich von selbst, 
dass er sie auch bezahle. Aber Werber gab nicht nach. 
Man könne nicht verlangen, dass er f^' Schule und Kirche 
beisteuere, er sei evangelisch. Aber er erhielt zur Antwort, 
seine Dienstboten seien katholisch: überhaupt könne der 
nächste Besitzer von Winterbach schon wieder katholisch 
sein; man könne nicht alle Augenblicke die Gesetze ändern. — 
1851 wurde durch amtliche Verfügung bestimmt, Werber 
müsse nach Verhältnis seines Grundsteuerkapitals zu den Ge- 
meindebedürfnissen beisteuern. — Werber aber, der schon seit 
184() nichts gezahlt hatte, weigerte sich und ließ es auf einen 
Prozess aukommen. 18ö5 wurde er vom Bezirksamt ver- 
urteilt, die von der Gemeinde verlangte Summe von 416 fl, 
für die Jahre 1846 — 1853 zu bezahlen. Aber während des 
Prozesses hatte es sich herausgestellt, daas Werber nicht 416, 
sondern f)98 fl schuldig war. Beide legten Rekurs ein; Wer- 
ber, weil er überhaupt nichts zahlen wollte, die Gemeinde, 
weil sie jetzt 698 fl. wollte. Die Groüherzogliche Kreisregierung 
gab der Gemeinde Recht und verurteilte 1858 den Posthalter, 
binnen drei Wochen die 698 fl. zu zahlen und sämtliche Kosten 
des Verfahrens zu tragen. Doch auch jetzt gab sich Werber 
nicht zufrieden, sondern ergriff Oberrekurs an das Ministerium 
des Innern, Hier, in der dritten Instanz, wurde nun die Ge- 
meinde Unterglottertal mit ihrer Mehrfordecung abgewiesen 
und zur Tragung der Rekurskosten verurteilt, „weil sie den 
K«kurs zu spät eingeschickt hatte". 

Die Glottertäler suchten dem Posthalter nach Kräften 
den Aufenthalt im Tale zu entleiden. Im Jahre 1846 brannte 
seine Scheuer ab, wol durch Brandstiftung. Werber wollte 
sich nun versichern lassen, brauchte aber dazu eine Beur- 
kundung der Lage und Verhältnisse seiner Güter durch das 



^ kandupg de 




SthloBB Winterbath i: 



UlotteiUlu 



105 



Uiitertäler Bürgermeisteramt. Dieses weigerte sich jedoch und — - 
musat« erst durch daa Bezirksamt dazu gezwungen werden. 

Als 1849 (vom S. bis 12. Juh') die Preußen ins Tal kamen, 
gab der Gemeinderat dem Besitzer von Winterbach ziemlich 
viel Einquartierung, ao z. B. einmal 56 Mann und 6 Offiziere 
zugleich, obgleich damals seine Fiau im Kindbett lag. Im 
ganzen bekam er 241 Mann. 

Als in den folgenden Jahren die Kriegskosten für den 
Maiaufstand bezahlt werden sollten, weigert« sich Werber, die 
von der Untertäler Gemeinde verlangten 35 fl. zu entrichten. 
Es kam zum Prozesa, und hierbei wurde Werber verurteilt, 
wenigstens 20 Ü. zu bezahlen, während er geglaubt hatte, 
man müsse ihm eher Entschädigung wegen der „ungerechten, 
itbenuälligen Einquartierung" von Gemeindewegen heraus- 
bezahlen '"'. 

Wir haben schon genügend das feindselige Verhältnis 
zwischen dem Gutsherrn und den Glottertälern gezeigt. Ein 
Beispiel hierfür mag noch folgen. Werber hatte streng ver- 
boten, dass jemand sich in seinem Wald blicken lasse; ja er 
hatte es wegen des Suggentäler Kirchwegs, der durch sein 
Revier führte, sogar zu einem Prozess kommen lassen. Eines 
Tages nun entstand ein Waldbrand auf Winterbach, als der 
Posthalter gerade abwesend war. Als der Gendarm nun die 
Leute aufforderte, sie sollten löseben helfen, da erwiderten sie 
ihm: , Wenn wir durch den Wald gehen, straft uns der Werber", 
und schauten untatig und schadenfroh zu, wie es brannte. 
Unterdessen kam Werber heim und erfuhr nun von dem Wald- 
brand und dem Benehmen der Bauern. So sehi' sich der Post- 
halter hierüber ärgerte, so ließ er doch nichts davon merken 
und sagte: ,Lasst nur brennenl Wogen mir Iö.scht doch sicher 
keiner. Das weiß ich. Wenns etmnal an ihren eigenen Wald 
geht, werden sie schon springen"*', 

Nicht nur wegen seiner ewigen Prozesse war Werber 
verhasst. sondern auch vor allem wegen seines ärgerlichen 
Lebens, das ihm im Tale allgemeine Verachtung zuzog. Als 
ich einst einen alten Bauern fragte, was der Gutsbesitzer 
Werber für ein Mann gewesen sei, gab er mir in derber 
Alemannenart zur Antwort: „Der Werber, sali isch e S,. 



Archiv UnlcrUil. 




' Mandliche NacLrioht. 



106 



Sciinrhammer 



gsi." Werber war katholiscli, ließ sich aber späterv 
Frau trennen. Nach den Berichten der Talbewohner führte 
er auf Winterbaeh ein wahres Heidenleben. Keine seiner 
Köchinnen habe es lange bei ihm ausgehalten. Eine soll ein 
Kind in den Reben vergraben liaben, eine andere habe aus dem- 
selben Grunde Vitriol genommen. Es sei hierüber zu einem Pro- 
zesB gekommen, aber da Werber Oeld hatte, habe er sich damit 
aus der Sache gezogen. Mitte der fünfziger Jahre trat er zur 
protestantischen Kirche über und heiratete nun eine Luise von 
Langfidorf. Seine erste Frau starb bald dai'auf, wol aus Gram 
hierüber. 

Hatte Werber schon früher sich geweigert, für die Kirche 
beizusteuern, so jetzt noch mehr. Wegen der Zehntablösungs- 
aumme führte er mit dem Glottertäler Pfarrer einen langen 
ProzesB. Von 1S3S bis 1861 hatte er keinen Heuzehnten mehr 
geliefert. Der Prozess hierüber währte von 1840 bis 1865, 
wo endlich am 14. November dmch hofgerichtliche Entschei- 
dung Werber verurteilt wurde, mit 991 fl. den Äekerzehnt 
abzulösen. Den Weinzehnten hatte er zwei Jahre vorher mit 
1883 fl, abgelöst, freilich auch erst nach langem Prozessieren ••. 

So recht gemUtlicli mags dem Poethalter im Glottertal 
nie geworden sein. Schon 1832 hätte er das Gut Winterbaeh 
an seinen Bruder, den Sonnenwirt in Ettenheim, bzw. dessen 
Sohn Karl verkaufen wollen^'. Die Kaufsunime sollte 23i00 fl. 
nebst einem Kaufschillingrest von 5000 fl. betragen. Karl 
solle das Geld innerhalb von sechs Jaliren bezahlen, jedoch be- 
halte sich der Verkäufer vor, innerhalb dieser Zeit das Gut 
wieder an sich ziehen zu dürfen, wenn ihn der Verkauf reue. 
Kai-1 kam, aber aus dem Verkauf wurde nichts. 

Im Jahre 1841 suchte Werber um die Erlaubnis zum 
stückweisen Verkauf seines Guts nach, wurde jedoch damit 
abgewiesen. 

Endhch, im Mai 1862 gelang es ihm, das Gut zu ver- 
kaufen, worauf er sich mit seiner Familie ins Privatleben 
nach Freiburg zurückzog, wo er auch starb. Begraben wurde 
er in Denzlingen. 

Käufer des Guts Winterbach war der jüdische Handels- 
mann Enianuel Auerbach aus Nordstetten (Oberamt Horb in 



Pfarrareliiv Glottertal 




' Arcliiv Untettal. 




107 



Württemberg), ein Bruder des bekannten Schwarzwalddichters 
Auerbach, dessen seichte Romane lieiite ziemlich vergessen sind. 

Dos Gut Winterbach bestand damals aus 186 Morgen 
Land. An Gebäulichkeiten standen: ein zweistöckiges Wohn- 
baus aus Stein, ein zweistöckige Scheuer mit Stall und eine 
einstöckige Remise von Holz mit Wasch- und Backküche, wie 
sie jetzt noch stehen, sämtlich von Werber errichtet. 

Auerbach bekam das Gut um 114000 fl. 

Aus Begeisterung für das idyllische Glottertal hatte 
Auerbach das Gut Winterbaeh nicht erworben, viebnehr nur, 
um damit ein Geschäft zu machen. Er beabsichtigte nämlich, 
seine neue Besitzung zu parzellieren und so zu verkaufen. 
Der einheimische Landadel, nämlich die Untertäler Hofbauern, 
erhoben hiergegen energisch Protest. Aber es nützte nichts. 
Was Werber 1841 abgeschlagen worden war, vermochte 
Auerbach durchzusetzen, denn er hatte gute Freunde in Karls- 
ruhe. Am 25. März 1863 wurde das Todesurteil über das 
einstige Rittergut Winterbaeh gesprochen, indem an diesem 
Tage das Großherzogliche Handelsministerium die Erlaubnis 
zur stückweisen VeräuLlerung des Guts gab. 

Im selben Jahre noch wurden die einzelnen Acker, Wiesen 
und Rebberge usw. verkauft. Den Käufern wurde Gütermaß 
gewährt. Die Taglöhner waren über diese günstige Kauf- 
gelegenheit hocherfreut, denn so konnten sie doch jeder zu 
einigen Stückchen eigenes Feld kommen. Am 21. April des 
Jahres 1863 wurde auch das Haus Winterbach mit Garten usw., 
ungefähr 3 Morgen 64 Ruten, um 7500 fl, an Josef Flamm. 
Landwirt und Bürger in Föhrental, verkauft, und dieses Gut 
ist der jetzige Scblosshof. Nachdem alle ParzeUen des Auer- 
bachschen Besitztums verkauft waren, trug die Untertäler 
Gemeinde kein Bedenken mehr, die Gemarkung Winterbach 
der ihrigen einzuverleiben, 

Sic transit gloria mundi! Was sollen wir sagen zu dem 
Untergang dieses alten Ritterguts? ,S'isch woll schad gsi", 
meinte mir gegenüber der alte TJntertäler Totengräber, „ass 
B Guet so verschticklet henn. Aber s'isch doch au 
Widder guet gsi. Denn derte, wo sich friejer nur ainer gfrait 
het, derte fraje sich jez viele." 




108 Scharhammer — Schloss Winierhach im unteren Glottertale. 



HeiTen Ton Winterbaeh. 

1245 Bominius H. et Johannes de Gloter (?). 

1253 Albertus de Gloter (?). 

1335 Johannes (und Konrad) von Winterbach. 

? Claus Humbrecht von Gloter. 

1344 Andres Humbrecht von Gloter. 

1349 Kunze von Winterbach. 

1380 Ludwig von Schauenburg, genannt von Winterbac 

1381 Hans 1 Brenner von Winterbach (1421). 
um 1421 Hans II „ , , (1440). 
um 1440 Hans III ,, , 

um 1480—1493 Hanns Rudolf Krebs. 

1493 Wilhelm Krebs (für G. u. M. Krebs). 

1507 Georg und Maria Krebs. 

1507—1528 Balthasar Tegelin von Wangen. 

1528 Ruland Schenk (durch Eustach Tegelin). 

? Conrad Tegelin. 

? von Dormentz (Hanns Jakob oder Hanns Oswald? 

? Mathias Marx. 

1541— 15t>3 Eustach Tegelin. 
1564—1566 Hanns Georg Tegelin. 
1566—1585 Valentin Weißbecke. 
1584—1591 Balthasar Gut. 
1592— V Ruh von Winenda (für die Kinder Guts). 

? —1619 Johann Valentin Gut. 
1619—1624 Georg Wilhelm Streitt von Immendingen. 
1624—1669 Jakob Rudolf Streitt. 
1669— ? Johann Ulrich Hang. 

V — 1682 Adam Franz Wilhelm von Stotzingen. 
1682—1683 Maria ApoUonia von Kleinbrodt. 
1683— Karl von Kleinbrodt. 

— 1788 Josef Euseb von Kleinbrodt. 
1738— (1770) Franz Marquard von Kleinbrodt. 
(1770J— 1826 Karl von Kleinbrodt. 
1827—1862 Benedikt Werber. 
1862— 1S63 Emanuel Auerbach. 



Die Mundart des Dorfs Wachbach. 
im Oberamt Mergentheim. 



(Fortsetzung.) 
Mhd. ie. 

§ 51. Mhd. ie ist geblieben. Die heutige Aussprache: 
ein etwas angehaltenes i mit einem kurzen e-Naclischlag ist 
"ach Brenner, Gr. § 2 S. 2 bereits für das Mhd. anzusetzen. 
Anders in Tb., hier ist (HIg. § 90) mhd. ie wie in der nhd. 
S*^liriftsi)rache zu langem ii zusammengezogen worden, was 
"»ach Karte 12 der G. d. schw. Ma. gleich an der württem- 
'*©»'gi8ch-badischen Landesgrenze der Fall wii-d. In Wachbach 
"at diese Monopbtongierung nur vor c statt — abgesehen 
^'on hd. Fremdwörtern; schon in Äpfelbach aber, eine halbe 
Stunde von hier, wird auch vor c is gesprochen. 

si^ä (mhd. sieden) sieden, tfp- is nikri tsutn sists un(t) 

***f[^ Isum prpgt* für „unbrauchbar" ; Jciass (mhd. giesen) gießen; 

M»i^s (mhd. bi^en) bieten; iiswa (mhd. schieben) schieben; 

**«*»*5/(»s^ (mhd. sliete») (zu)8chließen ; Siffs^ (mhd. schitsen) 

*<2hießeu; frtriasa (mhd. verdrieeen) verdrießen; Aw (mhd. hie) 

^i«r, )ässie biesig; iats (mhd. idze) jetzt, damit zusanmien- 

**fi»igeDd iHsi unlängst, vor nicht langer Zeit, neulich, istsi 

'*'»««»» t«an Stiaj- frkhaaft liop neulich als ich meinen Stier ver- 

■^auft habe; /(»/ (mhd. liet) Lied; jit^ (mhd. hier) Bier; Hsns 

(mhd. dienen) dienen; tian^r Diener, doch tiinit Dienst, tünSti 

"ienstag; «w/*^ (mhd, niere) Niere, samri nütrli sauere Nieren; 

^ii>ste (mhd. niesen) niesen; nMiiots (mhd. 7iiei»ian) niemand; 

riJiiw (mhd. Herne) Riemen; li^str (nach Kluge S. 377 erst 

nlid.) Bieter, jji alts riaMr altes grämliches Weib; riaüing 

talid.) Bießling; Striata (mhd. strieme) Strieme; hhis" (mhd. 

hen) Kien; kni» (mhd. hnie) Knie, foiisws knien; kpins (mhd. 

tpiez) Spieß; tofaWi (mhd. liedeHich) liederlich ; '?iap (mhd. Uep) 



I (mbd, 



lieb; tisp (mhd. diep) Dieb; üJr (mhd. Her) Tier; frfriars (mM. 
vriezen) erfrieren; iti^ßhiint (mlid, stießint) Stiefkind; ti^fitod 
Tiefental (Ortsname); Si^r (mhd. schiere) schier, beinahe; /fer 
(mbd. vier) vier, ß^ri 4 Uhr; n/s (mhd. Mte) nie; »vpor Ried- 
bach; priaf (mbd. Iirie/') Brief. 

Vor fi liict (mhd. /icW) Licht; kriic (mhd. iWec) Krieg; 
spiicl (mhd. Spiegel) Spiegel; ^ic(^ (mhd. viehfe) Fichte; tsiicl 
(mbd. sieget) Ziegel; (siM» 1. (mhd. zieche) Zieche, Bettdecke, 
2. (mhd. ziehen) zielien; guHsücs anziehen; Uic» (mhd. liegen) 
lügen; hrüc» (mhd. kriegen) kriegen. 

ii statt des zu erwartenden JJ steht außerdem noch in 
ßiw3r (mhd, vieher) Fieber; siif (mhd. schief) schief; tii die, 
schon mhd. kommt di, geschwächt aus die, vor. 

§ 52. Vor r und Konsonant wird auch das aus ü 
(mhd. ie) gekürzte i zu j' gebrochen, so in fert, ffrtsfg, ffrtsic 
vier, vierzehn, vierzig; n{;rcäts (mhd, niergenf) nirgend; a f^rtala 
(aus mbd. wertet) Viertel; doch immer ß3r vier, äiar schier, 
wofür Tb. (HIg. § 202, 6) sff. 

Mild. tio. 

i^ 53. Parallel der Entwicklung von mlid. *> ist die von 
HO und dessen Umlaut we. Die Ma. hat für mbd. iw den 
Diphthongen jO; der zweite Bestandteil ist ganz wie bei ö, 
ein farbloser, kurzer e-Laut. Tb, gebt auch hier mit der 
Schiiftspracbe, das Monoplithongierung zu nu durchgeführt hat. 

hu3st-f (mbd. hiasfe) Husten, und verb.; h\^t (mhd. hitot) 
Hut; pru3t (mhd. brtiot) Brut; khu^fJ (mhd. Iciiöfe) Kufe; rt^t^ 
(mbd. rmde) Rute; wiu9( (mhd. mitot) Mut; huat (mbd. ^uof) 
gut, h^sU Schleckerei für Kinder; n&s (mhd. rvoe) Ruß; 
/■«air (mbd. fiioter) Futter; tmx (mhd. tuoch) Tuch, fu^rtusst; 
puBx (mhd. ÄMoc/i) Buch; icms^ (mhd. icuo/) Wut; niaw» (mhd. 
rnowe») ruhen; plaat (mhd. bhiot) Blut; Aiw/" (mhd. huof) Huf; 
khvexi (mhd. kuoche) Kuchen; ^«^s/r (aus mhd. schu^-sütnerc) 
Schuster, lang hvt fgm su^str wird oft gehört für .das ge- 
nügt, das tuts". fluJxä (mhd. vluocJien) fluchen; ßw^rsr (von 
mbd. vluor) Flurwäcbter; hiia" (mhd. huon) Huhn; plu9tn9 (mbd. 
hlnome) Blume; tu.^ns, tus" (mhd. tuotj) tun; su3.t3 (mhd. suocAen) 
suchen (Tb. hat hier Umlaut Agce Hlg. § 189); foa (!») tSH mr 
tti^ns plu^niä suax» komm wir wollen Blumen suchen ; Iubx» 
(mbd. luogen) lugen, spälien, sehen, kkgu"it Iwxs Kuut epis 



Die Mnmiart dea Dorfs Wachbnch 



IrlicM kannst sehen, wo du etwas bekommst; rttsf Ruoff 
(Eigennamen); prustr (mhd, i/ruoder) Bruder; miistr (mhd. 
utiuilerj Mutter; mtt^s (nilid. muas) muss: mos, motdr wie man 
nach Karte 12 der G. d. echw. Ma. anzunehmen versucht sein 
kiinnte, ist in Wachbach unbekannt, wird dagegen in dem 
nahen Morkelsheim und Rengershauso» schon die Regel. Sttial 
<mhd. sUtal) Stuhl; &wl (mhd. schutAe) Schule; fuäs (mhd. vuos) 
Fuß; luHr (mhd. luoder) boshaftes Weib; hm (mhd. iuofce) 
Bube, Sohn, »w pu3w3 meine S5hne; ittiJpoj: (von mhd. stwit 
Stute I Stuppach; hials muats guten Muts. 

$ 34. Im Auslaut steht in Wachbach meist, wol infolge 
hd. Einflusses, xu, ao Suu (mhd. sckuock) Schuh; ruu (mhd. 
ruoice) Ruhe; khuu (mhd. kttoj Kuh; tsiiit, gekürzt tsu, tss 
(mbd. euo) zu; tstcuu (mhd, zicuo neben zwo) zwei f. tswun 
sluttt, tsu'Hit liij'lwli; tswii-* sprechen die aus dem Hohen- 
lohischen Eingewanderten. h 

Mhd. iif. m 

% 99. Mhd. iie der Umlaut von ito ist infolge seiner frilheö" 
Entlabialisierung ganz mit mhd. ie. zusammengefallen. Mit dem 
Schriftdeutschen weist auch hier Tb. wieder Rundung auf. 

fisra (mhd. vikren) führen; icii>st (mbd. iciiestc) wüst, 
icU'ätitiii Wüste; rt^r^ (mhd. rueren) rühren; iitül Stühle; prislr 
Brüder; mi4r Mütter; hlMls Demin. zu Hut; ki^tU Demin. zu Gut; 
fi^t^r» (mhd. rmetern) füttern; rmcs (mhd. cMcfe) Rüben pl.; 
ri'isi (mhd. riksd) Rüssel; lihisl (mhd. hüde) kühl; prial (mhd. 
brüel Aue) Brühl (Flumame); pliämU Demin. zu Blume; hi^la 
Demin. zu Huhn; kri^ (mhd, grmne) grün; hni^s (mhd. gemäese) 
Gemüse, a IcriJs kmiys; Miäwit (mhd. gliiejen) glühen; ^lafo Demin. 
zu Schuh (in der Kinderaprache .iul-aU); riairi ruhig; ^pisli 
imhd. spiidach) Spülicht, äjii^ld (mhd. spiit-len) spülen; Iri^ 
(mild, triiebe) trüb; kmisst (für das mhd. nicht belegbar) ge- 
musst; Ulis (mhd. müeje) Mühe; s'ias (mhd. sSeze) süß. 

Monophthongisches ii tritt unter denselben Umständen ein 
wie bei mbd. ie. 

khiida Demin. zu Kuchen; knie Krüge; piicsr Bücher; ftic»r 
IWher; mici->r^ (mbd. niklitem) nüchtern; fiicä (mbd. füegen) 
f&gen. passen. 

jt 56. Auch im Auslaut findet sich (wie im für im) ii 
statt rJ: 




112 Dietzel 

Jchii Kühe; prii (mhd. hrüeje) Brühe; frii (mhd. vriieje) 
früh. 

Konsonanten. 

Mhd. u\ 

§ 57, Mhd. %v ist im Anlaut spirantisches xv wie im Nhd. 

ivuu (mhd. \va) wo (nicht mgg wie schwäbisch); wiit, 
ivaif9 (mhd. widej wide) Weide (salix); ivuur§t (mhd. wurst) 
Wurst, tes is mr tvuurst das ist mir gleichgültig; weitl (mhd. 
Wedel) Wedel; wantsd (mhd. tvanze) Wanze; tofcUr (mhd. 
wechaltar, wrclidter Kluge S. 410) Wacholder). 

Ausnahme ist nur das weit verbreitete w«V, mii9rj un- 
betont mr wir, mr ivel9 ivart9 wiis weetr w^rt wir wollen 
warten, wie das Wetter wird; 0. Philipp (d. Zw. Ma. § 49 ß) 
erklärt es aus Angleichung des w an w, „etwa aus wenn wir 
y ivcem^^r, tun wir y düm9i' u. dgl. Analog hat die betonte 
Form {mir) das m angenommen". Ebenso Hlg. § 105 Anm. 3. 
Fischer, G, d. schw. Ma. § 40 Anm. 5. 

Alt anlautendes w vor r und l ist spurlos verschwunden 
wie im Hd. 

Der Flurname „Scheitels wehr" wird durch volksetymo- 
logische Annäherung an ktcfp; quer oder Gewehr zu saitls- 
lcwf§r. 

permotd Wermut, pinto Winde, Pflanze, wie in Tb. (Hlg. 
§ 105; 2). 

§ 58. Intervokales w ist selir häufig, denn schon in mhd. 
Zeit finden sich zahlreiche w im Md., wofür oberd. j steht 
(vgl. dazu Paul, Mhd. Gr. § 104). 

Karte 16 d. „6. d. schw. Ma." zieht für inlautendes w 
in „blühen" die Grenze durch Wachbach, die für »nähen* 
schließt Wachbach aus ; — bei alten Leuten ist auch in diesem 
Wort IV noch gebräuchlich. 

traawo (mhd. drouwm) drohen; die nhd. Fonn ist erst aus 
dem Subst. dro neugebildet für „dräuen"; nmvo (mhd. mowen) 
ruhen, rmvi ruhig; fraaw9 (mhd. fromven) freuen; ^>ri^M?i> 
brühen; pli9w9 blühen; segwo säen; memo mähen; kl'mv9 glühen; 
trepvd drehen; m'mvo sich mühen; knioivd knien; straatv9 streuen; 
haawo hauen; JHW'^ (j^^- heicen) bähen. 



Die Mundart des Dorfs Wachbach 113 

Als Beispiele für den stimmlosen Reibelaut finden sich wie 
in Tb. (Hlg. § 106, 4) nur pßfa (mhd. jifuhve) Pfühl und 
iciUrkhaaf9 wiederkäuen. 

§ 59. Nicht mit dem Nhd. ist die Ma. gegangen, wenn 
dieses w nach l und r zum Verschlusslaut b gewandelt hat, 
sondern sie hat w beibehalten. 

ert€9s (mhd. arweiz, enceiz) Erbse (nie eps^, wie O./A. B. 
M. S!^ 147). 

swalw^ (mhd. swdwe) Schwalbe, infolge Dissimilation 
auch Swalm9; ölw9ri (mhd. altvcere) albern; kartet (mhd. garwe) 
Garbe; Ic^w^ (mhd. gencen) gerben; fanr^ (mhd. larive) Farben; 
kelwr gelber. 

§ 60. Jedes in den Auslaut oder vor stimmlose Kon- 
sonanten tretende xv wird 7). 

aap (mhd. oime) Aue (Flurname); liaap n^' dinggl rgu** 
miter» haaivo hau nur einmal her mit deiner Haue! farp (mhd. 
varxve) Farbe, aber ferwd färben; m§rp (mhd. mürtve) mürb, 
t§§r icek is m^pt aber 9 ni^rwr tvek; straap maxo Streu machen, 
aber itraaxcd (mhd. strouwefi) streuen; krggp (mhd. grä, grawer) 
grau pd tr nooxt san ali kenä krggp bei der Nacht sind alle 
Oänse grau, aber skait no mi^' krggivi kms es gibt noch mehr 
graue Gänse; d krggps tiicU ein graues Tüchlein; 2^^99P (mhd. 
Wa, bläwer) blau, 9n pi^iv9 rguk einen blauen Rock; i) piggps 
mggl ein blaues Mal (aber plggsplo** Blauspäne); liaH ^0 kse^ptt* 
naa" mgrc^ tuBni Sfew9 hast du schon gesät? Nein, morgen 
tue ich säen, s Jiat taapt (mhd. touiven) es hat getaut; 2>f?f/>/i 
wekäfuU9 (mhd. bewen) gebähte Weckschnitten; knap (mhd. 
genouice) genau, hnaps tas kaum als ; hppsfhau§9 Herbsthausen 
(Dorf) aus hereivigeshüsen zu Herwig M. O./A. B. S. 571. 

Wol in Anlehnung an das Nhd. ist w resp. 2> gefallen in 

paui9 bauen (mhd. büwen), traio trauen (mhd. trunen); fron 

(mhd. vrouive) Frau; ruu (mhd. riwwe) Ruhe. Hlg. § 106 

Anm. 2 und § 107 Anm. 1. 

ep9s, epr (aus etewrr, eteivaz) etwas, wie anderwärts. 

Hlg. § 107, 3. 

Mhd. /. 

§ 61. Der mhd. Halbvokal j ist als solcher im Anlaut 
wie im Nhd. erhalten. 

Alemannia N. F. 9, 2. S 




114 Dietzel 

jgiix (mhd.jwA) Joch; juks (aus lat. joeiis Klage S. 188) 
Scherz, Spass; j^rUng fzu mhd. jär) ein Jalir altes Stack 
Vieh; jup-> (m\iA. juppe, joppc) Joppe, Jacke; jwft (mhd, jtiäe) 
Jude: jaxt (mhA. jaget) Jagd; Jeecr (m\id. jegcr) Jäger. 

§ 62. Schon mhd. dringt j in das Gebiet des p ein, wie 
andererseits g in dasjenige des j übergeht. Der Grund ist die 
palatale Aussprache des g. Vgl. nhd. Gauner und Jauner; 
gähstotzig, gäh und jäh, eo auch ina: 

&(f jäh; kfglaaf JähttLuie; kfi'(s)huHgr Jahhimger; Jcggtctily 
und h^^wftU stürmisch schneien, so daas der Wind die Schnee- 
haufen durcheinander wirft, dazu das subst. k^iietl Schnee- 
haufen, die zusammengeworfen in Klingen liegen. Hlg., der 
§ 102 A nm . 1 die Bedeutung „stürmisch regnen" gibt, setzt 
nhd. *jähu!eftem, mhd. *gäwetden, zu wrter an. 

Umgekehrt steht j für g (wie hd) in jgrk Georg (oder mit 
franz. Aussprache sprx). 

Verstummt ist j resp. g in ips Gips, ips^ gipsen, ipsr 
Gipser; »ra (mhd. gern, jese») gähren, jedoch iifpokegro zornig 
aufbrausen, schimpfen; ilc^ (mhd. gilge) Lilie. Dieselbe Er- 
scheinung ist auch im Englischen ; zu vergleichen sind ferner 
Ortsnamen wie Iphofen (bei Würzburg). 

IktinsfraiwMl Joliannistrauben, khansp^r Johannisbeeren 
(nicht aber wie Tb. Hlg. § 102 Anm. 2 ÄVwiHSitftw/r Johannis- 
käfer oder wie in Löffelstelzen Tilmnstoox Johanni — 24. Juni) 
erklärt sich aus mlid. ge + j. 

So gibt Follmann I S, 24 ^gehänes, geluinsdäc schles. 
gohanstig = Johann, Johannistag* an. 

§ 63. Im Inlaut ist / schon mhd. sehr selten; statt 
dessen findet sich im Md. w (Paul, Mhd. Gr. § 104). Dazu 
kommt, dass „die Wörter mit j im Inlaut zwischen Vokalen 
alle Nebenfoimeu ohne j haben" (Paul § 73). Die letzteren 
sind nhd. durchgedrungen. 

Auf ursprüngliches J, das aber früh zu (/ geworden und 
mit diesem den Übergang zur sjüraits mitgemacht hat, gehen 
zurUck : 

l'aioili (mhd. vijellin , riel) Veilchen ; paicul^ (mhd. bil, 
h'tjel, hlhel, bigel) Beil; beide kommen in dieser Form auch 
anderwärts vor, so im Altbayr. 

>i)frc3iooi für Mergentheim stammt von einem ursprüng- 
lichen .Mariental"; mhd. Marja gtv, Marjcn und mit "Umlaut 




Die Mundart rtts Dorfs W.ichliavh 



115 



Mfrje», Margen > MprMi, in der Heilbronner Gegend und sonst 
ist noch geläufig s »w£r(y laid für ,Aveiäuten': vgl. Fischer, 
Wb. I. 

Mhd. l. 
§ &4. Die Liquida l, welche von allen KonEonanten die 
wenigsten Veränderungen durchgemacht hat, ist auch in unserer 
Ma. in allen Stellungen erhalten. 

Ieetc3 (mild, lieben) leben, leew9 unt leewa las^; laatsr-^ (mhd. 
leiler) Leiter; stlwr (mhd. silber) Silber; sid (mhd. siehe!) Sichel. 
Altsfall des l hatte statt in ispant^rt selbander (Tb, 
ds->ba»3rt Hlg. S5 108 Anm. 2); as als, nach Eompar. wie 
schon mhd. ass, as. Es bleibt in: i so/t ich sollte, wofür 
die M. O./A. B. S. 153: i sot gibt. Bezüglich a sotr ein 
solcher ist zu bemerken, dass hier nicht l ausgefallen ist, die 
Form geht vielmehr auf mhd, sötiiner zurück. 

§ 65, ,Um das Wort leichter ausklingen zu lassen" 
(BüBch § 32) wird oft am Schluss l angefügt. 

kraitl (mhd. kride) Kreide; warisl (mhd, tcarze, Anlehnung 
an Wurzel?) Warze; traiwl Tv&Mhe: p-pl (mhd. n-iier) Erdbeere 
hat wol nur infolge Dissimilation das tiuffix gewechselt ; ähnlich 
prosHr Brestling, tiartenerdbeere (nach Hlg. § 277, 3 Anm. 1. 
mhd. *hrasber), prosJtr satt ü peitä ^rjü. 

Namentlich häufig ist dieses angefügte l in Eigennamen, 
in denen es der Rest der Verkleinerungssilbe sein wird. 

m^ril Martin, pputs^nifrll; kh^r, hh^tl Katharina; Sfpl, s^pr 
Josef; pasl Bastian; hu^tl Auguste, Gustav; ootl Adam; frantsl, 
Jtansl Franz, Hans. 

Weiter steht noch l im Qegensatz zum Nhd. in 
l'rHekU verstecken, friteklifrlis tiisnä Verstecken spielen; 
hhartl-i karten; s. auch § 125. 

Mhd. r. 

iff tili. Mhd. I- ist als alveolares r erhalten; uvulares ist 
fremd — nur in Mergentheim hört man auch dieses. 

raii (mhd. rVie) Reihe, ringa ringa raia (Kinderliedchen) ; 
rtw/r (mhd. ruoder) Kuder; r^ti (mhd. räkh) Rettich; raar 
(frz. rarf) rai', selten: ratUr^ (lat. rädere) radieren. 

i^ ti7. )■ vor Dentalen hat sich im allgemeinen im Gegen- 
satz zum Schwäbischen gehalten. Für den Schwund finden 
sich nur folgende Beispiele: 



ü 



216 ^^^^H 

foisra (mhd. vorder») fordern (.fodern* kommt aucli hAM 
bei Dichtem vor); ^.pnrs Erdbime, Kartoffel; poir^ ffrz. por-1 
traii) Porträt; htvatiir (frz. qiuniier) Quartier; ffcsstsiin (frz. 1 
exercer) exerzieren; ma.^iirä marschieren; teff (rahd. dürfen) § 
dürfen, i t^f, tu, t^ßt, ggr tgf. Außerdem fällt es in pl^st (fiT!. | 
plaistr) Pläaii', Vergnügen; Sangi Sehrank, 1 

Eingeschoben ist r durch Verwechslung mit der faäufigj 
gebrauchten Vorsilbe /är in f'Haicts vielleicht, frl'kants Vakanz I 
(seltener). I 

Hiatustilgender Konsonant ist es in n^irr neben, nftcr em j 
neben ihm, ngur unsrn hnu.i neben unsorm Hause. I 

Auf diese Weise mag es fils ursprünglicher Übergangs- 1 
laut zwischen zwei aufeinanderstoßenden Vokalen festgewordea 1 
sein in msy (mr) man. 1 

j^ 68. Für r steht häufig in den verschiedensten Sprachen 
J. Auch Kinder sprechen meist l statt r. Der Ortsname 
Kilcliberg (bei Tübingen) ist eigentlich Kirchberg (alem. 
chUicha neben gemeinahd. chirihiia Kirche); (awö im Schwäbi- 
schen für „dauern"; Pilgrün aus /wre^Wwus; Mannel aus »Hur- 
mor. So hat auch unsere Ma. das weitverbreitete, auch voi 
Geliert stets in dieser Form gebrauchte palwiir^ barbieren. 

/■ für l infolge einer Dissimilation haben wir in laaicBri | 
Laub, da^ neben lamcli (aus .Läublein") hergeht. 

^ 69. Schon ahd, schwand mitunter r im Auslaut eiifr-| 
silbiger Wörter nach langem Vokal, So h'te neben hier, 
da: dar; vie: mer; e: er; wä: war; im Nhd. blieb r vor Vo- 
kalen, fiel dagegen meist vor Konsonanten: worüber, ' 
wohin; darin; dagegen; hierüber: hienieden. Die Ma. hat rl 
meist bewalirt: Msuu daza; trpai dabei; /m()(t,r darnach ; /r^it*,| 
trf^ dafür; doch: (»jj, taasa , tows, hin^, haus^ drinnen^] 
draußen, droben, hier innen, hier auüen. 

Der Einfluaa des - r auf den vorhergehenden Vokal: 1 
Brechung und Offenheit, findet sich bei den einzelnen Vokalen. \ 

Svarabhakti. 

$ 70. Stark ausgeprägt ist in unserer Mundai't die I 
Neigung zur Bildung des furtiven Vokals a, i, der sich genfl 
vor, mehr noch nach r und nach l entwickelt. Indes ist i 
bemerken, dass bei der jüngeren Generation dieser Svarabhakti* I 
laut immer mehr schwindet. 



k 



Die Mundart des Dorfs Waclibach 



117 



khooUc Kalk; poolic Balg; kh^ric, kk'iric Kirche; miltc 
Milch; iBf^c Werg; sgrk, s^ric Sorge; p§rc, j>^iric Berg; 
ppric arg; piric Bürge; ni^rik Mark; Mggrik stark. 

i^r^f Dorf; ggr^i Arm und arm; tcpgr^m warm; louarsrn 
Wurm; ■^pgrJf scharf; wiart Wirt; i'ar ihr; mi^r mir; Sti^rJ 
Stime; jiwrJ Birne. 

C. Spiranten. 

Mhd. /. 

^ 71. Mhd. /' und v ist stimmlose Spirans geblieben. 
fuJs (mhd. puoe) Fuß; Sggf (mhd. schd/') Schaf; frgg (mhd, 
rrö) froh; ofa (mhd. offen) otfen; /7«tw (ahd. ftuvneii) flennen, 
heulen; uwtsüfr (mhd. uti^iver) Ungeziefer. 

Dem nhd. „Hobel" steht ma. h^ufl (mhd. hobel, hovd) 
gegenüber {f ist auch andern Ma. eigen), ooiwfls abhobeln; 
Iswifl (mhd. swihdic, ^wippei, sw'tfd) Zwiebel ist im Aus- 
sterben. 

parfuss wird durch Alliteration zu parpios, parpas und 
dann zu parwas. 

fiifisic fünfzig wird durch Dissimilation /'uxtsk. 
$ 73. Als Beispiel für den Übergang dea anlautenden 
fl in fifl bietet unsere Ma. nur pjkeckroos Unkraut. Im übri- 
gen stehen den von Hlg. § 121 angeführten ^//-Formen in 
Wachbach solche mit fl gegenüber. 

f^ct<^ flechten; f!uuxfai')r Krankheit beim Vieh, Art Rot- 
lauf; (Itutxhawr Flughafer. 



§ 73. Mhd. a (germ. t) ist wie hd. stimmlose Spii'ans. 

krpgs (mhd. pms) groß; noos (mhd. niu) naas; foos (mhd. 
vaz) Fass; kasa (mhd. gasze) Gasae; las^ (mhd. läsen) lassen; 
wasr (mhd. wazser) Wasser; s^sl (mhd. sexsd) Sessel; .^isss 
(mhd. sckieeen) schießen. 

f( 74. z und s wechseln mitunter im Nhd. innerhalb 
desselben Stammes, z, B. wissen und Witz; heiß und heizen. 
Her ä'Laut steht, wo ursprünglich nur ein t vorlag, e (h) 
bei Gemination. Unsere Ma. zeigt Spuren dieser alten Laut- 
erscheinung in; 

waas Weizen (von auswärts eingedrungen auch tvaats»); 
a'fhaass einheizen, Arms heiß (wie haasa heißen), vgl. Kluge 
unter Weizen S. 420. 



d 



118 



Dietzel 



§ 75. Zusammenfall den mhd. s mit mhd. s, der im 
Nlid, durchweg eingetreten ist, hat in der Ma. nur statt nach 
r, indem hier beide Laute zu .'S sich entwickehi. 

hpS (mhd. hirz, fiire) Hii-sch; atifyrSt (mhd. anderes) 
anderes; nicht aber der Ä-Laut, sondern s steht in Zusammen- 
zieliungen, w^rtrs werdet ihr es, wird er es; sdrstu3'fni>) soll 
er es tun, Tb. (HIg. g 123) hat auch in diesem Falle .^. 



ilhd. s. 
§ 76. Mhd. s erscheint — abgesehen von den unter 
§ 77 aufgeführten Fällen — als stimmlose Spirans im Antaut 
und in der Gemination. 

salwa (mhd. salhf) Salbe; slms (mhd. sm(e)z) Sinia; sm 
(mhd, siieee) sOli; l-r^s (mhd. Icresse) Kresse; mesing (mhd. 
messinc) Messing; mfs (mhd. messe) Messe. 

Gegenwärtig macht sieb immer mehr die Neigung geltend, 
mhd. SS ys wie .f zu sprechen, namentlich in khiiä (mlid. 
hassen) Kissen (vgl. 0. Pliilipp, D. Zw. Ma. § 42, 2. „■! 
findet sich noch in einigen Wörtern, wo die Nachbarschaft 
von Kehl- und Gaumenlauten die Zurtlcklegung des s be> 
günstigt hat"). 

^ 77. Mhd. s ist vor l, in, w, »■, p, t zu s geworden. 
Diese Aussprache ist auch die nhd. und kommt mit Ausnahme 
von sp, st, das den Übergang offenbar erst später mitgemaclit 
hat, auch in der Schrift zum Ausdruck. 

Slg^fa (mhd. släfen) schlafen; Snaita {mhA. snidm) schnei- 
den; Smeki, Smak^ (mhd. smecl-en, sinacken) schmecken; Sf)fct 
(mild, sptete) spät; ipeeh (mhd, spec} Speck; staaxi Steige; 
Meda (mhd. stün) stehlen. 

Die ZurUcklegung des s findet nicht statt, wenn durch 
Ausfall eines e s mit einem dieser Laute zusammentrifft, wie 
etwa in raisl (mhd. reiset) reist; prost aus prosU. 

ts^Uri Sellerie (Tb. noch dsul^ Salat HIg, § 50, -S Anm.) 
erklärt 0. Philipp, Zw. Ma, § 43: ^ds für s in dsceUri 
Sellerie stammt offenbar aus einer Ma., die im Anlaut das ,s 
stimnihaft spricht und den stiramlosen Anlaut des Fremd- 
worts (franz. cfleri) aushilfsweise durch z wiedetgab." Diese 
Ma. nun wäre etwa die der Deutsch- Lothringer und Luxem- 
burger; vgl. Follmann I 14 unter s: „Das anlautende s der 





Die Mundart äee Dorf» Waclitjacli 



119 



Fremdwörter wird durcligehends s gesprochen (wie im Nieder- 
rhein., Henneberg, und Sieb. -Sachs.): zaldöt; eah'ii Salat; zalfcl 
Salbei; ^abd fr. snM Hoizschuh; sotÜs fr. sot'ise etc." Volks- 
etjinologiache Anlehnung an tsitd Ziegel dagegen liegt vor 
in isiic^ak Siegellack. 

Durch Assimilation wird franz. sergent Sergeant zu mn. 
.safSant. 

)( IH. Während nun in Tb. (Hlg. § 124) wie im Nhd. s 
auch in inlautender resp. auälautonder Stellung als stimmlose 
Spii-an& erhalten blieb und so mit mhd. i zusammengefallen 
ist, ist in Wachbach — wie allgemein von Ohringen bis übei' 
die Tauber — s von z (abgesehen vom Anlaut) meist scharf 
getrennt; denn das in- und auslautende s wird hier zu s 
zurückgelegt. 

peeS3 (mhd. hi-scn) Besen; p^gS (mhd. ba'se) böse; kawS 
Haus, A07).'!//u(H.s'd Herbsthausen ; hooi^ Ha,se; hguSa 'üose, rniiM 
Mist, s j>est das beste; senSs (mhd. seinse, segense) Senae; 
«fwäJ Nase, aber tioos nass; feUn (mhd. vdse) Felsen; kguns 
(mhd. gans) Gans; hods (mhd. hals) Hals (Tb. Hig. § 125 hat 
in diesen Beispielen nach / und » noch d als Übergangslaut 
liff^Ms Hals usw.). 

Kine Ausnahme macht is (mhd. is) ist, das sein .i bei- 
behält — is verrät alsbald den Schwaben. In nächster Nähe, 
in Markelsheim, wird it anderswo auch üt gesprochen, „das 
Resultat eines Kompromisses von mhd. is und einer dritten 
Person mhd. Hit' (Hlg. § 1&4 Anm. 4). 

% 79. s ist bei vielen Adverbien nach Analogie solcher, 

wo s ursprünglich ist, angefügt worden (ebenso auch im 
Französischen). 

sfps schief, krumm; Stafs statt (s entstanden aus siatt 
des); Avtöps kaum, mit Mühe, hin^ts tasi f^'iUtreepin; naustsuus 
hinaus zu; frJmds vielleicht; niatnsts niemand. 

Auch Substantiv» erscheinen in dieser erstarrten Genitiv- 
form: tsaics, is tes »niggl » tsaks unpassender, wertloser 
Gegenstand. 

§ SO. Übergang des s in s findet femer noch statt nach 
r. An diesem nimmt auch mhd, s teil. 

ti§r§3 (mhd, versen) Ferse; ffers (mhd. vSrs) Vers; tuntrsti 
Donnerstag; fp-äi für sich, vorwärts, hinirSt hinter sich, rück- 




d 



ISJO 



Dieteel 



wäi'ts, iwrSi über sich, aufwärts, utürH unter sich, abwSi 
/*ni3, i§ftrs9, ^prSa, maikrSs Igersheim, Scliäftershoim, Elpers- 
heim, Weikersheim — dagegen viarlds), kraals^ Markelsheini. 
Crailsheim. tiSkgrs (franz. discours) Zeitwort tiikriir^ Unter- 
haltung, Gerede. 

s bleibt in der laufenden Rede im Gegensatz zu Tb. 
(Hlg. § 126. 2) und im Auslaut des Genitivs, wofür die 
M. O./A. B. S. 150 ebenfalls s anführt, s fiitrs, s pf'ars des 
Vaters, des Pfarrers; auch in Fremdwörtern khgrsgt Korsett. 

Mhd. eh. 

I 81. Mhd. ch erscheint wie im Nhd. als paktale Spirans 
nach den hellen Vokalen, resp. Diphthongen e, t, «, ai und nach 
Konsonanten; velar ist es nach den dunkeln Vokalen und 
Diphthongen. Ersteres ist c, letzteres x geschrieben. 

siel (mhd. siehe!) Sichel; esic, est (mhd. eseich) Essig; 
pger (mhd. hi'-cher) Becher; rggllfd rötlich; Idaic (mhd. geiich) 
gleich, aeqittts; atc (mhd. uich) euch, statt ai^r euer in der 
Kindersprache, veranlasst durch uns, utisär auch aicay, aü^r 
fair euer Vater, snare^ (mhd. snarc}ien) schnarchen; ptaax 
(mhd. Ueich) bleich, phaxi» bleichen; truuxa (mhd. truhe, truche) 
Truhe; toox (mhd. dach) Dach; lax? (mhd. 1. lachen, 2. ladie) 
1. lachen, 2. Lache (Tb. lags Hlg. § 128a Anm. 2); prawca 
(mhd. Vrtwlien) brauchen. 

In tsiica ziehen, 1i{re»r liöher; raitr rauh s k^wr sgli 9 
rauxir wiiiit es gelit aber ao ein rauher Wind; %fc Höhe, 
in tfra hfgc in dieser Höhe, hat die Ma. ch, das im Aaslaut 
für h eintrat, behalten, das Schriftdeutsche sich flir h ent- 
schieden. 

§ Hä. Mhd. ch im Auslaut ist im gioUen ganzen ge- 
blieben wie im Nhd. Wie in diesem ist es gefallen in flpg 
(mhd. vU>ch) Floh: ^mm (mhä. seh»och) Schuh (Tb. Hlg. § 129 
fiook, Situk). Femer fallt es in tonloser Silbe, ii (mhd. icJt) 
ich; mii (mhd. mich) mich; lii (mhd. dich) dich; si (mhd. sich) 
sich: sind diese Pronomina betont, so behalten sie ch. u-oos, 
iic heet (es tiiano was, ich hätte das getan! 

an {mhd. auch) auch; no (mhd. noch) noch, iipiiui noch 
nicht; klai gleich, sofort (aber klaic aegoHs). 

Regelmäßig in der Endsilbe -ick, -lieh; fraili (mhd. vrilirhe) 
freilich; haa''li (mhd. fieirüich) heimlich, heimiscb, ziitraxilidi. 





Die MuiidBf 



ä Dorfs Wachbacli 



121 



entU endlich, so entli san(i) so diensteift'ig sein; tgir is aa n^t 
Ä* entli tasm mguit holt; wgrmli fsg, wcniUs) WUrmchen pL; 
krtiilsrli Kreuzerlein, stikle Stückchen. 

Erhalten hat sich ch in tox doch (wie in Tb. Hlg. § 130, 
2 Anin.). 

Vor schwerer Konsonantenverbindung ist ch geschwun- 
den in: 

/>H.s/««i('.> (mhd. iiioclisfrij)) Buchstabe; /;ri/M kriegst. 

Mhd. A. 
{( 83. Mhd. /( (genn. h) wird im Anlaut wie nhd. als 
schwacher Hauch gesprochen. 

heiu-l (mhd. hfbel) Hebel; Irn-^d (mhd. hri.yiel) Haspel; 
hoou-J (mhd. kalii-n) haben; luintla (mhd. htindehij handeln. 

Fest geworden ist dieser gehauchte Einsatz in haat^l's 
Eidechse (^Anlehnung an Hag, Hecke" s. Kluge S. 90), how^ 
oben, huW unten (aus „hiefr) oben", hie(r) unten"). 

Für himpirr (mhd. hiiitber) Himbeere hört man auch 

fi 84. Im Inlaut zwischen Vokalen ist mhd. h geschwunden, 
in //ff Flöhe, ngg (mhd. nnhe) nahe; /«ja („mhd. versihen, 
Partizip zu mhd. s'ihen', Hlg. § 132) , keine Milch mehr 
gebend" /* khuu is frsia Sti»)iJ plHiva. 

i) Sehr oft aber ist inlautendes h auch als c, x ge- 
blieben. Meist mag die auslautende Form, die ch hatte, über 
die inlautende den Sieg errungen haben. In der Schriftsprache 
dagegen richtet sich der Auslaut meist nach dem Inlaut: 
,8ah' (mhd. suxh) und , sehen". Auf den alten Stand lassen 
noch schließen nhd. : „rauh" und „Rauchwerk", ,Höhe" und 
.hoch*; „fliehen" und , Flucht"; „schmähen* und „Schmach*; 
.ziehen* und „Zucht". 

^^i sehen IcsceC» gesehen, sie smggl ga sieh einmal anl 
kSeecä geschehen, Inf. u. Part.; sksid es geschieht (daneben 
auch see, hsee, Mee)\ h^sr hoher, liefe Höhe; truitx^ (mhd. 
irahe) Truhe; tsiif» (mhd. hielten) ziehen, im^rtsiic^ Über- 
zieher, AtiifUsiic^ Stiefelzieher; (tk (mhd. vilie) Vieh (als 
Schimpfwort: im eigentlichen Sinn ßi), fiic^r, ür rintfiie»r. 
Ai^piid Schünbühl, zum Pfarrdorf Rot gehörender Weiler (alt 
SaMOuhel) der schöne Bühl, Hügel, M. O./A. B. S. 714). 




132 Dietzel 

2) h schwindet in der Nachsilbe -lieit, die zu a( wird; 
krangk^ Krankheit; kivpati^f Gewohnheit: ngprJt Wahrheit, 
jedoch Isunthait, tumhait. Ebenso in der Endsilbe -heim, icräs, 
tnarlls» Igeislieim, Markolsheini u. a. 

% 85. Mhd. As wird wie nhd. zu ks. Die Schreibung 
dis ist allerdings, abgesehen von x, das meist in Fremdwörtern 
stellt, geblieben. 

taikU (mhd. dihsd) Deichsel; oM (mhd. ahsel) Achsel; 
fUikS (mhd. vlahs) Flachs; nüks, wikSa (mhd. u-ihsen) Wichs, 
wichsen; sekS (mhd. stlis) secha; nik& (mhd. niktrs) nichts; 
waikäl (mhd. wUisti) Weichsel; pikää (mhd. biihse) Büchse; 
leakS (mhd. wahs) Wachs; lailiSs (mhd. likse) Stangen, die an 
den Achsen eines Wagens befestigt sind. HIg. § 133. 

§ 8tt. Die Verbindung bt erscheint wie hd. als cf, ^rt. 

kwid (mhd. getvihl) Gewicht; kskf (mhd. i/esihi) Gesicht: 
kikt (mhd. f/iht) Gicht; tsuxt (mhd. eiiht) Zucht; frtirt (mhd. 
fniht) Frucht. 

h ßlllt dagegen iu unbetonter SÜbe wie in Tb. (Hlg. 
§ 134, 2) ekit oder eki (mhd, eclrlU) eckig; iekit, S^kic, Sfki 
(mhd. scUckcht) scheckig. 

tft nicht von nit ^ nihl (ähnlich Berta aus Berchta). 
Nach l und r bat die Ma. mit vielen andern h fallen 
lassen. 

icciar (mhd, icelher) welcher; p>(e)feels (mhd, bevellten) 
befehlen; iiifä (mhd. schillien, sckilen) schielen (Tb. Ailca HIg. 
§ 135). Hiezu vgl. Brenner, Gr. § 15, 4. 

B. Explosivlante. 

{ü 87. Die mhd. Explosivlaute h, p, d, t, g sind in dei 
Ma. von Wachbach durchweg stimmlos. Stimmhafte Laute 
zu sprechen bildet ja für den Süddeutschen überhaupt eine 
der größten Schwierigkeiten, die sich namentlich beim Er- 
lernen fremder Sprachen recht unangenehm fühlbar macht. 
Dass diese Fähigkeit, Medien zu sprechen, der Ma. schon 
seit langem abgeht, beweisen die zahlreichen Verwechslungen, 
insbesondere von h und p in den alten Urkunden. Im Aus- 
laut werden sie mit stärkerem, oft nicht sehr wahrnehmbaren, 
Luftdruck hervorgebracht, wie ja auch im Hd., das, nicht so 



Borg^tig wie das Mhd., die Medien auch im Auslaut schreibt. 
Anders bei g und k; sie sind anlautend vor Vokal scharf ge- 
sondert. 

Mhii. i. 

jf SH. Im Anlaut ist mhd. b nts stimmloser Explosivlaut 
erhalten und mit p zusammengefallen, wie dies schon längst 
in Ober- und Mitteldeutschland, wol nicht nur in der Schrei- 
bung, geschehen war. Auch das Nhd. hat noch Spuren des 
dadurch hervorgerufenen schwankenden Sprachgebrauchs. Es 
schreibt .Panier" aber , Banner", obwol beide Wörter vom 
selben Ursprung, franz. hanni'ere, kommen; .Birne" obwol 
von lat. pirum, „Bischof von r^mcopits. 

puti (mhd. biUte, biitte) Butte; pitkl (mhd. biickelj Buckel, 
ßücken; piJco (mhd. biickenj bücken; jw(CJ(j (mhd. büevhd) 
Büchel; poH Post; p<^t^ Posten; pgrto Porto; pup'iir (mhd. 
papir) Papier; pap (mhd, pap) Pappe, Kleister; einfältiges 
Geschwätz npap ätrftss; paplpaama (mhd. jjtt/W) Pappelbaum; 
papskai (mhd. jmpageii) Papagei; palma (mhd. palme, balme) 
Palme; pass, n pas (franz. passer) ich setze aus, spiele nicht; 
j>^ (lat. pest'is) Pest; piU (mhd. piUek) Pille; pulfr (mhd. 
ptdver) Pulver; posls tgu (aus franz. passe le tenips) Zeitvertreib; 
partim (franz. partout) durchaus ; potsampr (franz. jxrf de chamhre) ; 
prost (aus lat. prosit); prggxt gebracht; praj:l Pracht. 

l/l 89. Treffen durch Ausfall von e in der Vorsilbe be, b 
und h zusammen, so entsteht die Aspirata ph. 

phaU-i behalten; phaax3 (mhd. behagen) behagen; phelir 
Behälter, Kleiderkasten; 2>fiiiiil'ol Behiit dich Gott! 

Dieser aspirierte Laut steht auch im Anlaut vor Vokalen 
in Eigennamen, in neueren Fremdwörtern, und wo es zur 
Unterscheidung von i nötig ist. 

phedr Peter; p/taid Paul, phanlins Pauline; phult (mhd. 
pitU) Pult; pkungf Punkt: phaxt (mhd, paht) Pacht; phatr 
Patter; phggtirU (aus mhii. pelersil verkürzt) Petersilie; pJifHa 
(mhd. perk) Perle; pfiatron Patron; phatrid Patriot; phalu 
(mhd. packen) packen, phalft Paket, pheMJ Päckchen: pake 
(mhd. hacken) backen. 

S ftO. Inlautend zwischen Vokalen und nach l und r vor 
einem Vokal geht der Verschlusslaut b in den stimmhaften 
Reibelaut ic über. Dieser Übergang ist den md. Maa, schon 



124 



Dietzel 



[ »OOki 



in mild. Zeit eigen, wie wir aus den Schreibungen b fDr rv 
bas = was) schlieüen dürfen. Ob allerdings dieser Reibelaut 
l^enau dem heutigen ir entspricht, mag dahingestellt bleiben. 

^rittst (rahd. erlx-H) Arbeit; ow^ (mhd. obetie) oben; toicJ 
droben, toivn etc-ir-i jagiil^ (droben dem) auf dem obern Boden 
(= Bühne) (Antwort auf eine neugierige Frage, wie etwa: 
tcuH piA heee); lihaii-f (mhd, f/elot^jeii) glauben; keiv^ (mhd. 
leben) leben; Mgrios (mhd. sterben) sterben; hater (mhd. lutber) 
Haber; Malici Kalbin; üwarod überall; palwi Baibach (badi- 
sches Pfarrdorf): awr aber; heewam (mhd. liebatnme) Hebamme; 
riitvaiSi Iteibeisen; oowaxt Obacht; iH:<^rtrmu•^ übertreiben; 
oowl abbin, abwärts; tsaivl) (mhd. sahein neben zappeln) zappeln, 
krafvU (mhd. krahdm neben hrappehi) krabbeln: Mtvt riates 
gelbe Rüben; oivr oh er; rUtcar herüber; nüw'>r hinüber; trüimr 
darüber; icpftitv (mhd. waiif) Wabe. In den beiden folgenden 
Wörtern steht w für p: rauir'} (mhd. rüpe) Raupe: rawenfs^b 
(aus mlat. rapuncium. Kluge S. 309) Rapunzel. 

Tritt dieses w in den Auslaut, so wird es, wie ursprüng- 
liches (c, wieder zum Verschlusslaut; mr heewä wir geben, aber 
kep mr gib mir. 

b bleibt In frpl (seltener ^rwl) (mhd. i'-rther) Erdbeere 
(Tgl. Hlg. § 137 Anm. 1). 

§ 91. Steht in der Ma. inlautend ein p, so geht dies auf 
rohd. pp zurück, 

paph (mhd. pappdn) päppeln, schwatzen; rupa (Tb, grup 
Hlg. § 268, i). mhd. *gruppe, groppe) kleiner Fisch ; rapa (mhd. 
rappe) Rappe; Uap3>-9 (mhd. Mappern) schwatzen, an aUi Uapsrd 
eine alte Schwätzerin ; sips (mhd. schuppe) Schuppe; fop^ foppen ; 
Staip-ir^r (mlid. *sl(uppere) Haltestange zum Stützen der Bäume; 
khip3 max3 Kippe machen; knapo (mhd. knappen) hinken. 

§ 92. Die Verbindung ml wird regelmäßig m. 

uin^suJüt (mhd. umle sits) umsonst; ima (mhd. imbe) Imme, 
Biene: »»jjs (mhd. imZii^) Imbiß, Vesperzeit, alt iitttas zu jeder 
Vesperzeit. 

b ist femer geschwunden am Ende in: 

00 (mhd. abe, ab) ab und den damit zusammengesetzten 
Verben und Adverbien ookeews abgeben, ootaal^ abteilen, ooraini^ 
abräumen; oosecc^ absägen und absehen ; «oo hinab; roo herab; 
nookuka hinabschauen, rooksloox^' herabgeschlagen (ab bleibt 




Die Mundart des Dorfs Wachbach 125 

jedoch in Subst. aptaüing Abteilung; apsats Absatz usw.); pue 
(mhd. &Mo6e) Bube, plur. |?M^t'a; polai bei Leibe, besonders gern 
mit der Negation gebraucht p9lai net, tu9 mr pdlai tes ting net, 
apdlai ach, bewahre! plai bleibe; Tcee gib; Iwo neben hoolv^ 
haben. Hlg. § 139 betrachtet den Abfall des auslautenden h 
als das Normale und erklärt in Fällen wie laap Laub, tcuxp 
taub, kr^p grob, lieip hebe das p aus den obliquen Kasus 
wieder eingeführt. Demgegenüber möchte ich die Erhaltung 
des p als das Regelrechte hinstellen, der Abfall in pxo, pdlai 
erklärt sich leicht durch Dissimilation; in Tcee gib, plai bleib 
ist zu bedenken, dass diese Imperative am häufigsten in Ver- 
bindungen vorkommen wie piai tgg bleib da, Jce mrs gib mirs, 
also unter die in § 93 behandelten Fälle zu rechnen sind. 

§ 93. b fällt in schwer sprechbaren Konsonantenverbin- 
dungen, d. h. meist vor Yerschlusslauten. 

laaprggt Laib Brot; ätaapeeS» Staubbesen; ^tupgntd Stub- 
boden; M;atspi/^ Weibsbild; leeJchudx^ {mhd. lrb(e)kuo€hen 1) Leb- 
kuchen; h(ümgrc9 halber Morgen; halmees halbes Maß; fpihal- 
mark 3^/^ Mark. 

r€ew§b Rebwellen; piaist, platt bleibst, bleibt; kd gebt; 
s^t (mhd. säht) dort, damals; haxl Hachtel aus altem Habs 
= Habichtstal. M. O./A. B. S. 563. 

Schon in mhd. Zeit fehlt es im Md. im Part. Perf. 
gehät gehabt ma. khot und in der zweiten Pers. PI. Indik. 
het, Jiet ma. het habt. Zu diesem Schwund des b ist zu ver- 
gleichen „du hast", „er hat** aus ahd. habes, Mbest, Imbvt, 
mhd. hast. 

Verkürzte Form zu k€eiv9 gegeben ist kee (wie kxvee 
gewesen, ksee gesehen, k§ee geschehen, hoo haben); i liopsn 
kee ich habe es ihm gegeben. Die für Tb. belegten Kür- 
zungen (Hlg. § 139 Anm. 1) ryy, nyy, clnjy herüber, sind in 
Wachbach unbekannt. 

Mild. /^ pf. 

§ 94. Mild, p findet sich bereits der Hauptsache nach 
bei b behandelt. 

Dissimilation zu m liegt vor in 2)hprm^tikl Perpendikel. 

Altes p nach m am Wortende ist im Gegensatz zum 

Schriftdeutschen, das nach Analogie der flektierten Formen 

p am Ende abgeworfen hat, in khgiiwj) (mhd. himp) Kamm 



126 Dietzel 

erhalten (Plur, kfi^m). In andern Beispielen, wie swanif 
fehlt p. 

p > w B. § 90. 
§ 95. Mhd. />/" ist in allen Steiltingen als pf erhalten. 
Unverschobenes p ist der Ma. fremd. 

pfriama (mlid, pfrieytw) Pfriem: pfifiiauj (mhd. pfiffaiing) 
Pfifferling, ies hhanfi fr lihan pfifrling. Mempfl (mlid. stimpf'd) 
Stempel; pfiits (mhd. pfiffk) Pips (älter nhd. Pfipfa s. Kluge 
S. 300). Mitpfl (mhd. stupfd) Stoppel; Sntipfj (mhd. snitpfe) 
Schnupfen, daneben auch smm/w. 

Aus Dissimilation erklärt sich propfr, propfa (mhd. 
pfropfen) Pfropfen (Subst. und Verb.). 

pf nach l, r wurde bereits im 9. Jahrhundert weiter zu 
/' verschoben. Für unverschobenes pf bietet Tb. (Hlg. § 140, 2 
Anm. 3) noch Jiarpfj Harfe; ägg^rpf, s^rpfricdär scharf, 
Scharfrichter. Die Ma, von Wachbach geht hierin durchaus 
mit dem Nhd., also Itarfa, Sggrf, h^fs helfen; für tPgrfen ist 
imais9 gebräuchlich. 

Mhd. d. 
§ 96. Mild, d ist in allen Stelhingen stimmlose Lenis 
geblieben und in der Aussprache mit mhd. / zusammen* 



m 



trggt (mhd. drtU) Draht; reita (mhd. reden) reden, reit 
(mhd. rede) Rede; tggr^f (mhd. dorf) Dorf; trum, verstärkt 
i^rum, t^ irum darum; AtrfJ «^iv»i guten Abend; t{p- ret net 
uH iait »et der redet und deutet nicht; truntr im triitcsr 
darunter und darüber, (^ h^s truittr an triiwJr da geht» 
schön zu! tUee Adieu: für (mhd. (mV) Türe und dir; latl^ 
(1. mhd. Udeti, 2. liaten) 1. leiden, 3. läuten, t lail (mhd. 
Uute) die Leute; toox Tag und Dach; Stuit-'r3 (mhd. snateren) 
schnattern ; flattr^ (mhd. vladem) flattern ; titl (mhd. titel) 
Titel: fempl (mhd, tempel) Tempel; /muj-j (mhd. tum) Turm; 
thit^ (mhd. thite) Tinte; tant^ Tante. 

{( 97. Die Fortis t ist im grollen ganzen völlig unbe- 
kannt. Nur in ganz wenigen Fremdwörtern kann man sie 
hören. Die Verbindung de 4- A ist viel loser als die von 
ife + A, ie + h. 

t hcl die Hölle (nicht tkel), t h^(c.) die Höhe; (j ham 
daheim (Tb. Hlg. §'260, 5 Ihaam. thöö). 




Die Mundart des Dorfs Wuclibach 127 

Ihec (neben U-e) Tee: thfrces Therese; doch lomas Thomas; 
toom Thoram (Eigenname); tirool Tirol; fe«/*- Theater: nttUfes 
Matthäus. 

§ 9K. Ein wesentlicher Unterschied zwischen der Ma. 
von Tb. und Wachbach ist die Erhaltung des Dentals nach 
II, l in Wachbach. Karte 19 der ,G. d. schw. Ma." zieht 
die Grenzlinie für „find^" und ^itiä", „uiul»" und „mjw" durch 
Markeisheim (mit d), Althausen, Wachbacb fällt ins rf-Gebiet 
— aber nur für ßmlJ trifft dies zu, dagegen: (»w. 

(int (mhd. aitde) leid {Tb. an vgl. dazu und zu den fol- 
genden Beispielen Hlg. § 274, 4a); pinfi (mhd. binden) binden, 
d (t) fehlt aber in p'tnooxl Bindnagel, Nagel zum Garben- 
binden , pinfoot-i Bindfaden , kkihit , Hintr Kind , Kinder; 
guwattti, gawcnlr Ende eines Ackers; tspantrt selbander; 
minantr miteinander; wetit Wände; lient Hände; wunfr Wunder; 
kwunta gewunden. 

Dagegen schwand auch in Wachbach d resp. / regelmäßig 
in den Ortsadverbien: 

khu> (mhd. hindfit) hinten; tpghina da hinten, hiiistrai" 
hintendrein; wn> (mhd. unden) unten, tgg tun.» da drunten. 

Ferner in hhinstaaf Kindstaufe, khUpd^H Kindbetteriu. 

% 99. Die weitverbreitete Assimilation des d nach I, m 
findet in Wachbach statt in: pal bald; hem Hemd; hi gelt, 
nicht wahr? /tot»/- (mhd. holdrr) Hollundei-; pot^ra (mhd. 6«^- 
deren) bollern. Im übrigen bleibt d, wo es nach Hlg, § 274 
in Tb. fällt, also tdU (mhd. tolde) Dolde; sdü schuldig, kiü» 
Plur. zu Gulden. 

$ 100. In schwer sprechbnren Konsonanten Verbindungen 
fällt d resp. /. 

afskaat (lat. advocatus) Advokat; nlptikJ altbacken, ai- 
pakisprp^; wilpr^ (mhd. wiltbnif = hrtde) Wüdbrett; j'/fiar» 
Erdbime . Kartoffel ; {.frkkalrooicä Erdkohli-aben ; frpl (mhd. 
etiher) Erdbeere: hanlioc Handtuch; khunsaft Kundschaft; 
kraukarf^ Krautgalten; kolpunmim Goldparmine, Art Renette; 
itwkrt Stuttgai't; imi<dtici entschuldigen; icooshahiis^tt^* was 
hast dti denn zu tun?; iseenAai^rs Zehntscheuer; minantr mit- 
einander; ktul Hachtel (Ortsname); tisl (mhd. distvl) Distel; 
pasl, paS'tU Bastian; tie kants nicht ganz; ri^pox Riedbach 



128 Dietzel 

(Ortsname); tsinsnuur Zündschnur; hampfl Handvoll; un mr 
und wir; hol td m<xid halt dein Maul; Hapfar Stadtpfarrer; 
miten mit dem, axts^^. achtzehn; rentatnan Rentamtmänn; 
IcsamkJuzaf Gesamtkauf. 

Ähnliches findet sich in allen Sprachen, vgl. aus dem 
Nhd. Brosame aus Brotsame; Himbeere aus mhd. hirUber. 

Im Anlaut ist d abgeworfen worden in a^ dass, doch 
sprechen nur noch ältere Leute so. as mr p9lai tes ting 
plai lest dass du mir bei Leibe das Ding bleiben Ifisst. 

Für die erste Pers. Plur. Präs. Ind. von „sein" hat das 
Nhd. die Form der dritten Person sint angenommen, umge- 
kehrt die Ma., in beiden Folien ist hier die Form ohne d 
durchgedrungen, mr San, si san (oder san9) wir, sie sind. 

^ 101. „Um das Bedürfnis nach einem solidem Ab- 
schluss zu befriedigen* (Busch § 17), hat das Hd. am Ende 
einzelner Wörter oft parasitisch ein f angesetzt, so in: 

Palast (mhd. palas, palast); Papst (mhd. hähes); Obst 
(mhd. öbez)\ Axt (mhd. acl'es); namentlich an den Substantiven 
auf 'ich: Dickicht, Kehricht. 

Die Ma. hat sich auch hier zäher gezeigt und f nicht an- 
genommen in: 

i9ts, jets (mhd. ietze) jetzt; prefic (mhd. hredige) Predigt: 
e^r is (md. mhd. is) er ist; marl^ Markt; foo^^naxt (mhd. va- 
senaht) Fastnacht (mit dem Nhd. hat sie t angenommen in 
sunH sonst [mhd. sus, sust, SHnst\\ mihifceec^j mainttceec^, 
mainthalw^ meinetwegen). 

Anderseits wiederum liat die Ma, selbst oft ein un- 
organisches t im Auslaut angehängt, wol aus dem nämlichen 
Grunde wie das Nhd. 

lakt (mhd. liehe) Leiche, Beerdigung; IswisM Geschwister; 
ontrst anders {t ist hier schon sehr alt und weit verbreitet); 
fspanfrt sclbander; ksficeec^ deswegen; hfrnggxrt hernach. 
Zahlreicher sind die Beispiele für angetretenes t bei Hlg. 
§ 144. daiet Bodensenkung, Waehbach taic, ruust Ofenruß, 
Wachbach ru'>s. Jdaast Geleise, Wachbach klaa§. 

Nach Seh wähl §39, 3 a Anm. gehört hieher auch tsu 
IcHOtr let.sf zu guter Letzt; ebenso pek^t so viel man auf ein- 
mal backen kann, khox^t so viel man auf einmal kocht, dazu 
vgl. FoUmann A. S. 12. 



Die Mundart des Dorfs \\'ucliliai;li 



lä9 



ft 102. Wie ( (ti) im Nhd. häutig angehäugt wurde, so 
wurde auch d aus euphanisclien Gründen Öfters eingeschoben 
oder angefügt, was schon im Mlid, nicht selten der Fall ist. 

Mond (mhd. iminf); jemand, niemand von Mann; minder 
(nihd. minner)', vgl. „Spindel" und „spinnen", „Fähndiieh" 
und .Fähnrich". 

Dieser Übergangalaut d (t) ist auch in ^Vachhach nament- 
lich zwischen n und /, n und r nicht selten: 

mentli (mhd. vumnelinj Männlein; pfentb Demin. zu Pfanne; 
eentr (neben getr) eher; mcmtr (neben m^'e) mehr, irewir wenn 
ihr; iunfr, ftintrMi Donner, Donnerstag; Ihanä Rinne (zu mhd, 
kanel Gosse); kha/ita (mhd. Icanne) Kanne (nach Kluge S. 193 
beruht diese Form auf ahd. kanta). n^&ts nirgends (mhd. 
nkrgi'n]. 

§ 103. Die Vorsilbe tar (tr) statt er resp. vfr ist sehr 
häufig in Waclibach (wie in Tb. Hlg. § 141 a Aiim. 2). 
Franke § 8<i bemerkt hiezu: „Durch gröbere Energie bei 
Bildung des festen Einsatzes wurde wol auch die Vorsilbe er 
zu der, was schon seit dem 12. Jahrhundert besonders im 
Osten Ober- und Mitteldeutachlands nachweisbar ist. 

trwü^ erwischen. tmferJ ernähren, fr/aoicJ erlauben, irlseila 
erzählen, trhaltJ erhalten, trfr^ra erfrieren. 

S 104. Vor tv wurde ( zu j> assimiliert in dem weit 
verbreiteten epr, ep^s irgend einer, etwas (mhd. eteivas:). 

§ 105. Zu niJsts (mhd. niesen) niesen gibt Busch § 18 
eine ansprechende Erklärung. Nach ihm „ist ein t aus der 
häufigen Personalendung (3. Sing, und 2. Plur.) in den Stamm 
getreten. Es konnte die Endung um so leichter als stamm- 
haft gefühlt werden, weil die 7-Stänime ebenso gut wie die 
andern Verba den Bindevokal ausstoßen: schdt, bki, bat schadet. 
bietet, badet". Diese Zusammenziehung der Verbaldendung 
-def, -fcf zu einfacher Tenuis nach Ausfall des tonlosen e, die 
sich schon im Mhd. vorfindet, tritt auch in Wachbach regel- 
mäßig ein. rait reitet; lud läutet; Mrait streitet; desgleichen 
in der zweiten Person JaitU läutest; phaxSt pachtest. 

Es möge hier noch angegeben werden wegen der liäufigeti 
Belege, die auch unsere Ma. dafür bietet, was BUsch weiter 
noch a. a. 0. bemerkt: „Dergleichen Erscheinungen, die auf 
falscher Analogie, falscher Abtrennung der Worte und mangel- 




130 



Dietiel 



liafter Scheidung zwischen Stamm und Endung beruhen, sind 
80 lange möglich, als die Sprache nicht Oegeustand bewusster 
Forschung wird, indem sie als lebendiges Ganze in der ge- 
sprochenen Rede sich entwickelt, ohne dass die Redeteile dem 
Sprechenden zum Bewusstseiu kommen. So hat die zweite Pers. 
sing, schon im Ahd. anfangend, vom pron. du bei der häufigen 
Inversion ein ( angenommen: got. nimis, ahd. iiimis und 
nimist. Wir sprechen: nimmstu, fpbstu, schreilisiu, dann auch: 
du nimmst, du schreibst . . . nehnU iitr, gebt ihr wurde so oft 
gehört, dass sich der T-Laat ftlr den Anlaut des Pron. los- 
löste, und jetzt ist die Form Uir (unbetont ler, tr) = ihr allein 
in Gebrauch." Auch Hlg. gibt fdr Tb. d«> an {§ 141. la 
Anni. 2). In Wachbacb kommt diese Form immer nur in 
Anlehnung an Verben vor, dann noch in tvi-ntr, wuuli: Busch 
a. a. 0.: .Wir erklären die Erscheinung als unorganische An- 
lehnung an Vo rbal formen , es entstand in der Sprache die 
oberflächliche Vorstellung, diese Partikeln mit folgendem 
Personalpronomen seien Verbalforrnen und nach schreibt ihr, 
gebt ihr, seid ihr schuf sie auch tventcr, wdter." 

Zu ftai^rä heiraten vgl. Hlg. § \i2, 1 Anm. 6. Zu Jiggxtsic 
Hochzeit s. Bauer S. 389. 

Mhd. ^. 
§ 106. Die mhd. AfTrikata s ist geblieben wie im Nhd. 
tsait (mhd. zU) Zeit; Sfts-f (mhd. setzen, sUeen) setzen 
und sitzen; tswaa zwei; aanfsl (mhd. eitieel) einzeln; ts^rldüt^rs 
zergliedern, erklären. 

Wie s ist es behandelt in frants» (mhd. franzii) Franse. 
Fest geworden ist e in tsak^9 ackern aus ^^ Acker 
gehe», — fahren" entstanden. Fischer, W. 1 S. 98. 

Mhd. g. 

§ 107. Mhd. g (k) ist im Anlaut stimmloser Explosiv- 
laut geblieben und von k (kh) im Gegensatz zu den andern 
Explosiven scharf getrennt. 

kplU (ahd. gaialing, gatiling, getiling Hlg. § 52. 3) passend; 
kmaa' (mhd. gemeine) leutselig; knik (mhd. genic) Genick; 
knuäc (mhd. genuoc) genug; kroop (mhd. grap) Grab; käwf^ 
(mhd. gesteh) Geschwür; klfJaxt (mhd. gesUiht) geschlacht. 

Über den Wechsel von g und j s. bei „ 





Die Mundart de» Dorfs Wachbach 131 

kumps für Pumpe ist weitverbreitet; htnipruna Punip- 
brunnen. 

Anlautendes kh flir g in modernen Fremdwörtern wie 
bei Hlg. g 145, 2 ist in Wachbach fremd. 

§ 108. Aspiriei-tes kh entsteht aus ge + h durch den 
Ausfall von e. 

kheit gehoben; khot geliabt; hhai/3 gehalten; kb^p-i gehörig; 
khenfft geh&iigt; Jchatärf geheiratet; khist gehütet. 

Vor Verschlusslauten fällt die Vorsilbe ye im Gegensatz 
zu Tb., das sie behält (Hlg. § 2G02) ganz fort. 

ptQgxt, prara, plgpxt, htnga, hlooxt, trungka, hmifi, isooU 
gebracht, gebrochen, geplagt, gegangen, geklagt, getrunken, 
gedungen, ge-, bezahlt. 

Zu naiSiri neugierig vgl. Hlg. § 126 Anui. 4. 

j^ 100. Wie der labiale Versclilusslaut b im Inlaut in den 
entsprechenden Reibelaut übergeht, so wird auch der gutturale 
in gleicher Stellung und im Aiislaut zum Spiranten c, x er- 
weicht. Auch dieser Reibelaut ist dem Md. schon in mhd. 
Zeit eigen; er ist dem Nhd. nicht fremd; vgl. mancher aus 
mhd. manec(g) und die Aus.4prache der Endsilbe -ig König, ewig, 

tsiicl (mhd, ziegel) Ziegel; leica (mhd. legen) legen; faica 
(mhd. vige) Feige; theicl (mhd, kegel) Kegel; riid (mhd, i'igel} 
Riegel; nfWfo (mhd. negeÜin) Nelke; sgrc, sgrc Sorge; sed, 
seid sagt; Sied, Sleid schlagt; kled. Meid klagt; pgrc Berg; 
frlaaxls (mhd. lougenen) läugnen, staa" paa' frlaaxla; hhuxl 
Kugel, ^/jM^b kegeln; /piiri Vogel; «'ooare Wagen ; noar/ Nagel. 

In Eigennamen und modernen Fremdwörtern bleibt der 
Verschlusslaut; huko Hugo, fikuur Figur. 

Für siknggl Signal sprechen noch ältere Leute sitigtiggl; 
die gebräuchliche Form für Agnes ist angss. Ähnlich Hlg. § 147 
Anm. 3. 

Nach Bauer S. 389 kommt der Reibelaut auch für in- 
lautendes k vor. Wachbach bietet hiefilr keine Belege (anders 
rawentssli aus mlat. rapuncmm). 

§ 110. Mit der Schriftsprache ließ auch die Ma. g 
fallen in: 

setiSa (mhd. si'gense) Sense; huat^kS (mhd. egedehse) Eidechse. 
Schon mhd. ist es ausgefallen in maat (mhd. m«/, magd) ma 
maaila meine Tochter; lait (mlid. l'd, Ugf) liegt. Vgl. noch 




aus dem Nbd. Meister aus magister, ma. mauStr, maaStr; Ge- 
treide aus getregede, gefragede; kasteien aus castigarc. 

In schwer aprechbarer Konsonantenverbindung ist es ge- 
fallen in: malleni Magdalena. 

§ 111. Uegelmäßig ist der Schwund des g in der nhd. 
unbetonten Endsilbe -ig; da auch -kk das c fallen läsat, so 
fallen diese beiden Endungen zusammen. 

silii schuldig; trisni {mhd. icenec) wenig; h^ni (mlid, 
Awiec) Honig; kneeü, ht^ti gnädig; //ai,S{ fleiUig; un"simn ein- 
spännig; pfeni (mhd. pfennic) Pfennig; ratSi Reisig; doch kheenic 
König, tswantsic zwanzig. Femer Tag in Zusammensetzungen ; 
sufdi, mainti, tUniti, tunträti, fraüi, samsli. 

Die Endung -ingen in Ortsnamen wird zu i gekürzt: 
siinri Simmringen (doch mvlfing» Mulfingen), 

% 112. Im Auslaut steht meist wie inlautend der Beibe- 
laut c, X. Doch ist auch der Verschlusslaut mitunter liörbar. 
Vermutlich aber ist letzterer von auswärts eingedrungen; vgl. 
auch Hlg. § 150. 

tswaax (mhd. swtc[g]) Zweig; ppnc (mhd. arc[g]) arg: 
h-^ux {mM.lrocfgJ) Trog; iaax (mhd. teicfgj) Teig; w,'fc, »H^fC 
(mhd. enicec) weg; sloar (mhd. slac[g]) Schlag; toox (mhd. 
iacfgj) Tag, doch hanstak 3 ohanni; hrik (mhd. hriec[gj) Krieg. 

$ 113. Die Verbindung ne(g) erscheint im ursprünglichen 
Auslaut mit Explosivlaut; ohne solchen, wenn der Auslaut 
erst durcli abgefallenes e entstanden ist: 

hgungk (mhd. gancfgjj Gang; kspungk Gesang (selten); 
Slrpungk (mhd. siranc[g]) Strang; Igungk (mhd. lancfg] lang: 
Plur. keng, kseng, Streng, len^fr länger. 

jung {mhd. juncfgjt lautet stets Jung, nie wie in Th. 
(Hlg. § 152) Jungk. 

Mhd. k. 

§ 114-. Mhd. l- (= germ. A-) ist im Anlaut vor Vokalen 
Aspirata l-k. Anlautend vor Konsonanten und im Inlaut ist 
es Tennis k (g). 

kh^i^? (mhd. kdter) Kelter und keltern; kküt^ Kastanie 
(s. Kluge S. 197): kharpfs (mhd. karpfe) Karpfen, 

Man hat deutlich auseinander zu halten: khg^ty Korn; 
kggra Garn; kh^^ra Kern, k^t-ra gern; kharts Karte, i«W* Gar- 
ten; khfrici Kirchweihe, kfnea gerben. 



Die Mundan Jes Dorfs Wachliuch 133 

h^gupf (mhd, Icropf) Kropf; krum (mhd. krump) krumm; 
llaat (mhd. Ht^t] Kleid; hmeed (mhd. Icmht) Knecht. 

(sffta(mhd.^eßiCTi) necken; iiiÄ/(mhd.sficÄ'c/)Stickel, Stecken, 
ungehobelter, grober Mensch ; aJcr (mhd. aclcer) Acker, a« oir 
tsakdrs; Ämakä (mhd, stnocÄT«) schmecken. 

Ohne Aspiration im Anlaut findet sich das weitverbreitete 
kitl:uk Kuckuck; ferner IniJcum^ra (ans lat. cucumis) Gurke; 
kaJ.3 (aua lat. cacare); kukJ (mhd. kucke, franz. cwp^e) DUte; 
s. auch 0. Philipp §41. 

Anlantendcä ff (hd. k) vor Liquidis und w ist den ver- 
schiedensten Maa. eigen (s. Follmann A. S. 22 unter k). 
Audi Wachbach bietet hiefür Beispiele; kriniß Ringel; lirap 
Rabe erklärt sich wol aus Krähe (rahd. hrä[we]). Unrichtig 
ist die Erklärung bei Hlg. § 131 Anm. 1 (s. Literar. Zentral- 
blatt I89y S. 630). 

ft 115. In schwer sprechbaren Konsonantenverbindungen 
tdUt k: 

w^rti (mhd. wtrdac) Werktag; .^^t(fl/;:i Spektakel ; tr'mffh^U 
Trinkgeld. 

K 116. k bleibt im Auslaut (s. auch bei y). 

kil^unffk Gestank: t^iingk (mhd. danc) Dank; pgungk (mhd. 
banc) Bank; krgungk (mhd. kranc) krank, krengh (mhd, krenke 
Schwäche) in hriiv ti krengk! starker Fluch; icprk (jnh.A. w'erc) 
Werk, 3 icprkli kleineres Gut: icfik (mhd. ((■(■7c) welk; apaleek 
Apotheke. 

Mhd. »,. 
§ 117. Der labiale Nasallaut m, der zu den gut erhal- 
tenen Lauten gehört, ist in unserer Mundart an- und inlautend 
geblieben. 

mang Mange; iii(intl Mantel; slrMnJ Strieme; klmmil-J 
Kamille. 

Anorganisches m infolge falscher Wortabteilung liegt vor 
in dem Flurnamen nietslsfc Etüetsee, entstanden aus (/ ki^ niif 
m elsls^; tow m etslspg (s. g 105); volksetymologische Deutung 
mag diese falsche Trennung begünstigt haben. 

Geschwunden ist m in arfl Arm voll, Demin. fj/at', pI- 
grfl; n kitntsi ar/l fol plusma. 




J 



134 



Dietzel 



^ 118. Mild, m im Auslaut ist allgemein zu h ver- 
wandelt worden und wie dieses geschwunden, 

haa"H heimisch, zutraulich, in der Bedeutung heimlich: 
haaiytli; jiaa'wob Baumwolle; jigiä-f (mhd. bodem) Bodeu. In- 
des haben die Nomina alle wieder ni aus den obliquen Kasus 
angenommen : 

tremm (mhd. troum) Traum; paan0 (mhd. botttn) Baum; 
raam (mhd. roum) Rahm; haam heim, doch in Zusammen- 
setzungen icrSs Igersheim, kraal&> Crailsheim, jedoch icrhnr. 
hraals-nnr Igersheimer, Crailsheimer. 

Progressive Nasalierung weisen auf: niaa'Mr Meister; 
waa''sl Meißel; "inaa'Sf^ am meisten (s. §48). 

Mhd. n. 

Ü 119. Mhd. H bleibt im Anlaut und Inlaut. 
ttpgtl (mhd. nüdel) Nadel; itggl (mhd, nät) Naht; nenu 
(mhd, nSmen) nehmen; nikl'»'^ (mhd. nüchtern) nüchtern; tmus 
(mhd. mie) Nuas; pfan» Pfanne; pren.^ brennen. 

Durch miasverständliche Worttrennung ist ?i fest geworden 
in dem weitverbreiteten iioo-it Ast (vgl. „der Nast ist mir 
entwichen" in „Des Käuzleins Klage"), Der Gruß von 12 Uhr 
ab lautet allgemein: kot^ tipgwif guten Abend; man wünscht 
sich 3» ktisfa nnpOtU einen guten Appetit (vgl, § 105), 

In noo, nuf, niiw^r, tiai', npn" ist n Überbleibsel des 
Präfixes hin-, hinab, hinauf, hinüber, hinein, hinan, 

§ 130> In schwer sprechbaren Konsonantenverbindungeu 
schwindet n. 

fuftsgf, fuxisic (neben finfts^ finfhic 15, 50); tsmitr (mhd, 
sentenfBre) Zentner; s'tpt der siebente; juuxal Jugend; ff^w^t 
Abend; tauS9( Tausend; titts^t Dutzend; nigrcsts morgens; »p-cäts 
nirgends; nismats niemand; lamaUira lamentieren; hhumBtiir^ 
kommandieren; ^rai'was Schreibens; faic/ss Leuchtens, s prauxt 
Mt3 luictss; aan fmar^ haltJ einen fOr einen Narren halten; 
£lf wie hd. aus mhd. ehihf. 

% 131. Auslautendes n ist unter Nasalierung des voraus- 
gehenden betonten Vokals durchweg gefallen. 

Iva" (mhd, hm) Lohn; a'mpgu' Eisenbahn; ^pia' Späne; 
hmaa" gemein, leutselig; trfgit davon, trf^ mecti san davon. 




Die Mundart des Dorfs Wachbach 135 

fertig möchte ich sein; hio** (mhd. huon) Huhn; ÄTi> grün, 
aber n hri^n» hu9t; ü Jchgu*" (neben iJwn) ich kann; giäefu 
(neben anteem) beinahe, gleich,, bald; mr tii^**(n9) wir tun; 
mr ki9^(n9), §tid^(n9) wir gehen, stehen. 

§ 122. Ohne I^asalierung ist n geschwunden in der End- 
silbe -en, die beim Zeit-, Haupt-, Eigenschafts- und Zahlwort 
zu dem farblosen 9 herabsinkt. 

leeä» un äraiiv^ lesen und schreiben; reit» reden; sing^ 
singen; kati9 Garten; hopf» Hopfen, doch wieder hopfdn^^d 
Hopfenernte; k^^t^ Gerste, doch kfrstdnaxl Gerstenacheln. 

Die Endsilbe -m entwickelt sich gleichfalls zu diesem 
unbestimmten ^-Laut: 

kggrd Garn; hi9r9 Hirn; Mi9r9 Stirn. 

Weiter schwand n ohne Nasalierung in so schon; oni 
(mhd. anhin) dorthin, max tastonl khumM mach, dass du fort 
kommst; /ppn vorhin, eben, kroot fggrl isr §^M fgrt gerade 
eben erst ist er fort; f§r§ti Fürstin; sultsi Schultheißin; mil^ri 
Müllerin. 

§ 128. Eingeschaltet wird n als Übergangslaut der be- 
quemeren Aussprache wegen in: 

Sw§m9r, n §w§mM9 schwerer, am schwersten; meentr 
mehr; pfam^ri Pfarrerin; so ist n auch als hiatustilgender 
Konsonant gebraucht in tsu nsni zu ihm; pai nom bei ihm; 
tm(i)ni wie ich, wuuni wo ich. 

§ 124. Der dentale Nasallaut n ging vor 6, />, rf, t be- 
reits mhd. in den labialen m über. So entstand „Eimer* aus 
einher, „Imbiss* aus inbiZf „empfangen** aus ent-fähen, „emp- 
fehlen* aus ent'fellien. Während aber die Schriftsprache die 
Vorsilbe ent- dann unverändert gelassen hat, wenn die ur- 
sprüngliche Bedeutung der Trennung gewahrt werden sollte, 
hat die Ma. sie auch hier zu em gewandelt. 

emp§§rd entbehren. Andere Beispiele sind nicht recht ma. 
Handvoll wird zu humpfl Demin. hempf9U, 

§ 125- Für zu erwartendes w steht l in: 
waisb (mhd. wUenen) weiß anstreichen; ootrikU ab- 
trocknen; frlaaxb (mhd. hugenen) leugnen. 

In klaidU Knäuel (mhd. kninivel, hüuVm) hat die Ma. das 
Ursprüngliche bewahrt. 



136 Dietzel *- Die Mundart des Dorfs Wachbach 

Mhd. ng. 

§ 186. Mhd. nc — inlautend geschrieben ng — ist in 
allen Stellungen erhalten, mit Explosivlaut bei vorhergehen- 
dem Diphthong. 

l^ngJc (mhd. lancfgj) lang; tgimgJc (mhd. danc) Dank; 
rgungk Rank. 

sing9 singen; tengl^ dengeln; streng Stränge. 

Im Unterschied von Tb. (Hlg. § 119) ohne Explosivlaut 
jung jung; giifang Anfang. 

wf§rtd Weingarten, Weinberg s. § 41 Anm. 3. 



Zu Heinrich. Louffenbergs Gesundheits- 

regiment. 

Von Karl Baas. 

In seinem prächtigen Buche: „Deutsches Badewesen in 
vergangenen Tagen** führt Alfred Martin bei Besprechung 
des Badens der Kinder auf S. 137 aus einem Züricher Ka- 
lender des Jahrs 1508 einige Verse an, welche Vorschriften 
für die Behandlung der Neugeborenen enthalten. In einer 
Anmerkung fügt er weitere gereimte Ratschläge für schwangere 
Frauen hinzu, die derselben Quelle entnommen sind. 

Dass di^se Zitate sehr große Übereinstimmung mit dem 
mir wolbekannten Gedichte Louflfenbergs zeigten, fiel mir so- 
fort auf; zum genaueren Vergleich nahm ich mir dann den 
von der Züricher Stadtbibliothek in dankenswerter Weise mir 
überlassenen Kalender selbst sowie die aus dem Freiburger 
Stadtarchiv mir anvertraute , Versehung des leibs" vor. Da 
stellte sich denn heraus, dass mit im ganzen unwesentUchen 
sprachlichen und auch kleinen verslichen Verschiedenheiten 
große Stücke dieses Gedichts abgedruckt waren, von der 
Beschreibung der Komplexionen an bis zu dem Regiment in 
Zeiten der Pestilenz. 

Konnte ich in einer früheren Notiz in dieser Zeitschrift, 
Bd. 21, S. 235, dartun, dass das seither nur handschriftlich be- 
kannte Gesundheitsregiment des Freiburger Dichtermönchs 
Louffenberg in der genannten „Versehung" 1491 gedruckt 
worden war, so hat sich nunmehr gezeigt, dass jenes Buch 
auch noch in anderer Weise in weitere Kreise des Volks 
eindrang, dass somit die Wirksamkeit des Priesterarztes sich 
tiefer erstreckte, als man seither etwa annehmen konnte. — 



138 



Bus 



Sudhoff bat in seinem sehr dankenswerten Buche: 
, Deutsche medizinische Inknnabeln" ' auf S. 182 — 184 eine 
Peatachrift zitiert, welche oline Autorangabe gedruckt wordpii 
war ,zü Straasburg uff Grüneck von Bartliolome Kystler. do 
man zait fuiiffzehnhundert jar". Aus den wenigen Versen, 
welche Sudhoff wiedergegeben hat, erkannte ich alsbald die 
Herkunft; um aber sicher zu sein, ließ ich mir von der Frei- 
burger Universitätsbibliothek das Büchlein kommen, das den 
Titel führt: 

,Ein tractat contra pestem preaervative und regi- 
nient. Wie du dich lialten solt in der zeyt so die pestUentz 
regnieret dass gar nützlich ist den menschen zfi wissen.' 

Abgesehen von nebensächlichen Änderungen in der Sprache 
and an den Bildern sowie einer fremden Einleitung an den 
hl. Sebastian bestätigte sich meine Vermutung, dass dieser 
Pesttraktat nichts anderes sei als ein Abdruck des siebenten 
Kapitels von Louffenbcrgs Regünent. Aber anscheinend hat 
der Herausgeber die Vorlage nicht immer i-ichtig verstanden ; 
wie schon die von Sudhoff wiedergegebenen Verse dartun. 
ist z. B. durch eine neue und schlechte Interpunktion der 
Sinn manchmal ganz zerrissen und verderbt. 

Wie dem auch sei; man gewinnt die Meinung, dass jenes 
medizinische Gedieht sich ziemlicher Beliebtheit erfreute, und 
vielleicht ist es nicht unangebracht, bei namenlosen gereimten 
Traktaten ärztlichen Inhalts aus dem Mittelalter jeweils auf 
die Verwandtschaft mit Louffenberg zu fahnden. — 

Bei dieser Gelegenheit will ich aber auch einen Irrtum 
berichtigen, der sich in dem Buche von Bosch: , Kinder- 
leben" * findet. 

Angeblich aus dem Kinderbuch des in der zweiten Hälfte 
des 15. Jahrhunderts lebenden Arztes Bartholomäus Met- 
linger zitiert der Verfasser eine Anzahl von Versen, welche 
wiederum mit den entsprechenden des Louffenbergschen Ge- 
sundheitsregiments völlig übereinstimmen. Das mir von der 



' Id Studien zur 
' In Monographie 



Jesnhiclite der Medizin. Heft 2/3. I90H. 
1 zur deutschen Kulturgesehit-hte Bd, 




Zu Heinrich Louffenbergs Gesundheitsregiment 139 

Hof- und Staatsbibliothek in München zur Verfügung gestellte 
gedruckte Exemplar jener ersten, deutsch herausgegebenen 
Einderheilkunde von 1474 enthält aber nirgends Verse; und 
ebenso verhält es sich mit den späteren Drucken von 1476 
und 1497, welch letzterer sich in Nürnberg befindet*. Ob in 
der Ausgabe von 1511, welche Sudhoff in den Mitteilungen 
zur Geschichte der Medizin 1904, S. 165 erwähnt, jene Verse 
vorkommen, ist mir nicht bekannt^. 



» Vgl. R. Landau in Wiener med. Presse 1904, Nr. 28. 

* Vielleicht erwägt der Stadtrat von Freiburg einmal, ob er nicht 
auch den nicht ganz unbedeutenden Heimatgenossen Lonffenberg in einer 
ehrenden Straßenbenennung seinen späteren Mitbürgern ins Gedächtnis 
zurackmfen möchte; auch für den wichtigen mittelalterlichen Arzt Rösslin 
konnte die gleiche Überlegung gelten. 



Fronspergers Kriegsbucli. 

Von Johannes Tideman. 

In der Freiburger Universitätsbibliothek, der Bremer Stadt- 
bibliothek und auch in andern Büchereien findet sich ein Buch, 
welches in weiteren Kreisen bekannt zu werden verdiente. Sein 
Titel lautet: 

„Von Kayserlichen Kriegßrechten , Malefit.z vnd Schuld- 
händlen, Ordnung vnd Regiment, sampt derselbigen vnd andern 
hoch oder niderigen Befelch, Bestallung, Staht vnd ämpter zu 
Eossz vnd Fuß, an Geschütz vnd Munition, in Zug vnd Schlacht- 
ordnung zu Feld, Berg, Thal, Wasser vnd Land, vor oder in 
Besatzungen, gegen oder von Feinden fürzunemmen, welcher art, 
Sitten, herkommen vnd gebrauch, vnder vnd bey regierung deß 
Allerdurchleuchtigsten, Großmächtigsten, vnüber windlichsten vnd 
Kriegß erfahrnen, berühmptesten Römischen Keysers Caroli deß 
fünfften hochlöblichster vnd seligster gedechtniß, geübt vnd ge- 
braucht, in zehen Bücher abgetheilt, dergleichen nie ist gesehen 
worden, von neu wem beschrieben vnd an tag geben, durch 
Leonhart Fronsperger. Mit schönen neuwen Figuren vnd einem 
ordenlichen Register. Getruckt zu Franckfurt am Mayn M • D • LXV. 
[Durch Georg Raben, in Verlegung Sigmund Feyerabends vnd 
Simon Hüters.] 

Der Verfasser dieses „Kriegßbuchs" wurde um das Jahr 1520 
in Ulm geboren und starb daselbst 1575. Leonhart Fronsperger 
war der ausführlichste und umfassendste deutsche Schriftsteller 
über Kriegswesen im 16. Jahrhundert. Schon als Knabe machte 
er mehrere Kriegszüge mit. Seit 1548 Dimer Bürger und Kaiser- 
licher Pro visionär, wurde er 1 566 im Türkenkriege vom Kaiser zum 
Feldgerichtsschultheißen ernannt. Fronsperger besass hohe Bil- 
dung und war mit den berühmtesten Kriegern seiner Zeit persön- 



FroDspergers Kr{< 



141 



^bekannt. Er schrieb außer dem „Kriegßbuch": „Kaiserlichea 
Kriegsrecht " (1552); „Vom Geschütz, Feuerwerk und Festungen" 
(1557 — 1564); „Fünf Bücher vom Kriegs reg im ent und Ordnung" 
(1558); „Bericht von einer Besatzung, Kommiß Ordnung und 
Fütterung" (1563); „Lob des Eigennutzes" (1564); „Kaiserliche 
Kriegsordnung" (1565). 

Die 1564 in Frankfurt a. M. gedruckte „Bauw Ordnung"- 
ist gleichfalls von einem Leoiihart Fronsperger verfasst. Sie 
enthält eine große Anzahl ins einzelne gehender Bauvorschriften, 
eine Abhandlung über die Natur der Baumaterialien und eine 
Handwerks-Gesindeordnung. 

Ob ihr Verfasser derselbe ist ivie der des „Kriegßbuches", 
bleibe dahingestellt. 

Das „Kriegßbucfa" gilt als bestes Quellenwerk über das 
damalige Kriegswesen. Im Jahre 1596 erschien die 4. Auflage 
und 1819 die 5. Im letztgenannten Jahre wurde es neuhoch- 
deutsch herausgegeben von Böhm. 

Dos umfangreiche Werk behandelt in drei Teilen fast die 
gesamte Kriegs Wissenschaft der damaligen Zeit und zwar im 
ersten Teil vornehmlich Kriegsrecht und Dienstpflichten, im 
zweiten Wagenburgen und Feldlager, und im dritten Schanzen 
und Festungen. 

Bemerkenswert ist u. a. folgende Äußerung über die Ar- 
tillerie: 

„Wenn ich recht darvon reden solt, wie sichs gebürt, so 
Wirt schier kein mann oder dapfferheit in Kriegssacben mehr 
gebraucht, dieweil aller list, betrug, verrfthterey, sampt dem 
greuwlichem Geschütze so gar vberhand genommen, also das 
weder fechten, balgen, schlahen, Gewehr, Waffen, stärcke, kunst, 
noch mann oder dapfferkeit mehr belffen oder etwas gelten 
wil. Dann es geschieht offt vnd vil, das etwan ein mannlicher 
dapfferer Heldt, von einem losen verzagten Buben durch das 
Geschütz erlegt, welcher sonst einen nicht freffentUch dörffte be- 
sehen oder ansprechen, Derhalben dieweil das Geschütz auch 
die verrShterey vnd aller betrug, so gar in dem gebrauch, so 
wirt alle mann vnd dapfferkeit gar abgethan, wie dann zum 
theil schon geschehen vnd noch tüglich geschieht." 

In den „Gemeinen Streits Regeln" heißt es: 

.Kcinerley rBht oder unscliläg sejn bt^aser dftDD die. sii da ilem Ki'iud 
verborgen seyn, ehe denn du sie tbnst.' 



A 






142 Tideman 

,In Mangel und Abgang der speiß, in überfallen oder erschrecken ist 
der Feind allweg besser zu gewinnen, denn mit dem Schwerdt, dann in 
der Schlacht hat das Glück mehr herrschung als die mannheit.' 

«Guter anschlag, list und klugheit ist in streiten allweg besser als 
die mannheit/ 

,Die Mannheit ist besser als die mennig." 

,Die Natur gebiert wenig freydig oder behertzte Mftnner, aber durch 
gute underweisung und anfürung macht die geschicklichkeit viel behertzter 
Mann." 

«Das Eriegßvolck nimpt zu durch arbeit, aber durch müssigkeit 
nimpts ab. 

«Was man thun sei, handel mit vielen, waS du aber thun wollest, 
das handel mit wenigen, und den allergetreuwesten, oder aber mit dir 
selbs." 

«Es ist ein grosse geschickligkeit den Feind mehr mit Hunger als 
mit dem Schwerdt überwinden.* 

Sehr schön ist ^Die Lehr, so Keyser Maximilian in seiner 
jugent durch seine erfahrne, treffenliche Eriegßräht zugestellt 

ist": 

«Nimm nichts für wider Recht und Gott, 
So komstu nicht in sünd und Spott.' 

«Hab frommen lieb und ehrbarkeit, Verbring nicht allzeit deinen wiU. 
Steh allzeit bey der gerechtigkeit, Denn wie soll der sein Feind bestahn, 
Biß züchtig, lieblicher red, still, Der sich selbs nit bezwingen kan?* 

«Erzeig nicht dein Undankbarkeit, 
Biß Gott zu dienen allzeit bereit.** 

«Halt gleiches Recht Armen und Rych, 
Freund, gut oder gelt nit ansich. 
Gerechtigkeit ist die Hauptstatt, 
Die Gott auf Erd dir befohlen hat.*" 

«Der Richter bleibt in Gottes Hut, 
Der wissend niemand unrecht thut.' 

«All grosse Sachen oder that 

Nimm für mit frommer weisen raht.* 

«Nicht kümmer noch bemühe dich 
Mit dem, das dir ist unmüglich." 

«Was du mit Recht und Fried magst han, 
Kein Krieg darumb solt fahen an." 



Fronspergers Eriegsbuch 143 

Unter der Überschrift „Vom Eriegß Regiment" und in den 
folgenden Abschnitten des 10. Buchs finden wir folgendes: 

,Mit allem dem ists nit genug, 

Daß da hast Lent, Gschoß, Gelt mit Fug, 

Sie müssen dazu tauglich seyn, 

Daß dich nit bringen umb das Dein, 

Denn wer mit Hasen Hund wil fahen, 

Mag soviel schaden als nutz empfahen." 

«Was heut thun magst, spar nit biß morgen, 
Fleuch Gotteslestern und unnütz sorgen." 

,Wanns not ist, schlaff nit, sonder wach, 

Verachtung, faul, liederlichkeit 

Bringt im Krieg schad, nachtheil und leid/ 

„Dein verlust, schad und leid 
Ist deinem Feind ein fröligkeit/ 

„Wiltu mit Eriegßvolck etwas schaffen, 
Musts wol bezaln und ernstlich straffen." 

»Ich hab noch nicht viel hören sagen. 
Das man feind mit feind hab geschlagen, 
Hab aber wol gelesen und gehört, 
Dadurch manch Herrschaft sey zerstört." 

Zum Schluss seien aus dem so viel militärische und all- 
gemein menschliche Weisheit enthaltenden Buche noch zwei 
Stellen mitgeteilt aus den Abschnitten „Von Feldtschlachten^ 
und nVon Belagerung und Stürmen**: 

„Dein Ordnung mach bey guter Zeit, 
Besser ist gharrt, denn übereilt." 

,Wo erbarmung scheint bey gwalt, 
Deß Lob und ehr wirt gwonlich alt. 
In allen Dingen Gott gib die ehr. 
Von dem kompt Glück und der Sieg her." 



l 



Bodenseepoesie 
vom Ende des 18. Jalirliiinderts. 

Von Paul Beck, 

Naturbetrachtung, Naturgenuss und Reisen stehen in engem 
Zusammenhang miteinander und fördern sich gegenseitig. Wie 
letzteres sich in früheren Jahrhunderten bis in die ersten 
Jahrzehnte des 19. hinein bei den geringen Verkehrsmittehi 
noch in engen Grenzen hielt, so spielte auch das Beobachten, 
Beschauen und Genießen der Natur, der Sinn für das Natui'- 
schöne, ebenso die Naturpoesie, früher im menschlichen Ge- 
müte noch eine bescheidene Rolle. Die dichterischen Stimmen 
sind denn auch in der deutschen Literatur der früheren Jahr- 
hunderte über Naturgenuss nicht zahlreich gesäet, im Gegensatze 
zur üppig wuchernden Naturpoesie des 19. Jahrhunderts. Das 
hervorragendste Erzeugnis dieser Art von deutscher Dichtung 
aus dem 18. Jahrlmndert sind und bleiben entschieden Albr. 
V. Hallers „Alpen** (1732). Vom Ende desselben liegt uns 
ein bis jetzt weniger beachtetes, in der heutzutage seltenen 
„Vorarlbergischen Chronik** („oder Merkwürdigkeiten des 
Lands Vorarlberg, besonders der Stadt und Landschaft Bre- 
genz SifB.^ gesammelt von Kennern und Freunden des Lands 
Bregenz, gedruckt und verlegt bei Jos. Brentano, k. k. Buch- 
drucker, 1793**; 130 S.; bes. S. 68— 73) veröflfentUchtes Stück 
Bodenseepoesie vor, welches wir nachfolgen lassen. Der 
Naturbeschauer scheint seine Betrachtungen vom Standpunkt 
Bregenz aus in der Frühjahrszeit angestellt zu haben und 
verherrlicht schließlich die Reichsstadt Lindau, die deutsche 
Venetia. Der Sänger dieser Gefühlsergüsse ist nicht genannt; 
wir vermuten aber als solchen den Dichter, Schriftsteller und 



Mlenseepaesie rom Eude des 1^. .Talirliunderts X4f) 

Patrioten Joh. Mich. Arrabruster au» SuJz (geh. 1761 
gest. 1814 zu Wien), welcher sich längere Zeit am Bodensee, 
so in Konstanz usw.. aufhielt und bei Brentano verscliiedenea 
herausgab. 

Der Schiffer, der an Schwabens fruchtbaren Ufern 
Den Bodensee mit leichten Kähnen besegelt, 
Sieht südwärts seltsame Gestalten der Berge den Himmel be- 
grenzen : 
Dort strecket der Camor den liegenden Rücken, 
Auf welchen aufwärts sich der „alte Mann" lehnet. 
Dann hebet sich mit au fgethürmten Gipfeln der höhere Sentis. 
Zu ihren Füßen liegt ein bergicht Gefilde, 
Mit tiefen KlUften als mit Furchen durchschnitten. 
Doch an den Seiten mit wurzelnden Tannen vor Einfall bewahret. 

Noch vollständiger wird die Anmut des Frühlings nach 
der abwechselnden Witterung am Bodensee in folgenden Versen 

geschildert: 

Der gewaltige Bodan reißt izt mein Ang zu sich nieder. 
Uniiberschaulich und heiter glSnzt er, ein herrlicher Spiegel 
In der Fläche sehen sich die lachenden Ufer mit Wsldem, 
Bergen, Schlößer, und Thürraen und Städten, der heiterst« 

Himmel 
Stralt aus ihr anmuthiger zurück, und diinket sich schöner. 
Aber itzt deckt das Haupt der Alpen ein dunkles Gewölke. 
Femher brauset die Stimme des Südwinds, und kündet sein 

Kommen 
Fürchterlich an. — Ein gelinderer Wind, des folgenden Bote, 
Streift schon über die Fläche, und säet zitternde Wellen 
In der See; und itzt stürmt der Südwind herab von den Alpen. 
Dunkle schäumende Wellen verheeren die BiMer des Ufers 
Und des glänzenden Himmels. So flieht oft die Freundschaft 

der Menschen, 
Wenn das Unglück sich gegen uns thürmt. Erst da noch der 

Himmel 
OQnstig uns lachte, war unser Wunsch auch der ihrige, jedes 
Starke OefUhl der Liebe schien auch ihr Busen zu nähren; 
Doch der trübe Sturm vertilgt leicht die schwebenden Bilder; 
Und wir suchen bekümmert den Freund, und finden ihn nirgends, 

Alenuuuia S. F. », 2. jq 



146 Be« 

Mächtig kämpfen die Wind itzt gegen einander; es wälzen 
Wellen sich gegen Wellen; *s zagt der verwegenste Schiffer 
Unter dem Streit. Itjst aber gewinnen des beflern Ostwinds 
Kräfte den Sieg, und treiben den Sturm zurück in die Alpen. 
Grünliche Wellen durchtragen den See, vom Odem des Ostwinds 
Frßlich belebet. Er schwellt günstig die Segel, und mulhig 
Steuert der Schiffer zum lange gewünschten Ufer. 
Und ihm folgt, umflatternd das Schiff, der gesellige .Mbok', 
Und er fürchtet sich nicht; der Schiffer sieht ihn gerne. 
Locket und wirft ihm Brod in die Wellen. Mit richtigem 

Fluge 
Nimmt er's heraus, und dankt mit freudig schlagenden Flügeln. 
Und nun eilet der Tag zum Abend hinunter; die Sonne 
Uebergüldet im Abzug die FISche des mächtigen Sees. 
Nur* der himmelgethürmte Mesmer' noch sendet die letzten 
Stralen zurück, und Hesperos winkt die Dämmerung herüber. 
Dunklere Schatten entsinken dem Berg. Die Ferne verlieret 
Sich dem forschenden Blick — Hier will ich die Nacht und des 

Ankunft erwarten, ein Schauspiel, das immer mein Auge vor- 
züglich 

Liebet und sucht — Ein schauerndes Dunkel und feyernde Stille 

Staunt um mich her; nur plätschernde Wellen und schimmernde 
Würmcheu, 

Die das nahe Gebüsch beleuchten, und blinkende Sterne 

Reden noch Leben. — Doch itzt erhellt sich des schwärzenden 
Beides 

RUcken. Jetzt tritt er hervor, der Mond, mit langsamen 
Schritten, 

Und mit glühendem Antlitz; so gleicht die keuschere Wange 

Der verschämten Braut, die das HocbzeJtbetle verlaflend, 

Selbst der vertrautesten Freundin ins Aug zu sehen nicht waget. 

wie liegt die ganze Natur in stiller Entzückung! 

Und wie erhebt dich Gott! in all deinen Geschöpfen! 

Du bist groU in dem Lictkt des Himmels in leuchtenden 
Welten, 

Groß und herrlich im Wunn, der im Gebüsche dort schummert! — 

' Albofc, Allebock, int um Bod-jnsee und Bildlichen Oberach waben der 
Volkaname für diedaaelbat eioheiniischc Möve (laums; Wnaaervogel), 
* Mesmer. eine Erhöhung in der l^ifiutis- oder Alpst^iugruppe. 




1 Ende dea liS. JHbrhunilerla 



Nach dieser allgemeinen Landschaftsbetrachtung wendet der 
iger sich im besondern zur Reichsstadt Lindau, von welcher 
folgendes , Gemälde" entwirft: 



Sey mir gegrüßt deutsche Venetia! — 

Zwar jene mächtige Riesin däucht sich zi 

Und zürnt dieser Namens verschwisterung 

Oder — lächelt ilir Hohn 

Laßt ihr den Ruhm ihrer Größe! 

Sie hebt ihr Haupt aus trüber Laguna, 

Du deins — aus aetherreiuer See empor, 

Die die Sonne mit des Kristalls Schimmer, 

Oder mit des Regeubogens Farben schmückt. 

Sey mir gegrültt deutsche Venetia, 

Sueviens Zierde! 

Welcher Fremdling erblickt dich. 

Dein Gewfilier und deine Gefilde umher, 

Der nicht mit starrem Auge staunt? 

Dann in des Staunens Strudel stürzt. 

Und sich verliert — 

Bis der Entzückung süßer Schauer, 

Sein Nervengewebe durchbebt, 

Und Reiz, und Anmuth und Wunder 

Seiner Empfindung den Ausruf entlockt: 

Wie herrlich ist Mutter Natur!! - 

Du bist auf dem Grunde gebaut 

Den ein Tiberius wählte zum Schutzort', 

Als der Vindeüzier Nacken 

Sich gegen der Römer Joch strfiubte. 

Deine graue Felsenburg, 

Von jenen erthürmt, 

Ist Zeugin dieser Geschichte. 

Gleich stolz und ruhig ragst du 

Aus stiller oder stürmender See. 

Du trotzest dem Wogengetümmel — 

Stehst wie ein Meerfels. 

So trotztest du weiland Suecias Kohorten. 

Den Buhlern deiner Jungferschaft. 

Zween Monde lang lächeltest du Hohn, 



ist nicht ganz ansgemncht! 



groß, 



rapor, 




148 Beck 

I 

Ihrer schmeichelnden Lippe Geflüster 

Wie ihres Geschützes Donner*, 

Auch kost, und zürnte dir vergebens — 

Deines Besitzes nicht würdig. — Der Gallier, 

Ha Schmeichelei nicht noch Drohung 

Bewog deine eiserne Brust 

Zur Uebergabe. 
Du wirst behalten den Kranz! 
Du entstandst nicht aus Ruhmsucht und Stolz, 
Voll wühlenden Dranges nach Freiheit, 
Erbauten dich Aeschachs^ redliche Bürger, 
Als Hungarias bewaffnete Söhne, 
In jener Eigenthum hausten. 
Vm der goldenen Freiheit willen. 

Entstandst du. 
Dies weiß dein Schutzgeist; 
Er bewahrt deinen Kranz 
Und schwebt segnend über dir — 

Deutsche Venetia! 

Zum Schlüsse widmet der ob dem Anblick der herrlichen 
Landschaft wonnetrunkene Dichter den Bewohnern Lindaus über- 
haupt den Umwohnern des Bodensees nachfolgende begeisterte, 
mit der Mahnung zur Zufriedenheit verbundene Ansprache: 

0! Ihr glücklichen Bewohner dieser Städte! 

Euch gibt alles die Natur im Ueberfluß — 

Traubenhügel, Bäume, Fluren, Blumenbeete, 

Blühen Euch zur Freude, reifen zum Genuß. 

Untermischte Reize, die die Seele weiden, 

Schweben, wie in keiner Gegend — rundumher. 

Ist ein Volk dies Vorzugs wegen zu beneiden. 

So bist dus auf deiner Insul desto mehr. 

Wenn dein Aug die Schweizer Alpen in der Ferne, 

Um sich her die spiegelhelle See erblickt 

Tief in ihrem Schoos die Sonne — oder Sterne — 

* Im Jahre 1647 wurde Lindau vergebens durch die Schweden unter 
W ran gel längere Zeit belagert und von den Österreichern unter General 
Graf V. Waldburg- Wolf egg aufs tapferste verteidigt. 

^ Bekannter lieblicher in einem Meer von Gärten, Villen, Reben und 
Obstbäumen gelegener Vorort Lindaus. 



Bodenseepoesie vom Ende des 18. Jahrhunderts 149 

Ja, so ist's ein Anblick, dem der Geist erliegt!! 
Ruhig und gefahrlos schaust du dem Getümmel 
Wilder Wogen zu, die deiner Städte dräun; 
Bangst nur für die Wogenwaller, die gen Himmel, 
Todtenbleichen Angesichts, um Rettung schreien, — 
Wohlbehalten wohnst du mitten im Gewässer, 
Das dir jeden Tag ein neues Schauspiel zeigt; 
Aber keins, der See, ist herrlicher und größer, 
Als wenn sie im Sturmgebraus zu Hügeln steigt. 
Sey, beglücktes Volk, mit deinem Loos zufrieden. 
Du beleidigst die Natur, wenn du's nicht bist — 
War mir eine Hütte nah bei dir beschieden ; 
Jedes Erdeleiden wäre mir versüßt. 




Scherzhafte Reime auf das Bauernleben. 

Von Ernxt HimiuclHeher. 



Einsam liegen im Amtsbezirke Neustadt an der Wasser- 
scheide von Oiitach und Breg die Gemeinden Bubenbach, Eisen- 
bach, Urach, Schollach und Schwärzenbach nahe beieinander. 
Während die drei zuletzt genannten Orte aus schließ lieh aus 
stattlichen geschlossenen Gütern zusammengesetzt sind, besteht 
in Bubenbach und Eisenbach kein einziges Hofgut '. So leben 
dort eng zusammen Bauernfiirsten, um mit Hansjakob zu sprechen, 
mit Industriearbeitern. Der so überaus grolle Unterschied der 
beiden im allgemeinen friedlich miteinander auskommenden, 
voneinander ganz unabhängigen Stände gab natürlich in allen 
Zeiten zu neckischen Reibungen Anlaß. Aus diesen Verhält- 
nissen heraus entstanden vor etwa sechzig Jahren nachfolgende 
zwei sogenannte Bauernlieder humoristisch-satirischer Art, die zu 
den in neuerer Zeit mit Recht mehr beachteten Orts- und Stfinde- 

tneckereien gehören und jetzt nur noch bruchstückweise im Munde 
der älteren Generation fortleben. Ohne eine von Frau Fabrikant 
Emma Winterhaider in früheren Jahren veranstaltete Nieder- 
schrift, die mir von der Dame in dankenswerter Weise zur Ver- 
fügung gestellt wurde, wäre eine vollständige Wiedergabe un- 
möglich gewesen. 
Der Verfasser des neuen Bauernlieds soll der im Jahre 
1883 in Eisenbach veratorbene Uhrenmacher Augustin Schwörer 
Gne 
eine 
bacl 
des 
Oru 



' Der Qrund liietvon liegt zuniciist in den BadenverhaltnlMen, Du 
GnelsformBtion des Schollacli- und Urachtals bietet der LaDduirtscliaft 
( besseren Boden, als der Granit und Sandstein von Eisen- 
bach und Bubenbacb, wo die Hintacb zu Bauae ist. Dann waren aber auch 
EiBeubneher Tale frllher blühenden Bergbaus wegen von der 
Grundberrechaft KrSliere Landereien wol nicht eihttttlich. 




Scherzhafte Reime auf das Bauernleben 



151 



Die Vortragenden, denen die Gedichte abgelauscht wurden, 
waren wol bestrebt, hochdeutsch aufzusagen; bald ging ihnen 
aber die Schulweisheit aus und sie fielen in die Mundart zurück. 

Das alte Bauernlied. 



1. Schauet hinaus in diese Welt 
Und höret, was die Zeit erzählt, 
Von unsre junge Baure: 

,Sie laufen in den Wald hinein« 
Sie fällen *s Holz, wol groß und 

klein, 
Nur alles zu verkaufe.*^ 

2. Die Baureemt, die isch jetzt da, 
Im Wald, da müsse se d* Schnitter 

ha, 
Dass sie die Baumle stümmle! 
Hopfestange, Stecke in d' Rebe, 
Dass sie könne brav lustig lebe 
Mit ihre schöne Weiber! 



3. Ja zum Glück isch der ge- 

bore, 
Der en holprige Bur isch wore 
Uf em kleinste Höfli! 
D* Schöpli wachsen ne im Schlof; 
Sie lige im Bett, als wie en Grof 
Vom Obend bis zum Morge. 

4. Am Morge stehn sie wieder 

auf 
Un reibe sich die Auge aus. 
Un schaue nach em Wetter. 
Katzejammer hen se no, 
Sie froge aber nit demo. 
Wenn sie nur Holz verkaufe. 

5. Betracht e mol de Baurestolz 
Er sieht aus wie en Mocke Holz, 
So dick, als wie en Schenkel. 
Kommt einer in e Wirtshus rein. 
So meint mer, *s tret e Pferd herein, 
Vertloffe us der Schmidte. 



6. Un frogt der Wirt, was ge- 

fällig war, 
So gohts e Stund, bis ers erfährt. 
Dumm gucket er in d* Winkel; 
Er kehrt im Wirt de Buckel na 
Un sait, i sott e Schöppli ha: 
«Hör, bring mer au vom guete!' 

7. Weiter sin sie nit bedacht; 
Sie denke nit an d' Nachkomme- 
schaft, 

Was diese solle treibe: 

D' Stamme duen (tun) se all ver- 
kaufe : 

D' Junge könne in de Stock rum 

laufe, 

Wol in de große Schläge! 

8. En große Fehler hen se no, 
Sie füttere *8 Vieh all mit em Stroh, 
Weil sie kai Heu meh mache. 
Am Wässere isch ene nit vil gläge, 
Sie richte *8 Wasser alls uf d' Säge, 
Dass sie kann grad furtlaufe. 

9. Un au der Schluss gehört de- 

zue: 
E mancher sauft als wie e Kuc 
Dur's Gürgeli mueß sei Güetli, 
Di Bäueri, die platzt mengmol drei, 
Dr Lump, der haut dann tüchtig 

drein 
Mit sine große Pratze. 

10. Un zuletzt, da kömmt der Tod, 
Er jagt de Bur un d' Büri fürt. 
Und alles geht zu Staube! 

Sei es en Bauer oder e Kuc 
Jetzt goht es halt em Teufel zue. 
Und alles wird zum Raube! 



152 ^^^^^^^1 


Das neue 


Bauernlied. ^^M 


1. Es iöt nicht m Lese h reiben. 


r>. Betracht in jetziger Zeit,^^| 


Wie ea die Bnuem treibe«, 


Wns e ßäueri treit, 


Dnd mit fielen Worten nicht zu 


Was wett e Fllrati Si oder d" Frm 


Bogen, 


Tome Grot. 


Indem das Holi »o goht 


Si trage sidini SchOrzli. 


Dn der Wein BO grot. 


Stiefeli mit so StOckli, 


Steigt der Übermut, es üch en Ort 


ühreklnnkerhän si, 's isch e Pracfal. 


(Art). 


^^ 


2. Und Tor dreißig Jahren, 


f!. Un vor dreißig Jahre ^^| 


Wie ich hab erfahren 


Sin sie Karre gfahre ^^1 


Liefe Baure mit enie Stecke in d' 


Mit enie Reff" of eme alte 000^^ 


Kirch. 


Jetz hSn se Ffiderachesli, 


Sie trüge Lederhose 


Rosa mit weiße Öhrli 


ün hfin HolzBchue a 


Un jeder will no a' schllnsti GsdidL 


Un en Rock von selbst gehaote 


JÜH 


Zwilieh. 


M 




7. Un vor dreißig Jahre ^^^ 


In e Baurelag", 


Hitn se 's Baue gspare 


So gehn aim erst die Auge auf 


S' deckt al mancher mit nerWsnne» 


Do aieht nier Bauregage' 


«ue.^^^ 


Schwarz! Röckli trage 


Jetz baue sie SftgehatlH J^H 


Un e Seidehüetli nbe dranf. 


Wie so FUrateschlSMli _^^l 




Un e GSrtli mueS au no delti^^H 


4. Und die Uttuerinne. 


S. J will uu gern ersehe, 


Vor etwa dreißig Jahre 


Wie 's wird weiter gehe. 




D' StSmm mitsammt de Stock were 


Sie trüge Wifelhflppll' 


jetzt verkauft. 


Mit so kurze Brüstli 


Un die junge Hure 


KappebanJel to de achrafilale Art. 


Wird de Bode dure. 




Wo me d' Stack hftt ußi gr»uft 


' Baurenlag von mhd. läge = 


= Lebensverhältnia (Leier, Wßrtfr- 


huth). 




' Von ,gagen* = hin- und herwackeln. 


• WAhrcnd der Zwilieh nur a 


s HanfgeÖecbt besteht, ist im .Wifel* 


noch Wolle eingeweben (mhd. wifelinc, wjfelin tuocli). 


» .Hef* wird immer noch die 




Sitrbank genannt irüt mhd. = StabgeBtell). 


• BUdl. = er lebte auf einem 
i k^ 


kleineu Fleek, ^^^ 



Scherzhafte Reime auf das Bauernleben 



153 



Anders geartet und weit poetischer klingt das nachfolgende 
Klagelied eines Bauern, welches noch vor kurzer Zeit in den 
oben genannten Bauerngemeinden bei festlichen Anlässen auf- 
gesagt wurde. Ich habe es aus dem Munde älterer Leute auf- 
gezeichnet, aber niemand gefunden, der es vollständig hersagen 
konnte. Es ist, wol schon weil es leichter zu erlernen ist, 
noch besser bekannt, wie die oben mitgeteilten holperigen Ge- 
dichte. Aus dem Hinweise auf das Binden der Schuhe mit 
Weidenruten darf wol auf ein höheres Alter geschlossen werden. 

Der arme Bur. 



1. Bin i nit en arme Bur 
Mit Wide' bind i d' Schue; 
Wie wird mer doch mi Lebe sur, 
Wie goht es doch so glottrig zue! 

2. Scho d' Elleboge gucke rus 
Un d* Hose isch verplätzt! 

Kai Holz han i vor minem Hus 
Im Wald isch es versetzt! 



3. Im Stall han i en einzig Pferd 
Vu Adams Zite her; 

Es isch fürwahr kai Erüzer wert, 
De Fuetertrog isch leer! 

4. D' Wage hat nu e Laitere bloß 
Und d* Egge nu acht Zäh, 

Am Pflueg sin beidi Reder los 
Jetz duet*s bal nimmi meh! 



5. In Ofe no, do regnet*s dri 
1 weiß mer schier kai Rot; 

Es könnt fürwohr nit schlimmer si 
Kai Holz un au kai Brot! 

6. Mi Wib, die wäge* alls ver- 

stoht, 
Sie gucket bsässe dri; 
Sie bringt mer d' Suppe ohni Brot 
Un glei de Essig dri! 

7. D'r Vogt im Dorf, der mag 

mi nit; 
Er weiß bistimmt, worum; 
I han em gsait: ,1 bruch di nit; 
1 bin allai so dumm!** 

8. S' hat mer sogar de Nochber 

gsait 
Dr Knecht hätt d' Magd, die Fratz; 
Sie seie emol im Stall nakeit 
Un jedes an sin Platz! 



Ein gar derbes Sprichwort, welches in der hiesigen Gegend 
noch gang und gäbe ist, gehört noch hierher. Es lautet: ^E 
Bur un e Stier isch ei Dier." Verwandten Sinn hat schon der 



' Wide = Weide. In früheren ärmeren Zeiten waren auf dem Walde 
Holzschuhe mit Lederbesatz im Gebrauch, welche mit Weidenruten be- 
festigt wurden. (Auch der Ersatz für Weidenruten, junge ausgedrehte 
Weißtannenäste, wird heute als „Wide** bezeichnet.) 

• Wäge = wahrlich. Beteuerung. (Wegerli bei Hebel.) Mhd. waege. 



154 Himmelseher — Scherzhafte Reime auf das Baaemleben 

mittelalterliche Ausdruck: „Der Bauer ist an Ochsen statt, nur 
dass er keine Homer hat.' Hiermit hängt auch der Ausspruch: 
„Der Bauer muss halt viel ziehen '^ zusammen, den die Bauers- 
leute bis heute im Munde führen, wenn sie von ihren schweren 
Arbeiten und den Abgaben sprechen. 

Den Geiz der Bauern rügt der Knittelvers: 

„Dr Lohrebur im Schwärzebach, 
Der hat gar großi Pratze, 
Doch wenn er soll en Dahler gä, 
So git er nu en Batze!* 




Anzeigen und Nachrichten. 



Max Moser, 



ichläasigte ßcbul- 



itand des IS. Jahrhunderts im vorder- 
eaterreicIiistlieD Breiagau. Ein Beitrag 2ur deutaclien und 
(tstermcbischen Schulgcttchichte. (Abhandl. z. mittl. u. neuer. 
Qescb., hgg. V. U. T. Below, H. Finke n. Fr. Meinecke. Heft 3.) 
Berlin und Leipzig, Dr. Wnltber Rothscbild, 1908. XX, 22G 8. 
8°. 6 .«. 
Wenn «eit einiger Zeit die bislang zieml 
geBchicble weniger stiefmütterlich behandelt ' 
Verdienat der bekannten (ieaellacbatt fQr deutache Erziehunge- und Schul- 
geschichte. Einheitliche und größere erzählende Daratellungen auf breiterer 
Grundlage haben wir aber doch noch verhaltniamBllig wenige. Umso- 
mehr ist die vorliegende Arbeit zu begrflüen, weltThe das Schulwesen des 
vorderOsterreicbiscben Breisgaiia behandelt und schon um desaentwillen es 
verdient, in dieaer Zeitschrift kurz besprochen zu werden. Sie darf es 
aber nmaoniehr beanspruchen, alu sie, auf streng wiasenschaftliuher Grond- 
lage aufgebaut, ein klares auf dio Zeitverbsltniase begrOndetes Bild der 
damaligen fichulverhältniaae gibt, und als sie nicht etwa mit mitleidigem 
oder verächtlichem LScheln für die damalige RUckatlLndlgkeit nur von 
heutigen Zustünden ausgehend urteilt, um mit Genugtuung festzustellen, 
wie herrlich weit wir ea gebracht haben, eondem alles in der Beleuch- 
tung der Zeit aelbat darzustellen, zu verstehen und zu begründen ver- 
sucht. Zu diesem Zweck werden überall die Grundlagen, Verwaltung 
ond Verfassung, wirtachaftliche und kirchliche Zustande klargelegt, wo- 
durch ein Arbeiten auf fester Grundlage ermöglicht wird. 

POr die Zeit vor 1770 fließt dos Material recht spärlich: umso er- 
giebiger sind die Quellen fflr die folgende Periode, deren Aufzählung 
(Akten, Gesetzessammlungen und Prot^ikolle aus den verschiedensten 
Archiven, sowie gedruckte Literatur) fast sechs Seiten auafüllt und von 
dem umaichtigen Fleiß des Verfassers Zeugnis ablegt. 

Auf den überreichen Inhalt nüher einzugehen Ist hier leider nicht 
möglich. In drei großen Hauptabschnitten werden behandelt; 1. der 
Bcholnielster (oder Schulhalter) dos vorderOsterreicbiscben Breisgaus 
um die Mitte des 18. Jahrhunderts, 2. die Entstehung des 
Standes der Volksschullebrer von 1770 bis 17t<L), nnd 3. der 
Lehrerstand in der nachtheresianischen Zeit bis zum Über- 
gang des Breiagaus an Baden (1780—1806). In zahlreichen Unter- 
abschnitten lernen wir jeweils außerdtenstliche und anziale Stellung, Vor- 



a 



1S6 



Anzeigen um) NaclirJchUn 



• 

^ 



und Ausbildung, Besoldung, Stellung zur StaaUobrigkeit und Qemeni 
DienstentlaBHung und anderea kennen. M. begnOgt sich dabei nicht, die 
urkundlich bcglniibigten Talsacht^n nur festznaletleo . aondera. worauf 
schon hingewiesen wurde, er sucht auch, wo immtr i^s angeht, die recht- 
liche Grundlage zu erörtern, durch Abwägen der begründenden UrsachcD 
und maßgebenden Faktaren tu einer gerechten Würdigung 2U gelangen, 
, die Prinzipien aus dem Aktenuiaterial herauszusch&Ieu''. Um nur einiges 
zQ erwähnen, entwickelt er z. B in Überzeugender Weise, wie der Ueaner 
zugleich Schulmeister geworden ist, warum der große Felbiger nicht 
schon mehr fUr die Schale leisten konnte, und namentlich behandelt er 
ausgibig das große Problem , wie die ganze Entwicklung seit Maria 
Theresia darauf hinauslief, den Schulmeister vom Privatlehrer zun 
öffentlichen, vom Arbeiter und Dienstboten der Gemeinde zu dem vom 
ätaat angestellten (und von der Gemeinde besoldeten) Beamten, zum 
Berufsschullebrer zu machen, oder mit andern Worten ihn aus seiner 
pritfat rechtlichen Stellung herausznnebnien und ihm den Platz im 
öffentlichen Recht anzuweisen. Die erfolgreichste Periode der diese 
Tendenz zeigenden Bewegung ist die nach Aufhebung des Jesuitenordens, 
wodurch Oberhaupt die Schulrefurm beschleunigt wurde, namentlich die < 
Jahre 1774—1780. Nun ist, worauf ich nebenbei hinweisen möchte, ge- 
rade diese Zeit nicht nur wichtig fflr die Volksschulen. Vielmehr be- 
ginnt in ihr auch eine Studienreform an der Freiburger Univeraitit, 
namentlich in der theologischen Fakultät, und aus demselben Jahre 1774 
stammt auch ein nener Lehrplan fUr das Freiburger Gymnasium (Faszikel 
in der Abteilung Gymnasialsachen im UniversitStsarchiv), und der von 
M. mehrfach erwähnten damals eingesetzten Schulkomroisaion Vorder- 
flsterreichs wurden (wie aus Akten desselben Archivs hervorgeht) neben 
den deutschen auch die uiederen lateinischen Schulen oder Gymnasien 
unterstellt. Das führte dann zu weitläufigen Verhandlungen mit dem 
akademischen Konsistorium; denn da das Freiburger Gymnasium damals 
noch sehr eng mit der Univeraitfit verbunden war. so wünschte diese auch 
ein Mitglied ihres Konaistoriums in jener Eommission zu sehen. Jeden- 
falls zeigt jene Einbeziehung auch der Lateinschulen das Bestroben, 
möglichst alle Schulen vom Staat direkter abhängig zu machon und dos 
ganze Schulwesen in diesem Sinn zu regeln und zu reformieren. 

Was die Zeit nach Maria Theresia betrifft, so ist für Joseph IL 
so recht karakteris tisch, dass er auch auf dem hier zur Besprechung 
stehenden Gebiet eine Reihe von gut gemeinten, aber teils der rechtlichen 
Grundlage entbehrenden, teils überstürzten oder halben und sich wider- 
sprechenden Reformen versuchte, die aber alle keinen wesentlichen Fort- 
schritt brachten, ja doss z. B., wenn man die neuen Anforderungen an 
die Lehrer betreffs Vorbildung, Leistungen und Unterricht bertickaichtigt, 
der VolksBchuUehrer des beginnenden 19. Jahrhunderts materiell eher 
schlechter gestellt war als der Schalhalter dee mittleren 19. Jahrhttndftrt«. 




Anzeiger 



ind Nach ric:L teil 



157 



Hauptsachlich wür «a frt>ilicli die natürliche Armut der meiet gebirgigen 
und wenig ergibigen vorderßsterrelchischen Landesteile und die gegen 
Ende des IK. JahrbiiDderU einlretenden widrigen und unruhigen Zeit- 
ve rhaltnisse. die eine durchgreifende materielle BeaseretelluDg aus 
finanzielleD GrQnden unmöglich machten. Wenn dann nach 1806 Baden 
bald besseres schuf, so liegt der Grund dafOr darin, das« der Staat kleiner 
und leichter zentralisierbar. alles besser zu Qhersoben und zu leiten war 
als in den weitausgedehnteu LSndern der österreichischen Monarchie, xU' 
mal wenn man die groUe Entfernung unseres Brelsgaus vom Mittelpunkt 
des Staates bedenkt. 

Einige Beilagen, Proben von Zeugnissen, Eingaben. Dekreten und 
ähnliches entbaltend, sowie ein evrgfliltig Angelegtes Ortsregister be- 
schließen das Werk. Msge es dem rührigen Verfasser vergilnnt sein, 
uns recht bald mit weiteren ebenso gediegenen Arbeiten auf dieaero Ge- 
biet zu erfrenen; auf 8. 81} Anm. 2 des Bucha ist eine solche nber das 
Schulgeld in Aussicht gestellt, 

Freiburg I. Br. Hermann Mayer. 

Drucke und Holzschnitte des XV. und XVi. Jahrhunderts in getreuer 
Nachbildung. XII. Die Cosmugrapbiue Introdnctio des 
Martin Waldseemaller (IlacomiJuaJ in Faks. hgg. m. Eiuleit. 
T. Fr. B. T. Wloser. Straßburg. J. U. Ed. Ueitji, 190T. 30 und 
103 S. 10 M. 
Eine vor wenigen Jahren angebrachte Inschrift am Hause Nr. 9 der 
Lnwenstraß? In Freiburg (unweit vom Neubau des Kollegienhauses) er- 
innert diirnn, dass bis li'J2 dieses Haus ,.2uni Hechtkopf* einem Konrsd 
Wateenmaller geherte, dem Vater des spAter so berühmten Kosmographen 
Martin WalzenmUller ( Wal dseem aller, Hylacomylas), der hier seit 
14ÜU die Universität besuchte. Auf letzteren kann unsere Stadt insofern 
Btolz sein, als er es bekanntlich war. der den Namen Amerika fflr den 
nenentdeckten Erdteil im Westen in die Literatur einfahrte und ihm so 
— wenn auch zu Unrecht — allgemeine Geltung verschaffte. Es geschah 
dies zunächst in der löOT in St. Di4 erschienenen Weltkarte, die Unge 
für verschollen galt und erst 1900 von Prof. Jos. Fischer S.J. [Feldkirch) 
in der faratl. Waldburg-Wolfeggschen Bibliothek auf Scbloss Wolfegg in 
WOrttemberg wiedergefunden und von dem Entdecker zusammen mit 
Hofrat Fr. R. v. Wieser (Innsbruck) 1903 nebst der OarU marina des- 
selben Walzenintlller vom Jahre 1510 herausgegeben wurde'. Vat beide 

' Vgl. meinen Aufsatz in der Zeitschrift des Breisgau Vereins Schau- 
insUnd 3Ü. Jahrlauf. 1903, Ö. l(i— 34, wozu ich heute berichtigend und 
ergAozend folgendes bemerken infiehte. S. 18 daselbst schrieb ich. dass, 
wie Walzenmaller selbst bald in allbekannter Zeit aus Freiburg ver- 
ocbwindet, auch der Name der Familie sich später nicht mehr DSchweiaen 



I 



158 Anzeigen und NachritUten 

Kurten wurdcD, n«l>entiti bemerkt, ini vorigen Jahre |I9li7), wie Ta^es- 
bl&tt«r zD melden wueaten, von einem Londoner BuchhSndler nii'ht weniger 
als 1215000 M. geboten! 

Im gleichen Jfthre 1507 gab aber Walxenmüller uuch ein Bach 
heraus, Coamographiae introductio, das als EiDfllhrang (intrudnctio) 
in das Verständnis jener Weltkarte (cosmographiaj dienen sollte, tuid dos 
den Namen Amerika nicht nur zum erstenmal enthält, sondern auch zu 
begrlliiden und zu rechtfertigen sucht, Ea ist nun gewias aehr verdienst- 
voll, dass die Wiedergabe dieser Schrift ira Faksimiledruck in der oben- 
genannten Sammlung Aufnahme gefunden bat, wodurch xuglcieh In wür- 
diger Weise das 400jlihrige GedHchtnis dea eisten Erscheinens derselben 
gefeiert wird. Auch bildet sie gewissermaUen ein ergänzendes Seiten- 
sttlck zu zwei anderen Stücken derselben Sammlung, dem deutschen 
Kolumbnabrief (Nr. 6) und dem Bericht Amerigo Vespuccia an Lorenza 
de Medici über seine Heise nach Braailien in deo Jahren 1501/02 (Nr. 9). 

In der Einleitung (89 Seiten) verbreitet aich der Herauageber. der 
seine Arbeit dem verdienten Wiener Mäzen Hans Grafen Wüciek zum 
70. Geburtstag widmet. Ober die Entdeckung Fischers, über das Gym- 
nasium Vosagense. jene gelehrte Gesellschaft in St. Diä, aus deren SchoS 
jene Veröffentlichungen erstanden. Über Walzenmtlller und seine gelehrte 
Tätigkeit seibat, und endlich ausführlich und Überzeugend Über die (T) 
verschiedenen Redaktionen der Cosmographiae introductio. Die Faksimile- 
reproduktion ist nach einem ganz in unserer Nahe, in der Bibliothek von 
Schlettsladt beflndlichen und aua der Bücherei des Beatna Rheiianus 
atammenden Exemplar augefertigt. Einiges in der Schrift stammt freilich 
nicht von Walzenmflller selbst, sondern von andern, ihm an Bedeutang 
Übrigens nicht gleichkorameuden Mitgliedern des genannten Gymnasium 
Vosagense, so das vorausgeschickte Distichon (S. 1) und daa Dekastichon 
(8. 2) von Jo. Basinus Sendacurius. der auch die Übertragung dea Reise- 
berichts ins Lateinische besorgte, vou Matthias Ringmann (Fhilesius) eine 
Widmung an Kaiser Maximilian I. (S. 3) sowie ein längeres Gedicht auf 
denselben (S. 40). 

Der Text besteht aua zwei Teilen: erst«ns einem geographiacheo 
Kompendium, der Coamographiae introductio im engem Sinn, twuiteaa 
aua der Beschreibung jeuer in ihrer Bedeutung von WalzenniUUer weit 
Qbersch&txten vier Kelsen des vernieintiichen Entdeckers des vierten Erd- 
teils — womit zunächst immei nur der SOdkontinent gemeint ist — . den 
.quatuor Americi Vespucü na vigationea'. 

Zum Schlusa gebe Ich die beiden wichtigen und so folgenreichen 

lasue. Unterdessen ist er mir doch noch einmal begegnet. Im Toteu- 
buch der MUnsterpfarrei ist nämlich am 13. Juni I6C5 eingetragen: 
Susanna Walzenmlillerin dr. Conrsdi Thomas geweste haidlfraw sepulta 
fnit duobus comitantibua. 




Anzeigen und Nachtithten 



159 



StelJen nach dem Fftkeitiiile wieiler, p. 25: . , . qoarta orbiB pars (quam 
qnia Americua in^enit. Amerigen. quaai Anierid terram, eiveAmeri- 
cain nnncnpare licet) . . . und p 30: ... i|UBrtft pars per Americum 
VtspQtinm . . . inveuta eal, quam non Tideo cur quis iure Tetet ab 
Americo inventore eagacjs iDgeuü viru Anierigen quaai Americi ter- 
ram sive AiuericHRi dtcendnni, l'diu <^t Europa et Asia a mulieribuft 
sua sortita slot nomina. 

Freiburs i. Br. Hermann Mayer. 

Kictasrd Andree. Votive und Weiliegaben den katholischen 
Volks in SUddeiitBchUnd. Brnunschweig, Vieweg. 191)4. 
XVIII u. 191 S., .54 Tafeln i". 12 M.. geb. 13.50 M. 
Mit geringem Aufwand an Zeil und Ueld lassen sich heute noch im 
eigenen Lande EntdeekungBreiaen niacben. Reisen in , dunkle Weltteile", 
in die Gebiete der Volkallberlicferungen. Wer solche Wege einmut ge- 
gangen, den wird stets nach neuen verlangen, denn ea ist unendlich reie- 
Toll, gerade das wirklich kennen und verstehen zu lernen, was uns in 
nftcheter Nahe umgibt und den mit den nötigen Forschersinn Begabten 
B<> wundersain anblickt. Uns hier im Schwarzwald fuhrt jeder kleine 
Ausflug vorüber an Zeugen uralter Entwicklungsgeschichte. Die Holi- 
hSuser der Bauern sind doch nur <lie Kndergebnisse einer endlosen Weiter- 
bildung der menschlichen Wübnungeu. Die Volkstracht birgt neben 
aeneren städtischen überkomrnnissen Reste der alten Bekleidung. An 
sonniger Halde schreitet unser Fall Ober Tiitenbretter und in WallfahrtS' 
und Feldkapellen linden wir in Menge die Weihgeschenhe — Arme, 
Beine, .\ngen, Obren, ganze Körper von Wachs und Holz, blecherne 
KinderljifFel. gemalte Abbildungen, IC rücken, Ketten, Kleidungsstücke, 
Getreideopfer — Zeugen des uralten Opferbruuchs. Wer kein .Sonntags- 
kind*, nicht mit Verstttndnis und Forsch ungsgeist begabt ist, der geht 
achtlos vonlber. oder spottet über das Unverstandene. Zum mindesten 
ist ein guter Führer niitig, gerade wie bei den Bergfahrten, der Wege 
EU weisen und zu bahnen versteht, der uns auf die rechte Stelle fuhrt, 
um die Aussicht in die sonnen begUnzte Ferne zu genießen. Ein solcher 
Fahrer ist Richard Audree immer gewesen, und wem es heschieden 
ist, noch im siebzigsten Lebensjahr seines KOhreramta so treulich und 
erColgreicL zu walten, wie er es mit dem geuannten Buche getan, dem mag 
man ülück wClnachen. Die Opfergaben im Altertum und in der Neuzeit 
waren bisher noch nicht 
legentJich behandelt wordi 
mit Erfuig beackert, ^^'enl 
so hat er doch mit Hilfe 
das Buch gewidmet ist. 



ihang bearbeitet, sondern nur ge- 
isufeni ist es Neuland, das Andree liier 
lieh den tiegenstand keineswegs erschüpfl, 
Gattin Frau Marie geb. Fysn, der auch 
ihr reiche Sammlung zusammengebracht, 
die nun immer als Grundlage dienen wird. Wie sehr der Brauch, W ei he- 
gesehenke als Wunsch-, Dank- und l^Ohnegaben an heiligen Statten : 



J 



160 



Anzeigen und Nachrichten 



m 



opfern, im grieuhiarlien und nimi seilen Altortum verbmtet war. iat lic- 
kannt, finden sivh doch heute noch diese Opfergsben in Menge. AWr 
unsere Vorfahren haben ileti Brauch nicht etwa von den Griechen and 
Rümem ererbt, sondern seihst van altera her nU eignen sasgeQbt. Es 
war mit dieaem Brauch wie mit so manchem, der tihemll in erstHiinlicb 
Ähnlicher Weise auftritt und doch nicht entlehnt ist. denn seine Grund- 
lagen sind allgemein- mensch lieh. Wenn auch aus Deutschland nur 
spät in chrisüicben Berichten der Opferbrauch erwähnt wird, ao war ei- 
doch unzweifelhaft uralt, daa zeigt seine Verquickuog mit andern alt- 
heidnischen Altertümern, mit Nachrichten von heiligen Quellen. Steinen. 
Bäumen u. dgl. Die christliche Kirche hat diesen Opferbrauch erst be- 
kämpft, dann geduldet und anfgeitomuien und ungewollt weiterverbreitet; 
und ao. halb widerwillig, schützt sie ihn heute noch. Die christlichen 
Bericht«! heginnen mit Thcodoret. Heaonders wertvoll ist, was Gregor 
TOD Tonrs Über das heidnische HeiliRtuni zu Ksln erzahlt. Die reichsten 
Mitteilungen Qbei heidnischen Brauch macht aber der Indiculus superstitio- 
num et paganiarum vom Jahre 743, und auch er kennt die hölzernen 
Opferfflße und -hünde, die Hnmer und LtiCTel, die Bilder, die durch die 
Felder getragen werden, die heiligen Quellen, Steine, Baume. Auch im 
Rechtshranch haben aich NachklSoge des alten Opferhraucha. dos Sühne- 
Opfers erhalten, ea war aicher einmal Üblich, die Buße nach dem Ge- 
wicht oder nach der Gestalt eine» Getntet^n darzubringen. 

In Andrees Buch kommt urser Schwariwaid etwas sebiecbt weg. 
Andree gibt nur gelegentlich Stichproben, Bei Erwähnung der Lffflfel- 
kspelle am SehwarEatal macht er aus NOggenschwilil ,NOggenscfawitze*. 
Über die LStfel, die ihm ala Opfer|j!Hben rätselhaft sind, findet sich einiges 
in dem Znaimer Schulprogramm 1903/04 von Prof. F. Widlak. das in 
höchst anerkennenswerter und hier noch auafflbrlicher lu besprechender 
Weise den Indiculus erklärt. S. 31, Es wäre Qberhanpt vieles nach- 
zutragen, teils an einzelnen Beobachtungen, teils an w i säen sc haftli eher 
Erklärung, unzählige Kapellen des Schwarzwalds habe ich besucht, wie 
denn der Altei-tunisfoi-scher an kirchlichen CiebSudcn ala den StStten 
der höchsten Erhebunj; dea Menschen, des ^'erkehrs mit der Gottheit, 
niemals achtlos vorüber geht. Überall fand ich den alten Opferhrauch; 
alier es ist mir bisher nicht gelungen, die OpferkrOten nachzuweisen, deren 
Terhreitungsgebiet der Schwarzwald unterbricht, .ledenfalia aber ist auch 
aus unaerm Gebiet viel zu berichten, wie schon in meinem Vortrag vom 
7. November 190,^ geschehen lat und auch in diesen Blättern noch ge- 
schehen wird. Die Forachung In Fluss gebracht zu haben ist Äudrees 
dauerndes Verdienst. Mßge darum das schdne, relchhitltige und vom 
Verleger prächtig ausgestattete Buch viele Lescv finden und seine An- 
regung in weite Kreise hinaustragen! Audi der Freund des Humors 
findet dabei seine Rechnung. 

Freiburg im Breiagau. Fridrich Pfaff. 




MelcMor von Ow, 
Landvogt zu Hoohpurg. 1517- 



1569. 



Ein biographischer Vorsat-h. 
Von Wernher t'reiherm Ton Ow-WacheDdorf, 

Melchior von Ow, der spätere Landvogt und oberste Land- 
richter der Markgrat'schaft Hochberg, wurde 1JJ17' als dritter 
Sohn des Hans Erhard von Ow zu Felldorf und Ahldoi-f und 
der Agnes Schätz von Eutingertal geboren. Seine Jugend 
verbrachte er iu Tübingen , wo sein Vater als württeni- 
bergiacher Ohervogt wohnte. Am 21. Januar 1525 bezog er 
die Lateinschule der dortigen Universität und noch 1533 wird 
er unter den in der Burse wohnenden Studenten aufgeführt*. 
Über den Gang seiner wissenschaftlichen Auebildung ist nichts 
bekannt; hingegen wird erwähnt, er sei „an des Leibes Kräften 
ohnge wohnlich" *. Dies hat ihn wol in dem Plane bestärkt, 
draußen in der Fremde durch Kriegsdienste Ansehen und Reich- 
tum zu gewinnen. Was sollte er auch in der Heimat? Zahl- 

■ Ein BucliBbaummedBillon (vgl, S. 165) im Schloss zu Wachcadorf, 
Oberamt Horb, trägt Meluliiora Bildnis, die JahreBzahl 1540 sowie die 
Inschrift: ,w&r alt 3'i Jabr.* Er geborte dem wUrttembergiBi^heu, beute 
noch blühenden GeHahlechtc von Ow an. Herbst zahlte üin fälschlich dem 
Zubringer Hinisterialeagesehl echte zu, das sich tincb der Burg Au im 
Hexental schrieb. Dieses war damals längst susgeatorben. — Verfasser 
bftt IU diesem Aufsati die Ausfnbrungen Theodor Schöna in der voll- 
endeten, aber noch angedruckten Familiengeschichte der Herren von Ow 
benUtxt. ätantsrat Freiherr Hans von Ow in Stuttgart stellte ihm seine 
reichhaltige R^gestensaniinlnng zur Verfügung. 

* Gabelkovers Eallektoneen. Matrikeln der Universitaet TobiDgen 
von Dr. H. Hermebnk. In diesem Werke werden er und sein Bruder 
aufgeführt als Erhardus und Hellcbior Daw; sie sind daher im Regiter 
Dicht zu finden. 

• Freiherrl. von OwHches Nohenarchiv Bncbhotz; Bricrwechsel. 
Alomamiia X. F. B, B. jj 



J 



16S 



1 Ow-Wnthendorf 



reich waren seine Geschwister und sein ererbtes Gut viel zu 
klein, um ihm eine einflussreiche Stellung zu gewäliren. Er 
und seine vier Brüder besasaen zwar gemeinschaftlich die 
Veste Fi-undegg, Burgatall und Ort Ahldoi-f, einen Hof zu 
Fridingen und seit 1545 das Schloss Unter-Dettingen. Aber 
neben seinem ältesten Bruder Hans Erhard und seinen mSch- 
tigen Vettern, die in den jetzigen Oberämtern Horb, Botten- 
burg und Sulz sclialteten, wäre er zu einer recht kleinen Rolle 
verurteilt gewesen. Georg von Ow war Statthalter in Würt- 
temberg; Hans von Ow lelit« in Uirrlingen mit AniaUe von 
Landau, aus einer Nebenlinie des Hauses Württemberg, und 
dessen Bruder Georg mit der schönen Dorothe von Ratzen- 
ried auf der Wciteuburg. Hans von Ow zu Wachendorf hatte 
Rosine, die Markgrätin von Baden, heimgeführt; Neben solchen 
Verwandten hätte ein armer Melchior zu Frundegg nicht 
aufkommen können. 

Darum benutzte er die erste Gelegenheit, sich außerhalb 
der engen heimatlichen Grenzen hervorzutun. Im Jahre 1535 
verlieb er, kaum 18 Jahre alt, die Hochschule und schloss 
sich dem Ritterbeere Kaiser Karls' V, an. Mit diesem nahm 
er teü am denkwürdigen Zug gegen Tunis, bei dem der See- 
räuber Chaireddin Barbarossa vertrieben, Tunis erobert und 
die Christen Sklaven befreit wurden, Ziu- Erinnerung au den 
herrlichen Sieg stiftete E^rl V. einen Orden imd ernannte 
auch Melchior trotz seiner großen Jugend zum „Ritter des 
bui'gundischen ICreuzes von Tunis,"* Hierdurch war sein Ruf 



* Auf dem oben angefahrten BucbsbaiinimedRilloii ist dieser Orden 

mit der Umschrift „Barbtiria* auf der rechten Seite angebracht. P. Phi- 
lipps Bonünni (i. J. .Terzeichnis der geiat- und weltlichen Ritterorden* 
1720, bringt S. 38 ein Bild des Eqoes cnicia Burguudicae Buwie der 
Ordens iusignieu. Dessen Angaben stimuieti mit dem Medaillun in Einzel- 
heiten nicht überein. Ich vermute, Aasa Bunannj nicht ganx zuverlässig ist. 
Da dieses Werk sehr selten ist. mOt'hte ich seine interessanten Notizen 
über die Geschichte des Ordens hier nnfUhren: 

.Ein Ritter dea Burgundiscbcn Creuzea van Tnnis. Als Carl der V. 
Römischer Kaiser gl nr würdigsten Andenhena. den bekannten Ariadenus 
Barbaroesa aus Tunis gejaget und den Muleassen wiederum in sein Beicb 
eingeaetzet; hat er, wegen des herrlichen A. 1535 über die Barbam er- 



^^H Melchior von Ow, Landvogt zu Hochpurg. 151T-Ur>0 163 j 

fc"! *=s. tüchtiger Kriegsmann begründet. Nachdem er )i;Iücklich J 
,x» die Heimat zurückgekehrt war, schloss er sich am 4. No- 
ir^zTiber 1538 dem Christuph von Landenberg und dess» j 
P ^^Idegenossen gegen Rottweil an^ Am 11. November 1540 J 
lc»^Sannen die Streitigkeiten, die lange währten und bei denea I 
cLsft-^ Kriegsglück oft sich wendete. In diesen Jahren war | 
'tX'^lcbior von seiner Tätigkeit anscheinend nicht befriedigt 1 
un«} schaute sich nach einem andern Wirkungskr« 
I Äjn 24. Februar 1544 richteten Erhard, Wolf, Hans und Jörg J 
\*>Ti Ow, alle Vettern, und Hans von Ehingen an den Hoch-J 
laeister Wolfgang ein Bittschreiben, ihren Bruder und Vett» f 
Melcliior von Ow in den Deutschorden aufzunehmen". Ubei 
den Erfolg dieser Bewerbung ist nichts bekannt'. Ein Grund 1 
lur Nichtaufnahme Melchiors lag kaum vor, — auch sein, l 
omder Hang Dietiich ist später in den Orden eingetreten; 1 
walirscheinlich hat er seine Bewerbung zurückgezogen , da .j 

■'alttnen Sieges seine Tomehinste Offii-iers mit dem Burgundischen 
Dr«tu beehret. Die Kette, deren Abbildung unter denen Orden s-Zeicbcn 
"om. 26 fOrkouimet, bestebet ans vieieckigten Gliedern vun goldenem Bleub. 
' ■Siumen und Edolgesteinen; und daran bilnget ein Burgundisches Creutz 
■■«list einem Feuerzeug und FeuerstGin. davon die Funken fubren; mit dem 
Beiwott: Barbaria. weil Tunis die Haubt- Stadt des Königreicbs und 
™r sogenannten Burbarei ist Das Burgundiscbe CreuK bestehet aus zween 
^'«nzweiß Über einander gelegten Bstigten Balken, n'ormit sonder Zweifel 
'"f (Ifis Creua des Apostel Andrens. hIs des Patriines von Burgundien 
^■eben worden: und zwar sind dieseibe knockigt und nicht gezimmert, 
iR> dessent wiüen, wie einige dstür halten weil die Herzoge von Burgund, 
**■ dunmebru lugleirh Heraoge von Brabant Nai-bfolgere seyen vieler 
^"»«en Helden, Carl des Grosspu, Pipin, und anderer deren Oescblecht 
*httnJn in. gutem Flor gestanden. Sonst ist das Burgnndische Andreas- 
^t'bxtz grüa aniuliret. Den Feuerzeug belangend soll Philipp der Gute 
'ß Sinnbild zu erat, beliebet haben, von welcher Zeit an es der Burgundi- 
"^"«n Familie gar gemein war, als ein Bild, das Furcht, Schrecken und 
^'^erlage drohet; in welcher Absicht auch der Stahl oder dos Feuer-Eisen 
^**»ieiigefnget worden, wodurch der Feuerstein nicht verweicbet wird, son- 
'^ru wenn man daran schlaget, so springen die Funken da' 
' Rnckgnber. Rottweil I 2, ISIS. 
' Freiherrl. von Owsches Hanptarchiy Wachend orf. 
' Archivrat Dr. Giefel-Lndwigsburg hnlte die Liebe nawPrdigkeHj 
^*» Deutachordenauri'biv daraufliin nadi zusehen. 



Skett,^! 




164 ■»'öl' Ow-Wiicliendorf 

unterdeasen neuer Kiiegsruhin winkte. 1546 entbranDte der 
Schmalkaldißche Krieg und Wrieberg ernannte den 29jährigcn 
Melchior zum Heerführer dea Fuüvolks ^ Luck erwähnt seine 
Anwesenheit im Lager Kaiser Karla V. Leider sind fast keine 
Nachrichten aus dieser Zeit über ihn erhalten. 

Kurz nach dem Endo des Kriegs trat Melchior zum 
ersten Male in Beziehungen zu Baden, das seine neue Heimat 
werden sotlte. Am 12. März 1548 belehnte die badische Vor- 
mundschaft ihn und seine Brüder Erhard imd Christoph mit 
den alten Owischen Lehengiltern Sinzheim, Steinbach, Kar- 
tung und Neuweier". Hierdurch kam er in eine Verbindung 
mit dem markgräflichen Hofe, die durch seine verwandt- 
schaftlichen Beziehungen erleichtert wurde. Denn seine Base 
Hosina war eine Schwester der Markgrafen Benihard und 
Ernst und auch mit Ursula von Rosenfels, des letzteren Ge- 
mahlin, war er verwandt'". 1550 und 1552 wird seine vor- 
übergehende Anwesenheit in Pforzheim erwähnt, doch ist es 
unbekannt, ob er hierbei besondere Zwecke verfolgt hat. 

Der Regierun^an tritt Kai-ls II. (1553 — 1577) brachte dic- 
große Veränderung in Melchiors Leben. Dieser Fürst, mit 
dem er anscheinend befreundet war, emannto ihn 1553 als 
Nachfolger des Wilhelm Böcklin von Böcklinsaw zum Land- 
vogt und obei-sten Landrichter seiner Markgrafschaft Haeli- 
berg". Dieses Amt hat er 16 Jahre lang bis zu seinem 
Lebensende verwaltet. Kriegerisch ist er nie niehr hervor- 
getreten, denn das Land durfte sich ruhiger Friedensjahre 
erfreuen; im Inneren aber hat er eine vielseitige und erfolg- 
reiche Tätigkeit entfaltet. 

Unter ihm wm-de eine grosse .Erneuerung' in der Mark- 
grafschaft durcligeführt. Die Funktionen und Einkommen 
der Beamten, Kirchen- und Schulangelegenheiten, hohe und 

' Lucka M'uppenbuch. 

' Oenerftl-Landcsarcliiv Enrlaruhe. 

'" Auf dem Grabstein in Pfurzbeira befindet sich unter ihren Ahnen- 
wappen aach das Owsche. 

" Der genaue Zeitpunkt ist unbekannt. Im November 1553 er- 
flcbeint er xnm erstenmal urkundlich als Landvogt. 



, Undvogl in Hodipnrg. !5l7-lö(i9 



165 



niedere Jurisdiktion, Abgaben und Zehnten, Rechte. Gerechtig- 
keiteQ und Servituten, Banngrenzen, Brücken- und Wegebau: 
alles ließ er prüfen und den neuen Zeiten entsprechend ein- 
richten. Alle Ortschaften bereiste er, ließ die .öeitzius, Korn- 
gOlten und anderes bereinigen, auch jedem Haus oder Hof 




lern Alizslcheu eines Kitlers vom LnigaiKlisL'hon Ktodz von Tun 



einen besonderen Namen geben und einschreiben". Vor allem 
suchte er zu ermitteln, .was jeder an andere Ort verzinse", 
um die in jener Zeit so häufigen Kompetenzstreitigkeiten mit 
dem umliegenden Adel und der Geistlichkeit zu vermeiden'*, 
1667 — 1568 ließ er, um eine Grundlage für die Zukunft zu 



' General-Landesarchiv und Stailtarciiiv Freibiirg. 



166 VOD Üw-\Vacliendorf 

Bchaffen, ein dreibändiges Güterbuch anfertigen '^ Durch diese 
tatkräftige und zielbewusste Verwaltung gelang es ilun, die 
Einkünfte des Markgrafen bedeutend zu vemieliren. Der 
Wolstand des Landes hob eich. Die auf dem Landtag zu 
Emmendingen am 16. August 1554 bewilligten außerordent- 
lichen Abgaben konnten leicht aufgebracht werden. Hier- 
durch wurde es dem Markgrafen erleichtert, in jenen Jahren 
seine Feste Hachberg vollständig umzubauen und sie den 
neuen Waffen gegenüber widerstandsfähig zu machen. 

Die wichtigste Veränderung, die unter ihm in der Mark- 
grafschaft vorging, lag auf kirchenpoiitisehem Gebiet, Ebenso 
wie sein Vetter, der Statthalter Georg von Ow, na Auftrag 
des Herzogs Ulrich von Württemberg dort den evangelischen 
Glauben in Geltung gebracht hatte, so führte auch Melchior 
1556 — 1557 die Keformation in der Markgrafschaft durch'*. 
All die Schwierigkeiten, die Kaiser Ferdinand IH, ihm zu 
bereiten suchte, beirrten ihn nicht, Auf seine Empfehlung 
hin wurde Dr. Kuprecht, ein Wiirttemberger, den er in Tü- 
bingen kennen gelernt hatte, der erste lutherisclie Super- 
intendent für Hachberg '^ Ho eifrig er auch den Auftrag des 
Markgrafen ausführte: er selbst blieb merkwürdigerweise mit 
seinen eigenen Untertanen dem alten Glauben treu. Am 
2, Februar 1549 bekannte er in Rottenburg, er wolle „der 
kaiserlichen Erklärung, wie es bis zur Erörterung eines all- 
gemeinen Konzils gehalten werden solle, folgen, auch dieß 
bei seinen Unterthanen, armen Leuten, zu gesehen verschaffen" '*. 
1556 musste der Markgraf ihm verbriefen, „ihn bei seiner 
Eeligion, wie die dieser Zeit im Weyher in Wesen und Übung, 
bleiben zu lassen und wieder seinen guten Willen davon nit 
zu bringen* •'. Am Katholizismus hat er immer festgehalten, 

" DomfininlarchiT Emmendingeu. 

" General'Lanilesarchiv a. m. 0. liea. P. Wuuibalii ex Zusamzell Rp- 
pert. Waldkirch. !7G0. 

" Buclihoti: Briefwechsel, 

'• Oiefel, ,Da8 Interim und die Reichwitter.' Litte rar. Beilage des 
Staatsanieigere f. Württh. 1895. S, 184. Filialaicliiv Ludwigsburg, 

" General-LandesBrahiv. 




Melchior von Ow, Laiidvogt zu Hoelipurg. 1517— iöü9 167 

bis ihm das Kloster Tennenbach in seiueu Mauern eine letzte 
Ruhoatätte bereitet hat". 

Als Melcliior Landvogt geworden war, beschloss er, sich 
dauernd int Breisgau niederzulassen und für eieli und seine 
Nachkommen ein Besitztum zu gründen. Er fand hierbei 
Unterstützung beim Markgrafen Karl, der die tüchtige Ki-aft 
seinem Lande erhatten wollte. Dieser verkaufte ihm am 
26. Mai 1556 sein Schlosa Weiher bei Emmendingen samt 
Mühle, Jägerhaus und allem Zugehör, sowie seinen Anspruch 
an das Dorf Buchholz imd das Dorf Zähringen um 6000 fl. ". 
In den folgenden Jahren machte Melchior umfangreiche Uegen- 
scbSftliche Erwerbungen in Emmendingen, KOnigschaflliaueen, 
Obernimburg. Colmarsreutho und Sexau*". Am 24. Januar 1558 
folgte ein weiterer Kauf, der durch seine Basen Anna von 
Stain zu Bühl, geborene vom Weiher, vermittelt wurde". 
Nach dem Tode des Wendelin, des letzten vom Mannsatamme 
der Snewelin von Weiher, forderte er auf Grund des oben- 
genannten markgräflichen Änspruchsrechta von dessen Witwe 
Magdalena, geb. von Itamatein, das Dorf Buchholz mit allen 
Rechten und Gerechtigkeiten um 24Ü0 ti, zurück". 

Zu dieser letzten Erwerbung mag Melchior noch durch 
besondere Gründe veranlasst worden sein. Seine Gemahlin 
Ottilia'*, Tochter des Christoph von Ehingen und der Afra 

" Buchboli : ProzeBsakten. 

'• Generftl-Landesarcliiv. 

** Oeaerftl-Landesorohiv. Archiv der SUdt Enunend Ingen. Bachholz. 

" Sie iat die Erbauerin des ecb^nen Schlosses in UUhl, Oberamt 
Bottanbarg. In der dortigen Kirche liegt ihr Steinbild mit Wappen und 
der Inschrift: „Nach Christi Gehurt 1577 den 16. im Brachraonat eut- 
acblief im Herrn sanft und fein die edle Frau Anna von Stain geborn 
V. Weiher die letzt gennnt Stamm und Nam. Ruhet in Gottea Hand." 

" General Landesarcliiv. 

" Über deren Leben ist fast nichtB bekannt. Geburts- und Sterbe- 
dateu fehlen. Zuletzt wird sie 1561 urkundlich erwShnt. Im Schloas zu 
Wachendorf befindet sich eine schöne ojaerue Platte von einem Ofen, 
der ehemals im Hahnenhof in Buchholz stand. Dariiuf die Wappen Ow, 
Ehingen und Buchholz (ScbUd geteilt; links das Owscbe Wappen, rechts 
Eine Pflugschar). Joschrift : M. v. 0. L. z. Hoch | 0. v. E. , ßuchholz 
15Ü6. Melchiors Gemahlin war also damals noch am Leben. 



stumpf von Schweinsberg, sowie die Frau seines Brudera 
Erhard'* waren beide verwandt mit jenem Sebastian L von 
Ehingen, der 1544 als Erbe der Rechberg die reiche Herr- 
schaft Scliwarzenberg mit Elzach, Soggental und Glotterbad 
an sich gebracht hatte. Dieser starb 1559 durch die Hand 
Beines eigenen Sohns und Sebastian II. parricida, der ihm 
als Waldkircher Freivogt nachgefolgt war, ließ sich die 
Bchlimmstcn Greuel und Frevel gegen das Stift zu Schulden 
kommen und brachte die ganze Gegend in Unruhe und Auf- 
regung. Dessen Schwiegersöhne Hana Raphael von Reischach, 
Klaus Wemher von Kippenheim und Hans Konrad von Simd- 
heim wollten oder konnten nicht dagegen einschreiten ; zifflem 
erschienen sie dem Stift nicht als begehrenswerte Nachfolger 
in der Preivogtei. Dieses richtete vielmehr seinen Blick auf 
den neuen Buchholzer Nachbarn, der, als Verwandter der 
Ehingen, mit einem Schein von Recht das Erbe des Frev- 
lers hätte antreten können. 

,1561 Octava Corporis Christi erschien unser günstiger 
Junkherr Melchior von Ow und sein Gemehl Ottilia von 
Ehingen zu Waldldrch und hat Melchior in der l'robstei, sein 
Ehegemehl aber in des SchaJfnei's Haus zu morgen gegessen. 
Er bat sich um die Drittajl vertragen und angehalten ihm 
künftige Dienstbarkeit zu erlassen, da er entlichs vorhabe 
einen festen Sitz gen Buoehholz zu bawe'n um gen seinen 
Vetter den Herrn Sebastianen die Stüfft besser zu schützen. 
welches ihm dann ohntunlich sein werde." Sodann: „Es sind 
die Ausständigen Drittayl verblieben, dieweil wir besorgen 
müssen, wenn wir ihn hart anlegen würden, wir meistens in 
anderweg, etwan in der Markgrafschaft, da er der Landvogt 
und die Stüfft ihr bestes Einkommen hat, ergelten. Zumal 
wann er der Stüfft Freyvogt werde.'" 

Aus allen diesen Plänen wurde indessen nichts, Seba- 
stian n. von Ehingen starb 1567. Sein Lehen, durch Vater- 
mord verwirkt, wurde von Österreich eingezogen. In die 

" Magdalena, Tochter des Veit v 
Ehingen. 

" Buchhoh; Prozessakten. 



I Wenmu und der Gertrud ^ 



k 




Melchior von Ow, Landvogt zu HochpurB. 1517 — lößSI 



169 



AUodialgUter teilten sich die Schwiegersühne, Nicht Melchior, 
sondern Georg Gaudenz Snewelin von Blumenegg wurde 
Stüfftischer Freyvogt. Er scheint diesen Plan in den späteren 
Jahren mehr und mehr aufgegeben zu Iiaben. Mit dem Bau 
eines Buchholzer Schlosses hat er wahrscheinlich nie begonnen. 
Er ersehnte einen Leibeserben und machte wol deshalb 1561 
mit Ottilia von Ehingen eine groüe Stiftung' ins Spital nach 
Waldkirch'*. Es half aber nichts, seine Ehe blieb kinderlos. 
Dies hat seinen Unternehmungsgeist gelähmt; er sah wol im 
Geiste voraus, wie sein Werk nach seinem Tode zerfallen 
sollte. Zudem zeigten sich die Vorboten des Alters, Schon 
ein Jahr nach dem obenerwähnten Waldkircher Besuch wird 
erwähnt, er sei „in Leibesschwachheit fallen" ''. 1563 lesen 
wir: „Des Bads Liebonzel! hat sich bedient und nach glück- 
lich vollbrachter Badkur zum Gedächtnis sein Wappen hinter- 
lassen, Melchior v. Ow, Landvogt zu Hachburg."** Der 
unternehmende Mann war alt und müde gewerden. 

Über seinen Lebensabend ist wenig bekannt. Neue Er- 
werbungen hat er nicht mehr gemacht, sondern sich darauf 
beschränkt, seinen Besitz im Innern zu befestigen und auszu- 
gestalten. Die Ortschaften wurden erneuert, den Vögten eine 
neue Dienstordnung gegeben, die Junsdiktion strenger aus- 
geübt und das lichtscheue Gesindel aus den Wäldern ver- 
trieben. Seiner Untertanen nahm er sich warm an. Wenn 
einer daheim oder in der Fremde ein Unrecht erlitten hatte, 
trat er voll und ganz für ihn ein. 1560, als „ein gross 
Wassergießen die Wiesen und Acker in Buchholz so ver- 
schwemmet, daß man gerechnet, es wachs in 4 Jahr nichts 
mehr drauf", hat er die Steuer auf Martini erlassen. Er war 
allgemein beliebt. Noch 10 Jahre später findet sich in einem 
Zeugenverhör die Aussage eines Buchholzers: „daß wir seit 
unvordenklicher Zeit und seit Menschengedenken keinen so 



•* Archiv Buehholz: Kopie, Original SpitsI Waidkirch' 
" Archiv Bach holz. 

" Beschreibung des Bads Liehenzell durch Hyeri 
Stuttgart 1668, S. 58 u. 71. 



170 



D Ow-Wachendorf 



lieplichen, gnädigen und günstigen Junklierrn gehabt, als den 
herru Landvogf". 

Am 5. November 1569 starb Melchior waliracheinlich auf 
seinem Schlosse Weilier nach halbjähriger Krankheit, 52 Jahre 
alt. Seine Ruhestätte fand er im nahen KJoBt«r Tennenbach, 
wo sein Grabmal länget veischwunden ist'". Hingegen be- 
findet sich zu seinem tiedächtais in der Pfai-rkirche zn Bierlingen. 
Oberarat Horb, noch heute eine herrliche Bronzeplatto*'. 
Darauf ein Kruzifix, vor dem ein Ritter mit dem Owschen und 
dessen Gemahlin mit dem Ebingenschen Wappenschild knieen. 
Inschrift: Anno domini 1569 den 5. Novembris starb der edel 
und vest Melchior von Ow, gewesener Landvogt der Mark- 
grafechaft Hoehberg seines Alters in dem h2. Jahi', dem Gott 
gnädig und barmherzig sei. Amen." 

Melchiors Universalerbe wurde sein Bruder Hans Christoph. 
Dieser vorlegte jetzt seinen Wolmsitz vom Schlosse Eutinger- 
tal nach Weiher. Auch er war dem katholischen Glauben treu 
geblieben. Am 20, Januar 1571 verpflichtete er das Kloster 
Teanenbach, in seiner Schioaskapelle Messe lesen zu lassen *^ 
Christoph war ein ziemlich unfähiger und unbedeutender Mann, 
der der schwierigen Situation, die er vorfand, in keiner Weise 
gewachsen war. Dabei war er nialilos jähzornig und geriet 
durch eigene Schuld mit all seinen Nachbai'u in Sti'eit. In den 
ersten Jahren vermehrte er sein Besitztum duich zahlreiche 
Güterkäufe in Wasser, Emmendingen, Windenreute und Wald- 
kirch ^\ doch schied er bald darauf aus der Breisgauischen 



fc 



" Sämtlich Archiv Buclihol»;- 

•• Notiz im Archiv Buchholc. 

" Er liegt nicht dort begraben. Ea bcflndeo sich in dieser Kirclie 
vier gnnK gleichartige Platten fQr Melchior und Christoph und die beiden 
ersten Frauen des letzteren. Deaaen dritte Gemahlin hat diese Platten 
wahrscheinlich alle zur selben Zeit nach 1584 errichten lassen. 

" Maurer. Daa Weiherschluaa hei Enimendiugen. Schauinslaiid 
1879. Wo Original? Über dos Weiheraehlosa vgl. feruer Maurer, Pro- 
gramm der Hüb. BQrgerechule Emmendingen 1879, desaelben Emmen- 
dingen 1890 und F. Pfaff, Die Schnccburgen im Breisgau und die l^uo- 
welin von Freiburg 1904, S. Ö. 

Oeneral-Landesarcbiy; .Verzeichnis der briefl. Dokumente, welche 



Melchior von Ow, Landvogt zu Hochpurg., 1517 — 1569 171 

Ritterschaft aus. Sein Besitz lag eingekeilt zwischen der 
Markgrafschaft Hachberg und den Besitzungen des Erzherzogs 
Ferdinand von Osterreich und konnte sich gegen die mäch- 
tigen Nachbarn nicht behaupten. Da Christoph trotz seiner 
drei Frauen kinderlos war^*, sahen beide Fürsten unruhigen 
Blicks auf das Schicksal seiner Dörfer und suchten schon 
bei seinen Lebzeiten die Hand darauf zu legen. Das Schloss 
Weiher lag kaum 74 Stunde von der Hochburg, also ganz 
im Machtbereiche des Markgrafen. Mehr gezwungen als frei- 
willig verkaufte Christoph diesem das Schloss mit allem Zu- 
behör am 3. September 1575 um 12000 fl.^^ Buchholz blieb 
ihm etwas länger erhalten, doch nur deshalb, weil beide 
Fürsten damals in Geldverlegenheit waren. Christoph ver- 
langte als Kaufpreis 11000 fl., doch keiner war das zu zahlen 
bereit. Erzherzog Ferdinand wusste sich zu helfen. Er ver- 
anlasste Adrianus Manz, den Waldkircher Propst, gegen Chri- 
stoph wegen einer Menge Buchholzer Kompetenzfragen einen 
großen Prozess am Hofgericht zu Ensisheim anzustrengen^®. 
Jahrelang wurde der kranke und gebrechliche Mann mit 
juristischen Plackereien verfolgt, bis er endlich, des Zankens 
müde, am 8. September 1577 das Dorf um 6600 fl. an den 
Erzherzog verkaufte ^^. So verschwinden die Herren von Ow 
aus den Reihen der breisgauischen Ritterschaft bis zum Jahre 
1884, wo die Grundherrschaft Buchholz nach dem Aussterben 
der Gleichauf von Gleichenstein wiederum an diese Familie kam. 



bei käufl. Übergebung des Schlosses Weiher 1575 von Christoph v. Ow 
überliefert worden sind.* 21/456. 

^ Er war vermählt mit Barbara v. Ilohenstoflfeln, Magdalena von 
Neuhausen sowie Berta von Neuhausen. 

*' General- Landesarchiv. 

^ Im General-Landesarchiv sowie in Buchholz befinden sich hierüber 
«Stöße von Akten. 

'^ Archiv Buchholz. 




i 



Ortsgeschiclitliclie Mitteilungen 

aus der Umgebung von Karlsruhe aus der 

ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. 

Von Benedikt Schwarz. 

Vor uns liegen die Kirchen- und Schul Visitationsprotokolle 
und Berichte für die „Diözese" Karlsruhe aus der Zeit von 
1736 an (Großh. Genera ULac des archiv. Amt Karlsruhe. Kirchen- 
und Schul Sache). Dieselben enthalten neben anderm reichen 
Inhalt eine Fülle ortsgeschichtlicher Stoffe von solcher Wichtig- 
keit, dass wir deren Mitteilung auch an dieser Stelle tut wol 
angebracht erachten. 

Die Diözese Karlsruhe umf&sste in jener Zeit die Ämter 
Mühlburg, Graben, teilweise das Oberamt Durlach und die neu- 
gegründete b ad i sehe Residenz, welche zeitweise für eich als 
Amt galt. Zum Amt Mühlburg gehörten die Orte MUhlburg, 
Knielingen, Welsch- und Teut.schneureut, Eggenstein, Schrück 
(seit 1833 Leopoldshafen), Linkenheim, Hochstetten. Das Amt 
Graben bestand aus den Orten Graben, Liedolsheim, Hußheim, 
Spöck, Staffort und Fried richstal. In das Oberamt Durlach 
zahlten die Orte Durlach, Aue, Wolfartsweier, Rüppurr, 
Grötzingen, Bergbausen, SölUngen, Rintheim, Hagsfetd, Blanken* 
loch, Büchig, Hohen wettersbach (zur Hälfte, die andere Hälfte 
gehörte der Familie Schilbng von Canstattf, Gottesau. 

Über die meisten der genannten Orte erstrecken sich die 
Visitationsprotokolle; die katholischen Orte des jetzigen Amts 
Karlsruhe (Beiertheim, Bnlach, GrUnwinkel und Doslanden) 
zählten damals in das Amt Ettlingen, wohin sie heute noch 
teilweise in kirchlicher Beziehung gehören'. 

Wir werden die Mitteilungen lose ohne innern Zusammen- 
hang, so wie wir sie den Protokollen entnehmen, hier ver- 

' In die Earlsrolier BiGeeae gehörte auch die Herracliuft Rhodt 
mit Ellenried auf der linken BheinBeite. 




Ortsgescbichtliclio Mitteilungen it 



■rUmgebung von Karlsruhe 173 



öffentlichen. Sie sollen Anregung zum Studium der Orts- 
geschichte geben, und es wird daher jeder Leser das, was ihn 
interessiert, zwischen den Zeilen lesen. 

Einen großen Teil der Protokolle, füllen die Klagen und 
Beschwerden der bei der Visitation vernomroenen Personen, des 
Pfarrers, des Lehrers, des Scimitheißen, des Orts vorgesetzten, 
der Hebamme u, u. aus. In Riippurr beschwert sich 1737 
Pfarrer Huber darüber, dass der Gottesacker nicht eingezäunt 
sei, weshalb das Vieh, besonders die Schweine, die GrSber um- 
wühlten; die von Graben und Rußheim, Weber und Hoyer 
klagen, dass an den Feiertagen zu viel Tanzerlaubnis gegeben 
würde, „wobei oft große nächtliche Üppigkeiten vorgingen, und 
die ganze Nacht geschwärmt würde". In Liedolsheim wünscht 
Pfarrer Fugger, dass einmal die abgebrannte Kirche auferbaut 
wUrde, und der von Spöck, Roller, bringt die alte Klage vor, 
dass die Gemeinde dem Lehrer das neuerbaute Schulhaus nicht 
einräumen wolle. Der Pfarrer von Eggenstein ist mit seinem 
Lehrer nicht zufrieden; „er verwalte sein Amt nicht, wie es 
sich gebührte, komme nicht zur rechten Zeit zur Schule und 
müsse fast alle Morgen aus dem .Scliinfe geweckt werden". 
Sonst sind die Pfarrer alle mit dem Lebenswandel der Lehrer 
und ihrer Schularbeit sehr zufrieden, wie auch die Schultheißen 
im allgemeinen nicht über die Pfarrer zu klagen haben. Eine 
Hebamme, die Eggensteiner, beschwert sich, dass ihr die ordent- 
liche Gebühr für ihre Arbeit nicht gereicht werde. 

Den 1738er Protokollen ist folgendes zu entnehmen: Sämt- 
liche Pfarrer und Lehrer beschweren sich über den schlechten 
Schulbesuch, eine Klage, die in allen Protokollen wiederkehrt. 
In Knielingen beschwert sich Pfarrer Deubler, dass ein dortiger 
Bürger, namens Abraham Stuber, seinen Sohn nach Welschneu- 
reut schicke, die französische Sprache zu erlernen, wobei der- 
selbe die Knielinger Schule versäume. Der Lehrer klagt, dass 
der Gottesacker, welcher von den Franzosen ruiniert wurde, 
noch nicht eingezännt sei, die Gräber würden von dem Vieh 
übel zugerichtet. Der Schultheiß verspricht, eine Mauer auf- 
führen zu lassen, In wirtschaftlicher Beziehung musste es mit 
dieser Gemeinde um diese Zeit schlecht stehen; es wird berichtet, 
dass die ausstehenden Kapitalien nicht nur nicht abbezahlt, son- 
dern die Zinsen sieb so angehäuft hätten, dass sie die Kapitalien 
Überstiegen. 




174 






Dem Pfarrer Vetterlin in Eggenstein will es nicht ge- 
fallen, dosa die Gemeinde niich gehaltenem Gottesdienst, wenn 
was auszumachen sei, ins Wirtshaus laufe; auch will er dem 
Lehrer nicht erlauben, die Leichenpredigt zu halten, weil er 
meinte, derselbe trüge in derselben absurde Dinge vor. Die 
jüngere der beiden Hebammen wurde garrula et in vestitu sordida 
(geschwätzig und in den Kleidern unreinlich) befunden und 
deshalb bestraft. 

Die weitlicUen Orts vorgesetzten von Graben sind mit 
ihrem Pfarrer nicht zufrieden, er sei ihnen zu „schläfrig und 
halte mit dem Lehrer gute Freundschaft, die nilchtliche Fre- 
quentierung des Scliulhauses komme der Gemeinde sehr ver- 
dächtig vor". 

In Söllingen klagt Pfarrer Waag wegen des nächtlichen 
Spielens in den Wirtshäusern. 

Die 1739 er Visitation bietet nichts Bemerkenswertes. 

Bei der 1740er Visitation hat man in Knielingen darüber 
Beschwerde zu fuhren, döBs der Pfarrer „oft in die StSdte und 
anderswo reisete' und dass die Schule sehr schlecht besucht 
werde. 

In Linkenheim wünscht man, dass die Vesper zeitlicher 
anginge wegen des zu großen Mangels an Licht in der Kirche. 

Die Gemeinde Graben „wünscht sich keinen bessern 
Pfarrer, weil er siuh in allen Stücken so geändert, dass keine 
Klage mehr über ihn zu führen sei". 

In Berghausen wird besonders getadelt, dass die Jugend 
während des Gottesdienstes die Ochsen auf die Weide treibe. 

Das Protokoll der 1742er Visitation enthalt einige ge- 



schichtliche Aufzeichnungen, 
eingehen werden. 

In Mlihlhurg finden \ 
Johann Daniel Schlotterbeck 
Vater fürstlicher Hofrat war 
GjTnnasium (Durlnch!), 



näher auf dieselbe 



■ir den soeben ernannten Pfarrer 
geb. 1721 in Karlsruhe, wo sein 

; er studierte zuerst daselbst auf 
bezog 1736 die Universität Tü- 
bingen und machte 1740 sein Examen. Seine Hauptarbeit ist. 
.wegen denen Papisten und Calvinisten zu vigilieren". Das 
Pfarrhaus wurde um das Jahr 1720 erbaut aus Kollektengeldern ; 
vorher hatte Mühlburg keinen eigenen Pfarrer, sondern wurde 
von Knielingen aus raitversehen. Der Gottesdienst wurde vorher 
meistenteils in einem Wirtshause abgehalten. Von 1720 an 





Ortsgeaehiclitlirbe Mitteilungen aus der Umgebung von Karlsruhe 175 

batte der Ort dann eigene Pfarrer, nämlich 1720 — 1721 Israel 
Ludwig Gebhardt, der jetzt in Blansingen amtiert, 1721 bis 
1732 Christian Hallbusch, welcher seines Dienstes entlassen 
wurde und nun in Dnvlach als Privatmann lebt. 1732 — I7S5 
Andreas Laurenz Mayer, so jetzt zu Eggenstein ist, 1735 bis 
1740 Friedr. Joachim Kieffer, der nun Diakonus in Emmen- 
dingen ist. 1740 — 1742 Paulus Amberger, nunmehr zu La ngen- 
Steinbach. 

Als Lehrer finden wir den Schulmeister Pauli, der wegen 
seines hohen Alters die nenang'escbaffte Orgel nicht schlagen 
und Blich sonst der Jugend nicht mehr recht vorstehen kann. 
Es wird deshalb von den Orts-vorgesetzten gebeten, ihm als 
Adjunkt den Schulkandidaten Georg Keller von Staffort bei- 
zugeben. Außer einer neuen Orgel (vielmehr nur ein Positiv) 
für 76 Gulden sind 1742 auch zwei „mittelmäOige" Glocken 
TOn der Gemeinde angeschafft worden. 

Ein Schulhans existiert um diese Zeit (auch das ganze 
18. Jahrhundert hindurch) in Mülilburg nicht; der Lehrer hält 
in seinem eigenen Hause Schule und erbUIt dafür von der Ge- 
meinde einen Mietzins. 

Die Gemeinde besteht aus 51 evangelisch-lutherischen Haus- 
haltungen, 9 rllmisch-katlioli sehen und 4 reformierten (CaWi- 
nisten). Juden sind keine da. 

In Graben wird Beschwerde darUber geführt, das s Kaspar 
Dieffenbacber sieb immer noch in einem alten Keller des abge- 
brannten Schlosses nebst einem seiner Kinder aufhalte, seine 
Frau und die übrigen Kinder aber bei seinem Schwiegervater 
seien. Auch lebe gedachter Dieffenbacber wie ein Heide, indem er 
seiner Frau mit Ermorden, dem SchultheiU aber mit Brand gedroht 
habe, so dass niemand mehr sich getraue, ihm etwas zu sagen. 

Die Kirche zu Graben wurde 1706 neu aufgebaut, nach- 
dem sie (1689) von den Franzosen eingeäschert worden war; 
es befinden sich darin im Jahre 1742 manche Grabsteine, welche 
den im benachbarten Philippsburg verstorbenen evangelisch- 
lutherischen Offizieren gesetzt worden waren. Glocken sind es 
drei, eine von 11 Zentner, eine von 5 Zentner und eine von 
80 Pfund. Auf der mittleren stehen die Namen des Amtmanns 
Kemling und des Pfarrtfrs Obermiiiler und anderer Personen. 
Die kleinste wird nur in Kriegazeiten, wenn die andern ge- 
fluchtet sind, geläutet. 



J 



176 Schwarz 

Unter den Vasa sacra (heilige Gefltße in der Kirche) werden 
genannt: eine silbern vergoldete Patene mit der Jahreszahl 1710 
und den Namen des Pfarrers, des Schultheißen und der Al- 
mosenpBeger. Eine zinnerne Kante von 1 Maß mit der ZahL»^ 
1712 und dem Namen Oeorg Michel Raichert. 

Das Pfarrhaus ist 1719 von der Herrschaft erbaut worden - 
es steht neben der Kirche und hat unten zwei Stuben mi^ 
Kammern. 

Als Pfarrer werden unter der Rubrik Series Pastorum 
genannt: 

1645 Jo. Jac. Zughius Würtenb. 

1650 M. Jonas Anwander 

1652 M. Augustinus Langner. Bamberg 

1654 Ernst Lud. Bach. Durl. 

1656 Martin Luzius. Augusta Vindel. 

1663 Sebast. Aepinus 

1671 M. So. Ge. Parzhof von Aurach Wtirtt. 

1674 Jo. Oswald Crusius Ravensburg. 

16S2 Jo. Conrad Stadmann Durl. 
Nach diesem ist die Pfarrei wegen trübseligen Zeiten von 
den Pfarrern zu Spöck vicariando versehen worden, Namens 
Zand und Lindemann, auf welche wieder eigene Pfarrer gesetzt 
worden, als 

M. Jo. Phil. Bander 

Christoph Blum. 

Jo. Albrecht Obermüller. 

1706 Ernst. Frid. Wider, franc. (ein Franke) 

1714 Daniel Niclas. Noerdl. 

1719 M. Andreas Weber. Alsatus (ein Elsäßer) 

17;^6 Franc. Christ. Henr. Beck, 
der jot7.i>re lYarrer. 1712 in Durlach geboren, wo sein Vater 
PrSreptv^r am Gymnasium und Kantor war. «Seine Funda- 
mouto IcjTto er in Karlsruhe, wo er auch lectiones publicas an- 
»rohorot Ins .id annum 1782, da er nacher Hall in Sachsen und 
>vcuor u:u'h Jena cecancen. ward, als er wieder nach Hause 
^tkv^^ul.\otu mnuodiato zum Pfarrer nach Graben berufen.'' 

Vir.r.nr, ..ihlto 174J TS H;r.ishaltungen. evangelisch, bis auf 
o:nx;\ IC St.:e- rov..;soh>kÄrho:isoh. Zahl der Schalkinder: 80. 
*k uv.l S::i:tor:: «Das Pfarrhaus zu Spöck ist 

V, NN.:.: v\ v.;.t;o:.-.r: ur.i Ua: wol im ganzen Land wenig 



> ;^ v^ V 






OrUg«schiclitIiche Mitteilungen aus dei' ITingeljiing von HnrlBnibc ] 77 

seinesgleichen; doch sind die Öfen anno 1734 von den Fran- 
zosen sehr beschädigt worden und wären wol neue von nöten." 
Die Kirche ist eng und der Turm sieht schlecht und schadhaft 
aus; dagegen ist die Kirche in StafTort recht schön und nett 
«rbaut; .der Turm sollte aber höher sein, weil die Glocken 
nicht tiberall im Flecken gehurt werden". 

Der Pfarrer klagt darüber, dass viele in Spöck dem Spielen 
und Trinken nachhängen und sich und die ihrigen ruinieren; 
dem fürstlichen Oberanit sei dies nicht unbekannt, es scheine 
aber, man könne auch dorther nicht helfen. Der Spöcker 
Lehrer heißt Daniel Walther, von Berghausen gebürtig; ,er 
ist ein noch junger, lediger und dabei recht artiger Mann, der 
die Jugend gar wohl unterrichtet, und im Schreiben was be- 
sonderes prästiret, auch die Orgel wohl versteht. Der Staf- 
forther, Job. Mich. Stober, ist verheiratet, kommt zwar dem 
vorigen nicht in allem gleich, führt aber doch sein Amt und 
Leben, daß keine Klage zw hären". £r fUhrt Beschwerde 
darüber, dass ihm die Orts vorgesetzten das eine und das andere 
entziehen, was seine Vorgänger genossen; er sei deshalb mit 
einer Supplik eingekommen, und es sei darauf ein fürstliches 
Dekret erlassen worden, wofür er habe 18 Kreuzer Taxe 
zahlen müssen; er wisse aber bis auf die Stunde nicht, was 
darin gestanden. 

Der Pi^arrer von Spuck und Staffort heillt Johann Friedrich 
Zoller; er ist IG 94 in Durlach geLoren, wo sein Vater Schuh- 
macher war. Er besuchte zuerst das Gymnasium in Durlach 
und studierte dann zu Jena. 1720 wurde er Vikar in Karts- 
ruhe, 1721 Pfarrer in RuISlieim, 1727 in Knielingen, 1736 in 
SpSck und Staffort. Er ist verheiratet mit der Tochter des 
verstorbenen Pfarrers Lindemann, hat neun Kinder, drei Sühne 
und sechs Töchter, die alle noch am Leben sind. 

Das Schulhaus in Spöck steht halb auf dem Kirchhof, 
halb außer demselben auf der Straße. In Staffort ist kein 
Schulhaus; die Schule wird auf dem Rathaus gehallen. 

Der Spöcker Gottesacker liegt außerhalb des Fleckens, ist 
einerseits mit einer Mauer, auf den andern Seiten mit Zaun- 
stecken umgeben. Der Gottesacker in Staffort liegt Weingarten' 

' Weingarten w«r kurpfniiisch ; die Gemarkung erstreckte sich bis 
Slaffort. 

AJeoiiinDijL N. F. S, S, [2 



178 Schwarz 

zu und ist mit einer Mauer umgeben, „welche die Churpfalz 
erhalten muß". 

Linkenheim: Die Baupflicht für die Kirche liegt wie bei 
allen der Karlsruher Diözese der Herrschaft ob. Der soeben 
präsentierte Pfarrer Martin Friedrich Hoyer gibt folgende alte 
IVIissbräuche zu Protokoll: 

1. An Lichtmess gingen die kleinen Knaben und Mägdlein 
partienweise in den Häusern herum und sammelten Eier und 
anderes zu einem Kerzenbraten, welchen sie darauf verzehrten. 

2. Am Sommertag machten sie zwei Partien, deren eine 
sich den Sommer, die andere den Winter nannten und sich nur 
zum Betteln gewöhnten. 

3. Ebenso hielten sie es auch am Invokavit, welchen sie 
den weißen Sonntag nannten und vor den Häusern sprechen: 
Gebt uns weiße Erbsen und schwarze Bohnen, Gott wirds lohnen. 

In Linkenheim versieht das Schulamt Gg. Valentin Becker, 
in Hochstetten Jo. Mich. Mainzer. Beide haben Provisoren 
(Hilfslehrer), jener, weil er nicht die Orgel schlagen kann, 
dieser, weil er schwerhörig ist. 

Die Kirche (St. Egidi genannt) hat am Turm die Jahreszahl 
1520; doch sind darin Grabsteine mit älterem Datum. Im Turm 
hängen zwei Glocken, die größere bei vier Zentner schwier, 
1719 von Heinrich Ludwig Koßmann in Landau gegossen (auf 
Kosten der Gemeinde); die kleinere ist die Ratsglocke. Die 
zehnregistrige Orgel wurde 1741 angeschafft. Das Taufbuch 
trägt auf Seite 1 die Jahreszahl 1653; doch sind darin auch 
schon Taufeinträge von 1592; es reicht bis 1700; ein neues 
fängt mit 1700 an und hört mit 1741 auf; ein drittes beginnt 
mit 1742. 

Das Pfarrhaus ist folgendermaßen beschrieben: Es steht 
fast mitten im Flecken in der sogenannten Kirchgasse, nicht 
weit von der Kirche, hat zwar räumliche Stuben, eine oben 
und eine unten und bei jeder eine Schlafkammer, einen mittel- 
mäßigen Keller, eine Küche und ein Speisekämmerlein, über- 
dies unten noch eine und oben noch zwei Kammern, einen 
ziemlich großen Speiclier und darüber noch eine kleine Bühne. 
Der ziemlich große Pfarrgarten ist eine halbe Viertelstunde 
vom Haus gelegen. 

Die Reihe der Pfarrer vom Jahre 1591 an ist folgende: 
1591 Reinhard Keyber, 1593 M. Ezechiel Frey, 1608 M. Joh. 



Ortsgeschichtliche Mitteilungen aus der Umgebung von Karlsruhe 179 

Jak. Grann, 1610 M. Petrus Gädiccus, 1613 Caspar Widmann, 
1616 Job. Wilh. Exter, 1635 Georg Hälin, 1637 Andreas 
Thumius, 1638 Christoph Braun, 1644 Joh. Friedr. Büß, 1653 
Joh. Wilh. Nothard, 1659 Zachar. Warthmann, 1675 Joh. Matth. 
Geilhofer, 1692 Mart. Mauritius, 1703 Zachar. Bölzner, 1707 
M. Georg Balthas. Bausch, 1714 Joh. Jos. Zarndt, 1716 Joh. 
Ernst Kraft, 1741 Martin Friedr. Hoyer. Letzterer ist 1696 
zu Altona („unweit Hamburg*") geboren, woselbst sein Vater 
Stadtpfarrer und Konsistorialrat war. Er besuchte bis 1716 
das Gymnasium in Durlach, studierte dann in Jena und machte 
1 723 in Durlach sein Examen. Wurde 1 724 Vikar in Gundelfin^en, 
1729 Diakon in Müllheim, 1733 Pfarrer in Rußheim und 1741 
in Linkenheim. 

Die Schule wird auf dem Rathaus gehalten. 

Hochstet ten, vor 1742 ein Filial von Linkenheim, be- 
müht sich, wieder einen eigenen Pfarrer zu erhalten. 

Am Turm der Kirche ist die Jahreszahl 1479; die alte Kirche 
zu „St. Bartholomei"" ist 1742 abgebrochen und von der Herr- 
schaft von Grund aus neu aufgebaut worden. Von den zwei 
Glocken ist die größere im Gewichte von 3 ^/,^ Zentner 1 742 
zu Speyer gegossen worden. Keine Orgel. Das älteste Tauf- 
buch beginnt mit 1644; das neue mit 1734. Kein Pfarrhaus. 

Im Jahre 1644 hatte Hochstetten einen eigenen Pfarrer, 
Namens Joh. Friedr. Büß; 1656 war da Joh. Ehinger, 1661 
Matth. Geilhofer, 1671 Matth. Sutorius und Joh. Georg Lind- 
wurm. 1675 wurde es von Geilhofer in Linkenheim mit ver- 
sehen. 1677 war daselbst Immanuel Rösch. Von da an war 
es Filial. 

Die Schule ist im Rathaus. 

Liedolsheim ist .eines der besten Örter in diesem Re- 
vier*". Die Kirche ist schön gebaut, auch am Schulhaus nichts 
auszusetzen; dagegen ist das Pfarrhaus eines der allerschlech- 
testen. Der Pfarrer ist ein «alter, ehrlicher Mann", der Herr 
(Philipp Becker; noch Jung und ledi^r, führt sein Amt ohne 
Klagen; man wünscht, dass er sich bald verheiraten möchte, 
^welches zu tun er versprochen". 

Die Kirche wurde im Mai 1734 durch französische 3Iaro- 
döre in Brand und Asche gelegt, vom Markgrafen aber 1737 
wieder neu und schöner aufgebaut. Von den zwei Glocken 
wiegt die eine 12. die andere 7 Zentner. Erstere ist 1734 

12* 



leo 




beim Brand „ zerschmolzen" und wurde in Speyer neu gegossen. 
Auf derselben stehen die Samen des Geh, Hofrats und Ober- 
amtsverwesers Wielaud und sämtlicher Ortsvorgeset.zten. Die 
Orgel ist 1741 auf Kosten der Gemeinde vom Orgelniacher 
Schmahl in Heilbronn um 3Ü0 Gulden „erhandelt" worden. 
Das alte Taufbuch ist 1734 verbrannt. Das neue geht also 
von diesem Jahre an. Das Pfarrhaus steht bei der Kirche. 
Die Reihe der Pfarrer kann nicht angegeben werden, weil die 
Kirchenbücher verbrannt sind. Doch weiii man, dass hier waren: 
Vögtlin 20, KaiÜer 10, Figgen 10, TiUman ?? Jahre. 

Der jetzige Pfarrer, Job. Ernst Erafft, ist 1677 in Seg- 
ringen, einem öttiiigischen Flecken, geboren, wo sein Vater 
Pfarrer war. Er studierte auf dem Gymnasium zu Heilbronn 
und Ulm, 1697 in Wittenberg, kehrte 1700 in sein „Patriam* 
zurück und erhielt vom Grafen Albrecbt Ernst von Uttingen 
ein .Expektanzdekret", welches aber nicht „respektiert" wurde, 
weshalb er sich ins Durlachische begab. Hier erhielt er 1705 
die Pfarrei Ittersbach, 1716 Linkenheim und 17-11 Liedolsheim. 

Liedolsheim zählte 1742 140 Bürger; drei Judenhaus- 
haltungen sind da. 

Das Schulhaus steht in der Dettenheimer Stralie. 

In Eggenstein ist Kirche und Pfarrhaus in gutem 
Stand, das Schulhaus dagegen sehr schlecht, wie fast überall, 
„weilen die Gemeinen immer ihre Armut vorschützen und sonst 
auch nicht gern was zu dergleichen Gebäuden beitragen *■. Die 
Schuljugend ist von dem Lehrer Christian Friedrich Daler wol- 
unterrichtet, ausgenommen im Schreiben, woran es fast in der 
ganzen Diözese fehlt. Der Lehrer im Filial Schröck (später 
Leopoldshafen) ist ein gelernter Schneider. 

Die Kirche, ehedem dem hl. Vitus geweiht, liegt mitten 
im Dorf, Sie wird im Bau von der Herrschaft unterhalten, 
während der massive alte Glockenturm mit Glocken und Uhren 
von der Gemeinde erhalten wird. Im Gang des Langhauses 
steht ein alter Grabstein mit den Worten: „Fr. Johannes Welther 
ex Gottsau, Plebanus hujus ecciesiae, cuius anima requiescat in 
pace amen. Ao Dni 1538." Unter den kostbaren Kirchen- 
paramenten werden genannt: 

Ein ,Cofen-farbene damastene Kleydung auf Canzel, Altar 
und Taufatein mit Gold gesticktem Corporale ao 1710 von 
Sma (Serenissima) Aug. Mar. (Markgr&fin Augusta Maria) ge- 



Orts geschichtliche Mitteilungen aus der Umgebung von Karlsruhe 181 

stiftet". Ein blaues Altartuch, von Zollschreiber Seiz 1709 
gestiftet, ein „bleumourant-blau-tuchene** Altarbekleidung von 
1725. 

Unter den Vasa sacra nennen wir die silberne, inwendig 
vergoldete Hostienkapsel, 1709 vom Oberbeckenmeister Funck 
gestiftet. Taufbuch seit 1702. 

Die Reihe der Pfarrer ist folgende: Andreas Kastner ??, 
Johann Vicinus 1562, Andreas Haffner 1567, Jakob Streim 
1576, Jos. Weiß 1579, Ambrosius Hezler 1590, Joh. Scherer 
(Tonsor) 1596, Barthol. Schmuck 1610, Wilhelm Allgeier 1613, 
Joh. Wilh. Wild 1632, Christoph Braun 1633, Joh. Wilh. Wild 
1638, Joh. Gg. Frey 1649, Joh. Qg. Panzkoffer 1666, Jos. 
Ulrich Herrmann 1667, Valentin Klose 1669, Wendelin SchUz 
1673, Joh. Bernhard Vetterlin 1721, Andr. Laurentius Majer 
1742. Dieser ist der Sohn des Kaufmanns und Baumeisters 
Majer in Pforzheim. Geb. 1709, besuchte er die Gymnasien 
in Pforzheim und Karlsruhe, die Universität Jena, wurde 1733 
Pfarrer in Mühlburg, 1734 in Langenalb, 1742 in figgenstein. 

Eggenstein zählt 81 Haushaltungen, das Filial Spröck 27 
nebst einigen Zollbedienten. 

Rußheim gilt wegen seiner sumpfigen Lage flir sehr un- 
gesund, weshalb kein Pfarrer lange daselbst bleibt. 

Die Kirche liegt ein ziemlich Stück Wegs vom Dorf ab 
gegen den Rhein zu. Von den zwei Glocken hat die ältere, 
24 Zentner schwere, die ^ziemlich unleserliche** Umschrift: 

ffSant Michels Glock heiß ich 
In unser Frauen Ehr Inth ich 
Hanß von Bruchsal zu Speyer goß mich 1521.* 

Die andere 4 Zentner schwere Glocke hat die Umschrift: 

yAus dem Feuer floß ich 

Lorenz Neubaur goß mich in Durlach 1664* : 

darunter steht: 

„W^endel Schüz, Schultheiß zu Rusa~ (Rußheim). 

Das älteste Taufbuch fangt mit dem Jahre 1692 an, ^und 
lieset man darin, daß ao 1707 ein Moscowitischer Capitain Joh. 
Jac. Bust von einem erstochen worden *". 

Das frühere Pfarrhaus ist 1689 von den Franzosen aus 
Philippsburg verbrannt worden. Die Pfarrer sind: Paul Friedr. 
Vögtlin, welcher noch Rußheim als Filial von Liedolsheim ver- 
sah, 1692, Ant. Gottl. Deselius 1696, Joh. Jos. Zandt 1697, 



^ 



182 

M, Joh. Negelin v. Stuttgart 1698, Paul Grüner Variscus 1700, 
G. Conrad Schreiner Suevue 1703, M. Joh. Negelin 1709, Joh. 
Caspar Die£fenbach Pakt. 1711, Joh. Friedr. Kautrnanu Durl. 
1717, Joh. Mart. Nüöler Suevus 1718, Joh. Friedr. HoUer Durl. 
1722, Matth. Lembcke 1727, Martin Friedr. Hoyer von Altona 
1733. 

Der jetzige Pfarrer ist Jak. Gottlieb EiseDlohr. Sohn des 
Pfarrers Theophil Eisenlohr in Sexau, studierte bei seinem Vater 
und in Jena, wurde 1739 Vikar in Durlach, 1741 Pfarrer in 
ßußheim. 

Rußheini zählte 1742 70 Haushaltungen. 

Unter der Rubrik „Meraorabilia" lesen wir: 

„Hjeher mag der Grabstein gerechnet werden, welcher im 
Chor der Kirche gleich Über dem Pfarrstuhl steht zum Ge- 
dächtnus des Herrn Hector .Ferdinand i, Confeil et Veinfelden 
ex Sempronio oder Oedenburg in Ungarn gebürtig, welcher, 
nachdem er fast ganz Europam durchreiset, endlich in mititar- 
Dieusten als Capitln unter dem Starenbergischen Regiment 1708 
in Speyer gestorben und hierher begraben worden.'' 

In Neureut klagt der Pfarrer Johann Georg Ziegler, 
dass er und seine Frau, welche beide im Oberland nicht weit 
von der Schweiz gebürtig, von einer ^Gattung des Heimweh's 
geplagt' seien. Auch beschwert er sich, dass solange Soldaten 
im Dorf gelegen wären, der Sonntag mit Tanzen und Spielen 
oft sehr entheiligt worden sei, es aber nun so ziemlich gehe; 
nur laufen so viele Einwohner an den Kirchtagen nach Karls- 
ruhe und treiben dort mit den Juden Handel, oder sie gehen 
dem Fischen nach. 

Mit den lutherisch- evangelischen Einwohnern in Welsch- 
neureut ist er auch nicht recht Kufrieden. Er wohnt im Rat- 
haus, wo auch in der untern Stube ein Bürger und Weber, 
namens Abraham Lay, die Jugend im Lesen und Sclireiben 
unterrichtet. 

Die Kirche wurde vor einigen Jahren (wahrscheinlich 1734) 
durch „feind- und freundliche" Soldaten ruiniert, weshalb die 
Einwohner eine Zeitlang nach Eggenstein in die Kirche musaten; 
sie ist jetzt wieder hergestellt. Die Glocken stammen aus den 
Jahren 1714 und 1729. Zur Orgel, welche 1741 angeschafit 
liat die Markgräfin Witwe 10 Gulden geschenkt. Diese 
hat auch ein schönes Taufzeug gestiftet. 



Ortsgeschiclitlidie Mitteiluagcti aus der Umgebung von Enrlsrulie 

Auf dem silbernen Speisekelch steht eine Inschrift, wonach 
derselbe von Ägata Murtelstein von Langenargen am 1. Juni 
1614 gestiftet wurde. 

Vor 1721 war Neureut ein FiLaI von Eggenstein oder 
MUhlburg. 

In Knielingen finden wir 1742 die Vorsteher der Ge- 
meinde, Pfarrer und Lehrer in größter Harmonie. Alle sind 
miteinander zufrieden; nur der Lehrer Philipp Jakob Vögele 
klagt, „daß an keinem Ort die Eltern ihre Kinder unfleißiger 
in die Schule scliicken". Doch zeigte die Visitation, dass 
, nicht leicht an einem Orte die Jugend so gut wie in Knie- 
lingen unterrichtet sei', weshalb dem Lehrer alles Lob gebühre 
und er würdig sei, „daU er einer großen Stadtschule vorgesetzt 
werde". 

In der Kirche steht gleich beim Eingang ein Grabstein, 
w^orauf zu lesen: „Ao Doi (anno domini) ICOl ist die Edle 
und tugendsame Frau Ursula Horneckin von Hornberg, geb. 
von Horneckliung (??) selig in Christo entschlafen, deren Seelen 



Gott Gnac 
Spruch : 



In der Mitle des Grabstei 



steht folgender 



.Find' ich o Herr dein Gilttlieh (inad 

IZu meinem Leben .... rat, 
^T ha.li ich be; meinem Junkher bleib 

^H Noch l&nger als ein ehllch Weib, 

^H So dir's Herr nber nicht gefeit, 

^B Hab ich dir's herzlich heimgestelt. 

H Nnn lebt mein Seel ewig in Gott, 

^U Der mich erlöst vom ewigen Tod." 

■ Zwischen dem Altar und der Sakristei ist ein Stein, worauf 
steht: ,Hier liegt begraben M. Michael Dieterhn von Tübingen, 
72 Jahr alt, 44 Jahr der Gemein Gottes zu Knielingen evangel. 
Prediger und Seelsorger, den 2. April 1625 selig im Herrn 
' entschlafen. 

Justitia praeco quia Dietarlina fnisti 
Erudiena uult^s mores monatrando fidemque 
Fulgebis stellae pboebeae Inmpadis ioalar 
Jnatitis portans pulchram sinu ßne coronam.' 

Im Umkreis steht: 
,E^e sab hoc tamulo pietas jacet ipsa probats 
Haec est, qui Michael dicttur ilie Dicterliu 
Ergo sancte aenex pastor dignissime coelo 
Aeteranm aalve terque qnaterque vale.' 



I 




184 Schn-ilrz 

Im Turm hfingen zwei Glocken, wovon die größte 11 Zentner, 
die kleinste 1 Zentner wiegt ; letztere soll sehr silbeireich sein, 
ist aber zersprungen. 

Eine schöne Altarbekleidung ist ron der MsrkgrKGn Angustn 
iUaria gestiftet. 

Das älteste Taufbuch ist vor 1707 verbrannt, dagegen ein 
neues von 1655 an angelegt worden. 

Von den Pfarrern sind genannt; 

Job. Michael Dieterlin Ton Tübingen 1581— 1C25, Slichael 
Frey, der lange hier war und nach Eggenstein berufen wurde, 
„Speißius'-, welcher zu K. starb, Christian Schaffer, ein Sachse, 
war 30 Jahre Pfarrer hier, Martin Halbusch von Durlach, etwa 
16 Jahre hier, starb 1707 als Stadtprediger in Durlach, Samson 
Kercher von Stuttgart, starb 1695, Georg Christian Böltzner 
von Durlach, starb 1706 morbo hydropico. Er hatte als Vikar 
den Ernst Friedrich Wider von WeilJenburg, welcher später 
Pfarrer in Graben wurde. Auch Pfarrer Job. Jak. Wechseler 
(1706—1719) war von WeiUenburg gebürtig. 1719—1722 
amtierte Samuel Preu, ebenfalls von Weilienburg. 1722 — 1727 
Joh. Christoph Crone, ein Sachse. 1727 — 1736 Job. Prd. 
Roller von Durlach, später in Spöck. Der jetzige Pfarrer ist 
Johann Zacharias Deubler, in der freien Reichsstadt Weißen- 
burg geboren, wo sein Vater Bürgermeister und seines Hand- 
werks ein Tuchscherer war. Er war 1728 Präzeptor in Eönigs- 
bach, 1730 als solcher in Pforzheim am Waisenhaus, 1731 
Pfarrer in Neureuth, „wo er zugleich die Schuljugend infor- 
mierte". Verheiratet mit Dorothea Margareta, Tochter des 
Stadtschreibers zu Crailsheim, 

Von Hagsfeld mit seinem Filial Rintheim, wo Pfarrer 
Johannes Ludin von L9rrach amtiert, ist nichts Bemerkenswertes 
in dem 1743er Protokolle enthalten. Der Lehrer daselbst, 
Andreas Österlin, ein Bauersmann, beschwert sich, dass der 
von alten Zeiten her eingeführte „Chor-Thal er" ihm von der 
fürstlichen Renlkammer strittig gemacht werde. 

In Liedolsheim beschwert sich der Pfarrer, dass auch an 
hohen Festlagen der Nachmittag mit Kegelspiel zugebracht werde. 

Die Kirche zu Linkenheim hat eine Reparatur nötig, 
da die Latten oben im Chor faul seien und das Dach einzu- 
fallen drohe. Auch mangelt es den Fllialisten (den Hoch- 
stettenemj an Platz auf der EmporbUhne. 




Octägeschichtliclio Mittoiliingeu aus der Umgebung von Karlaruhe ]S,5 

In Berghansen finden wir als Pfarrer Joh. Wilh. Gne- 
felius von ZweibrUcken, als Lehrer den Sohn des Schiütheil3en 
Xiamprecht, in Söllingen als solche Chr. Friedr. Holzhauer 
lind Joh. Wilh. Werner, 

Pfarrer Andr, Schaber in Grötzingen beschwert sich 
darüber, dass in der Nähe deä Pfarrhauses die Jugend beiderlei 
OescIilechU miteinander bade und deshalb Ärgernis gebe. 

In Graben hat es 1743 wieder Differenzen zwischen 
Schultheiß und Pfarrer gegeben; letzterer klagt, dass der 
Schultheiß gegen die fürstliche Verordnung eine katholische 
Wittfrau in die Gemeinde aufgenommen habe, dass er an 
einem monatlichen Büß- und Bettng durch seinen Sohn habe 
Heu lassen führen, und dass er am Dreifaltigkeitsfeste auf dem 
Rathause die Gemeindsrechnung verlesen habe, wobei Zank ent- 
standen sei. Schultheiß Christoph Kemp gibt dagegen folgendes 
zu Protokoll: ,Am letzten Ostertage sei des Pfarrers Bruder, 
der Kanzlist, bei dem Pfarrer gewesen, wie auch ein katho- 
lischer .Soldat von Philippsburg. Da jedermann gemeint, es 
werde nachmittags von dem Pfarrer der Gottesdienst gehalten 
Werden, so habe man aus dem Pfarrhaus nur allein den Schul- 
meister — er heißt Konr. Gottl. Keplinger — und zwar 
zu jedermanns Verwunderung mit stnrkgepudertem Haar zur 
Kirche gehen sehen, darinnen er dann ein Kapitel vor dem 
Altar, aber so verlesen, dass jedermann wohl merken konnte, 
wie ihm mit Wein allzuviel zugesprochen worden sei." Der 
Hirschwirt Jakob Holtz in Graben hat einen Weinkaufsprozeas 
tnit dera Kanzlisten, dem Bruder des Pfarrers, 

Zu Rüppurr gehört 1743 als Filial Wolfartsweier; 
Pfarrer ist der 6l)jährige Joh. Jak. Huber von Zürich. 

In Eggenstein wurden der Fleiß und die Leistungen des 
Lehrers Chr. Frd, Daler gerühmt; „doch sei das Schulhaus sehr 
elend, als welches ehedem ein herrschaftlicher Hundestall ge- 
wesen* , 

Dagegen sind die Vorgesetzten von Schröck (Leopotds- 
hafen) mit ihrem Lehrer Conrad Bermindinger gar nicht zu- 
frieden; er überlasse die Schule ganz seiner ältesten Tochter. 
Za entschuldigen sei das, weil er ^gar keine Besoldung habe". 

In Blankenloch wird zu Protokoll gegeben: „EtUche 
unter der Gemeine hüngen noch dem alten Aberglauben nach, 
indem sie am Charfreitag in ihrem Stalle grünes Gestrituch, 



186 



Schwarz 



Laub und dergleichen aufmachen und in der Meinung stunden, 
als ob das Vieh dadurch von Hexerei frei bleiben werde. Chri- 
stoph Milich lege sich Buf das Segen sprechen beim kranken 
Vieh, vorgebend, es sei ja Gottes Wort, das er dabei brauche 
und also nichts böses tue." 

Das Pfarrhaus ist ein altes, elendes Gebau, welches von 
Grund aus sollte neu aufgerichtet werden. 

Gegenden Lehrer Mart. Lorenz Feidler, einen „verständigen, 
fleißigen und geschickten Mama", hat niemand zu klagen außer 
Joachim Nagel, „weicher sagt, er richte die Uhr allzuschlecht". 

In Spöck und Staffort nerden einige Klagen „in puncto 
puncti" und anderm erhoben. 

Aus den Jahren 1744 — 1746 fehlen die Protokolle. Ein 
sehr ausführliches über die 1744er Visitation in Rhodt, welches 
damals zu Baden gehörte, enthält sehr bemerkenswerte lokal- und 
kulturgeschichtliche Aufzeichnungen, kann aber hier, als außer- 
halb dem Rahmen unserer Arbeit liegend, nicht angezogen werden. 

Wir schließen unsere Mitteilungen mit einigen Aufzeich- 
nungen aus den Protokollen der Jahre 1747 — 1751. 

Unter den Kirch enge raten zu Berghausen sind besonders 
zwei zinnerne Kannen erwShnt, welche der Hauptmann Haes 
gestiftet habe. In der Kirche befindet sich ein Kruzifix, mit 
dem Postament eine Elle hoch, aus einem nicht bekannten 
Metall verfertigt und mit vielen Kristallsteinen geziert; es habe 
solches der vor 40 Jahren von Bibraeh gekommene Herr .... 
in die Kirche gestiftet. Von den vier Glocken könne die kleinste, 
vom Schultheiß Becker gestiftete nicht mit den andern geläutet 
werden, weil sie mit ihnen nicht harmoniere. 

Auf die Frage, ob die Sonn- und Feiertage in befohlener 
Stille gefeiert werden, und an denselben alles Spielen und 
Tanzen unterbleibe, sagt das Protokoll: „In dem StUck sei es 
hier sehr ordentlich. Es verlange an solchen Tagen niemand 
einen Tanz zu tun. So aber etwa in einem verschlossenen Hof 
ein Kegelspiel nach geendigtem Gottesdienst getan werde, so 
möge er (der Pfarrer) nicht darwider eifern," 

Die Schul Visitation fiel recht gut aus, trotzdem der Lehrer 
ein großes Bauerngut habe, „welches ihn Öfters hindere, der 
Schule abzuwarten'. Derselbe weigert sich, den Klingelbeutel 
unter der Predigt herumzutragen, da dieses Sache des Almosen- 



b 




Ortägeschichtliclie Mitteüungeu tiiis der Uiiigtliung von Karlsriiiie 187 

In Blankenlocb finden wir 1751 endlich ein schönes, 
neues Pfarrhaus auf der Stelle des alten erbaut. Wegen des 
hier herrschenden Aberglaubens bz. der Heilung des Viehes 
wird immer noch Klage geführt: , dergleichen Liederlichkeiten 
würden heimlich praktiziert." 

Die Stadt Karlsruhe selbst wird nicht in den Bereich 
dieser Visitationen gezogen; sie erhielt gesonderte Kirchen- und 
Schulvisitationen; nur 1747 wurde davon eine Ausnahme ge- 
macht. Über die Kirche daselbst sagt das Protokoll: „Das 
Kirchgebäude ist im Jahre 1723 aus Kollektengeldern auf- 
geführt, bald hernach mit wol harmonierenden Glocken, auch 
mit einer schönen Orgel von der Gemeinde und von der gnS- 
digeu Herrschaft aber mit recht zierlichen Bekleidung und kost- 
baren Vasia sacris versehen worden. So bedachtlich aber dieses 
in starken Steinmauern stehende Gebilude angegeben worden, 
so äuUerten sich doch nach und nach bei angewachsener Ge- 
meinde mancherlei Fehler, welche man vorher ohnmöglich ein- 
sehen könne. Die Mannessttze auf den Emporgestellen sind 
gar unbequem. Die Weibsleute haben nicht Platz genug, und 
wenn neu ankommende sich melden, weiß man ihnen keinen 
Sitz anzuweisen. Die Schuljugend kann dem Prediger nicht 
ins Gesicht sehen, ist auch weit von der Orgel entfernt, kann 
demnach der Choralgesang nicht, wie es sein sollte, geführt 
werden. Die Kanzel ist so gesetzet, daß dem Prediger die 
Zuhörer auf dem Rücken und zu beiden Seiten so nahe stehen, 
dass, wenn sie ihm mit ausgestreckten Armen nicht gar er- 
reichen, doch die mehrsten derselben ihm, wenn er redet, in den 
Mund hinein sehen können. So ist auch um den Altar fast 
kein Raum, wo nur die Gevatterleule bei der Taufe, noch viel 
weniger aber in denen Kinderlehren, die dahin eigentlich ge- 
hörige stehen mögen." 

In Eggenstein sieht es 1747 schlimm mit den Gemeinde- 
gebäuden aus; wo der Lehrer wohnen muss, „sieht es elend aus"", 
Die Schule hält er im Rathaus, „und zwar in der untern Stube", 
,wo die Nachtwächter auch ihren Aufenthalt nehmen'-. Schult- 
heill ist Georg Jakob Schmidt, Anwalt Joh. Florian Neck. 

Nach 1751 ist ea hier im Bauwesen nicht anders ge- 
worden. 

In Graben wird 1748 auf die Frage, ob noch ein anderes 
Dorf dazu gehöre, zur Antwort gegeben: 




181 



Schir: 



,EiBB Viertel Stuode von hier sei ein Ort, NeudorfF ge- 
nannt, welches jetzo vor 200 Jahren tiach Anzei^ des hiesigen 
Lagerbuchs ganz hierher verpfarrt gewesen sei; nachdem aber 
einmal gnädige Herrschaft auli«r Landes gegangen sei, habe der 
Bischof von Speyer eine Kapelle dahin gebaut und die Gemeinde 
an den Weihpriester in Wiesentai angewiesen." 

Im Jahre 1751 finden wir nach dem Protokoll in der Ge- 
meinde Graben , alles ruhig, was nächst Gott der genauen Ob- 
sicht des verständigen Schultheißen — er hieß Christoph 
Kemp — - zugeschrieben werden mag". 

In Hagsfeld würden die Kinder von Hagsfeid und Rint- 
heim im Rathause unterrichtet; die Rintheinier bitten um einen 
eigenen Lehrer, da es im Winter für ihre Kinder beschwerlich 
sei, nach Hagsfeld zur Schule zu gehen. Die Einwohner von 
Hagsfeld seien sehr willig und bauen aus freiem Willen dem 
Pfarrer einige StUcklein Felds. Auf die Frage, wie die Leute 
den Sonntag zubringen, erfolgte die Antwort : „ Au solchen 
Tagen gingen die von Hagsfeld und Rintheim nach Karlsruhe, 
und der Pfarrer wisse nicht, -wie sie da ihre Zeit zubringen." 
Mit dem Schultheißen Johann Erb in Hagsfeld ist man wol zu- 
frieden ; dagegen sei der Kintheimer — er hieß Adam Raupp — 
ein reicher Mann und zeige sich etwas hochmütig. 

In Knielingeu gibt 1747 auf die Frage wegen der Sonn- 
tagsheiligung zu Protokoll: „Die Soldaten, die hier liegen. 
lassen sich nicht wehren. Neulichen Maientag sei von ihnen 
im Adler die ganze Nacht hindurch getanzt worden.'' 

In Linkenbeim wird 1747 gerügt, dass der Löwenwirt 
am 2. und 3. Christfeiertage habe die Dragoner tanzen lassen. 

Hier finden wir 1748 nur eine kleine Glocke, welche nicht 
von allen Leuten im Dorfe gehört werden kann; es sei nicht 
ratsam, eine größere anzuschaffen, „weil dieser Ort denen 
Kriegstvoublen sehr unterworfen sei". 

In Mühlburg sind 1747 auch drei „ganze" und sechs „ver- 
mischte" reformierte Familien, über welche der evangelische 
Pfarrer Ungerer zu Protokoll gibt: „Wenn der reformierte 
Pfarrer hier ein Kind zu taufen hat. so läßt er solches aus 
des Eltern Haus in des reformierten Apothekers Wohnung 
tragen, wohin die Übrigen Reformierten in Prozession auch, 
gleich als zur Kirche, gehen ; dieses komme ihm etwas be- 
sonders und verdächtig vor." Die 19 katholischen Haushai- 



^ 



OrtsgOBchichtliche MitteiluQgPii aus iler Umgebung von Karlsruhe 189 

EUDgeii daselbst „hie!t«ii sich viel bescLeidener und den Kirelien- 
ordnungen gemäßer oU die reforioierten''. Das bezeugen auch 
Bürgermeister Joli. Jak. Kummer, Gerichtsmann Jos. Phil- 
Schneider und Gemeißdsmann Joli. Jak. Bernhard Specht. 

1748 kam hierher als Pfarrer Ernst Japhet Sachs, Sohn 
des Rechnungsrats Eberhard Heinrich Sachs in Karlsruhe, 

Bezüglich der Sonntagaheiligung sagt das Protokoll von 
1749, „die meisten Unordnungen kämen her von denen aus 
Karlsruhe und von denen Zünften, die sich an keine Ordnung 
bezüglich der Feiertage wollen binden lassen". Über den 
Lehrer wird in diesem Protokolle sehr geklagt; ,er überlasse 
die Schulkinder gar oft seiner Frau und gehe anders wohin, 
entweder zur Gartenarbeit oder zum unnötigen Trinken. Auch 
versehe er die Uhr nicht, wie es sein soll, sondern lasse die- 
selbe durch ein Mägdlein manchmal richten, diiss man sich vor 
den Fremden schSmen mUsse". 

Nach Ruiiheim hat man im Jahre 1749 wegen des 
Hochwassers nicht gelangen können, weshalb in diesem Jahre 
keine Visitation war. Hier folgte 1751 auf Pfarrer Rhein- 
berger der in Monock in Oberungarn geborene Pfarrer Johann 
Szuhani. 1748 wurde geklngt, „dass es zuzeiten bei den Ehe- 
männern wegen der hier liegenden Soldaten viel Argwohn gäbe". 

Im 1747er Protokoll finden wir folgende bemerkenswerte 
Notiz über die Kirche in Rüppurr: „Die Kirche ist sehr schlecht, 
und wäre eine Reparation umb so mehr ku wünschen, da diese 
Kirch an der Straß lieget, und von denen ungleicher Religion 
2Uji;ethanen auch ungleich, meistenteils aber zur Unehre unseres 
Glaubens beurteilt wird. So ist auch dieses Gebäude mancher 
in der Nacht vorbeyschwermenden böser Leuthe MuthwiJlen 
ausgesetzt, so dali man die Fenster soi-gfältig mit Laden ver- 
wahren rauiS, und weilen das Dorf eine Viertelstunde davon 
liegt, keine Vasa sacra noch Bekleidung darin über Nacht zu 
lassen sich getraut." 

Dagegen ist hier 1746 ein schönes neues Schulhaus mit 
einem Türmlein darauf erbaut wprden, worin die Betstunden 
gebalten werden, damit die Leute uiclit so weit in ihre Kirche 
laufen müssen. Das Pfarrhaus ist ein altes Bauernhaus. 

Im Jahre 1751 starb zu Rüppurr der Pfarrer Paulus Ain- 
berger, welcher lange Jahre hindurch die beiden Pfarreien 
BBppnr und Wolfartsweier versehen hatte. An seine Stelle 




A 



1 ÜO Schwarz 

trat der am 26. März 1726 in Katlsruhe geborene Friedrich 
Krnflt Bürcklin, Sohn des Speziais Bürcklin. Derselbe hatte 
die (Gymnasien in Pforzheim und Karlsruhe, dann die TJniversi- 
tliten Tübingen und Erlangen besucht; an letzterer waren Huth 
und rfeiffer seine Lehrer. 1748 war er in Karlsruhe Stadt- 
Vikar geworden. „1750 ging er wieder hinaus und besuchte 
alle anderen in Deutschland befindlichen Akademien, Sonderheit 
aber Güttingen, allwo er den Prof. Mosheim den Winter hin- 
durch hürte.** 1751 erhielt er dann die Pfarreien Wolfarts- 
weier und Rüppurr. Bemerkenswert ist die Art und Weise, 
wit' der Visitator — es war Phil. Jak. Bürcklin, also sein 
Vator — zu erfahren suchte, „wie der neue Pfarrer im Amt^ 
und Loben die G Monate über die beiden Gemeinden sich er — 
wiesou". „Ich ließ in die kleine Sakristei einen Mann nach dena 
andern eintreten und so an der Türe stehen, dass weder er 
mich, noch ich ihn im Gesicht sehen konnte, fragte ihn aucb 
uielit nach seinem Namen, sondern verlangte nur zu wissen, 
was Jeder von des Pfarrers Amt und Leben etc. beobachtet 
luibo und unparteiisch urteile. Nachdem ich 26 Mann abgehört, 
erkannte ie!i, dass auch nicht einer etwas klagbares vorzu- 
bringen wusste, vielmehr alle mit ihm zufrieden seien. Das 
bestüiigten mir aucli die Schultheißen beider Dörfer mit dem 
Hoisat2« dass ich der Mühe dergleichen genauen Untersuchung 
wol mich höttte entübrigen können." 

Ferner erwähnt d;\s Protokoll des «kleinen Handels der 
beiilea Pi^rler gegen einander". Es handelte sich darum, ob der 
Pfj^rrt^r au Sonntacon zuerst in Rüppurr oder in Wolfartsweier 
Kir\^he h,dteu solle. Die Rüppurrer beanspruchten das Vorrecht, 
weil auoh die Kvauiielisohen von Ettlingen zu ihnen kämen 
uuvl sie ^an den rukv^sien i! Dritteil zu tragen hätten *". 

In SMliugen hern?cht 1747 zwischen dem Schultheißen 
iMntstoph l.Uvhvig Frvnumel und dem Pfarrer Chr. Frd. Holz- 
h.\uor oiu kleiner I'Nvis:: ersterer ^sei ein reicher Mann, der 
r,,\ol\ v.\v :v.;\v,vl envAS :*r:**:x^'. Vv^n leucenfm wünscht man. «dass 
ev \v.\ ,^v, ov'.ohov, V.Vv^:: *;;: der S:na^ im Dorf sich mehr Re- 



M\ \. 






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\;^'';:e-. .1:: eineru späitem Protokoll wird 
Sv .i':>i- ^ c%*< er. 4:ro*S^r Fein vi der Pmrer hingestellt, 
>^ <.*:v >.,- S. . ,:v.: NÄ.'>>:V!j:«r i3i Amte als das gerade 
V » > »; . . V : • ; V \ ^ .\ : s ^i^ >v* *m' .: ; Tt w ird« Wessen der Glocken 

Auiierx Sfiirz llarkgrafen gehabt, 






Ortsgeschicbtliclie MitteilungcD aus der Uingebnog von Enrlaruhe {91 

.ivobei dieser gemeldet hätte, da die Franzosen fast aus allen 
Gemeinden die Glocken weggenommen, so könne Er (der Mark- 
graf) nicht allein, sondern es mlilJten auch die Gemeinden zur 
Wiederanschaffung derselben besorgt sein". 

In die Kirche daselbst hat die Markgrüün Augusta Maria 
verschiedene Sachen gestiftet. Auch ein Biirger Leonhard ^ 
Qmelia habe solches getan. 

Über Wolfartsweier sagt das 1747er Protokoll, dass 
dieser Ort früher einen eigenen Pfarrer gehabt habe; das be- 
weise ein Grabstein bei dem Altar der Kirche, worauf zu lesen 
sei: „Anno 1593 den 6. Jannuarii ist in Gott selig entschlaffen 
der ehrwiirdige Herr Leonhard Eeiffel, acht und zwanzigjähriger 
PfarrheiT alibier zu Wolfartsweyher, dem Gott eine fröhliche 
Auferstehung wolle verleyhen. Amen. Ich bin die Aufer- 
stehung etc." 

Das früher hier gestandene Pfarrhaus wurde im dreißig- 
jährigen Kriege abgebrannt, und es ist seither kein neues er- 
baut worden. 

Auch ist kein Schulhaus da; die Gemeinde hat dem Lehrer 
S«ine Wohnung beim Viehhirten angewiesen. Der Schullehrer ist 
^in Fremder, seines Handwerks ein Strumpfweber, „ein sehr armer, 
^ber doch verständiger und zum Schulbalten geschickter Mann". 
Dass man um diese Zeit auch schon Statistik getrieben, 
beweist ein Anhang zum 174Ser Protokoll, welches zusammen- 
stellt, wo die besten, bzw. schlechtesten Kirchen-, bzw. Schul- 
gebäude, die ordentlichsten Gemeinden, die tüchtigsten Pfarrer 
und Lehrer usw. seien. Auf die Frage, wo die frömmsten 
Pfarrer seien, gibt Kirchenrat Biircklin am Schlüsse seiner 
Statistik zur Antwort: 

„Die sind im Himmel." 

Wir haben hier nur versucht, in kurzen Auszügen Stoffe 
ortsgeschichtlicher Natur zusammenzutragen. Vielleicht findet 
sich der eine oder andere geschichts beflissene Leser dadurch 
veranlast , über die Vergangenheit seiner engern Heimat 
näheres zu erkunden. Sollte das der Fall sein, so haben wir 
mit diesen Zeilen unsern Zweck erreicht. Vielleicht bietet sich 
einmal Gelegenheit, aus einem andern Zeiträume, einem früheren 
oder späteren als der ersten Hfilfte des 18. Jahrhunderts, ähn- 
liche Mitteilungen zur Kenntnis unserer Leser zu bringen. 





Die Ettlinger Linien. 

Von Ernst Boesser. 

Über die Ettlinger Linien und ihre Geschichte hat Prof. 
K. Lang eine Abhandlung geschrieben, die zuerst in der Fest- 
schrift des Karlsruher Gymnasiums zu den Jubiläumsfestlich- 
keiten im September 1906, dann mit einigen unwesentliche 
Änderungen als Veröffentlichung des Karlsruher Altertumsvereins 
(Karlsruhe 1907) erschienen ist'. Letztere Fassung ist der fol- 
genden Besprechung zu Grunde gelegt. 

Durch Längs Schrift scheinen mir, um dies vorauszuschicken, 
alle die Ettlinger Linien betreflfenden Fragen endgiltig gelöst 
zu sein. Er hat ein sehr umfangreiches Material zusammen- 
getragen, das wol kaum mehr in irgend einem wesentlichen 
Punkte vervollständigt werden kann, er hat dies Material gründ- 
lich und sachgemäß verarbeitet und er hat vor allen Dingen 
die noch vorhandenen Reste einer sehr eingehenden Untersuchung 
unterzogen. 

2saoh einer kurzen Einleitung über Landesbefestigungen im 
allgemeinen und über die Linien des 17. und 18. Jahrhunderts 
im besonderen behandelt Lang in zwei Abschnitten erst die Ett- 
linger Linien im spanischen Erb folgekrieg, dann ihre Erneuerung 
im polnischen Thronfolgekrieg. 

Die Vorläuterin der Ettlinger Linie, die Bühl-StoUhofener, 
das Lioblinirswerk Ludwig Wilhelms von Baden, wurde am 
*2:^. Mai 1707. wenige Monate nach dem Tode ihres Erbauers, 
duroh Villars genommen und zerstört, wobei sich der Gegensatz 
zwischen der zielbewussten und energischen Kriegführung des 
tVan/osisohon FoKlherrn und den elenden militärischen VerhSlt- 
nisson dor Koiohsarmee im hellsten Lichte zeigte. Auch der 
Fiihror dor Koiohst nippen, der Markgraf Christian Ernst von 

• K. l ;^ni;. l^io Fitjucer Linien and ihre Geschichte. Karlsruhe, 
i». H:;\un ii" 7. M:: :\vii T.iir.on lind zwei Skizzen. 5ö S. — IM. 



Die Ettlinger Linien 193 

BByreuth, var Villars in keiner Hinsicht gewachsen. Nach ihm 
Übernahm der Kurfürst von Hannover den Oberbefehl, der 1714 
als Georg I. den eneÜschen Königsthron bestieg. Lang nennt 
ihn Ernst Oeorg, während er meines Wissens als Kurftirst sich 
Georg Wilhelm nannte. Auch dieser war nicht imstande, 
angriffsweise vorzugehen, beschränkte sich vielmehr auf die Ver- 
teidigung und ließ als Ersatz für die Stollhofen-Blihler Linie 
im Herbst 1707 eine neue Befestigungskette vom Fuß des Ge- 
birgs bei Ettlingenweier bis zum Hochufer des Rheins bei Dax- 
landen anlegen, die ihre Fortsetzung nach Osten in einem Verhau 
fand, das an der Eyachmiihle oder vielmehr am Dobel sich an 
die sogeaatinte mittlere Linie anschloss, nach Westen durch eine 
Reihe einzelner Befestigungen, die sich bis Philippsburg hin- 
zogen. Za berücksichtigen ist dabei, dass der Rlieinlauf damals 
wesentlich anders aussah als heutzutage. Damals floss er in 
zahlreichen Armen, die häufig ihren Lauf linderten, während ihm 
jetzt durch die Rhein korrektion ein einheitliches Bett angewiesen 
ist. Der Hauptstiitzpunkt der franzüsischen Macht war das 
Stollhofen gegenüber um linken Rfaeinufer gelegene Fort Louis. 
Die Linie bestand da, wo Straßen aus dem feindlichen Ge- 
biet heranführten, aus starken geschlossenen oder offenen Werken, 
die fiir Artillerie eingerichtet waren, im Gebirge lediglich aus 
einem durch Blockhäuser verstärkten Verhau, in dem einen Teil 
der Hheinebene ausfüllenden Uardtwald aus einer Brustwehr mit 
vorliegendem Verhau. Diese Linie deckt sich räumlich mit der 
noch jetzt erhaltenen, in der gegenwärtigen Gestalt aber aus 
dem polnischen Thronfolgekrieg stammenden, die sich von der 
Johannesbrücke bei Ettlingen bis über den Forchheimer Exerzier- 
platz hinaus erstreckt und den Wasserlauf des Malscher Land- 
grabens und der Alb hinter sich lässt. Vorgeschobene Posten 
waren in der Ebene die Ziegelei zwischen Ettlingenweier und 
Brachhausen, im Gebirge Herrenalb, Frauenalb und Marxzell. 
Die ganze Verteidigungslinie zerfiel in zwei Abschnitte, die da 
zosammeustteßen , wo der von Schluttenbach herabkomroende 
Beierbach das Gebirge verlässt. Von hier aus werden nach 
Osten 29, nach Westen bis zum Rhein 14 besondere Werke 
gezählt. Von den Offizieren, denen 1708 beide Abschnitte unter- 
stellt waren, sind Berichte vorhanden, die ganz in der Art der 
von mir in diesen Blättern (N, F. 5, 3| veröffentlichten „Relation 
über die mittlere Linie" den Lauf und die Beschaffenheit der 
«.i. S-. F, ., .. 13 




194 Boesser 

Befestigungen beschreiben. An der Hand dieser Berichte und 
auf Grund eingehendster persönlicher Untersuchung des Geländes 
sucht nun Lang die einzelnen Nummern festzustellen. Unter- 
stützt wird er dadurch, dass ebenso wie an der mittleren Linie, 
sich die Flur- und Wegenamen großenteils erhalten haben. Da- 
gegen wird die Feststellung dadurch erschwert, dass einerseits 
die vorhandenen Pläne weder unter sich noch mit dem Gelände 
durchweg übereinstimmen und dass anderseits nicht tiberall 
festzustellen ist, was der ursprünglichen Anlage und was der 
Erneuerung von 1734 angehört. Die Reduten oberhalb Ett- 
lihgen und die fünfseitige westlich der SchaUbronner Straße, 
von denen erstere hinter, letztere vor der Linie liegt, stammen 
jedenfalls aus dem polnischen Kriege. Mehr als Lang fest- 
gestellt hat, wird sich auch künftig kaum nachweisen lassen. 

Sehr interessant sind die genauen Angaben über die Stel- 
lungen der einzelnen Truppenteile im Sommer 1708, wahrend 
dessen sich die Reichsarmee unter dem Kurfürsten von Hannover 
und ein französisches Heer unter Max Emanuel von Bayern 
untätig gegenüber lag, jene in der Linie, dieses auf dem linken 
Rheinufer bei Neuburg und Hagenbach. Ebenso interessant sind 
die von Lang veröffentlichten Anordnungen för den Winter- 
wachtdienst 1708/09. Die erteilten Befehle, die sich auf Be- 
setzung der Werke, auf Ablösung der Wachen, Alarm u. dgl. 
beziehen, sind vortrefflich und wltreu eines besseren Heeres würdig 
gewesen, als es die auch damals „elende" Reichsarmee war, 
Auch der Verkehr von Zivilpersonen durch die Linien war genau 
geregelt, und es war Fürsorge getroffen, dass Spionage möglichst 
verhindert wurde. Selbst namentliche Verzeichnisse der Be- 
wohner der benachbarten Dörfer befanden sich in den Händen 
der wachhabenden Offiziere, 

In den letzten Kriegsjahren versumpfte die Kriegführung 
vollständig, und auch Prinz Eugen, der 1710 dem Namen nach 
den Oberbefehl Übernahm, vermochte keinen frischeren Zug 
hineinzubringen. Als er nach dem Abschluss des Friedens zu 
Utrecht persönlich in den Linien erschien, erwies sich Villars 
als der glücklichere Führer, es gelang ihm noch, Landau und 
Freiburg zu nehmen und dadurch für die Friedensverhandlungen, 
die mit dem Kaiser in Rastatt, mit dem Reiche zu Baden in 
der Schweiz gefiihrt wurden, eine günstigere Stellung zu ge- 





) Ettlinger Linien 



195 



Der zweite Teil der Langschen Arbeit beschäftigt sich auf 
S. 2S — ^46 mit den Scliicksalen der Linien während des polnischen 
Thronfolge kriega. Die Quellen für diese Periode sind sehr er- 
giebig, so dass ein bis in die Einzelheiten hinein deutliches 
Bild entworfen werden kann. Der Krieg beginnt im Oktober 
1733 mit der Einnahme von Kehl durch Berwick. Erst als 
dieser wieder auf dem linken Rheiuufer Winterquartiere bezogen 
hat, kommt die von Ferdinand Albrecht von Braunschweig- 
Bevern geführte Reichaarmee und besetzt die ganze Linie von 
Säckingen bis Fhilippsburg. Sofort wurde Ausbesserung und 
Erweitening der Ettlinger Linien beschlossen und ins Werk ge- 
setzt. Die Arbeiten dauerten vom 26. Dezember 1733 bis zum 
Tage der Einnahme, dem 4. Mai 1734. Die Bevölkerung der 
umliegenden Ortschaften wurde dazu in sehr hohem Malle heran- 
gezogen, und ebenso war der Schaden für die Forst Verwaltung 
durch den massenhaften Verbrauch von Eichen- und ForlenhoU 
sehr bedeutend. Die wesentlichste Änderung war nun die, dads 
die Linie hinter die Wasserläufe des Malscher Landgrabens und 
der Alb verlegt und durch ein großartiges Schleusensystem 
die „Inuttdatioa" des ganzen Vorlandes auf weite Strecken vor- 
bereitet wurde. 

Über den Aus- und Umbau der filteren Linie, die noch 
heute im Hardtwald auf eine Strecke von etwa 5 km wolerhalten 
ist, scheint nichts Genaueres sich feststellen zu lassen. Lang 
Bcliüeßt nur daraus, dass der gegenwärtige Befund mit den äl- 
teren Beschreibungen nicht übereinstimmt und daaa auf dem 
Rieckeschen Plan von 1734 zwischen den beiden Linien befind- 
liche Schanzen eingetragen sind, die sich auf den Plfinen aus 
der Zeit des spanischen Erbfolgekriegs nicht finden, dass „in 
einer späteren Periode, vermutlich im poloischen Thronfolge- 
krieg", ein Umbau stattgefunden hat. In der Tat ist auch zwi- 
schen den Perioden, in denen die verschiedenen PlSne entstanden 
sind, eine andere Gelegenheit oder Veranlassung für einen der- 
artigen Umbau nicht denkbar. Dem genannten Rieckeschen 
Plan weist Lang übrigens auf Grund seiner Untersuchung der 
noch vorhandenen Reste mannigfache Irrtfimer und Ungenauig- 
keiten nach. HauptstUtzpiinkte der Linien von 1734 waren das 
inselartig gelegene, stark befestigte Schloss Scheibenhardt und 
das stattliche Hornwerk, zu dem an der Johannesbriicke die 
Schanze der älteren Befestigung ausgebaut wurde. Hier befand 



i 

J 



196 Boeeser 

sich auch eine Hauptschleuse, durch die das Gelände bis nach 
Maisch hinauf unter Wasser gesetzt werden konnte, 

An der Johannesbriicke treffen die alte Linie von 1707/08 
und die neue von 1734 zusammen. Von hier aus läuft eine Kette 
von Verschan Zungen südwestlich auf EttUngenweier zu, während 
eine zweite, hakenförmig zurückgreifend, bis in die Gegend des 
heutigen Staatsbahnhofs Ettlingen reicht und ihre Fortsetzung 
in einzelnen noch nördlich der Stadt gelegenen Schanzen findet. 
Eine genaue Festlegung ist hier unmöglich, da die Pläne nicht 
übereinstimmen und Reste nicht mehr vorhanden sind. Noch weiter 
nördlich finden sich auf einem 1740 gezeichneten RUppurrer Ge- 
markungspian noch einige Sperrschanzen, die aber wol erst dem 
Kriegsjahr 1735 angehört haben, in dem. wie später zu erwähnen 
sein wird, Prinz Eugen seine ^Inundation" noch erweiterte und 
bis in die Gegend von Schwetzingen ausdehnte. 

Von dem Punkte östlich EttUngenweier, wo der Beierbach 
aus dem Gebirge heraustritt, folgte nun die neue Linie der 
Richtung der alten und führte als Verhack auf die Höhe des 
Kreuzelbergs hinauf, wo sie nun wieder in die noch vorhandene 
Schanzenlinie überging, die bis zur Schöllbronner Straße reicht. 
Auf dem westlichen Abhang des Gebirgs liegt hinter ihr eine 
kleine geschlossene Redute ohne Geschlilzstände, also wol nur 
ein Beobachtungsposten, dicht an der Schöllbronner StralJe vor 
ihr, jetzt fast ganz durcli Unterholz und Gestrüpp verdeckt, 
eine große fünfseitige Schanze. 

Sehr interessant sind die nun folgenden, auf sorgfältigen 
archivalischen Studien beruhenden Berechnungen über die un- 
mittelbaren und mittelbaren Kosten des Linienbaus, die sich, 
abgesehen von dem Bodenwert des benutzten Geländes, z. B. für 
Baden-Durlach auf rund 190000, für Baden-Baden auf 467000 M. 
stellten. 

Das stattliche Werk der £ttlinger Linien hat die Hoffnungen, 
die man darauf gesetzt hatte, nicht erfüllt, ebensowenig, wie 
1703 die mittlere und 1707 die Stolliiofen-Bühler Linie. Zwar 
übernahm kein geringerer aU der greise Prinz Eugen 1734 den 
Oberbefehl am Rhein und nahm am 27. April sein Hauptquartier 
in Waghäusel. Aber von den 80000 Mann kaiserlicher und 
Heichstruppen, deren Aufstellung beschlossen war, hatte er, teil- 
weise infolge ungeschickter Verzettelung der Streitkräfte durch 
den Markgrafen Ferdinand Älbrecht von Braunschweig-Bevem, 



Die Ettlinger Lin 



197 



der bis zu seiner Ankunft den Oberbefehl geführt hatte, in den 
Linien nur etwa 6500 Mann achwilbiacber, zwischen der Linie 
und Philippsburg etwa die gleiche ZaM frünkischer Kreistruppen. 
Dagegen standen ihm gegenüber etwa 80000 Mann französischer 
Truppen unter dem Marschall Berwicli und dem Herzog von 
Noailles. Das Ziel ihrer Unternehmungen war Philippaburg. 
Berwick gedachte mit dem Hauptteil seines Heeres von Fort 
Louis aus gegen die Linien vorzugehen, wahrend eine Heeres- 
abteilung unweit Mannheim den Rhein überschreiten und den 
Kaiserlichen in den Rücken fallen sollte. Berwick vollzog seinen 
Rheinübergnng bei Fort Louis am 2. Mai und schob seine Vorhut 
sofort bis Rastatt vor. 

Für die Schilderung der Einnahme der Linie benutzt Lang 
besonders zwei Berichte, die sich in allen Hauptpunkten decken, 
einen namenlosen, den er mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit 
dem Rastatter Amtmann zuschreibt, und den des Reisemarschalls 
Schott von Schottenstein, den dieser an den während des Kriegs 
in Basel lebenden Markgrafen Karl Wilhelm richtete'. Am 
3. Mai zog die Hauptmasse des französischen Heeres durch 
Rastatt, das Hauptquartier wurde nach Morsch vorgeschoben. 
Auf diese Nachricht setzte Prinz Eugen noch in der Nacht vom 
3. zum 4. Mai sein bei Waghäusel stehendes Korps, dem jetzt 
übrigens auch kaiserliche Regimenter angehörten, gegen MUhl- 
burg in Marsch, wo er selbst am Vormittag mit der Reiterei 
eintraf. Der Herzog von Noailles, dem der Angriff auf die 
Linie übertragen war, entschloss sich, in der Ebene einen Schein- 
angriff zu machen und den Durchbruch oben im Gebirge zu ver- 
suchen. Zu diesem Zweck brach der dazu bestimmte General 
Marcieu in der Nacht vom 3. zum 4. Mai um Mitternacht von 
Maisch auf, gelangte über den Rimmelshacber Hof gegen Tages- 
anbruch an die Linie heran, jedenfalls da, wo die SchöUbronner 
nnd Spessarter Stralle zusammentreffen, und durchbrach mit 
leichter Mühe die Verschanzung. Darauf befahl Eugen, der 
inzwischen die Linie besichtigt hatte, den Rückzug, ehe noch 
die Infanterie an die Linie herangekommen war. Dieser Bück- 
zng vollzog sich seitens der fränkischen und schwäbischen Kreis- 
truppen fluchtartig, während die Kaiserlichen in leidlicher Ord- 

* Darcb ein Versehen der Dmckerel Bind die Ziffern im Text, die 
•nf die am Schloss der .Schrirt Iulgeadtn Aninerkangen binweiaeo, von 
58 u um 2 erhöht. Uan lese also 5S statt 60. iid statt Cl usw. 



J 



198 



Boesaer — Die Ettlinger Linien 



nung uad ohne Verluste an Geschützen usw. zurtickgegangen 
2U sein scheinen. Um nicht von Berwick und d'Asfeld zwischen 
zwei Feuer genommen zu werden, ging Eugen unter Preisgabe 
Philippsburgs hinter den Neckar zurück, Karze Zeit daranf 
fiel Philippsburg, aber die Franzosen hatten diesen Gewinn mit 
dem Verlust des durch eine Kanonenkugel getöteten Marschalls 
Berwick teuer bezahlt. 

Der Befehl, binnen fünf Tagen die Ettlinger Linie ein- 
zuwerfen, war völlig unausführbar und ist auch in der Folge 
nur sehr unvollkommen zur Ausführung gebracht worden, wie 
die noch vorhandenen bedeutenden Überreste beweisen. Die 
nördhch von Ettlingen gelegenen Schanzen des Jahres 1734 ge- 
hörten im folgenden Jahre zu den Stützpunkten der von Eugen - 
gegen PhiUppsburg ins Werk gesetzten großartigen „Inundation", 
die sich von Ettlingen bis Ketsch unweit Schwetzingens er- 
streckte, aber, da am 3. Oktober 1735 der Präliminarfrieden zu 
Wien abgesclüossen wurde, keinerlei militärische Rolle mehr 
gespielt hat, 

Dies etwa ist der Inhalt der dankenswerten und erschöpfen- 
den Schrift Längs. Beigegeben ist ihr ein Plan der Linie von 
1708/09, den der Verfasser nach dem großen, im General-Landes- 
archiv befindlichen Plane Batzendorfs gezeichnet hat, und eine 
photographische Nachbildung des Bieckeschen Plans von 1734. 

Die Geschichte der Ettlinger Linien war mit dem Jahre 
1735 beendigt, und die Linienbefestigungen überhaupt haben 
damit wol filr alle Zeiten ihre Rolle ausgespielt. Sie konnten 
einen wirklichen Schutz nur gewähren, wenn sehr bedeutende 
Streitkräfte zu ihrer Verteidigung zur Verfügung standen, und 
für derartige Streitkräfte bot anderseits das angriffaweise Vor- 
gehen sehr viel größere Aussicht auf Erfolg als die Verteidigung 
einer Linie. 

wünschenswert wäre, dass, nachdem sowol die untere als 
auch die mittlere Linie eingehend behandelt worden sind, sich 
nun auch ein Bearbeiter der Geschichte der etwa von Säckingen 
bis zum Feldberg reichenden „oberen" Linie fände. 



I 



Das Haigerlocher Stadtbuch von 1551. 

Mitgeteilt von Ernst Batzer. 

Die hohenzoUersche Oberamtsstadt Haigerloch besass schon 
früh Stadtrechte, von Lassberg vermutet, dass die Verleihung 
derselben durch den Grafen Albrecht von Haigerloch-Hohenberg, 
den Minnesanger (f 1298) erfolgte; „denn sie (die Stadt) führt 
den Hohenbergischen rot und weiß geteilten Schild als Stadt- 
wappen, und zu Kaiser Rudolfs Zeiten waren die Verleihungen 
von Stadtrechten besonders häufig" ^ 

In der Rechtsgeschichto der Stadt lassen sich deutlich 
drei Abschnitte erkennen, welche jedesmal einen zusammen- 
fassenden Abschluss erfuhren in dem „Pergamenbichle** 1457*, 
dem unten abgedruckten Stadtbuch aus dem Jahre 1551 und 
dessen Erneuerung im Jahre 1717. Diese Erneuerung wurde 
jedoch von der österreichischen Herrschaft nicht anerkannt 
und war daher nur kurze Zeit in Kraft ^. 

Das Original des Stadtbuchs von 1551 befindet sich in 
der Gemeinderegistratur von Haigerloch. Es ist in Pergament 
geheftet und r. 16 X 22 cm groß. Die Zählung der einzelnen 
Artikel reicht nur bis 25. Der Text beginnt auf der dritten 
Seite und endet auf der viertletzten ; er ist von einer Hand. Die 
andern Seiten enthalten spätere Einträge. Als Verfasser gibt 

^ Die Herren und Grafen von Haigerlocli samt den Stadtrechten 
von Haigerloch usw. Württembergische Jahrbücher, von Memminger 1836, 
S. 112. 

' Mitgeteilt von v. Lassberg in den Jahrbüchern von Memminger 
1837, S. 111 — 119 und von Birlinger in den Mitteilungen des Vereins für 
Geschichte usw. in Hohenzollem VI, 51 — 61. 

• Bericht über die von Job. Lentz usw. beim Reichshofrat in Wien 
wider das anno 1717 erneute Stadtbuch zu Haigcrloch eingelegte 
exceptiones. Akten iu der Oberamtsregistratur Haigerloch (nach Mit- 
teilung des Herrn Hodler). 



200 BatKer 

sich ein Hans Fuchs, Ratschreiber von Haigerloch, zu erkennen: 
am Schluss von 12 b heißt es: „Item ich Hans Fuchs, statt- 
schreiber, beken mit aigener band, nach dem mich gemaine 
statt angenoraen, das ich inen by einem geschorenen aid ver- 
sprechen mießen, inen in allen iren anügenden zimlichen vnd 
billichen dingen, so offt man mein nott ist, gehorsam zue sein.* 

Für die Festlegung des Alters von unserm Stadtbuch ist 
eine von Franz Wilhelm Freiherr von Stein, Hofrichter zu 
Rottwoil, vid. Kopie aus dem Jahre 1671 von Wichtigkeit. 
Dieselbe enthält auch das Perganientbiichle von 1457 und 
einige Freiheitsbriefe. Der Pergamentdcckel führt die gleich- 
zeitige AufBchrift: Stattbuch de an. 1457 et 1551, 

Der Annahme, dass unser Buch 1551 entstanden, steht 
eine Angabe entgegen: „Schon im ältesten der drei Haiger- 
locher Stadtbüchlein, welches 1444 schon existierte, sehr 
wahrscheinlich aber viel älter ist und das wir zum Unter- 
schiede vom Pergament-Stadtbüchlein (1457) und vom erneu- 
erten Stadtbüchlein (1717) das uralte Stadtbüclilein nennen 
wollen, heißt es über die Fleischschau (folgt die 5 b enthaltene 
Bestimmung) diese Bestimmung wurde fast wörtlich in's Per- 
gament- Stadtbüchle aufgenommen." * 

Es läge demnach der seltsame und undenkbare Fall vor, 
dass die Erneuerung sich als ein Auszug eines weit umfang- 
reichern ersten Buchs darstellen würde. Der Verfasser der 
Schrift war so liebenswürdig, mir seine Quellen zur Verfügung 
zu stellen. Es sind zwei Notizen aus den Kollektaneen des 
verstorbenen Pfarrers Schellhammer, des Sekretäis des Vereins 
für üeschichte und Altertumskunde in Hohenzollem: 

1. Eine Abschrift des Stadtbuchs, die Schellhammer 
von befreundeter Seite zuging, trägt den Vermerk: „NB. Dieses 
Stadtbuch ist vor anno 1444 geschrieben, in welchem Jahr 
Hans Fuchs Stadtschreiber war." 

2, In dem Prozess der Herrschaft mit der Stadt von 
1672 — 73 behauptete der herrschaftliche Anwalt, „dass auf 



k 



' Alt -Hai gerloch. Auszug aua einem Vortrüge über die Entwicklung 
des Handwerks in Hoigerloch 0. J. S. 9. 




Das Hnigerlüi-ber Stniltbucli i 



201 



Mittwoch nach St. Michaelstag von 14Ti7 {also 6 Wochen vor 
der in das Pergamentbichle eiEgetragcncn Besehreibung) von 
den damaligen Oberaratleuten der österreichischen Herrschaft 
Hohenberg ein Exemplar der uralten von der Stadt Haiger- 
loch wohl hergehrachten Privilegien, Statuten, Herkommen 
etc. in das Äi'chiv zu Rottenburg mitgenommen worden sei'. 

Aus 2 glaubte also der Verfasser schließen zu müssen, 
dass ein älteres Stadtbuch als das von 1457 existierte und er- 
blickte dieses in dem unten mitgeteilten. 

Dies ist nur möglich, wenn die Originalität des mir vor- 
liegenden Exemplars bestritten wird, dessen Schrift sicher 
der Mitte des 16, Jahrhunderts angehört. Aber abgesehen von 
den äußern Merkmalen ist an der Zahl 1551 festzuhalten: 
Am letzten Juli 1551 vertragen sich Joh, Niklaua von Hohen- 
zollem als Herr von Haigerloch und die Stadt, , nachdem sich 
von wegen gemachter pollicey Ordnung spän vnd mißverstandt 
zu getragen". Diese „Läuterung" bildete die Grundlage des 
neuen Stadtbuchs, indem eine ganze Reihe von Bestimmungen, 
teils endgültig festgelegt, teils der Stadt anheimgestellt wurdeü^ 
Auch wird in dem Urbar von 1547 ein Hans Fuchs als Stadt- 
schreiber genannt^. Nach all dem ist unser Denkmal sicher 
in der zweiten Jahreshälfte von 1551 entstanden. 

Der Abdruck ist genau nach dem Original, nur die Inter- 
punktion wurde geändert. Einige Schwierigkeit macht die 
Anwendung des Ü-Bogens, der bisweilen als solcher, dann aber 
auch als Quantitätszeichen dient. Die Schreibung ist im all- 
gemeinen noch konsequent, nur dort, wo der Sehieiber über 
die phonetische Wiedergabe schwankt, heiTscht Unsicherheit: 
so erscheint der volkstümliche ,au'-Laut, der sich noch durch 
das ganze Pergamentbiichle durchzieht, wol gerade so oft 
als & oder vor Verdopplung des folgenden Konsonanten (welches 
hier doch wol von der Konsonantenhäufung in der Schreibung 

' Vgl. Kopie in der Stadtrcgiatratur Haigerloch. Icli glBube mit Rllck- 
Bicht auf den Kaum eine Gegen QberstJillung der heideo Urktmden ontertaBien 
m können, zamal ich vielleicbt später einmal Gelegenheit nehme, diese 
,Lfinterang' bekannt zu geben. 

• Alt Haigerloch, S. 29, 



J 



202 Baizer 

des späten Mittelalters zu trennen) ; bisweilen steht auch ein- 
faches a ohne Doppelkon aonanz, also: raut, rät, ratt.und rat; 
waut und wauffen usw. Auch sonst lässt sich über den Laut- 
bestand noch ähnliches sagen wie in dem PergamentbUchlein: 
nebenzu kommt wol noch gerade so oft zo vor. auch das 
geschlossene e in schweren hat sich erhalten. Hier war wol 
die Vorlage älterer Urkunden nicht ohne Einfluss, sonst hätte 
sich die Entwicklung eines Jahrhunderte mehr geltend gemacht. 

Zum Schlüsse möchte ich auch hier dem Herrn Gerichts- 
rat Rödler in Haigerloch für gefällige Mitteilungen und Herrn 
Bürgermeister Albrecht für freundliche zeitweise Überlassung 
des Denkmals nebst andern Urkunden meinen geziemenden 
Dank aussprechen. 

[2aJ Nota hie nach geschriben findt man der statt Hayger- 
loch ir allt vnd loblich herkomen, gewonbaitten, besatzungen viid 
recht, wie die heren vnnß bis hieher gehaltten vnnd waß wir 
inen zu thond schuldig sind etc. 

Item welcher her edelman vnd wer die herschaft Hayger- 
loch in nemen will, der sol .noran inen schweren ain ayd, sie 
by iren löblichen vnd altten herkomen vnd gwonbailten, wie sy 
die von altter herbrächt band, ze blyben lassen. 

Item welcher zh ainen vogt gen Haygerloch gesetzt wirt, 
der sol schweren den burgern ain ayd vnd der herschaft Hayger- 
loch trwü vnnd warhait vod sie by iren altten bruchen vnd 
herkomen, gwonbailten vnd reehtten blyben ze laussen vnd ain 
rSt üft versch\\'ygen, wa daß wider vnnser heren nit ist, vnd waß 
der [2 b] selb vogt stuirbare gietter inhet oder vberkXm in der 
Statt stuir, die soll er verstuiren alß ain annderer burger. 

Item die heren band ain schulthaissen zu besetzen vnd enf- 
zetzen, doch so soll er vor hin ain burger sin oder werden, ^-nad 
wan er gesetzt wirt, so soll er den bürgern schweren ain ayd, 
die herschaft by iren ob gerüertten loblichen bruchen vnd alt 
herkomen, gwonbaitten vnd reehtten belyben ze laussen vnd inen 
die selbigen helffen band haben vnd ain rfit ze verschwygen, 
wa daß wider vnnßer heren nit ist, vnnd der selbig scbulthaiß 
sitzet fry stnir vnd wacht, thorbiett vnd tagdienst. Item vnd 
er mag vfin schenken vnerlouptt by dem besten, der herloupt 
wirt, vnd in den selben wessen belyben vnd er mag och die 
burger in den wyhennechtten bitten vmb ain laitte vnd wer 




Das Haigerlocher Stadtbuch von 1551 SO 3 

daß thüt, ist den btlrger lieb, doch daß er daß holtz selber hab; 
vnd soll dan iedem karer ain brott geben für ain pfening. 

[Ba] Item die von Haygerloch sind den heren dehainen 
tagdienst schuldig z& thond, wol mag der vogt in den wyhen- 
nechtten bitten nmb ain laitte, vnd wer daß tAtt, ist den burger 
lieb, doch daß er daß holtz selber hab; vnd soll iedem karen 
ain brott geben für ain pfening. 

Item die heren vnd ir ampt lüt sollend kainen burger turnen 
oder blecken, welcher daß recht zu verbürgen hat mit zehen 
pfund Tübinger, eß wäre dann söllich freffenlich^ sachen vnd hand- 
langen begangen betreffende daß malefitz, darumb burgschaft 
von im nit vff ze nemen war. 

Item war ouch sach, daß ain biirger verlumbdet wurde 
vnd in gefencknuß kam, so soll der selb nit gewegen ^ noch mit 
im gächt^ noch geylt werden, biß man an ainen gericht vnd 
rat herfarung geschiht, wie er sein wessen herbracht hab, da- 
mit dhain vntrwü gegen im furgenomen, noch niemantz geschmächt 
wärde. 

[3 b] Item ob sich begeh, daß ainer oder aine handlung oder 
taut begieng, als sich mangerlay in ainer stat oder herschaft 
verlouft, daß man nit mit recht strauffen mag oder vf in bringen 
mag, darumb daß dan die gerech ttikait iren f urgang vnd daß 
vnrecht gestrauft werde, so soll ain schulthaiß vnd der rät die 
selben in gefencknuß oder in straf nieman, wie sy billich be- 
dunckt. 

Item wan schulthaiß vnnd rat mit ainander strafen wellten, 
darumb sy vermainte strauf schuldig weren, so soll in nit helfen 
daß recht an ze rieffen noch daß recht ze verbürgen, vnd soll 
die gemaind miessig gon. 

Item wa etwaß clagt wirt, daß soll nit lär noch naüch ge- 
laussen werden sonder der da clagt, sol seiner clag nachgon, 
ob er aber daß nit tutt, nit dest minder soll dien heren die 
pen verfallen sein: wer daß mit recht verlürtt dry lib. Tübinger 
vnd dem gericht fünf Schilling Tübinger. 

[4 a] Item welcher burger oder in woner etwaß zu schaffen 
hett oder gewene, von schulden oder an Sachen wegen, der soll 

^ Ha.: treffentlich. 

* wegen stv. hier: auf der Folter wägen, foltern. 
' gecht allit. und syn. mit dem folgenden geylt, von gäben, gaeben 
intr eilen. 



204 Bftfzer 

von ersten zfi dem schultliaissen gon vmb vsrichttung, vnd mag 
im net vsrichttung werden z& der billicbait, so mag er wol gon 
für burgermeister vnd rfit, mag im fleh nit billich vsrichtung 
beschehen, so mag er darnach wol für ain vogt gon; welcher 
aber für ain vogt gaut ee vnd fur ain schulthaiß oder rat, 
der ist den heren verfallen dry liber hlr. vnd dem gericht 
fünf ß hlr. 

Item böse red ist dem gericht fünf Schilling heier vnd dem 
schulthaissen drj Schilling heier. 

Item ain frSfel ist den heren dry liber Tübinger vnd dem 
gericht fünf Schilling Tübinger. 

Item ain bliittende wund ist den heren zeben pfund Tü- 
binger vnd dem gericht ain lilier Tübinger. 

Item ain blattende wunde, wie lang vnd wie tieff die 
sein soll, habend die burger ain meß in ir lad im gewelb 
ligen. 

[4 b] Item welcher freffelt vmb eer vnd gütt, der bessert 
den heren mit zehen pfund Tübinger vnd dem gericht mit ainem 
pfund Tubingev vnd nit iner. 

Item wer ain todschlag tut oder begät vnd hergryffen wirt, 
der soll sein baar gegen baar, wie recht ist, kompt er aber 
daruon, so soll der schulthaiü von einß her«n wegen dem selben 
sein htiß besetzen se«chll wochen vnd dry tag, doch so soll deß 
selbigen gesunde dauon die zyt essen vngeuarlich vnd wan die 
selbig zyt vß wirt vnd der tätter mit den heren nit vberkomeu ist, 
so soll dan ain amptman von deß heren wegen von deß selben 
gütt nemen zehen pfund Tübinger vnd nit mer, vnnd soll dan 
derselb von der stat sein zehen iar vnd ain tag, vnd wan die vß 
sind, so mag der selbig komen vnder daß thor vnnd mag er 
schweren ain ayd zii got, den haiigen, daß [5 a] er in den zehen 
iaren in der stat nit gewesseu sy, so mag er dan wol in die 
stat gon vnnd Schieber (sie) sein vor den heren vnnd iren 
amptlutten vnd vor der statt; ist sach, daß er sicher sein mag 
vor den frunden deß entlyptten; micht er aber den ayd nit 
schweren, so soll er aber zehen iar vsserhalb der statt sein von 
dem tag, alß er in der stat ist gewessen. 

Item wann man vber daß blütt rieht, so dick vnd vil daß 
recht beschicht, so soll der her vnd die oberkait geben den 
richttern ain maul ze essen vnd trincken. 




Das Haigcrlockcr Stadtliuch voa 15.'^! 305 

Ettlich atattutta vnd ordiiiingen der atatt Haygerloch von alter 
gebrucht vnd gehalten. 

Item wann fuir in dem seinen vnd by im vff gaut vnd 
ander lüt vor im ee vnd erst b«riefft vnd scliryt, deÜ glychen 
sein huß gesinde, dei- ist der stat verfallen zehen pfund heier. 

[5 b] Item welcher nachtz vnrecht weg in die stat oder 
vß der stat gant, der ist den heren verfallen zehen über heier 
vnd der stat ain Über heier. 

Item brott. win vnnd fleisch daß sol aygentlich vnd vly- 
senklich bescli ich t iget (sie) werden vnd also vertriben sein; wa 
aber daß nit beachäch, so soll söllichs gestrauft werden, wie 
hernach volgt. 

Item welcher win sclienckt onerloupt, der ist verfallen der 
stat ain Über heier; vnd welchem win erloupt wirt vnd den nit 
sebenckt oder zü schlflge onerloupt, der ist der [stat] verfallen 
ain über heier. 

Item welcher beck zu klain bacht, der ist der statt die 
ainung verfallen. 

Iteia welcher metzger zii banck haut oder schlecht onerloupt, 
ouch welcher vnder der metze haut, daß heruß gehört für die 
metze, der ist der stat die ainung verfallen 1 liber heier. 

[6a] Item die burger hab&n kain h6hei- pott ze thond noch 
ze pietten dan by ainem pfund. 

Item welcher vber essen marcken zint ert oder einnempt, 
der ist der stat verfallen ain liber heier. 

Item wan die burger in der stat verbiettend werck ze 
machen oder burger wasser haben, wer daß vbergaüt, der ist 
der stat die ainung verfallen. 

Item die heren, so Haygerloch in habend, die söllent die 
herschaft mit dhainem frembden vich nit vberschlahen. 

Item die burger habend ainen bittel oder statknecht ze 
setzen vnnd entsetzen, doch daß er vor an schwAr den heren 
vnd der statt trwii vnd warhait, iren fronten zft werben vnd 
iren schaden zu wenden vnd ainen ratt zfi verschwygen sein 
leben lang vnd waß für in konipt, zu richtten, darumb er vrteil 
geben muß, ze richtten niemantz ze lieb noch laid vnd [6b] 
Bunst durch Uainer ander Sachen willen dan dem rechtten aller 
glychest nach seiner erkantnuß; vnd wa er von dem ampt 
kerne vnd nit mer da wilre, waß dan er mit ainem yegklichen 





306 BatfeT 

in der herscbaft zu thond bette, die selben sol er blyben laussen 

in den gerichtten, darinn sy gesessen sind, vnd sy nit ferer für 
nemen mit frembden gerichtten ; vnnd der selbig knefht sol fry 
sein aller sachen, eß war dan saeh, daß er het oder vberhi'im 
stuirbare gietter, da sol er stuira von geben alß ain anderer burger. 

Item man ist dein selbe n knecht nit schuldig zu geben 
weder behusung noch beboltziing, dan daß er van der obge- 
meldtten ainptlUtten nieman mag von ainer ieden lattin ain kar 
uol holtz. 

Itera der selb knecht soll by seinem ayd alle nÜicht nach 
der wachtglocken gon zfi allen thoren vnd lügen, ob die be- 
schlossen vnd versorgt sygen; eß werd im dan von dera schult- 
haißen, burgermeistern'" vnd den elttesten erloupt. 

[7a] Item vnd ist sein Ion kü ieder stiir ain libef v ß heier, 
vnd welcher pur hat nemlich zwo juchart der gibt, im ain garb. 

Item gibt im iegklichß gehuset, wer aigen kost hfit, vf die 
vasniicbt ain laib brott; darumb ist er verbunden ietlichem burger 
ze fnrbietten. 

Item ain frembder, dem er fuirpyt, ist im vnib ain furpott 
zwen pfening, vnd welchem frembden er aamlette ain gericht 
oder ain rät, der sol im geben ain blaport. 

Item von ieder wacht soll im werden dry B, vnd waß man 
obß, rieben oder anderß am märckt fail hat mit ainem karen, 
sol im geben zwen pfening, vnd welcher fail hat mit ainem roß, 
ain pfening; waß man aber zä märcktret, gibt im nichtz. 

Item ain tag lener sol ainem stat knecht iedeß jarß in sonder 
geben zwen pfening. 

Item ain handwerckßman, vnd so nit bw h&t, sol im geben 
dry pfening. 

[7b] Wie cß an den jar märcktten sol gclialtten werden. 

Item wafi die statt fiir pfannd zii verkauffen vnd vmb ze 
schlahen hat, el3 sy von stuir, wachtten oder von anderß wegen, 
ist die stat noch iemantz kain Ion schuldig. 

Item wan der stat knecht pfand verkaufft änderst dan 
oblut, gyt man im von aim pfund zwen ej. 

Item ob ainer aim nit pfand geben wölt, vnd miest den 
stat knecht hollen vnd haben, ist der knecht ein schuldig ze 
hoUen on Ion. 

'" Ilaigerloch hatte fQr Ober- Dnd Unlflrstadt je einen BOrgermeiBter. 



J 



Das Haigerlocher Stadtbach von 1551 207 

Item muß aber der stat knecht für daß thor vff ain gütt 
gOD, so sol der selbig dem knecht von ainem pfand ze holen 
geben ain Schilling heier. 

Von dem märckt. 

Item daß gelt von den krämer vnd stetten vff dem märckt 
an den jarmärcktten in der vndern stat biß an die brugk gehört 
deß vogts knecht vnd dem stat knecht, wie von alter her- 
komen ist. 

Item vnd waß inerhalb der brugk vnd vff dem rathuß gefeit, 
ist der stat. 

[8 a] Item waß vnnder den thoren gefeit, ist deß stat 
knechtz; daruon soll er die thor versehen, wie er dan daß ent- 
schaiden wirt, vnd soll die lut zimlich haltten vnd iemantz 
schätzen noch vnbillich vbememen. 

Item der stat knecht sol ouch helfen den veld schützen 
die weg machen vnd sy an ze weysen. 

Vom fryen zug. 

Item die von Haygerloch hand ain fryen zug dar vnnd 
danen ze ziehen vnd mögend wol burger zu inen vffniemen vnd 
ze empfahen, wie von alter herkomen ist, darzü sollend inen 
die heren vnd ir amptlüt helfen, och sy haben vnd schirmben, 
alß ouch herkomen ist. 

Dem ist also: 

Item welcher vnnser burckrechtß begert, der keinem heren 
gelopt noch geschworen hat, noch kain nachvolgenden anhang 
hat, vnd im seinß manrechts zu vertruwen ist, der sol mit dem 
beschaid empfangen werden, daß der soll schweren, vnnserm heren 
vnd der statt trwu vnd warhait, den amptlütten vnd dem rät 
gehorsam vnd wärtig sein vnnd [8 b] soll fünf jar ain burger, 
er tragß dan mit inen ab, vnnd wan man die stürm lüttet, so 
sol er den nechsten gon, wa hin er beschaiden ist; war aber 
er an kain ort noch end beschaiden, so sol er den nechsten 
dem baner zu louffen; ist er aber vsserhalb der statt vnd hört 
die Sturm vnd waist daß baner im feld, so soll er den nechsten 
dem baner zu louffen, ob er mag; ist daß nit so, soll er der 
stat zö louffen vnnd alweg gehorsam sein, dienen, so der gewalt 
befelchen ist. 

Item welcher burger ist, eß sy ain inn- oder vßburger 
vnnd an der frembde wer, vnd hortte, daß vnserm gnädigen 



208 Batzer 

hereu, oberkait vnd der stat scbadeQ oder übelß zö ston solt, 
der soll daß warnen vnd anzaigen der statt von stunden an. 
ob er map, mit sein selbli lyb, mag er aber daß uor kranckbait, 
forcbt oder findscbaft halb nit thon, der soll daß thon mit ainem 
gewissen botlen; deß bedarff er koin scbaden hon. 

[9a] Item man ist schuldig ain burger ze holten ain niyl 
wegß; do sol er den fürlütten vnd rossen geben ftitter vnnd 
mafil vnd sunst kain Ion, vnd wan er berkompt, so darf er den 
rossen nit ffitter geben, vnd wer eß im nott vnd begertt eß, 
so 8oI man in mit dem baner hollen v£f sein costen, deß glychen 
wan er daß burgkrecht vfgyt, ist im nott ^-nd begert deß, so 
sol man in öcb am my! wegß belaitten vff sein costen. 

Item vnd wan die fünf jaiir vß sind, so mag ain inn- oder 
vßburger daß burgkrecht viFgeben dem scbulthaissen oder knecht, 
so sol man daß von im vffnemen. 

Item ob aber ainer des gerichtß oder rätz daß burgkrecht 
vffgi'ib, von dem ist man nit iScbuldig daß vff ze nenien, er well 
dan beweg ziehen. 

Item wer ouch sach, daß ainer geschickt vnd toUgenlich 
wer ze nientan ingericht oder rftt, vnd nit burger wer, der Hol 
burger werden vnd gehorsam sein. 

[9 b] Item wa her ainer oder nine kam vnd ain burgerin 
oder ainß burgerß dochter nilm, deß soll daß burgkrecht vffnen 
mit ainer maß win: der ist dan ain burger. 

Item wa ain bnrger ain andern burger in nötten säch. 
vnnd der daß recht an rüftte, so soll er im hillf senden vnd 
thon, so ver er mag; deß glychen ist man im och schuldig. 

Von houptfelen. 

Item wan ain man von tod abgät oder gangen ist, von 
dem sol man nieman ee houptrechtt daß beste honptvich; hat 
er aber kain vicb, so sol man von iiii nieman waut vnd wauffen. 

Item ob sach wer, daß vsserhalb heren oder edellUt aigen 
mt in der herschaft Haygerloch betten vnd die von tod ab- 
gangen wären, die sollend nit wytter noch höcher ge- 
fallet werden, dan wie ob gemeldet ist vnd von allter her- 
komen ist. 

[lOaJ Item vnnd welch« fraw von tod abgangen ist, von 
der sol man nieman zu houptrecht die claider, alß dan sy an 
dem möntag in die kirchen gangen ist vngeuarlich. 



Das Haigerlocher Stadtbuch von 1551 209 

Item welcher zu tod geschlagen, oder sunst ainß vnrechtten 
todß starbt vnnd ouch kindbetterna, die da sterben, sind kain 
houptrecht noch fall schuldig sein den heren. 

Item die von Haygerloch sind kain stab raiß schuldig, dann 
ob die amptlüt deß notturftig weren von eineß heren wegen, 
so soll man daß an bringen an ain rät; werdent dan lüt henuß 
geschickt, so soll die statt der kain schaden haben. 

Item so man lut schicktte henuß vsser der statt vber füir 
vnd der glychen, soll iedem geschicktten geben werden ain 
m&ß win vnnd ain pfening brott; soll der her vnd stat gemein- 
lich bezallen. 

[10 b] Item wan der schulthaiß zu Haigerloch von tod 
abgangen ist, oder sunst verenndert wirt, waß dan frAflfel nit 
berechttend weren, die sind tod vnd ab, wie von alter her- 
komen ist. 

Item deß glychen wan die herschaft Haigerloch in ain ander 
band ain heren kern, waß dan fraffel nit gerechtfertiget, sind 
och tod vnd ab. 

Item die burger habend zu verbietten spülen, schweren, 
lange messer ze tragend vnd deß nachtteß zii vnzyt vff der 
gassen gon, oder spieß oder weren gebiettend ze tragen, vnnd 
welcher söllichß vbergaut vnnd nit haltet, der ist verfallen der 
stat die ainung. 

Item wan dan gericht zii Haigerloch nit gantz ist vnd 
richtter gebrist, so soll der schulthaiß vnnd daß gericht her 
setzen vnnd die nienian vß dem rät, weche sy bedunckt dar zu 
gfitt vnnd tougenlich ze sein. 

[IIa] Item wan der rät nit gantz ist, so soll der schult- 
haiß gericht vnnd rät den her setzen vnnd vß der gemaind 
nieman, welche sy darzü bedunckt gut sein ; vnnd die selben, so 
in gericht oder rät erweit werden, die sollend burger sein, wa 
sy aber nit burger weren, so sollend sy burger werden vnd daß 
burgerrecht emphahen. 

Item die heren gebend den burgern an dem jaurgericht 
von iedem wurt ein vierteil win. 

Item die heren schänekent an der ascherigen mitwochen 
den lütten in die zech ain pfund heier vnnd die burger schänckent 
öch ain liber heller. 

Alemannia N. F. 9, 8. i^ 



Bateer 



Von dem insigel vnd zö besiglen. 

[IIb] Item daß insigel der gemain stat sali ligen in der 
[ richtter gwalt mit dry schlyseln geteilt, vnd waii dauon gefeit 
ist den ricbttern zu gehörig. 

Item waß sie besiglent, daruon ist ainer schuldig ain vier- 
teil n-inß, daß mag man nieman zürn besten. 

Item wa man mit der vrteil ain emsatzung erkennt vnnd 
nit besigelt, ist Öch ain vierteil winß, ob man aber zfl dem 
herkennen besigelt, da ist man ouch nit mer dan ain vierteil win. 

Item wa ain obergeben vnnd ain gemechtt beschicht, da ist 
ieder teil den richttern ain vierteil winß schuldig, 

. Item ob man ainem burger ain fnrdemuö oder bitt brieff 
besiegelt vfl" bappir, der gyt den richtem nJchtz, aber dem 
Echriber seinen Ion. 

Item ob ain frembder deß begert, soll geben den richttern 
1 ä 'winß. 

[12 a] Wie mit dem statschriber vnd schülmaister gebalten sol 

werden. 

Item die burger hand ainen schülmaister vnd stat scbriber 
zu besetzen vnd" der stat trwu vnnd warhait, iren fromen ze 
werben vnd iren schaden ze wenden. 

Item waß ain stat scbriber wandel barer ding in brieifen, 
80 er vor gericht vnd rät lisset in geriebt oder rSt offen. 

Item er soll ain rdt verschwygen sein leben lanng. 

Item kain brieff mit der statt sigell besiglen, eß sy dan 
der schulthaiß oder sein gewalt vnd der merteil richtter do, eß 
werd dan von iaen in seinem byvvessen mindern bevolhen; vnnd 
wan er nit nier by dem ampt ist, waß dan er mit ainen ietlicfaen 
in der herschaft zu schaffen hett, daß soll er mit ietlichem in 
den gerichtten, darin er gesessen ist, vß richtten vnd in daby 
blyben laussen. 

Statschreiberß Ion halb. 

[12b] Item vnd ist daß sein Ion: ain guldin für die be- 
husung, er hab ain aigen huß oder nit, vnnd soll fry sein aller 
ding vnd Sachen, eß wer dan, daß er stuirbare gietter bette 
oder vberkäm, dauon soll er stuir geben alß ain anderer, vß- 






d. h. die BoUent Bchwereu. 




Das Haigerlocher Stadtbuch von 1551 211 

genomen daß huß soll er kain stuir von geben, vnnd vß ieder 
stuir soll im werden drysigk fünf Schilling, vnnd waß die stat 
ze schriben hat vff bappyr ze setzen, soll er schuldig sein on 
Ion ze machen, waß aber er vff birment setzet, soll im gelonet 
werden nach der billichait vnnd die stat soll im geben zway 
buch bappyr für sendbrieff vnd stuirrodel; waß aber er sunst 
brucht, soll im bappir geben werden'*. 

Item man soll im geben von ainem schlechtten vrteilbrieff 
V ß heier, waß aber er schwär vrteil brieff, schuldbrieff oder 
galt vnd zinßbrieff machttin, dauon soll im gelonet werden nach 
der billichait, ob aber clag sein [13 a] wölt, so soll eß an ainem 
gericht vnd rät ston. 

Item von ainem sendbrieff ain ß heier vnd von ainem zu 
lessen vor gericht oder rät dauon soll man im geben ain maß win. 

Item waß er vsserhalb der stat schribt, sol vnd mag er 
die selben haltten nach dem vnd er ir geniessen well. 

Item von in Satzungen ze schriben in der burger buch ist 
ain ß sein Ion, vnnd heruß ze schriben öch ain ß heier. 

Item waß er brief mit der stat sigel besigelt, die er nit 
gemacht hette, dauon hert im fünf schillin ze Ion. 

Item vnd soll weder den heren noch den ampt lütten nit 
verbunden sein ze schriben man lone dan im wie billich sy. 

Von dem Ion der schul halb. 

[13b] Item von der schul soll im ze Ion werden von ainem 
knaben zu der fronvasten 5 ß heler vnd 3 c) exileß vnnd sind 
zu wintter zyt, so man einhaisset, ieder deß tagß ain schyt 
geben vnnd tragen oder ain glitten kar foll holtz oder dry 
schiling darfur. 

Item waß armer schüler sind vnd so nach brott gend, sol 
er halben Ion von nieman vnd gebent kain holtz. 

Item ain iegklicher knab gyt vff purificationis ain liecht 
nach seinen eeren vnd martinalia, ob er will, vnd ouch oster- 
ayer ieder nach seinen eren. 

Wie eß mit den wachtter gehaltten soll werden vnd wer die 

hab ze setzen vnd entsetzen. 

[14 a] Item der schulthaiß vnd burger band der stat 
wdchtter zu besetzen vnnd entsetzen, sollent globen vnd schweren 

" Am Rand von späterer Hand: für papier zue rödelen 5 fi. 



212 Batzer 

etc dem hern vnd der stat trwu vnd warhait iren frome schafen 
vnd schaden wenden vnd wie inen hiernach beuolhen wirt. 

Item sy söUent der wachtten fry sein vnd sollend tagdienst 
vnd thor hüt thon, alß ain anderer, vnnd ist ir Ion ainem acht 
pfund heler ain jaur, zu ieder fronvasten zwei pfund vnd ietlichem 
ain par stiffel oder zehen Schilling darfur. 

Item sol ieder ain halbe nacht wachen; vnnd den ersten 
gang thon, welcher uor wachet, zii den thoren gon vnd an den 
'schlössen rütlen, ob die beschlossen sygen; deß glychen sol er 
ouch thon, wan er sein gesellen wecken will, soll er aber zu 
den thoren gon vnnd besehen, wie üor stett vnnd soll ab der 
wacht nit gon, biß sein gesell heruß kompt vff die wachtt 
[14 b]; vnnd welcher nach wachet, soll och der glychen zu den 
thoren gon vnd vor tag ee vnd er ab der wacht gät aber zu 
den thoren gon, vnd waß die beid wandelber ding an den 
schlössen oder by den thoren finden, daß soll er ainem schult- 
haissen oder burgermaister on Verzug kund thon. 

Item die wächtter sollend verbunden vnnd schuldig sein, 
waß die stat pfand verkoffen weit, daruff zeschlahen vnd daruon 
kain Ion nemen, vnnd wan ain statknecht von der stat wiegen 
geschickt wirt vß der stat, so soll er daß den wächttem kund 
thon, daß sy in die zyt versehen, deß sollend sy alß den im 
gehorsam sein. 

Item wer ir begert, der sy frembd oder haimsch, vff pfand 
ze schlahen, dem sollend sy daruff schlahen, daruon sol im von 
ainem pfand zwen pfening vnd dem knecht 6ch zwen Q. 

[15 a] Item wan ain wächtter gesetzt würt, sol geben ain 
vierteil winß. 

Item die burger band mit ainem kirchheren die mesner zu 
setzen vnd entsetzen; die sollend schweren ainen ayd trwü vnd 
warhait etc; vnd ist ir Ion also, welcher zwo juchart hat mit 
körn, gyt im ain vierteil vessen vnd iegklichß gehüsset, deß 
aigen brot hat, zu wyhennechtten ain laib. 

Item von ainem altteu menschen dry ^ zu lüten vnd von 
ainem jungen dry heler zii liten. 

Wie eß mit den feldschützen gehaltten würt. 

Item der feldschützen halb, da band die von Trühelfingen 
zu dem ersten ain schützen zii her wellen vnd setzen vnd dan 
den selbigen schützen schicken für die burger; die sollend als- 



Das Haigerlocher Stadtbuch von 1551 213 

[15 b] den im ouch lyhen, eß sye dan sach seinthalb, daß im nit 
ze lyhen vnd darzü nit tougenlich sy vnd darnach so habend 
die burger och ain schützen ze herwellen vnd setzen; demselben 
sollend alßden die von Trülfingen derglychen 6ch lyhen; vnd wan 
die burger ainen schützen lyhend, so ist er inen schuldig ze 
geben ain vierteil winß. 

Item ir Ion ist: welcher dry juchart mit körn oder haber 
oder der beiden zu schnyden hat, der ist im schuldig ain garb 
welcheß der mer ist, welcher aber dar ob hat, der gyt körn 
vnd nit haber. 

Item welcher hat zwo juchart, gyt ain ß heier vnd ain 
juchart dry 0. 

Item ain mansmad wiß ain laib brot. 

Item waß die schützen riegent vff der gietter, so in die 
stat gehörend, die sollend ainen burgermaister hinein gehegt 
werden, vnd waß gietter gen Truhelfingen gehörend, sollend 6ch 
do hin geriegt werden. 

Item sy sollend die weg machen, wa die inen beschaiden 
werden vnd daß schweren. 

[16 a] Item deß glychen lyhend die von Wyldorff och 
ainen schützen vnd schickend in herin, vnd ist er tougenlich, 
so sollend wir im och lühen; der git dan den bürgern ain vier- 
teil winß; dem ist den sein Ion vnd die weg zu beschaiden, wie 
uor stet etc. 

Von den hürtten. 

Item die burger habend die hurtten zu setzen vnd ent- 
setzen; die sollend schweren oder globen trüwen dienst etc; 
vnnd soll der kiehürt ain knecht hon, der den vichmaistern ge- 
fällig ist, vnnd anfahen vßfaren zii vnser frawentag li^chtmeß 
vnd hietten biß achttag nach sant Martistag, vnd wan er uß 
fert, so gyt ain huß ain wen*^ laib, daß für in trybt, vnd gyt 
ain houpt, waß an hew gessen hät^*, ain ime rogken vff Wal- 
pürgiß vnd vff sant Jacobß tag ain ß vnd och ain yme rogken 
vnd [16 b] vff Martini ain ß heier vnd ain Martißbrott, vnd 



" wanne, von vannus, ein langrundes Metallgeffiß zum Backen; wen 
laib also ein ovales Laib. 

** D. h. jedes ausgewachsene Tier; die noch saugen, , gehen der 
mutter nach"; für diese wird der Hirt nicht besonders gezahlt oder nur 
gering (vgl. weiter unten u. 17 b Anfang). 



214 Batzer 

geben zwo gaissen zu ieder pfründ ain ime rogken vnd iegkliche 
gaiß yff sant Martistag ain vierteil haber vnd die kitze gand 
der müther nach vnd gyt ain huirig kalb ain vierteil vesen*^, 
daß man tribt für in, vnd sol der hürt ain hagen ^^ hon, daran 
die vichmaister ain beniegen habend, daran geben im die burger 
zu hilf ain malter rogken vnd gyt von ainer kwo zefieren dry cj 
vnd hew, waß sein eer ist, vnd welcher nit hew hat, gyt im 
dry heier für hew. 

Item er sol ain bock hon, da gyt man im uon ain bock cj 
von ainer gaiß. 

Item vnd wan der hurt ainem vich verluirt oder die wolff 
frtissen vnd er zu rechtter hüt nit dar by wer, eß wer dan im 
von den vichmaister herloupt, der soll daß bezalen. 

Schauf hurt. 

[17 a] Item den schau ff hurt sol anston vff vnser lieben 
frawentag liechtmeß vnd dienen biß zu sant Katherinen tag vnd 
soll knecht hon daran die vichmaister ain beniegen hond vnd 
sol sein Ion sein: 

Item welcher schauf vnd schwin hat vnd die trybt vor 
mitvasten, gyt ain wen brott, hat er aber nun den ain teil, so 
ist er dennocht den wen laib schuldig, waß er aber nach mitter- 
vasten trybt, eß sygen schäf oder schwin, so gyt er aber ain 
wen brott. 

Item zway houptvichß, eß sygen schwin oder schauf, die 
sond geben vff sant Walpurgentag ain ime rogken vnd vff sant 
Jacobßtag och ain ime rogken. 

Item ietlichß houptschauf vnd schwin gyt vff Martini ain 
viertel haber. 

Item ain stal, eß sigen schwin oder schäf, gent ain Martiß 
brot, er hab die baider oder iedeß sonder. 

Item ain iegklich huß, welcherlei vichß tribt, ist schuldig 
ain brot vff Martini. 

[17 b] Item welcher lemer tribt, die gand der miitter nach, 
gend kain Ion dan ain wen brot. 

Item so dick ain stall verendert vnd so dick die koslen 
jung habend vnd wider für den hurten triben werden, gyt al- 
weg ain wen brott. 

" ves, die Hülse dea Getreidekorns, Spreu, 
»ö Zuchtstier. 



Das Haigerlocher Stadtbuch von 1551 215 

Item acht schauf vntz vff zwölf schauf sind ain hüt, vnd 
funfe, sechsse, sibne schaff sind ain halbe hüt. 

Item zwai schauf vntz uff achtte ze hietten vnd vier schauf 
vierzehentag vntz vff achtte ze hietten, ist ain hütt. 

Item 3 schaf dry wochen ze hietten ist 6ch ain hüt. 

Item sibenzehen vnd achtzehen schauf sind anderhalb hüt 
vnd waß sich darunder vnd darob beger ist, vnderschaidenlich 
angeschlagen werden. 

Item der hurt soll die ren^^ bestellen, dauon sollend die 
burger Ionen. 

Item ob der hurt ainem ain vich verwarlostin, daß für in 
getriben war, vnd dauon gieng on erloptt der vichmaister, oder 
die wolf frässen, sol er im bezalen. 

Von dem vndergang. 

[18a] Item die burger hand den vndergang zu besetzen 
vnd entsetzen, wie sy dan vermainent nott sein; vnd so manchen 
stain sy setzent, daüon gehört den vndergfinger von ainem stain 
ain maß win, beriert er zwen gyt ieder ain halbe maß beriert 
er dry, vier ader mee, gyt ietlicher teil ain halbe maüß. 

Von der ych vnd zaichen. 

Item der stat ych vnd zaichen ann vierteln maussen etc 
hand die burger zu setzen vnd entsetzen, vnd sol geben von 
ainem nuiwen om ze ychen zwen ß vnd von ainem alten zu 
vberschlahen ain ß heier. 

Item von ainem nuiwen win vierteil ze Ion vier c^ vnd von 
ainem alten zwen cj. 

Item von ainer nuiwen mauß vier ^ vnd von ainer halben 
mauß zwen ^ 

Item von ainer alten ze vberschlahen halben Ion. 

Item von nuiwen rogken vnd vesen vierteil von ietlichem 
ain Schilling heier vnd von den altten ze vberschlahen von ainem 
dry cji 

[18 b] Item von ainem yme, eß sy nüi oder alt, zwen cj 
vnd von ainen halben yme, eß sy nwi oder alt 1 cj. 

Item von ainem saltz vierteil, daß nwi ist, ain ß heier vnd 
von ainem altten dry ^J. 



" ren = Widder. 



216 Batzer 

Item von ainem halben nwien saltzmeß vier ^ vnd von 
ainem alten zwen ^ vnd von dissen andern messen allen von 
den nuiwen zwen ^. vnd von alen alten 1 ^ 

Item von gewicht pfunden ze pfächtten '® von ainem iet- 
lichen stuck, eß sy klein oder groß, von aim dry ^. 

Item von ainem gantzen gewicht ze oberschlahen, daß da 
gerecht ist, gyt ze Ion dry ^. 

Item welchen sollich Sachen befolhen werden ze ychen, die 
sollend geloben vnd schweren trwü vnd warhait vnd die ge- 
rechttikeit ze bruchen niemantz ze lieb noch ze laid. 

Item so man ain kalchviertel ychen wyl, sol es mit der 
eich des rocken vierteis geeycht werden vnd sol alwegen das 
kalch viertel funff rocken viertel halten nit mer noch minder. 

[19 a] Von gewicht vnd maussen vfzeheben. 

Item die burger hand gerechttikeit maussen, vierteil vnd ge- 
wicht vff ze heben vnd zu rechtfertigen, so dick vnnd vil sie 
bedunckt, daß notturftig sein, vnd waß zu straffend wer, gehört 
der stat zu vff in ainung, vsgenomen welcher ain falsch gebrucht 
het in dissen dingen, daß gehörtt vnnserm gnädigen hern zu 
strauffen. 

Item als man daß alt pfund geendert hat vnd gemacht wie 
daß zu Rottenburg, habend die burger inen selbs vorbehalten, 
wan sy wollen daß wider zu endern. 

Item die burgermeister sind fry frondienst, thorhüt vnd 
der vierwachtten, vßgenomen wan ain nüi huß oder schuir fron- 
dienst vßfiert, sol er euch baren. 

Item welcher ain nui huß oder schuir zimern will, wel er, 
daß man im daß mit fron herußfier, der sol daß machen, daß 
man eß fierem mug vnd zu rechter zyt anfahe; dem sol man 
daß hellen vnd darumb sol er ainem geben ain ^ wert brot 
oder alß sein er ist. 

[19 b] Item schulthaiß vnd burger die hand die thorschlissel 
zii befelhen burgern, die den thoren aller gelegnest vnd mit 
dienen sy vermainent, daß sy versorgt sygen; die sollen daß 
best thon vff ir ayd vnd dienen, die soUich schlissel befolhen 



^® Von pfahte (kaiserliches) Recht, Gesetz, in gesetzliche Form 
bringen, gesetzlich bestimmen, festsetzen. 



Das Haigerlocher Stadtbuch von 1551 217 

sind, die sind fry tagdienstwachtten wachen vnd thor hielten 
vnd im järlich vff Martini fünf ß vß der stat seckel; wan aber 
der ainer von tod abgieng oder die ding kranckhait halb sinß 
libß nit mer thon möcht, öch zu den jaur gerichtten, so sollend 
sie den burgermaistern die schlissel bringen; die sollend dan 
wider vber geben vnd befolhen werden, wie ob stat. 

Item vnser gnädigen heren sollend den obern thuren be- 
setzen mit ainem wachter, damit man versehen sy täglich daruf 
ze sein, vnd sonder wan man der thor hiet, sol er vil mer sorg 
haben vnd daruff belyben. 

[20a] Item wan vnnsere gnädig heren findschaft hetten 
oder den amptlütten wamung kam vnd befolhen wurde die thor 
hietten vnd die wachtten zu versehen, daß sol er den burger- 
maister kund thon vnd sollend alsden der schulthaiß vnd die 
burger daß versehen nach notturft. 

Item welcher in der herschaft mit frembden gerichtten gen 
Rotwyl oder sunst furgenomen wurd, so mögen die burger in 
von danen ziehen in gericht, darin ainer gesessen ist, vnd da 
belyben zu laussen nach vnser fryhait sag. 

Item die herschaft zfi Haigerloch, die stat vnd dörfer, 
mögend offen ächtter vnd aberächtter halten ; doch wan der 
clager kompt vnd den ächtter hergriffe vnd rechtz begertte, so 
sol man im recht laussen gon. 

Item die burger hand ir stat stuiren rechnungen vfzelegen, 
ze rechnen, ze besetzen vnd entsetzen. 

Item die burger hand 6h mit dem schultheissen vnd den 
kilchheren die haiigen pflegungen vnd rechnungen zu besetzen 
vnd inzenemen^^ 

[20 b] Item hat kain burger dem andern sein inhabend 
gütt zu verbiettend sonder daß mit recht vßfindig machen. 

Item wan ainer vmb bar gelt verkouft vnd vmb geluhen 
gelt vnd vmb lidlon vnd vmb win vnd essig ding, sol man ain 
vsrichtten mit gelt; wa aber daß gelt nit da ist, so soll ainer 
farende pfand geben, die deß drytteilß besser sind dan die 
schuld; die mag er tryben vnd tragen vnd sein gelt daruß 



'• So erst seit 1536; vorher hatten die von Haigerloch das Recht, 
«ohne beyßein vnd vorwyßen vnßers gnedigen herren oder siner gnaden 
ainptlent die hayligcn pfleger zu besezen, zu entsezen etc.*. Urk. in der 
Gemeinderegistratur Haigerloch. 



218 Batzer 

lessen, wa er mag; wa aber ain wurt oder ander aym baittend*^ 
vf daß jar, da sol ainer den andern verpfenden nach der stat 
recht. 

Von den züfertten mit dem vich. 

Item die uon Haygerloch hand mit irem vich gerechttikait 
ze faren trat*^ vnd züfart gegen dienen von Stetten vnd Hard 
vshin **. 

Item by dem Bygenloch anfahen an der halden in vnd 
inher so verhinufiF der schneschlaifFen nach vntz in deß Eünß 
bom vnd vß Kunß bom in den margkstain, der vnden im sew 
stat by [2 1 a] Michel Schmidß acker, vnd da danen in den marck- 
stain, ob dem sew stat, vnd vß dem selben margkstain in die 
obern lochen gen Stetten hindan vnd vß der lochen in bannen 
buhel, vnd da danen in dem holtz ab vnd ab hin biß an Rangen- 
dinger ban, one in den vchttet vnd vor dem Härder holtz vmb 
vnd vmb hin one iren vchttet. 

Item die von Haygerloch zu vnder gend, waß an den sew 
stosset, vfiF all sytten vnd sunst nienatz. 

Item die von Haygerloch hand vflF die von Truhelfingen zu 
farend an alle die ortt vnd end, da hine dan sy .farend, wa man 
anderß komen mag, one in iren vchttet im aalach; wa aber vber 
kurtz oder lang, die in der vndern stat Haygerloch mit inen 
geben wellen salach gult, so hand sy gerechttikait zu inen in 
daß salach in uchttet oder tagwaid mit irem zug vich ze farend. 

Item die von Haygerloch hand trat vnd züfart vff die von 
Bitteibrunen zu faren mit irem vich an alle ortt vnd end, wa 
sy mit irem vich hinfarend, vß genomen ir vchttet. 

[21b] Item die uon Haygerloch hand trat vnd züfart vff 
die uon Wyldorf mit irem vich an alle end vnd ort wa sy hin 
farend mit irem vich vnd die in der obern stat hand och macht 
mit irem zug vich ze farend in iren vchttet vnd tagwaid, wie 
sie hand. 

Item die burger hand ze vndergen gegen Wyldorf vshin 
im wilhow zwischen Ludin Boltzen acker vnd Engel Fridß, so 
do trettet hinuß vf deß Binderß Schmoken graben vnd fürter 



'^ beiten = zögern, warten; borgen. 
^' Das Treten, der Tritt; die Weide. 

*^ Der Vertrag zwischen Haigerloch und »Stetten befindet sich in 
der Gemeinderegistratur Haigerlocb. 



Das Haigerlocher Stadtbuch vod 1551 219 

hin in den markstain, so do stat am Worn Tempelß acker, 
vnd da dannen in den marckstain, der do statt an dem Hochs- 
pacher weg by dem wägenbom, der da schait Haigerloch, Wyl- 
dorf vnd Grurn, vnd von dem selben stain für sich ab hin in 
den stain, der da staut vnden in deß Tiefelß acker, vnd da 
danen in die marcken, die da vnden stand an Hanß Sch\vykerß 
acker by deß Knuslinß rain vff dem hosten, vnd vß der selben 
marcken für sich ab hin in den stain, der da stat zwischen der 
Gloseren wiß vnd dem bircken wassen, hie zwischen gegen der 
statt [22 a] inher hand wir ze vndergen vnd sunst nieman. 

Item vß der obgeschriben marcken by dem wägenbomm 
hand die von Hay gerloch trat vnd ziifart gegen den von Grürn 
in die marck zu der Hackellernen crutz vnd vß dem crutz biß 
zu dem bömlin, daß da stat am, Hochspacher weg, dar vnder 
stat ain marck vnd da danen biß dem talacker hinab biß zu 
ainem bome stat ouch ain marck vnd da danen hin für gen 
Herfurt oberhin in dem rain stät ouch ain marck vnd da danen 
in ain bom an dem Herfurter weg stat och ain marck stain 
alleß nach vßwysung ainß birmenteß brief. 

Item in daß Zimerer tal vnnd Mistel wiß hand die von Hayger- 
loch zu farend, ee daß verbauen wurt, vnd so man vor dem 
emd dar inn komen mag, vnd wan die btln offen sind, hand sy 
dch ze faren in daß Huser tal. 

[22 b] Item die von Grürn hand mit irem vich gerechttikait 
by dem birkin wasen in der Stuntzen zu trancken vnd nit da 
zu faren, sunder da wider danen zu faren. 

Item die uon Haigerloch hand trat vnd züfart mit irem 
vich vff die von Hochspach an alle end vnd ort, wa sy mit 
irem vich hin farend, vßgenomen in iren üchttet vnd vf ire 
wasen sind wir nit faren. 

Item waß man holtz zu brügken, Stegen, walken-^ vnd 
allen andern der stat büwen bedarf, da sol man die von Kilch- 
perg vmb bitten; die sollend alß denn vnß geben, doch so sol 
man dem knecht ain zimlich stam lesin geben '^*. 

Item die von Haygerloch hand alle die gerechttikait vnnd 
gwonhait mit irem vich trat vnd züfart haben vff die von 
Rangendingen. 



" Jeder hölzerne Vorbau eines Hauses. 

'* Nach einem Übereinkommen von 1451. (Haigerlocher Registratur.) 



220 Batzer — Das Haigerlocher Stadtbuch von 1551 

[23 a] Item ouch holtz zu howen zu iren bwen ynd in 
sonder zu den millina, so dick sie deß notturftig sind, deß 
glychen mit sandstain zu iren bwen alleß vngeuarlich. 

Item die herschaft, so Hay gerloch in hat, band gerechttikeit 
ze faren mit der schäffery, die ietzund zu Truhelfingen ist, vif 
die uon Rangendingen waid vnd tratt ze farend, deßglychen vf 
die von Hard, wie dan daß wyset ain brieff, so die herschaft 
darumb hat. 



Badische Sagen. 

Aus Anton Birlingers Nachläse mitgeteilt von Fridrich Pf äff. 

1. 

Der Geist anf der Straße tou Mahlberg bis aus ZoIIhans, 

Amt Etteuheini. 

Erzählung eines Israeliten namens Nathan Weil von Kippen- 
heim, Amt Ettenheim, dem nebst seinem Bruder Sundel Weil 
und dessen Fuhrmann N. das kuriose Abenteuer im Jahre des 
Herrn 1816 im Monat August in der Nacht zustieß. 

Nun, lieber guter Freund, weil man Ihnen in Schmieheim 
die Geistergeschichte vom Nachtschloss erziihlt hat und Sie so- 
dann die Geschichte aufgeschrieben haben, so hören Sie auch, 
wie es meinem Bruder Sundel, unserm Fuhrmann nebst mir 
auf der Straße von hier bis zur Linde und von da aus nach 
dem Zollhaus erging. Als wir morgens 1 Uhr von Kippen- 
heim abfuhren, um recht bald auf dem Jahrmarkt in Emmen- 
dingen zu sein, so kamen wir, ohne viel miteinander zu reden, 
bis an den Mahlberger Bück, da ging es dann ganz langsam 
den Bück aufwärts, ja beim ersten Apfelbaum stiegen mein Bru- 
der und ich vom Wagen ab, und wir gingen so im Gespräche 
vor den Wagen hinaus, da fiel meinem Bruder Sundel der Stock 
aus der Hand und kam mir zufällig zwischen die Beine, so 
dass ich gestreckter Länge auf den Boden fiel, mein Bruder 
Sundel fiel über mich hinaus. Mein Bruder aber raffte sich 
gleich wieder zusammen, stand auf und sagte: „Was haben wir 
denn gemacht, dass wir so übereinander hinausgefallen sind?" 
Ich richtete mich dann auch endlich wieder in die Höhe und 
sagte: „Das weiß ich selbst nicht. ** Aber hört, was geschah! 
Vom Lindenbaum her rief eine unbekannte Stimme uns zu: 
jAber ich weiß es!* Der Lindenbaum steht auf dem Bück 



Pfaff 



an der Straße, wo sie sich nach Mahlberg zieht. Da erschraken 
wir auf den Zuruf. Mein Snndel über sagte: „Komm doch, 
Bruder, wir wollen sehen, wer uns so zurief.' Nun gingen 
wir in vollem Eifer bis auf ungefähr sechs Schritte gegen die 
Linde, machten dann Halt und siehe! da eass unter derselben 
eine kleine zusamroengerumpfte, fest an die Linde lehnende 
Figur, die mit einem runden Schiapphut, der ganz über ihr Ge- 
sicht herunterhing, bedeckt ivar. Je länger wir die Gestalt an- 
sahen, je kleiner und kleiner kam uns das Ding vor, und es 
blieb gar nichts mehr übrig als der Sclikpphut. Sehen konnten 
wir gut, indem uns der liebe Mond durch die Äste der Linde 
dazu leuchtete. Ich sagte daun: „Komm, Sundel. wir wollen 
doch den Kerl genau betrachten und ihn doch auch fragen, 
warum wir gefallen sind, indem gewiss er uns zugerufen hat, 
,Aber ich weiß es', und gibt er uns keine Antwort, so schla- 
gen wir ihm unsere Stöcke um den Kopf, so dass er gewiss 
an alle Kinder Israel denken und keines mehr so foppen wird." 

Xun riefen wir ihn an, indem wir einige Schritte zurtick- 
huften; aber der kleine Kerl gab uns auf unser Rufen ,Wo 
bist du, kleiner Kerl?" keine Antwort. Nun riefen wir zum 
zweitenmal — wieder keine Antwort, sondern er krümmte sich 
zusammen wie eine Schlange, ja er wurde immer kleiner. Nun 
sagte ich: „Komm doch, Sundel, wir wollen jetzt auf das Ding 
los.' Wir schrien aber, was wir konnten, zum drittenmal: ,Wer 
bist duP" — auch diesmal keine Antwort. Nun gingen wir in 
vollem Zorn auf das Ding zu und schlugeu wie ganz unbesonnen 
mit unsern Stöcken drauf und drauf. 

Aber was geschah uns! Beim dritten Schlag, den jeder 
von uns beiden auf den vermeinten Schlapphut tat, da fuhr 
meines Bruders Stock mir an den Kopf und mein Stock an 
seinen Kopf, so dass uns das Schlagen verging und wir zur 
gleichen Zeit halb ohnmachtig zu Boden atürzten. Dabei stieß 
die Gestalt ein helles Gelächter aus und rief uns zu: „Aber 
jetzt wisst ihrs!" Nun kam endlich unser Fuhrmann Andres 
mit seinem Wagen auf dem Bück an und sah uns so beide in 
der Ohnmacht auf dem Boden beisammen liegen; er schüttelte 
zuerst den Sundel, dann mich, denn er glaubte, wir schliefen; 
endlich erwachten wir wie aus einem Traum. Andres sagte: 
,Ihr habt gut geschlafen, oder seid ilir geschlagen worden, dass 
ihr so auf dem Boden hier unter der Linde liegt?" „Nein", 




Biidische Sngen 333 

,ea ist mit uns ivas ganz anderes vorgegangen", 
und erzählten ihm den Vorfall, Über das verwunderte sich Andres 
nicht wenig, Higte aber noch bei: ,Ich glaube sonst an keine 
Hexen und Gespenster, aber doch ist es diesmal wie dort drun- 
ten am großen Apfelbaum, Gott sei bei uns, ganz kurios er- 
gangen, denn hört nur mich an." ,Ja, das wollen wir", sagte 
Sundel, ,aber, Andres, fahret doch in Gottesnamen von da weg, 
denn der Schlapphut war anch nichts Gutes.* Andres fuhr 
nun den Bück hinunter, und als wir in die ebene Straüe kamen, 
erzählte er: „Als ihr beide von mir weg wäret, so blieben mit 
einemmal meine Pferde stehen, ich rief ihnen gleich zu: ,hi, hü' 
Die Pferde zogen aber keinen Strang an. Ich rufe nochmal, 
da zogen dann die Pferde aus all ihren Kräften, allein, sie 
brachten den Wagen nicht vom Tleck weg. ich drückte am 
rechten vordem Rade und schrie: ,Nathan, Sundel! helft mir 
doch drücken', was ihr ja selbst wisst," „Was sagt Ihr, An- 
dres, wir haben gedrückt? Da habt Ihr unrecht, wir haben 
nicht an Euern RSdern gedrückt," „Was! ihr beide habt nicht 
gedrückt?" ,Nocbmal nein, Andres, das waren wir nicht." 
.Ach, so hat der böse Geist und seine Spießgesellen an meinem 
Wogen gedrückt." .Nein, ich habe gedruckt!" rief eine un- 
bekannte Stimme von dem nebenstehenden Rebberge herunter. 
Wir sahen, trotzdem dass wir alle drei nicht wenig erschrocken 
waren, doch den Berg hinauf. Und siehe, gegen die Mitte des 
Rebbergs stand die ähnliche Figur, so wie die, welche wir zuerst 
unter dem Lindenbaum sahen. „Schau, Andres", sagte mein Sundel, 
,das ist der ähnliche Kerl, der unter der Linde sass mit dem Schlapp- 
hut. Komm, fahr fort, .andres!" Wir setzten dann uns alle drei 
auf den Wagen, und als wir bis zur Ziegelhütte kamen, da, wo 
sich der Weg durch das Feld nach Mahlberg zieht, und in gerader 
Richtung, wo früher das Kloster stand, nfimlich am Anfang des 
Orts, da sahen wir drei ähnliche Gestalten wie diese am Reb- 
berg vom Klosterplatz her auf uns zukommen. Wie aber An- 
dres diese drei sah. so hieb er auf die Pferde, und die liefen 
mit uns, was sie nur konnten, bis in die Mitte des Ranks, da 
blieben aber die Pferde plötzlich stille stehen und es kam ein 
langer, hagerer, rabenschwarzer Mann aus der Tiefe des Eanks 
herauf, der ein langes schwarzes Habit mit einem breiten Gürtel 
_und einen runden breiten Hut auf seinem Kopf hatte und wie ein 
großes Buch unter seinem linken Arm hielt; sein Angesicht 




h 



224 

Trar todesbleich. Der stieg mit einem Schritte uns Mntea auf 
unsern Wagen und hielt sich mit seiner rechten Hand an unserm 
Sitz fest, worauf unsere Pferde schnaubend auf ihren Hinterbeinen 
standen; dann lieUen sie sich nach ungefähr vier oder fünf Mi- 
nuten wieder auf ihre vordem Füße herab und Hefen dann in 
vollem Trab mit uns davon, und so ging es mit uns bergauf 
und -ab; so schien es uns in unsern Ängsten, wobei uns allen 
dreien der Angstsehweiß über den Rücken lief. Endlich hielt 
unser Wagen und es kam uns vor, als hielten wir an einem 
großen Gasthof, ilenn vor uns stand ein drei Stock hohes Ge- 
bäude, das ganz beleuchtet war; aus dem kam, als wir so einige 
Minuten davor hielten, ein Männiein mit einem Licht in der 
Hand unter die Haustür; das Männchen hatte aber auch so ein 
blasses Gesicht wie unser seltsamer Diener, dann machte er mit 
seinem schwarzlockigen Kopfe eine Verbeugung, aber wahr- 
scheinlich galt es uns nicht» denn der fürchterliche Herr stieg 
vom Wagen ab und ging in langsamem Schrift gegen die Tür, 
und siebe, auf einmal stand der ganze Hausgaug ganz dick voll 
mit solchen Schlnpphutherren, die alle todesbleiche Gesichter 
hatten, wie unser ReisegefShrte. In dem Hause fing es zu tönen 
an, als spielte man Orgel, ja an allen Fenstern des GebSudes 
stand es voll mit so Schlapphutherren. Nun erlosch dem Männ- 
chen unter der TUre sein Licht und es war nun rabenfinster 
um uns her; der Kleine ging zum Haus hinein und schlug mit 
einem Spottgelächter, dem er noch beifügte: „DieKinderlsraels 
werden gewiss auch noch an mich denken'', die TUre zu, 
so dass wir sehr erschraken. Mein Sundel sagte: „Am End 
ist der Kleine das Männlein unter der Linde gewesen, auf den 
wir so schlugen." „Ja", sagte ich, „du kannst recht haben, 
Sundcl, Andres, fahr zu." Andres aber erwiderte: „AVo soll 
ich hinfahren, ich und meine Pferde wie ihr auch sehen ja 
keinen Weg." Nun wurde ich böse und sagte nochmal: „An- 
dres, fahr zu, ja in Teufelsnaraen, Andres fahr zu!" Nun ging 
es vorwärts mit uns, wohin, wussten wir nicht; es dauerte aber 
nicht lange, so ging es langsam und noch langsamer. Endlich 
hielt unser Wagen still, da fühlten wir an unsern Füßen, als 
ständen wir damit im Wasser; wii* griffen in der Finsternis um 
uns her, kamen auch zu unserm Erst^aunen mit den Händen 
ins Wasser, die Pferde gingen wieder vorwärts und wir kamen 
noch tiefer ins Wasser hinein, ja, es ging uns schon bald unter 




Badisc.lie Sagen 



die Arme; wir standen vom Sitz auf, fingen an zu schreien und 
zu lamentieren, aber alles half uns nichts. Endlich sagte ich 
im Schrecken: „Andres, um Ootteswillen, ich glaube, du fährst 
uns in den Rhein!" Worauf ein Hohn gel ächter von allen Seiten 
her aus der schwarzen Nacht erschallte und ein fürchterliches 
Geheul und Gewinsel uns aus den Lüften zukam, wodurch wir 
alle drei bald von Sinnen kamen. Endlich hielten unsere Pferde 
still und ein dumpfes Geläut, wie von einer großen Glocke, 
tönte uns in die Ohren; auf dieses fiel es uns wie Schuppen 
von nnsern Äugen, es wurde wieder hell um uns her, und 
welch ein Wunder: statt dnss wir auf der Straße hielten, so 
hielt unser Wagen mit uns im MUhlbach, in seiner größten Tiefe, 
nahe am Rechen bei der Mühle, und unser Fuhrmann Andres 
musste Zurückhufen, so dass wir absteigen konnten. Mit großer 
Mühe und Anstrengung brachten wir den Wagen samt den 
Pferden wieder auf die Straße neben dem Mühtbach, setzten 
uns dann mit unsern durchnässten Kleidern auf den Wagen, 
und als alle drei saßen, so rief eine Stimme wie von den Wol- 
ken herab: „Fahr jetzt zu! ja ins Teufelsnamen, Andrea 
fahr zu!" Nun ging es mit uns, wie durch die Lüfte geflogen, 
bis an das Städtchen Emmendingen; ja unsere Pferde kamen 
mit ihren Füßen nicht mehr auf den Boden, und wir drei 
konnten kaum mehr Atem schöpfen, und wir sahen, als wir nach 
Emmendingen kamen, wie lauter Gespenster aus. Wir wurden 
auch gleich gefragt, warum wir so böse aussehen und wo wir 
Bo Bass geworden seien. Allein wir blieben den Fragenden bis 
heute noch die Antwort schuldig. Ich bin, wie mein Bruder 
Sunde], zu verschiedener Zeit sehr oft, bei Tag und in der Nacht, 
die Straße wieder passiert, ist uns aber niemals mehr etwas zu- 
gestoßen. 

2. 

Der große schwarze Hann oder der Geist auf deiu alten 

Kirehhof von REngsbeim, Amt Ettenheim. 

Erzfthlung eines alten Bürgers von bereits 70 Jahren, dem der 

Geist begegnete. 

In der Nacht 10 Ulir am 16. September 1799 traf mich 
der Weg durch die Zehntstraße (zurzeit aber Kirchstraße ge- 
nannt); als ich in der Mitte der Straße kam, wo geradi 



A 



3S6 



Pfftff 




Pfarrhaus stand, so sab ich auf einmal am Ende des Pfarrhauses 
an der Ecke einen ^oßen, ungefähr 5'/^ Scliuh langen, schwarzen 
Mann stehen, der einen langen Rock his auf die Füße, einen 
dreieckigen Hut und einen Stock trug. Sein Gesicht war auch 
ganz schwarz. Der Mond schien hell, ich blieb stehen, sah die 
Gestalt mit Verwunderung an, gab derselben einen guten Abend, 
sie starrte mich mit großen Augen an und sprach kein Wort. 
Ich wiederholte meinen Gruß, erhielt aber zum zweitenmal keine 
Antwort. Da bückte ich mich auf den Boden und ergriff einen 
Wackenstein, um damit zu werfen ; wie ich mich wieder auf- 
richtete, so fing er an zu wanken, als wenn er auf mich zu 
wollte; ich erschrak darüber und grill' schnell in meine Seiten- 
tasche und ssog mein Rebhiesser heraus, um mich gegen den 
Schwarzen verteidigen zu können. Dann rief ich ihm zu: ,Wer 
bist du?" Aber ich erhielt zum drittenmal keine Antwort, 
sondern er ging mit langsamen Schritten auf den Kirchhof zu; 
ich ging ihm ungefKhr auf 50 Schritte beherzt nach und hielt 
in der rechten Hand den Stein, in der linken das Rebmesser. 
Als aber zu meinem Erstaunen derselbe gerade anf die Türe 
des Kirchhofs zuging und bei seiner Ankunft daselbst stehen 
blieb, worauf sich die Türe auf einmal mit einem Krachen 
öffnete, so fuhr ich vor Schrecken ganz zusammen und blieb 
unbeweglich auf der Stelle stehen. Der Mann aber blieb mitten 
unter der Öffnung des Tors, mit dem Gesicht gegen mich ge- 
wendet, don rechten Arm in die Höhe gerichtet, stehen. Ich 
besehe denselbe» im Mondschein von oben bis unten hinaus; 
es gelüstete mich aber nicht, gegen denselben zu werfen, indem 
er mir mit dem Finger drohte, sich darauf umwandte und lang- 
samen Schrittes in den Kirchhof hineingiag. In der Mitte an- 
gekommen, blieb er wiederum stehen — verschwand aber bald 
darauf unter Grausen erregendem Getöse; zur gleichen Zeit 
schloss sich das Kirchhoftor, Mir aber lief der Todesschweiß 
über den RUcken hinunter. Ich ging nach Haus, begab mich 
zu Bette, konnte aber die g&nze Nacht hindurch nicht schlafen 
und besann mich über den Vorfall. Da erinnerte ich mich der 
Sage, die im Dorf schon lange Zeit ging, dass am Pfarrhaus 
ein schwarzer Mann zu verschiedenen Zeiten in der Nacht ge- 
sehen wurde; man behauptet, es sei der alte große Dorfbote 
Adam, welcher einen bösen Lebenswandel bei seiner Lebenszeit 
führte und Jetzt als Geist unngehen mlisse. 



Der Riese mit dem brennen den Koiife, oder der Feen- 

T&nz am Mitternacht bei der Rnttanne auf dem Affenberg 

zu Schmieheim. 

ErzKhlung eines alten Hebräers und eines Bürgers von 
Scbiuiefaeiiu, 

Jb! Jii! guter Freund, icli merk jetzt wo), waruiii Ihr mich 
besucht, es ist Euch gewiss etwas zu Ohren gekomtneti von 
meinem verstorbenen Vater und dessen zwei Naclibarn, dem 
Fidel und Bastian. Ihr meint ja die Geschichte von der Rot- 
tanne auf dem Abenberg. 

Es mag so ungetUbr 70 Jahre sein, so ging mein vei^ 
atorbener Vater — Gott hab ihn selig, man hieti ihn in der 
ganzen Gegend ringsum nur den alten Koschel — im Frühling, 
ich glaube im Monat Mai, den Titg kiinn ich nicht mehr recht 
bestimmen, des Morgens früh fort nach dem Ort Berghaupten, 
um Vieh daselbst einzukaufen. Ei- lieli das eingekaufte Vieh im 
Ort Bergbaupten stehen und ging mit Einbruch der Nacht 
daselbst weg, wurde aber auf dem nächsten Hofe, der eine 
Stunde von Berghaupten entfernt liegt, noch aufgehalten, so 
dass es 9 Uhr wurde, bis er vom Hofe wegkam, und gelangte 
bis man im Dovfe zehn Ulir löutele, am FuJie des Berges, 
worauf das alte Schloss Geroldseck steht, an; und siehe, da 
standen zwei Männer auf der Kreuzstralle. Mein Vater bot 
ihnen einen freundlichen .guten Abend". „Gleichfalls einen guten 
Abend, alter Koschel", erwiderten ihm beide. Und wer waren 
die beiden? Meine Nachbarn, Fidel und Bastian. Sie sagten: 
„Woher noch so spöt, Koschel?" „Von Berghaupten und den 
Höfen und ihren Nachbarn?" „Wir haben in dem Tale Süßen 
gekauft", erwiderte ihm Fidel, „und jetzt wollen wir nach Haus, 
wenn Ihr mit wollt." „Ja", sagte mein Vater, und sah zur 
gleichen Zeit den FnUweg hinauf, der an das alte SchlosB 
Geroldseck führte, das so ungefähr eine halbe Viertelstunde 
hoch auf dem Berg stand. Er bemerkte ein kleines Flämmchen, 
das an der linken Ecke der alten Ruine brannte. „Seht doch, 
Nachbarn, was ist doch für ein Feuer an dem alten Schloss?" 
Sie sahen sogleich beide hinauf, Bastian sagte: „Das haben die 
Hirtenbuben angezündet." „Nein", erwiderte Fidel, „das ist 



kein natlirlicltes Feuer, seht ilir denn nicht, das Fläuimchen ist 
bald gelb, bald blau, jetzt steigt die Flamme ja immer höher 
lind höher, und neben dem Feuer — seht ihr's nicht? — steht ja 
eine große Figur, die mit einer Stange das Feuer schürt." „Ja, 
wir sehen es", erwiderte mein Vater. Aber dem Fidel grauste 
es hei der Sache. Bastian fing an: „Wisst ihr was! wir wollen 
doch auf den Berg zu dem Schloss gehen, um zu sehen, was 
das für ein Feuer ist." Aber Fidel wollte nicht. „Und Uir, 
Koschel, wollt auch nicht mit?" „.Ta freilich, Bastian, ich will 
noch voraus gehen, wenn es euch recht ist." „Das ist schön 
von Euch, Koschel, und du Fidel musst auch mit, und wir 
beide nehmen dich in die Mitte", sprach Bastian, und mit diesen 
Worten erlosch nach und nach das Feuer beim Schlosse, Man 
sah nichts mehr als sieben feurige Kugeln, die schienen in der 
alten Mauer zu stecken, ungefähr sieben Schuh hoch von der 
Erde, die von Zeit zwei Minuten bis auf eine erloschen waren, 
„Jetzt vorwärts, Koschel und Fidel, den Berg hinauf, wir müssen 
wissen, was dort droben für Gaukelspiel und Studentenpossen 
aind. Jetzt sind ja die lustigen Vögel in der Vakanz, denn ich 
habe heute schon einige so groDe Studentenherren in Lalir 
herumspazieren sehen, und die machen gern solche Possen auf 
den alten Schlössern, ja es ist gewiss ao. Vorwärts also, wenn 
wir hinauf kommen, so will ich ihnen — den Stock in der 
Hand schwingend — ihre feurigen Köpfe schon putzen.- „Ach 
Gott!" sagte Fidel, „schwätze doch nicht so frevelhaft, denn es 
ist mir ja so ban^." „Halts Maull du Unsenfuü", sprach Bastian, 
„da ist der Koschel ein anderer Mann als du, nicht wahr, 
Koachel?" „Ihr habt recht, aber seht doch, Bastian, die Kugel 
kommt auf uns zu, und gerade im Fuliweg, wir wollen auf die 
Seite gehen, um zu sehen, was es ist, sind es Studenten, dann 
reden wir mit ihnen — " „Ja, ja, Studenten", sagte Fidel, 
„ich kann mir es schon denken, das ist nichts anderes, als der 
Riese und seine Brüder, die werden mit uns schön studieren 
und uns die Hülse umdrehen für deine losen Reden, Bastian." 
Sie gingen nun auf 50 Schritte vom Wege ab, und stellten sich 
hinter einen Strauch dicht zusammen. Es war ungemein Snster, 
die feurige Kugel näherte sich immer mehr und mehr. Es fing 
an zu blitzen und in der Entfernung rollte der Donner, die 
Kugel war noch 100 Schritte von ihnen entfernt, da leuchtete 
der Blitz so hell, dass sie alles deutlich ringsum unterscheiden 





Budiacho Sagen 229 

Konnten, and sahen zu ihrem nicht geringen Erstaunen, dass 
statt der feurigen Kugel, wie es ihnen vorhei' schien, jetzt eine 
schwarze Figur, ungefähr sieben Schuh hoch, zum Vorschein 
kam, die statt einem Kopfe eine feurige Kugel auf dem Rumpfe 
und in ihrer rechten Hand einen Stab trug, der wenigstens 
einen Schuh höher als die Figur selbst war, die Gestalt kam 
mit langen Schritten den Fußweg herab. Jetzt wurde es dem i 

Bastian und Koschel doch etwas unheimlicher zu Mute. Fidel i 

sagte ganz leise: „Seht Ihr jetzt die Studenten? Bastian, zer- 
schlag ihnen die Küpfe!" — Aber Bastian zuckte nicht, sondern 
sprach: „Herr, beschütze uns!" Die Gestalt aber zog ruhig 
vorüber, uud schlug den Weg nach Langetiliard ein, der über 
den Affenberg nach Schmieheim zieht. Fidel, Bastian und mein i 

Vater mussten dieselbe Straße erehen. Als aber die Figur un- 
geMir 200 Schritte vorwärts gekommen war, so blieb sie halten, 
drehte sich um, und winkte luit ihrem Stab, ihr zu folgen, was 
sie auch gleich befolgten. , Jetzt habt Mut", flüsterte ihnen 
Koschel zu, „denn uns geschieht nichts." Sie waren aber immer 
auf 200 Schritte von der Figur entfernt, so glaubten sie wenig- 1 

stens, und die Kugel leuchtete immer heller, so dass sie den 
Weg ganz herrlich passieren konnten; aber sie sprachen unter- ' 

wegs kein Wort mehr zueinander. Ka ging so über Langenfaard , 

und endlich auf den AfTenberg, wo die Rottanne steht, zu. Sie 1 

sahen schon die hohe Tanne, da erlosch plötzlich die feurige 
Kugel, alles war in finstere Nacht gehüllt. Die Figur war mit 
dem Erlüschen der Kugel verschwunden. Ein kleines Flämmchen 
loderte an der Rottanne. Sie fassten sich gleichzeitig an ihren 
Händen, der Fidel war in der Mitte. So wollten sie vorwärts 
gehen, allein sie konnten nicht, denn ringsum waren sie von 
einem Gitter umgeben, dessen Höhe sie nicht ermessen konnten. 
Sie schlugen die Hände zusammen, jammerten und seufzten, 
aber nur im Stillen. „Das haben wir dir zu verdanken, Bastian!" | 

sagte jetzt Fidel, „und du, Koschel, hast es auch verdient." 
Uein Vater aber gab ihm zur Antwort: „Wann's Zeit ist, kommen 
wir wieder heraus, nur Geduld, der Herr wird uns nicht ver- 1 

lassen." Bei diesen Worten rollte der Donner entsetzlich; der i 

Blitz schlug in die hohe Tanne, so schien es ihnen, da fing sie ' 

im Augenblick an zu brennen. Nun war alles beleuchtet, und 
sie konnten aus ihrem Gitter heraus alles betrachten. War 
ihnen von jetzt statt dem Walde ein ungemein großer Garten, 






230 rr»ff 

welcher rings um die Tanne ging, der so schön war, dass sie 
glaubten, es könne selbst im Paradies nicht schöner seio. Vor 
derselben stand ein Denkmal, das so groß wie ein Götzenaltar 
war, und auf ihm stand ein großes goldenes Geföß, aus welchem 
ein blau und gelbliches Flämmchen aHfloderte; über demselben 
schwebte eine Jungfrau, die so schön war wie ein Engel. Ihr 
Anzug war purpurrot und über den Schultern hing ihr ein Tuch 
von Silber und Gold, ihr Kopfputz glänzte von den edelsten 
Steinen, und ein Stern von Karfunkeln war auf der Stirne in 
einen Lorbeerkranz geflochten, in ihrer rechten Hand hielt sie 
eine zwei Schuh lange goldene Rute, die sie nach einer kleinen 
Pause in die Luft warf. Sie sprach dabei die Worte: „Herbei, 
ihr Schwestern, herbei!" und fing dann die Rute wieder mit 
der rechten Hand auf. Darauf erlosch das Feuer bei der Tanne, 
und siehe! da standen dieselben Kugeln um das Denkmal, die sie 
beim alten Schlosse sahen, nämlich drei zur rechten und drei 
zur linken Seite des Denkmals, Aber ihr Vorgänger stand vor 
der Mitte des Denkmals. Die Kugeln brachen nun in Flammen 
aus; unter jeder Flamme stEind ein schwarzer Riese. Jetzt hob 
ihr Führer seinen Stab in die Höhe, da krachte der Donner 
noch entsetzlicher als zuvor, auch bemerkten sie, dass der 
Führer einen Lorbeerkranz um den Hals trug. Das Donnern 
ließ nach, der Riese stellte seinen Stab wieder auf die Erde, da 
fing eine herrliche Musik an zu spielen, ohne dass man jedoch 
Musikanten gewahr wurde, und ehe sie sich's versahen, tanzten 
eine Menge Frauen in verschiedenen Trachten rings um das 
Denkmal herum, das Feuer nuf demselben brannte immer stärker 
und heller und die erwähnte Schöne tanzte immer höhet auf 
der Flamme und schwang dabei die Rute in die Luft, indem 
sie folgende Worte sang: 

.Schwtistcrn. Schwestern, tanzt nur fröhlich zu. 
Deun ihr mflsst ja bald zur Ruh.' — 

Auf diese Aufmunterung der schönen Tänzerin wurde noch 
besser gesprungen; die Flammen auf den Riesen erloschen, jetzt 
standen sie ganz schwarz da. Die schöne Tänzerin kam vom 
Feuer herunter, nahm den Führer mit dem Lorbeerkranz bei 
der Hand und sprach: „Bräutigam, komm und tanze mit mir." 
Kr erwiderte: „So ist es recht, ich folge dir." 

Die Musik machte eine kleine Pause, der Riese und die 
schöne Tänzerin tanzten in der Mitte und die andern sechs 




i 



Badisube Sagen 231 

^h^varzes nahmen sich gleichfalls Tänzerinnen; die Schöne 
Tfinkte mit der Rute, da spielte abermals die Musik von allen 
Seiten. 

Es stellte sich alles in Reihe und tanzten noch toller als 
zuvor; jn sie machten Sprünge kreuz und quer, in die Höhe. 
Es war zum Lachen. Endlich ließ das Musizieren nach, der Tanz 
stellte sich ebenfalls nach und nach ein; die schüne Tänzerin 
und der Schwarze traten in die Mitte der Reihe. Auf der 
Unken Seite des Gartens sprang mit einem Krachen ein großes 
Gartentor auf, die SchSne schwang die goldene Rute gegen das 
Pinnament und sprach folgende Worte: 

.Zieht Jetxt fort in eare Ruh 

Ein jedes seiner Heimat zu; 

Denn bald wird die Stunde Bchlagen, 

Wo uns die Wolken nicht mehr tragen. 

Und bednrf ith euer femer zu einem Bund, 

So tu ii'h es en(^h mit meiner Rute kund, 

Denn gewiss und auch fllr wahr. 

Der KOnig der Sieben uad ich hier werden gewiss j» 

noch ein Paar. 
Die Zeit kann ich noch nicht bestimmen, 
Deshalb zieht jetzt adiuell von binnen.' 

Plötzlich gißg es schnell auseinander, und zum Tor hinaus, 
^ schwarze Riesenkönig war der letzte, er hob seinen St-ab 
Dociunal gegen das Fiimament, da erlosch das Feuer auf dem 
Denkiaal in der Schale. Es wurde ganz finster uiu sie her, sie 
taheii noch kaum den Riesen, welcher noch die Worte sprach: 
.Geht nun nach Haus, ihr drei Sterbliche! und du, Bastian, 
denke an die Studentenpossen und Gaukelspiel am alten Schlosse. 
Wäre heute nacht nicht meine Verlohungsfeier mit der Königin 
<Ier Rute gewesen, so hütte ich dir den Hals sicherlich um- 
gedreht." Nuu ging er auch nach dem Gartentor, da krachte 
and donnerte es entsetzlich, und ehe sie es vermuteten, war 
der Garten, der Riese und alles verschwunden, auch ihr Ge- 
fitngnia war weg, und sie standen nunmehr unter der Rottanne 
»at dem Affenberg. Der Tag fing an zu grauen, sie sahen 
einander mit großen Augen an und gingen ganz nachdenkend 
aber das ihnen zugestoßene Abenteuer nach Hause. Bis beute 
hörte man weiter nichts mehr, als von Zeit zu Zeit soll man 
den Riesen gehen sehen, der den Weg vom alten Schlosse 
bis an die Rottanne nehme, und sei schon vielen Leuten be- 



232 Pf"ff 

gegnet. Wo aber eigentlich die Riesen herstanimen und ilie 
Tänzergesellschaft, weiß man nicht, und besser kann ich es 
euch nicht erzählen, auch niemand im Dorfe hier. — Denn 
darüber herrscht ein tiefes Dunkel. 

Ea sitat auf einem Feiierlein. 

Ein Hexkin schOii lud klein, 

liUpft und tanzt itarauf, 

Denkt'a euch, Leute! 

So toll, als war ea nicht geaclieite, 

Sie hält ein' Besen in der Hand, 

Mit diesem soll aie fahren 

Durch das ganze Land, 

Doa ist dem Ripstn walbekannt, 

Darum wandelt er über Berg und Land, 

Vm mit dem Hexchen zu schließen, 

Ein ewig unzertrennlich Bond. 



Der Hrache oder der nächtliche Leichenzug. 
Erzählung eines alten Bürgers und gewesenen Vogts (Bürger- 
meisters) von Altdorf, Amt Ettenheim, dem dieses Abenteuer 
im Beisein seines Vaters zustleU. 

Mein verstorbener Vater Anton Wiirdner, ein Greis von 
68 Jahren, und ich, sein Sohn, zu der Zeit noch ein Jüngling 
von 19 Jahren, gingen im Jalire 1780, den 29. Mai (es is'. mir, 
als wäre ea heute, und wir ziihlen nun doch schon 1844, und 
zwar den 1. Februar), da der Abend dämmerte auf die Wiesen, 
um zu wässern, denn der Tag war so warm, ja beinahe heiß 
wie im Sommer. Mein verstorbener Vater und ich richteten 
das Wasser auf unsere Wiesen, so viel nötig war; nach be- 
endigter Arbeit gingen wir so nach 1 1 Uhr wieder zurück nach 
Haus. Als wir ganz langsam gegen das Dorf kamen, tönte uns 
von da aus eine Musik in die Ohren. Mein Vater fragte mich: 
„Was ist denn morgen flir ein Namenstag, dass die Schnur- 
ranten wieder so im Dorfe herum geigen und blasen und die 
Leute wieder aus dem Sciilaf wecken?" Ich gab ihm zur Ant- 
wort: ^Es ist morgen der 30. Mai, aber was für ein Namens- 
patron morgen ist, das weiß ich soeben nicht.' .Freilich, der 
deine ist es nicht", erwiderte mir der Vater, „Das weiß ich 
wol, denn ich heiße Nikiaus, und dieser ist erst am 6. De- 



B 




Iliiilisi'he Sagpii 



233 



""SemÜCT lind nicht im Mai." Nnn so kamen wir unter diesem 
Geplauder beim Dorf an; und siehe! ehu wir es uns Versalien, 
so scliien das ganze Dorf iu Flammen zu stehen, die so hell 
leachteten, dass dadurch Lunas Silberschein immer matter, end- 
lich ganz verdunkelt wurde — und sie seibat gleichsam gänz- 
lich verschwand. Jetzt sahen wir nicht« mehr als uin grobes 
Feuer auf dem sogenannten Schuhraac hergarten brennen. Wir 
sahen einander wechselweise, teils erstaunt, teils etwas furcht- 
sam an. Endlich sprach wein Vater; ^Koiiii, Nikiaus, wir 
wollen doch sehen, was das für ein Feuer ist, welches auf dem 
Schuhmachergarten so hoch und hell brennt, und siehst du", 
fügte er noch hinzu, „wie viel Menschen dabei stehen und ura 
dasselbe herumspringen. Was soU denn das alles bedeuten?" 
Ich entgegnete ihmr „Ich sehe es wol, aber was es zu deuten 
hat, das weill ich so wenig als du, und will es auch nicht 
wissen, sondern wir wollen lieber nach Hause gehen und uns 
zu Bette legen, denn mir alint nichts Gutes von dem großen 
Feuer und insbesondere von den Musikanten, die eine so kuriose 
Musik dabei spielen. Und du, Vater, weiUt es ja selbst recht 
wol, dass man viel vom Schuhniachergarten erzählt, worauf man 
in alten Zeiten die Zigeuner, Hexenmeister und deren Anhang 
verbrannte. Wer weiü, was das alles sein mag. Wahrschein- 
lich will man uns auch zur Nachlmusik locken; aber wer weiü, 
wie es uns ginge, wenn wir der Einladung folgten.' Wir gingen 
nun, über die Sache hin- und herreJend, miteinander nach Hause. 
Mein Vater, dessen Neugierde aufs höchste rege geworden war, 
schüttelte den Kopf und stampfte mit dem rechten Füll auf den 
Boden, fasste mich an meiner rechten Hand und sprach: „Bub, 
ich sag es dir, wir müssen sehen und wissen, was das für ein 
Feuer und flir Menschen sind, und wenn es uns das Leben 
kostet; darum komme mit mir!' Ich strSubte mich dagegen. 
Allein ich musste ihm folgen, indem er mich gleichsam mit sich 
fortriss und seinen Worten dadurch Nachdruck gab, dass er 
mir mit der rechten Faust recht derb ins Genick schlug, so 
dass ich ihm nun gerne folgte. Wir machten uns nun sofort 
auf und gelangten endlich am Bach an, worüber ein Steg führte. 
Auf diesem blieben wir stehen, von wo aus wir ganz deutlich 
die ganze Geschichte übersehen konnten, denn es war kaum 
200 Schritte von dem Platze. Aber damit wollte sich mein 
Vater nicht begnügen, sondern sprach: „Komm, wir wollen uns 




SJ34 Pfflff 

dort hinter des Basilius Haus stellen, denn von dort können 
wir auch hören, wus gesprochen wird." Allein, dorthin wollte 
ich dem Vater nicht folgen, indem es kaum 50 Schritte vom 
Feuer entfernt war, aber ich musste folgen. Wir schlichen uns 
beinahe auf den Zehen zu dein gelieimnis vollen Platz heran. In 
geringer Entfernung vam Feuer lag zum Glück ein großer Klotz, 
hinter welchen wir uns setzten und uns ganz ruhig verhielten, 
um nicht von der Gesellschaft bemerkt zu werden, und es muss 
wirklich der Fall auch gewesen sein, denn es scliien, man achte 
uns beide nicht, indem die fürchterliche Gesellschaft ihr Wesen 
ununterbrochen forttrieb. Dieses waren keine Wesen wie wir. 
Sie schienen weit mehr Bewohner jenes fürchterlichen Orts zu 
sein, welchen man Hülle nennt. Ja, Beelzebub selbst mit seinem 
ganzen Anhang schien daselbst versammelt; und in vier langen 
Reihen sprang die Gesellschaft zu zwei und zwei miteinander 
um die Flamme, die bis zum Firmament hinaufloderte. Beim 
Anblick dieses grausen Schauspiels lief der kalte Schweiß jetzt 
meinem Vater gleich mir von der Stirne. Die saubere Gesell- 
schaft der Musikanten sass auf der linken Seite, ungeflthr 
80 Schritte vom Feuer auf einer Anhöhe, die ein Balkon vor- 
stellte, die waren grässlich anzusehen, dass es einem schauderte; 
ihre Augen funkelten wie Feuer und in ihrer Mitte stand ein Mann 
von uugeflihr acht Schuh hoch, der hatte lange, feuerrote, fliegende 
Haare, schwarzes Gesicht und funkelnde Augen; sein Kopf war 
mit einem Hirschgeweih geziert. Dieser gab den Takt der Musik. 
Eb war zu umständlich, die Figuren der Musizierenden genau zu 
erklären. Nun machte mich mein Vater aufmerksam auf die 
Tanzenden, indem ich immer auf die Musikanten gaffte, und 
sprach: „Sieh dort an das Feuer der rechten Seite und betrachte 
den Mann, der an einem Pfahl mit einer Kette angebunden steht, 
und wie vier schwarze Kerls Holz zu einem frischen Feuer 
herbeitragen, und wie zwei bucklige Gestalten das Feuer schü- 
ren und andere Öl ins Feuer gießen, und den scliwar/en Tisch, 
der unten an den Musikanten steht, und die grässlichen Männer, 
die daran sitzen?" „Ja, Vater, das sehe ich alles, aber was 
soll dieses nur bedeuten?" „Das weiß ich selbst nicht", er- 
widerte mir der Vater, „aber doch wollen wir den Ausgang 
abwarten, wenn wir nicht vertrieben werden. Und nun, Nik- 
iaus, wollen wir doch sehen, was mit dem angefesselten schwarzen 
Mann dort drüben geschieht, und mit dem Holze, welches die 




Bndiächo Sagen 



S35 - 



schwarzen, bucklichen Kerls neben ihm aufgesetzt haben, 

, ei 2H was die vielen Pechfackeln, die dort neben dem Holze 

i&iifgebeu^t sitzen, dienen sollen. Sieh, Nikluus, hinter dem 
tiö'wen steht ein großer Haufen kohlschwarzer Männer, die eben- 
&klls Fackeln in ihren Händen halten." „Ja, das sehe ich alles, 
lieber Vater", entgegnete ich, „aber wie. wird es mir so bange, 
wrenn wir nur zu Hause wären!" „Pfui, du Hasenfuß, schäme 
dich! Die werden uns nicht fressen, denn sie haben für sich 
. Sti tun." „Das glaube ich recht gern; allein, siehst du, wie 
sieb das Firmament immer mehr und mehr verdunkelt und wie 
der Blitz das Gewölk durchschlängelt, ja, von Wallburg her 
rollt der Donner." „Halte dich doch ruhig, lieber Nikiaus, und 
bleibe standhaft, denn ich bin überzeugt, dass uns kein Leid 
geschieht", erwiderte malmend mein Vater. Er hatte freilich 
mehr Herz als ich und fürchtete sich vor nichts. Jetzt rollte 
*ler Donner noch entsetzlicher als zuvor, die Musik (das Katzen- 
greschrei) verstummte, auch hörte das Tanzen auf, dann stand 
»lies still wie Mauern, und was für scheußliche Gestalten konnte 
'öan da erblicken; nämlich ein Totengerippe hielt eine Figur 
*ö» Arme, die ebenfalls ein Gerippe war, nur hatte sie einen 
Schwarzen Federhut mit einem Schleier auf dem SchSdel; eine 
»ndere Gestah mit Pferdefüüen hielt ebenfalls eine Figur, die 
B&Qz schwarz und feurig und verschleiert war, dann folgten 
Zwerge aller Art, Riesengestalten, Feen, Hexenmeister und alles 
Gesindel aus der Hölle, ich weiß nicht alle Gestallen zu be- 
*>eiiiien, es waren gewiss mehr als hundert an der Zahl. Nun teilte 
»ich dos Gesindel in zwei Hänfen und stellten sich einer zur 
iftchten und der andere zur linken Seite an den Tisch, allwo 
^e Herren sassen, und gleichsam einen Halbzirkel um das Feuer 
bildeten, dann gössen die schwarzen bucklichen Zwerge wieder 
öl ins Feuer, so dass die Flammen höher und immer höher auf- 
loderten. Der Wind fing nun an, entsetzlich zu brausen und zu 
tetuen. Das Firmament wurde von der linken Seite, vom Reb- 
gvbirge her, ganz hell; der Donner krachte und Feuerfunken 
fielen aufs Gebirge. Ja, alles schien in Brand zu geraten. Es 
lerrschte tiefe Stille umher in der Gesellschaft, aber der Donner 
rollte fort. Mein Vater und ich fielen auf die Knie und beteten, 
icil weiß nicht mehr, still oder laut. Mein Vater sah mich an 
tmä ich ihn, denn wir glaubten, es wäre um uns geschehen. 
Sidw, da kam ein feuriger Drache vom Gebirge her in der 



236 TfafF 

Luft, er spie Feuerfunken nus seinem ofl'enen Rachen, auf die 
Erde za. Ja, er war so lang wie ein Wiesbauni und wenigstens 
drei Schuh in der Dicke, den Schwanz verzog er wie eine 
Schlanpe. Als er über dem Feuer war, so hielt er ungefähr 
zwei Minuten still, dann ließ er sich pfeilschnell in die Mitte 
des Feuers herab, so dass das Feuer gleich erlosch; aber ziir 
gleichen Zeit steckten die vier Schwatzen das Holz, welches sie 
Kusaminen trugen, in Brand, und siehe, statt des Drachen, der 
sich ins Feuer ließ, stand jetzt ein gi-oßer, schwarzer Mann, 
dem ein langer, schwarzer Bart bis auf die Brust hing, dessen 
Angesicht war todbleich ; auf dem Kopf aaas eine spitzige, schwarze 
Mütze, und ein schwarzes, langes Kleid ging ihm bis auf die 
Fiiüe; er hielt ein schwarzes Szepter in der Hechten und stand 
auf einer kleinen Erhöhung uitgefähr vier Minuten da; der Wind 
und das Donnern hörten auf und es herrschte wieder tiefe Stille 
im Halbzii'kel; der Haufen schwarzer Männer in der Löwen- 
stralle verhielt sich ebenfalls ganz ruhig. Der Vater aber sprach 
ganz leise: „Bub, passe jetzt auf, was gespielt wird, und ver- 
halte dich dabei recht schön ruhig." Nun begann der erwähnte, 
auf der kleinen Anhöhe stehende schwarze König oder Befehls- 
haber der Hölle (Gott sei bei uns) seinen Arm mit dem Szepter 
in die Hohe haltend und zugleich die ganze Gesellschaft mit 
starrem Bücke iiberseliend, folgende Worte zusprechen: ,Pona, 
mempa, moro" (so verstanden wenigstens die Worte der Vater 
und ich). Darauf nahmen die vier schwarzen, bucklieben Kerls 
den am Pfahl angeketteten Schwarzen, lösten ihm seine Bande 
los, dann winkte der König mit dem Szepter und der Schwarze 
wurde augenblicklich von den Vieren ergriffen und ins Feuer 
geworfen. Nun ergriff die vorher so lustige Tänzergesellschaft 
die neben ihr liegenden Pechfackeln, zündete dieselben an, 
und zu gleicher Zeit brannte auch der schwarze Haufen seine 
Packeln an, die beim Löwen standen. Als ihre Fackeln brann- 
ten, schmolz das brennende Keuer aber ganz klein zusammen, 
ja immer kleiner, so dass nur noch Kohlen glommen, und so 
endlich zur Asche verwandelte, welches die Anwesenden mit 
starrem Blick ansahen. Nun kamen zwei Männer mit einer 
Tragbahre, auf welcher ein Gefäli von Silber stand, darein wurde 
nun die Asche des Verbrannten sehr sorgfältig getan und mit 
einem Deckel bewahrt, dann mit einem schwarzen Tuch bedeckt, 
worauf an den vier Ecken ein Totenkopf eingedruckt war. Als- 




Bad i sehe Stigeu 



237 



d«nii begann die Musik wieder in so melancholisch-traurigen 
Arien zu spielen, worauf die Totengerippe plötzlich an die 
Bahre traten, dieselbe ergriffen und auf ilire Achseln nahmen, 
worauf der Mann mit dem Szepter winkte und die Musikanten 
vom Orchester herunterkamen und sich in Reihen vor die Bahre 
stellten. Zur gleichen Zeit trat eine große, ungefähr sechs 
Scliuh hohe schwarze Gestalt mit einer Stange in ihren Händen, 
worauf eine schwarze Krone angebracht war, vor die Musi- 
kanten. Die schwarzen Fackelträger stellten sich links und 
rechts neben der Bahre auf, und hinter die Bahre begab sich 
dann der Mann mit dem Szepter, dann folgte die Tünzergesell- 
schaft, und als so alles geordnet war, fing ein dumpfes Geläute 
der Glocken an. Die Musik spielte ganz beweglich und der 
Zug bewegte sich auf die Straße durch den Ort. Wir schlichen 
durch die Nebengassen des Orts nach, um zu sehen, wohin es 
ging; auch glaubten wir, die Bewohner des Orts würden alle 
an den Fenstern sein, um den Zug mit anzusehen; allein wir 
täuschten uns, indem keine menscliliche Seele sich blicken ließ. 
So ging es fort bis an das St. Lando linuskreuz, das an der 
Wintergasse steht; da schien es uns, als wollte der Zug Halt 
machen; allein dort bewegte er sich gegen die Wintergasse 
hinein, und an dem sogenannten Eerrenberg blieb der Zug halten ; 
da schlichen wir uns in der Judenbanne Garten, der am Winter- 
berg liegt, und siehe, zu unserem großen Erstannen »ffnete sieh 
am Herrenberg ein schwarzes Tor und aus der Öffnung tonte 
das Geläute der Glocken heraus, und der Zug ging zur Öffnung 
hinein. Da sie alle drinnen waren, so schlichen wir ihnen eben- 
falls wieder nach, um doch den Ausgang abzuwarten; aber das 
wäre uns bald übel bekommen, denn wie man die Bahre auf 
die Erde mitten im Gewölbe, welches ganz mit schwarzen 
Tüchern behängt war, niedersetzte, donnerte der Mann mit dem 
Szepter in der Hand die Worte heraus: „Wer uicUt mit be- 
graben werden will, der entferne sich, ehe ihn der Feuertod 
erreicht; deswegen eilet, ihr verwegenen Sterblichen, von hinnen 
und bleibt auf gutem Weg!" Wir machten uns so schnell als 
möglich hinaus. Als wir wieder ins Freie kamen, schlugen 
schon die Flammen aus der ÖfTnung und die Tür fuhr mit ent- 
setzlichem Krachen zu, so dass wir zusammensanken, und zwar 
ganz betäubt, und als wir uns wiederum erholt hatten, so sassen 
wir, die Hände ineinander geschlossen, neben dem St. Lando- 




238 Mannlieimer 

linuskreuz dicht nebeneinander und rieben uns die Augen. Mein 
Vater sprach nun: „Nikiaus, wie kommen wir neben das Kreuz 
zu sitzen? oder träume ich?" „So ist es auch mir", sagte ich, 
„doch horchet, Vater, man läutet ja noch im Herrenberg zum 
Begräbnis." „Da ist es doch kein Traum, was wir sahen", er- 
widerte mir der Vater, „gewiss haben wir nicht geträumt, sonst 
wären wir nicht bei diesem Kreuz; ja, ja, so ist es, Nikiaus, 
wir haben gewacht und nicht geträumt." Nun schlug es 4 Uhr 
auf dem Kirchturm und wir gingen dann nach Haus, und auf 
den Abend gingen wir beide, der Vater und ich, zum Herrn 
Pfarrer und erzählten ihm die Geschichte, worauf er mit der 
Aclisel zuckte und uns bat, es doch nicht weiter zu erzählen, 
was ich auch bis heute gehalten habe. (Fortsetzung folgt.) 



Ein Bauerngespräch. ans dem Jahre 1738 
in schwäbischer Mundart- 

Mitgeteilt von Albert Mannheimer« 

In einem Sammelbande von Flugschriften auf Jud Süß 
(München, Hof- und Staatsbibl. Biogr. 242) findet sich das 
folgende interessante Stück: 

„Das lamentirende Jud-Süßische Frauenzimmer Unter dem 
grossen eisernen Galgen vor Stuttgardt draussen, Wie solches 
Die wieder dahin gekommene Zwey Würtembergische Bauren / 
Nemlich Veit Dudium von Wurmberg und Hanß Michel Sauer 
von Plieningen antreffen / ansehen / und anhören / auch darüber 
raisoniren / anbey jeder dem andern was Neues communicirt." ^ 

Der dem Flugblatt beigeheftete Kupferstich zeigt den Galgen, 
an dem Jud Süß in einem Käfig hängt. Eine auf einer Ofen- 
gabel durch die Luft reitende Hexe bringt ihm einen Brief. 
Den Galgen umgeben sieben Maitressen des Süß, Veit und 
Michel stehen in der Nähe des Galgens und unterreden sich 
über das, was sie sehen. 

Die folgenden 8 Verse stehen nebst 20 andern in hoch- 
deutscher Sprache abgefassten auf dem Kupferstich. 

^ Vgl. ül)or ein älinliclies Bauorngespräch Steiff & Mehring, 
GeHchichtl. Lieder und Sprüche Württemhergs. Liefg. 5, S. 664 ff. 



ISiluemgespräch aut dem Jahre 173* \o acliw üb (scher Mundart 239 

Mii^hel. 
Hfirscli Veit, WHS diend die Leuth dott' liintenn Galgs macha 
Sjnde tioiBlar mei, sag mir. äfB sind mir nrtli Sacha, 
Sieh heb dn Grind ind HQh, was ist des fOr a Post 
I>ea bann i gseaba nie, poz tausend elleinnst. 

Yaith. 
Au Uichal sey koa Karr, die kah praf gnbcl reita 
Bs ist die Kupleri, die in da Lebae Zeita, 
X>em Juda knplat haut die MenBchar und die Weiber 
J«Ut bringts ihm no an Brieff von ihnen und seim Schreiber. 

CI*ie jetzt folgenden Verse habe ich der Übersicht halber, 
^ X^ücksicht auf die sie unterbrechenden hochdeutschen Stellen 
vifead mit Zahlen versehen,) 
Veit. 
X hauiis mein Leblich g'buirt. uiu Nnrr marlit zeba Narra 
AWie möget so viel Luit beym Galgn seyn und b'barra 
XDeam ächelma Jnda a'lieb aa lauffl, fast eilen ibub, 
Xjin Thuil bedanretn aa ander sputt an aus 
~^^eDn i a Huißlc ntScht ilu un des Uergle bana, 
X wott iner ßier nnd Wein gnueg nie vertraiba traua, 
X€orch, JUicbcl, |;ang dorulT, mer treffet cbbaa an, 
X}aß uaner im n Weyl nana kortasiera kan. 
Ouck flberache, seit stend viel .Tungfra und viel Weiber, 
Und bseahet gann da Schatz und alta Zuit-Vert reiber, 
Aa duicbt me daß der Stteß koan Narr im Leaba gtvea, 
.As thuet an tede no so Eimmlo guet aussen. 

Michel. 
£utz Wetter bleib a wet^k, mcr mllesaet d'Such verschweiga 
Ointwedcr. oder gar uo mit um 0yd bezeuge, 
* Wenn mier do gfunda hent vons Juda seine BchttU, 



Veit. 




Du Tropff was fOrchat de gaun, 


»enn mer di frogt. ao schwatz 


Se sind e»iß net ho blaid. daß & 


e giei ausser platzet 


1 boyß a Bo und so. da siebet jo 


wie ae atratzet 


Doi hol an Boiffrock au. und du 


H Kuracbelet. 


Diii greint und lamntiert as wie 


au alta Flöt. 



Michel. 
Halt, Veit, i lach me z'kranck. woyst worum? guck seit ntle 
Seit fliegt an alte Hex a wDester Tuiffels- Muffe, 
8« allst guet uff am l'feard dos vorna Zincka fOehrt 
Ofagnbel ists. dui bot ae wRrle gschniiert ; 
4t a Kupplere, dui will für eile Dinga 
In CatTenel a Liabes-Briaffle bringa, 



240 Mannheimer 

Jo, alte Huer, ar schlofft, guck wie er se schaun streckt. 
Wo sind ietzt seine Luit, daß uans dervon ihn weckt. 

Veit. 

Jctz haune doch a Hex mein Leahalang antroffa, 
30 Schätz w^oll dui ist am offt ins Hauß mit Huera glolTa, 

Schätz woll au net umsust, ar hot se dopplet blohnt 

Wenn so a Vettel no koan Weibsbild hot verschohnt. 

Hätt i mein Kugel-Bix i wött se gaun rah schiesa; 

Wear sind denn die dorum sust so an Royha schliesa, 
85 A Närrle biet am nulF a Heartzle in der Hand, 

du Canale du, du bist am gwiß verwand; 
Seit stoht an andere und hot a grauß Babbeyer. 

13oy dear ist d' Jungferschafft fürwohr au nimme theuer; 

Michel. 

Aa ist a Carmala, wie i verstand und hair, 
40 Des lißt se eban ah zues Juda letstan Air. 

Veit. 

Do leit jo au a Bohr as wenn a Kind war gstorba 

Woar hots Begräbnes denn am Galga do verworba? 

At Muetter sitzt derbey, pflannt Rotz und Wasser rah, 

Was gilts des ist gaun woll at Fischere, ha! ha! 
45 Hätt st du vor diesam so uans gheult fQr deine Sflnda 

Mer därfft dein Huorakind und di jetz net do finda; 

Zwor will a Hiindsfut sevn as ist der net ums Heartz 

Fürs Kind, dein ghencktcr Süß, des ist dein graister schmeartz. 

No cbbas Michel sich, stoht uane net seit drinna? 
r>o Oh se von Adel ist. des kau i mi net bsinna, 

Ulfs wenigst Adelich scheint ellerdings ihr Kloyd, 

Dui trait boy meiner Sail! reacht um da Juda loyd. 

Des sind jetz lauter Luit, i woyß net weam se ghaira, 

Do mueß se auser uans so uisserlich veraira 
5:> lischäht des so ufT am Land bey Baura. moynst du net 

^for jüegtet Weib und Kind vom Hauß, von Tisch und Bett? 

Michel. 

1 bitt do drum sev still, as zancket zwue dohüba 
l'ms Juda sein Barick dui ist do liga bliba. 

So stausot se braf rum an iede will se haun. 
tk» Dui lio)»t ^o tost boym Schwantz de ander loßts net gaun. 

Veit. 

NN ;\< k» it doar llandol mi. i log me net ins Mittel, 
V-' u« ii tit« uwaliiih Mail), kotz Welt, was Aira-Tittel 
l :..! wiiip. *-«' iiino kriaizt. was i^tsV was thuet mer mit 
AK il.ih Hin s.' ntV<to«'kt so an a Mistland-Britt. 



Ein Unnerngeatirfli^ii auw lifin Juliro tT:i.'< in gdiiviibisi^lier Mundart 241 

Michel. 
Ofi Se geit s. Buder-Qunst and IiUbncha Fafbrickln, 
A Muga*Kfl8Bele. and elleihand ho Stückln; 
Wie loÖ a wengan uff. was se fUr Redn gpant 
Aiiander unters Gaicht, und wie se sancka theont. 

Es folgt hier der Streit der Maitressen um die dem Juden 
SiiU bei der Hinrichtung entfallene Perücke. Trochäische Verse 
in hochdeutscher Sprache. Schwäbische Eigentümlichkeiten zeigen 
sich auch hier, ao im Reim „Angeciencken — veraincken" und 
in Worten wie „verkratzen, Goscheu, Bauren- Trumpff abtrieben 
für abgetrieben" u. a. 

Dann spricht wieder 

Veit. 
Di» hent snander 'a Biar unagnieffs toll and wacker; 
10 I bau aa ebbes nois airst gfunda bey meim Acker, 
Des gaun a gueter t'rnlDd. ai ina da Jiida ghenckt 
Äua »eim Sack untenveags hot mit am Schnnpfilitech gschienckt. 

Es werden in diesem Stück drei Maitressen des Juden er- 
wähnt. Dann l^hrt fort: 

Michel. 
Des wurd se eaba reaeht fflr dui Cumöde suhicko 
Dn gmahnst me dran, i huun au ebbes in der Ficka 
75 Muesch aber neama aa, der Stattknecht hot niers gea, 

Potz Donder! schweig mer «tili as mOcht am ebbes gechea 
Wie dear as Stüblo hat, in deam der Jnd ist gseasa, 
Wojet off nra Haira-Hauß, worinn er au hot gfressa, 
Tsps druff «uskebrn laun, aa lieht er deas Babbeyr 
BD Vom Eotter Biegel für, und nioytit as ghair ins Tenr. 

Dos Papier enihSlt die „Confesaio Judaei auspensi ante 
mortem* und .Ejusdem Absolutio ä Rabbinis obtenta". (Hier 
heißt Jod Siiß wie nirgends sonst Joseph Ben Siiskind Oppen- 
heim er.) 

Es spricht dann 

Veit. 
Des Din); ist roaubt veracbrauHt a Glairter inufl derhinder 
USs wenigst wenn i beiuht so bett i; Armer SOnder: 
Oinniohl des halt kuan Stieb i bleib a mohl dobey 
Daß er beym TuiSei ui als seabch worda eey. 
Michel. 
M Ej bbaet es dear und dear. Veit, des will i net hofEa 
Mein nimm de do in acht, du bust dein Maul x'weit effa 
Jetxt gang i eaba hoam, giiet Nacht! an Grueß ans Weib, 
1 xahl der no a Hulbs wenn i buit e'Stuegert bleib; 
A]fp.unniB K. F. e, s. ,6 




242 Mannheimer — Ein Bauerngespräch aus dem Jahre 1738 

Sa seys, leb wohl, Ades! i sieh da Juda nimme, 
90 Du Vetter Michel hairsch grüeß mer as Schul tza Sirame. 
Komm au a mohl zu mier, mein Anges kennt de nett, 
As stoht der elles z*Dainst, mein Tisch und au mein Bett. 

Es folgt jetzt in hochdeutscher Sprache die Continuatio 
des Rabenlieds, womit das Stück schließt'. 

Anmerkungen. 

Die sprachlichen Formen der Verse des Kupferstichs weichen von 
denen des Flugblatts ab. 

Kupferstich Flugblatt 

(stets) die (3. Sg. fem. d. Pron.) (stets) dm 

I. hörsch (hörst) 1. g'hairt (gehört) 

dietid (tun 8. PI. Ps.) 68. theatU, 

(Über die Form g'hairt vgl. Ka uff mann. Gesch. d. schwäb. Mund- 
art § 85. Der Kupferstich hat auch die Form Höh [HöheJ, wo das 
Flugblatt ai setzen würde, vgl. blaid V. 17.) 
V. kah (kann, ohne Nasalbezeich- 8. kau 

nung) 
VI. Zeita (Zeiten) 10. Zuit 'Yerireihcr 

Vir. haut (Analogiebildung zur (überall) hot. 

1. Sg. Ps.) 

Die Verschiedenheiten zwischen Flugblatt und Kupferstich lassen 
wol auf zwei Autoren schließen. 

Die Form „Zuit" (V. 10) ist mir unerklärlich und auch nirgends 
mundartlich belegt. 

Die Orthographie des Flugblatts ist schwankend. Wir finden V. 49 
uine (eine), V. 63 uane, V. 8 uaner und uans (auch in V. 28 und V. 54). 
Ferner haben wir für mbd. ei die Schreibung oa (koan V. 11), oi, oy. 

Die Sprache des Kupferstichs ist stärker durch die Schriftsprache 
beeinflusst als die des Flugblatts. 

In der Schreibung „oy" (des Flugblatts) liegt jedenfalls schrift- 
sprachlicher Finfiuss vor. 

Die Schreibungen oi und ui deuten wol auf ostschwäbische Aus- 
sprache. 

Die Schreibung ua (nur vor Nasal) scheint auf die westschwäbische 
AusHprache od (vor Nasal) zu deuten, da a im Plugblatt durchweg die 
Stelle des d vertritt. (Vgl. dazu Kauffmann § 92.) 

Das Stück zeigt also offenbar eine Mischung von Mundarten. 

Erwähnen will ich noch, dass sich eine Abschrift der Verse des 
Kupferstichs auch in der Handschrift „Süssiana* (Stuttgart, öff. Bibl. 
cod. bist. fol. 34^<) findet. Der Abschreiber steht auch unter dem Einfluss 
der Schriftsprache, doch ersetzt er auch manchmal schriftsprachliche 
Formen des Originals durch mundartliche (^tausend durch tau^e^* 

* Ein anderes „Klagelied der Raben** findet sich im Archiv für 
Kulturgeschichte IV 3 S. 452. 



Anzeigen und Nachrichten. 

Ads dem Badischen Oberland. Festschrift der 15. Hnuptver- 
sammlung dos Allgemeinen Deutschen Sprachvereins, 
dargebracht vom Zweigverein Freiburg im Hreisgau. Freiburg i. Hr., 
Fr. E. Fehsenfeid, 1907. H^. 200 S. Zu beziehen für Mitglieder 
zu 2 M., für Nichtmitglieder zu 3 M. durch die Akad. }3uchhand- 
lung von H. Borst. 

Der Freiburger Zweigverein des Sprachvereins hat den Besuchern 
der 15. Hauptversammlung, die in.Freiburgs Mauern tagte, eine umfang- 
reiche Festgabe dargeboten, die in gediegener Ausstattung acht w^ertvolle 
Abhandlungen verschiedener Verfasser aus der Landes-, Volks- und »Sprach- 
kunde Badens zusammenfasst und als Anhang noch eine Auswahl mund- 
artlicher Dichtungen bringt. Von den Aufsätzen sind die meisten zwar 
inzwischen auch im letzten (VI 11.) Bande dieser Zeitschrift erschienen, 
80 dass sie bei deren Lesern wol als bekannt vorausgesetzt werden dürfen. 
Gleichwol möchte ein Eingehen auf einzelne wenigstens auch an dieser 
Stelle gerechtfertigt erscheinen. 

Da steht an der Spitze von dem Schriftleiter der Alemannia eine mit 
neun Autotypien geschmückte Erörterung über die Dreisam ', die in ihrer 
Anlage und ihrem Aufbau geradezu vorbildlich genannt werden darf. 
Der Verfasser bietet in anziehendem Plauderten und durchdrungen von 
warmer Liebe für da» schöne Schwarzwaldlaud eine geographisch-geschicht- 
liche Studie über den Fluss mit dem seltsamen Namen. So viel darf nach 
PfaiFs Ausführungen als gesichert und unanfechtbar gelten: das Wort 
Dreisam ist nicht deutsch, es ist höchst wahrscheinlich keltisch. Dafür 
spricht neben dem undeutschen Klang die Zugänglichkeit des erweislich 
schon vor Christi Geburt von Kelt<?n besiedelten Tales, dafür sprechen 
die ebenso nndeutschen Namen der benachbarten, ähnliche Verhältnisse 
aufweisenden Gewässer wie Neumagen, Glotter, Elz; denn nur bei solchen 
Voraussetzungen ist meines Erarhtens die Annahme keltischen Ursprungs 
für Namen stärkerer Bäche berechtigt. Man vergleiche die Täler und 
Namen der Hier, Günz, Mindel. Zusam, des Lechs und der Wertfich. Die 
Znsam ist S. 27 so.üar beigezo^en; das hiebei geäußerte Bedenken kann 
um deswillen wegfallen, weil di<* der Chronik Oheims entnommene alte 
Form für Zusmarshausen unrichtig und irrofülirend ist. Der Ort heißt 
892 Zusemarohuson. was ^ariz klar besagt: boi den Häusern der Leute an 
der Zusam (Zusemaj. 

' [Mit Erlaubnis des Herrn V'<*rfaHHerh begleite ich diese dankens- 
werte Besprechung mit einigen Antncrkungcn. I*.) 



244 Auzeigeu (in<1 Niichrichtea 

Uuseru Kenntnis der altkeit istlien Sprathe ist mm aber so sehr 
Stückwerk, dass eine Ober eine geringe Wahrscheinlichkeit hinausgehende 
ErkUning dea Fluesnamene dermalen zn den gruüen Seltenheiten gehören 
muaa. Ob aber dieser seltene Fa]l hier vorliegt? BegrOndet ist die vor- 
getragene Deutung mit groBem S<:barf9inn iind genauester Kenntnis olles 
Einschlagigen. Aber ich kann beim besten Willen nicht sagen, dass ich 
Oberzeugt vHrc, und muas deshalb wol auch ausfahren, warum nicht. 

Dass die alten Formen Treiatma und Treisama auf ein Tragisoraa 
EurDckgehen. bat zungchat viel Fftr sich. Auch der Ton Bück schon an- 
geuommeae Stamm trag ^ laufen scheint noch annehmbar, obwol mir die 
Buck-Lobmey ersehen Flussbcuennungen „Der (jehende, Laufende, tlielteiide* 
nsw. nie recht einleuchten wollen, weil sie zu wenig kuritkteristiscli und 
zu nicbtaeagend sind — jeder Flues geht oder fließt doch — nnd weil 
ich ein Grundwort vermisse, das allerdings in dem hSuflgen Schlusa-a 
stecken konnte. In Obere instimmung mit Bück ist nnn der Anstaut iaama 
als Superlativ form eines aua der Wurzel trug zu erschließenden Eigen- 
sebaftsworts aufgefasst, so dass also etwa die Bedeutung ,die sehr 
schnelle* sich ergäbe. Als llbnlicbc Bildung ist van Flnssnamen nnr 
Hettema beigebracht, doch dürfte daa wenig Gewicht haben, da es doch 
allezeit nur natdrlicli ist. dass mau von ilrei gleichlaufenden Ciewflssem 
das mittlere eben als solches beztichnct (hier Metnui zwischen Schwarza 
nnd Rcblficht), 

Allein ein anderes Bedenken wiegt schwerer. Ist die Dreisam denn 
auch sehr schuell? Ich hiibe sie selbst leider noch nicht gesehen, allem 
Anschein nach trifft es jedoch nicht zu. Sie hat freilich ein etwas 
stärkeres Gefall als x. B. die Elz, ufimlich etwa um 2 m mehr auf 1 km, 
doch ist für diese Berechnung der regulierte Lanf zu Grunde gelegt nnd 
nicht die ehemaligen vielen und großen Windungen unterhalb Freibnrgs. 
Überdies spricht Pfalf selbst 8. 2 und 3 von dem schwachen FlUsslein nnd 
von seiner .hänfigen Abwesenheit' im Sommer und Winter. Dass anch 
der sonst harmloseste Bach zuweilen gewattig anschwellen kann, ist aller- 
dbgs unbestritten; nach diesem unnormalen Zustand wird er aber kaom 
benannt. Dieser Einwurf ist achon von Bück erhüben mit den Worten: 
Dies (die Raschbett des Laufes) kSnnte freilich nur von einem der Qnell- 
bfiche ausgesagt werden. Das erweckt nun allerdings den Anschein, als 
kenne Bück Dreisam nur, wie es such heutintage noch zumeist angenom- 
men wird, als Namen von Zarten abwHrts; darum weist Ptaff genau nach, 
dasa der Name schon im 12. Jahrhundert weiter hinanfreiclite und zwar 
ins Tal des Wagensteigbachs. Da fragt es sich aber zunSchat, ob er 
nicht eben erst von den MOnvhen, etwa von St. Peter oder St. Margen, 
bis dort hinauf gezogen worden ist; der Flnasname reicht ja hBufig, wo 
es nicht klar zu Tage liegt, welcher von mehreren Quellflüssen der eigent- 
liche Hanptfluss ist, ursprünglich nur bis zur Vereinigung der Hanptquell- 
bSche aufwärts (vgl. Donau: Bregc und Brigacb, llleri Breitnch, Stülach, 
Trettach n. a.)'. Das hängt überdies anch mit der Art nnd Weiae der 
Besiedelung zusammen. Das breite Bbeintal, hier daa Gebiet am den 




Anzeigfi» und NnrliricliWn 245 

Kikiseratuhl, war docli eirhpr lange sclioii beaiMlelt, bis ein Mensch in da» 
Tal liia oberhalb Freiburg oder gar obeTlmlb Kuchenbach in den dichU'n 
Urwald vordrang. Alan kamtlen die Brunxezuit- udi-r Ls-Täne-Menaclieji 
die KlOaae dort auÜen laugst und hatten sie längst durch Numen unt«r- 
■«bieden, bia sie einmal weiter aufVILrta cOckten und Tarodunum anlegten. 
Wie gleichgQltig ihnen die verschiedenen wilden Seitentäler gewesen sein 
mögen, dürfte aus deren durchweg deutschen [tuchnamen hervorgehen. 
Es wfire wenigstens ein seltearaeH Spiel dea Zufalls, wenn von andeutschen 
Namen im Flussgebiet der Dreisaro gerade nur dar des fluuptIluBses er- 
halten geblieben w&re. Im Gegenteil leigen die wechselnden Namen der 
SeitenbSche (Krummbnch = Osterbnch, Borerbach =^ Hosloch ^ Hölderle- 
bacb. FrauleO' und Freudenbsch = Wo^enstetgbach. äilbeihach =: Maien- 
boch. Bruggu = Wilhelmer Tnlba<:h), daas sie erst spät und von verschie- 
denen Stelleu aus benannt worden sind. Die Cllotter z. li. fließt dagegen 
sowenig iui Gebirge', doss man von ihr annehmen muss, sie habe ihren 
Namen draußen Im Flachland bekomwen. Und wie bei ihr. so wird es 
wol auch bei ihren Schwestern Dreinam und Eli gewesen sein. 

Nach dem allen mliehte ich also Irots der sorgsamst erwogenen und 
kunstvoll aufgebauten Darlegungen Pfaffs lieber mit Holder und Thnm- 
eysen' an eine Zusameusetzung denken. Vielleicht wäre fllr den zweiten 
TeU die idg. Wurzel inskr. samäs, griech. ifM. lat. siui-ul. ahd. samo, 
die den Begriff des Vereinigens enthält, ins Auge zu fasaeu, au diiss wir 
&Iso eine Art Sammelbach darin zu sehen hatten. Ob der Name freiliuh 
je endgiltig wird aufgeklärt werden kiinnen'i" 

Die LöhbOcko bei Ihringen um Kaiaerstuhl betitelte Pro- 
fessor Dr. F. Fiauher seinen Fundbericht, der Aufschlusa gibt über die 
sns HallstatlgrSberu zu Tage gefSrderten Überreste. 

* [Gerade zur Hälfte! Ihre Quelle GlÖttronaprtnc wird schon r.n An- 
fang des 12. Jb. erwilhnL P,| 

' [Holder und besonders Thumeysen waren, wie icb a. a. O. hervor- 
gehoben habe, mehr für Boperiativ. P.} 

' [Die Dreisam ist bei Freiburg, wo sie ihr meistes Wasser an den 
Gi^werbekanal abgegeben bat, wassei'nrm, oberhalb Ebnet ist sie wasser- 
reich und hat starkes Geffille, wie jodermann weit!, der einmal an ihren 
rauschenden Füllen hinaufgegangen ist. Sie wird, ehe ihr Bett durch 
dos unablässig narligeBchleppte Flussgeachiebe hshergetegt worden ist, 
noch viel schnelleren Lauf gehabt haben. Ich habe darauf aufmerksam 
gemacht, dass ihrem Lsnf entlang die tilte Verbindungsstraße auf die 
schwäbische Hochebene führte. Sie iat daher ohne Zweifel früh bekannt 
and benannt worden. Da ihre Quelle auch schon so frQh urkundlich g«- 
uaimt wird, liegt durchaus kein Gniud vor anzunehmen, dass der Name der 
Dreisani erst aus der Ebene in die Berge hi na ufge wandert wäre. Warum 
aoUt« hier nicht der „seltene Fall' vorliegen, dass eine keltische Deutung 
auch einmal ober .geringe Wahrscheinlichkeit' hinausgehe? Die Dreisam 
nimmt doch auch örtlich eine Ausnahmestellung ein. Ich mache auch an 
dieser Stelle nochmals auf den Namen des nieder Usterieichischen Traisen 
aufmerksam, der doch eine recht wesentliche ätutze bietet. Somit steht 
DBsere Dreisam auch nicht mit der Mcttma allein. P.] 



J 



24fi Anzt'igpii uiiil Nachrkhten 

SUdterchtvrat Dr. Alljert bespricht ili^ Biteste deiitaohe Ur- 
kunde der Stadt Freiburg. Zu dem rrQhxeitIgen <tebraoch der deut- 
schen ^praelie !□ Urkunden (scbon vom 3. Jahrzebnt des IB. Jahrhunderts 
anl haben nSmiich die Grafen von Freiburg wesentlich beigetragen und 
dadurch in berron-agcndem Msfi» die Ausbreitung der deutschen Sprache 
gefördert. Die Urkunde selbst ist in guter Nacbbilduiig beigegeben. 

Einen Mann von erbt deutRcbem Sinne und Streben schildert sodann 
liebevoll Dr. Pfaff in dem Freibiirger .Wissmeister" (= Dr.) Joseph 
Brngger [1706—11^65), der seinerzeit als , toller Heiliger" galt, dessen 
edles Wollen uud eigenartigen Karakter aber der Terfasser in Über- 
zeugender Weise dem Leser zu zergliedern und darzulegen verstsht. 

Eine mir besonders willkommene Abhandlung ist die fUnfte: Ale- 
mannische Ortsneckereien aus Baden von Dr. 0. Haffner. Ich 
halie eben eine täaniinlnng von (ortsneckereien aus 450 Orten dos König- 
reichs Bayern nahezu abgcBchlnsücn utid wullte daran gehen, sie nach 
bestimmten Gesichtspunkten tu ordnen, als mir Halfners Aufsatz in die 
Hand kam, der diesen Yereuch für Bndeu unternimmt, Doss ich mich 
freue, hierin einen trefflichen Behelf gefunden zu haben, wird begreiflich 
erscheinen. Halber gruppiert die verschiedenen Necknamen nach ihrer 
Herkunft von Ortsinge, Feldbestellung, Nah rungs weise, Wolstand, Klei- 
dung. Gewerbe, geschichtlichen Erinnerungen, wirtachaftlicben Verhült- 
nissen, Festen, Wappen, Gebrauchen, sprachlicher Eigenart, körperlichen 
und Karaktereigenschaft«n (wie Huchmut, Streitsucht. Grobheit, Fleiß 
und Sparsamkeit, Neigung zu Diebstahl), Schildbtlrgerstreichen und Tier- 
vergleicfaen. Wenn auch die Anordnung da und dort etwas schftrfer sein 
könnte — so gehören beispielsweise Feldbestellung, wirtschaftliche Ver- 
hältniset) und Gewerbe enger zusumnien — oder wenn auch hie und da 
eine Neckerei an eine falsche Stelle geruten ist, wie die Zipfelwecke und 
Britz erb rfldle zu den Getrunken. 30 ist doch für die bisher meist kunter- 
bunt gebotenen Uznnmen einmal der Anfang zu systematischer Behand- 
lung gemacht und das ist Ubersus dankenswert. 

Der Meister der Wortforschung, Dr. F. Kluge, schreibt hernach 
eine Geschichte des Eigenschaftsworts anstellig. Als seine Heimat 
weist er die Schweiz nach, Lnvater ist es, der es ITTG ins deutsche 
Schrifttum eingeführt bat; aber auch weiterhin siud es vorwiegend Ale- 
mannen, die es verwenden. 

Auf 8. 139—158 untersucht Dr. A. Götze Lücken im nieder- 
alemannischen Wortschatz als Beitrag zur Erforsi^hung des Wurt- 
bestands unserer Mundarten . indem er eine Anzahl schriftdeutsvhur 
Wörter, die im Niederalemannisclien fehlen, zusammenstellt und deren 
Ersatz angibt. Vielleicht ist es am Platze, wenn ich hier einen Vergleich 
mit dem bayerischen Mittel Schwaben (Memmingen und benachbarte pro- 
testantische, d. h. einst reichssläd tische Orte) anstelle. Das Eraatzwort 
sei in Klammem beigesetzt: Xhnlicb fehlt (einander gleichen, gleichsehen): 
olbern f. (einfältig); Anstoß f. (sich uthalte); Arzt f. (Dokter); aufregen 
(, brauchst dich nit ufz'regel: Aufschnb f. (hinhalten): ausreichen f. {es 
langt, reicht, meist bschießt): hang (nur in angschtebang) ; beben f. (bob- 
berig werden): bedeutend f. (nur bedeutend meb, unbedeutend): beginnen 
f. (anfange); Besitz, auch Eigentum f. (i^ach, Zitig); Besuch nur fllr die 




:eigen 



ind NnchrirhtED 



247 



ÄTicliende Person; lesiicben f. [heimsuchen); sieb betrinken f. (sich an- 
^^■»iten): betrunken f. (baoffe); Bremse f, (Radachuh); daher, deshalb f, 
t'^^ge dem, wegem seile); darben f. (Not. Hunger leiden); derb f. {grob, 
m.«:a.bbantzig); dicht f. (dick: dos Hotz. Kum steht d.); dichten f. (Reime 
Ip^^tchen); Drohne f. (Imke); edel f. (fQmehm, nobel, wsh); Einfluas f. (er 

"~ ii); Eiler f. (Matere), aber eitere: empor f. (in die Hüh, Öberse; 

L«>«h Borkircbe); sich empören f. ([irBl«heD); Erde in Erdreich, sonst nur 
Etod«; Febroar als Keher, Homung im Aussterben; Flaach als Flftsche, 
ttODit ftuch Outter: flehen f. (bettle, angehe); Fleiü in Fleiß haben; 
..fleißig, fleißig' ÜruU an Arbeitende; Flügel allgemein; Flur f. (im Haus 
duas); FlnsB nur als Krankheit, sonst Bach, Wasser; fühlen nnr in OfOhl 
CgBpüre, angreiFe, anlange); gebühren (in: dem gebührt . . .. doch meist 
stiert. ..); gedeihen f. (g'rate; diege = geräuchert); (JetSlif,( Gechirr): Geiz 
nur in GeiEteufel,-warm; geizig selten (kühl, schäbig, engg'äxt, d.i. mit enger 
AcW): gemein nur in bundsgemein, sonst im Sinn von vulkstOmlich, im sitt- 
i Sinn dafür wüescht: GerichtsToll zieher als amtliche Bezeichnung an- 
geBonaoen. scheraweise Gsichtsverzieher ; Gerücht f. (es is e Gsäg gange): 
li*treide f. (Koore); gierig aeltan. meist ruechig fwer recht gierig ist, heißt 
Swch); Giebkanne f.(6prenzkaDte); Gurke f.(Üugumre); Hälfte gebrauchlich 
md uhne äjnnnymum : Halle f. (Leichonbaus, sonst fohlt Sache); Uarm und 
bUmen f. (sich grämen selten, meist sich verelendi'); harren f. (warton); 
H*ft Seil ulau Sil ruck, sonst vom Griff und von der Nase; herbei f. (her. 
berda]; Himmelfahrt QbliclL; Huhn f. (Spott); hühuon f. (verhohnoklo, 
^tte, foppe): HOge! f. (Anhüb, als Flurname Bübl); hungern f. (Hunger 
Hiben): Januar als Jener; Jauche f. (Lache)^ Imbisa f. (Brotesae, in der 
ätodt «uch Veaper); irr f. (verruckt, meist narret, er isch aus'm Zuig • 
UM komme): Jugend kommt vor; J. hat koi Tuged u. ä,, sonst junge 
I«lt: Kahn f. (Schiff, Schiffle); kehren von der Stube, Gasse usw., auch 
lUkehren (das Kehret); Kiefer f. (¥ohre): Kleister f. (Bapp); klimmen 
ll ,er k» guet klimme, i bi klömme (nur Inf. und Paii. Prät.), sonst 
^c; Kluft f. (Hohlgass); klug f. (gscbeit); Knöchel f. (Knnde); KrSUe 
!■ (Auuchiog, Suirle, er isch schäbig; lieben f. (gern haben, liebenswürdig 
= aägig); Mebelwagen nur in der Stadt, sonst kein Bedarf; Mund in 
IhadBtnck. sonst Maul; Hns stets nls Mnes, nie Brei; Mut f. (Eurasch, 
Scbneid); naschen f. (schlecke; für naschhaft glUstig); Neffe f. (Brudera- 
1, auch Vetter; Geschwisterkind und dritter Kind für Cousin); öffiien 
Kfuthnache): Peitsche f. (Goisel); Pferd f. iGaul, Boss); plötilicb f. 
^nul); prüfen f. (probiere); Pumpe f. (Gumper); pumpen f. (gumpen); 
Scbitlter selten, meist Achsel; Schwiegersohn und -tocbter f. (Tochtermaun 
BObne = Söhnin;; Spottrogel (spöttischer Kerl); Stecknadel t. 
.((^afo); Talg f. (Unscblick); Tasche, Roisdfische u. ä.. auch Sack (Hose- 
<uck); Utig f. (scbaffig); Taugenichts f. (Tunignet, Tagdieb); Teich f. 
(Wtih«'); teuer = lieb f., nur vom Preis neben kostspielig; Topf f. 
(Hlfo); trauen f. dafür zsäme ge(be), in der Stadt kopeliere; Trauung f. 
(H«Int, Hochzeil, in der Stadt Eopelatiä); trefflich f. (richtig); Trieb 
'a: «r hat koin Trieb zur Arbet; Trunkenbold f. (Lump. Schnaps- 
lumpi Nasskittel = wer gern nass futtret, Alttncher = wer alles ver- 
trinkt und darum lauter altes Haß anhat); Tünche f. (Kalch); um — 
willen f. (dir z'lieb, wegen deiner oder dir, wegera seile; Vormond I. 



248 Anzeigen und Nachrichten 

(Trager); weglassen = weg- oder hussc lau: zer- f.. dafür stets ver. Die 
meisten fehlen demnach auch im Schwähischen. 

Auf den folgenden acht Seiten bringt schließlich Dr. A. Waag 
kurze Betrachtungen über die Karlsruher Mundart, die er als zwar 
wenig schön und breit und schlaff, aber als behaglich und gemütlich 
kennzeichnet, ein Urteil, das in näheren Ausführungen gut begründet wird. 

Den Beschluss des trefflichen, sehr empfehlenswerten Buchs bildet, 
wie eingangs schon angedeutet, eine Reihe Proben nachhebelscher aleman- 
nischer Gedichte von noch lebenden Verfassern; von Norden nach Süden 
durch das badische Land geführt, genießen wir in dieser Auslese zum 
Teil Schöpfimgen voll köstlichen Humors und gemütvolle Stimmungs- 
bilder, durch die in Wirklichkeit der ganzen Schrift eine wolgelungcnc 
und befriedigende Abrundung verliehen wird. 

Memmingen. Julius Miedel. 



Der Verfasser des Aufsatzes „Schloss Winterbach im unteren Glotter- 
tale" S. 12-32 und 91—108 dieses Bands, Herr Fr. Georg Schur- 
hammer S. J., jetzt in Bombay in Indien, ersucht um Veröffentlichung 
folgender Zuschrift: „Ich erfahre nachträglich, dass noch Nachkommen 
des Herrn Gutsbesitzers Werber leben, die sich natürlich durch meine 
Arbeit gekränkt fühlen müssen. Um dies einigermaßen wieder gutzu- 
machen, spreche ich hiermit mein aufrichtigstes Bedauern darüber aus, 
durch Wiedergabe der ungünstigen Äußerungen über Herrn Werber die 
Gefühle seiner Nachkommen 'gekränkt zu haben.* 



Im nächsten Heft der Alemannia hoffe ich Raum zu gewinnen für 

einen mein im Neujalirsblatt 1908 der Badischen historischen Kommission 

,Der Minnesang im Lande Baden** eingehaltenes Verfahren näher 

begründenden Aufsatz. Damit werde ich auch Gelegenheit haben, die 

unverständige Parteikritik, die Prof. Dr. Edward Schroeder in Göttingen 

an meinem Neujahrsblatt im Anzeiger für deutsches Altertum 31, 199/200 

geübt hat, soweit das für Nichtsachkenner nötig ist, auf ihren Wert 

zurückzuführen. 

F. Pf äff. 



Die S. 221 — 288 mitgeteilten Sagen bergen bei ihrer märchenhaften 

und novellistischen AufstUtzung, von der sie leider nicht befreit werden 

konnten, doch echte Kerne, was noch deutlicher aus der Fortsetzung 

hervorgehen wird. 

F. P. 



Die verlorene Inschrift vom Rheintor 

zu Breisach. 

Von Wolfgang Michael. 

Wer heute dem Städtchen Breisach am Oberrhein einen 
Besuch abstattet, dem ist es leicht gemacht, Betrachtungen 
anzustellen über die Veränderlichkeit menschlicher Verhält- 
nisse, und wenn man will, über die Vergänglichkeit irdischer 
Größe. Geht man in der oberen Stadt, vom Münster aus, am 
Kadbrunnen vorbei, die Hauptstraße entlang, so sieht man rechts 
und links außer ein paar bescheidenen Häusern nur dürftige 
Mauern, dahinter Wiesen und Gärten an der Stelle, wo ehedem 
vornehme Gebäude standen, die Wohnungen von wolhabenden 
Bürgern, hohen Beamten und militärischen Würdenträgern. 
Die Gebäude sind verschwunden und nur hier und da erinnert 
noch ein schönes Renaissanceportal an ihre einstige Existenz. 
Oder man blicke vom Eckartsberg aus über das ganze Breisach 
hin und vergegenwärtige sich die große strategische Bedeutung, 
welche dieser Platz, am Rhein, ja ehedem fast im Rhein ge- 
legen, bei den Kämpfen zwischen Deutschland und Frankreich 
besitzen musste. Man versteht es dann, warum diese vom 
Wasser umflossene, auf isolierter Höhe gelegene Festung als des 
heiligen römischen Reichs Ruhekissen bezeichnet wurde. Man 
versteht auch die Erzählung, derzufolge Kardinal Richelieu an 
das Sterbelager des Paters Josef herangetreten sei und noch ein 
Lächeln auf das Antlitz des Sterbenden gelockt habe durch den 
Zuruf: „Mut, Mut, Pater Josef, Breisach ist unser!" 

Aber freilich, man versteht auch das Dahinschwinden 
dieser strategischen Bedeutung des alten Breisach vor den 
Femwirkungen moderner Artillerie. Man versteht es, warum 
seit mehr als anderthalb Jahrhunderten die Festung Breisach 
nicht mehr besteht. 

Die folgende Untersuchung hat es zwar nicht eigentlich 
mit der Geschichte Breisachs, die über das lokalhistorische 

Alemannia N. F. 9, 4. j7 



Interesse so oft hinauswächst, zu tun, denn sie handelt nur 
von dem berühmtesten, hier erhaltenen Bauwerk aus fran- 
zösiecher Zeit und von einer mit diesem verknüpften Über- 
lieferung. Aber auch noch in diesem engen Rahmen treten 
uns die universal historischen Fragen vor das Auge, durch deren 
Berührung die Geschichte Breisacbs während eines Jahrhunderts. 
so bedeutungsvoll erscheint. Auch hier noch erblicken wir die 
Zeichen der Zeit: die Schwäche des alten Reichs nach dem 
dreißigjährigen Kriege und die Größe der franz8si 8cheii \ 
Monarchie unter Ludwig XIV. ' 



Wir stellen zunächst die für uns wichtigen Tatsachen 
der Geschichte der Festung zusammen. Breisach hat den Ruf 
der Uneinnehro barkeit niemals verloren. Es konnte wol durch 
Aushungerung zur Übergabe genötigt werden, wie im Jahre 
16.88, oder durch die voreilige Kapitulation eines kleinmütigen 
Verteidigers verloren gehen, wie im Jahre 1703. Niemals aber 
ist es durch die Gewalt der Waffen überwunden worden. 

Nach dem Tode Bernhards von Weimar, der es durch die 
berühmte Belagerung von 1638 gewonnen hatte, ging Breisach 
in den Besitz der Franzosen Über. Im Westfälischen Frieden 
ward es 1648 endgültig an Frankreich abgetreten. Dann ist 
es bis zum Ende des 17. Jahrhunderts in französischen HSq den 
geblieben. Artikel 20 des Ryswycker Friedens von 1697 be- 
sagte, dass Breisach mit allen seinen Befestigungen von Frank- 
reich an Österreich abzutreten sei, wührend nur das zu der 
Gesamtanlage zwar gehörige, aber auf dem linken Rheinufer 
gelegene Fort Mortier den Franzosen verblieb. 

Die Abtretung erfolgte aber vorläufig noch nicht. Die 
Franzosen erklärten*, zuvor die Rheinbrücke abbrechen au 
müssen, und die dazu nötigen Arbeiten zogen sich in die Lunge. 
1698 wurde der österreichische General von Thüngen von 

' Die Unterauühuag beruht vui'nclimlioh auf der Ausbeutung Ealil- 
reicbev Druckscliriften bub ulier und neuerer Zeit. Ergfinzend kam einiges 
honÜHhrtftliKhe Material aus dem K. u. k. Kiiegaarchiv in Wien und 
raa dem Stadtarchiv in Breisach hinzu. Im friuizasiHchen Kriegsardiiv, 
ebimiM wie im (iroUh. Geneml-Lnndesiirchiv zu Karlsruhe sind, wie mir 
h^'eo Über duä Rheintnr niirht erhalten. Auch die 
l>>^>tas Oseli enthält keine Angaben darSber. 




Akten i 



. k. Kriegaarchiv, 



m 



Miuliael 



Freiburg nach Breisach geschickt, um den Stand der Sache zu 
erkunden. Die eigentliche HheinbrücUe, nSmIich die Brticke 
zwischen Breisach und einer damals im Rhein liegenden größeren 
Insel, war abgebrochen, nur elf PfShle standen noch auf einer 
Sandbank und konnten, wie die Franzosen behaupteten, ent- 
weder nur bei sehr niedrigem oder sehr hohem Wasserstande 
entfernt werden. Jenseits der Insel aber stand der zum Fort 
Mortier führende Teil der Brücke noch unversehrt*. Aucli 
dieser soll zwar schon 1699 abgerissen worden sein, aber die 
Räumung erfolgte noch immer nicht, Tbüngen erklärte, die 
angebliche Schwierigkeit der Entfernung der Pfähle sei „eine 
blosse chicanerie der Franzosen". Ebenso berichtete der Hof- 
kriegsrat an den Kaiser, Frankreich scheine jeden Vorwand zu 
benutzen, um die Räumung Breisachs hinauszuschieben, und 
empfahl, die Sache auf diplomatischem Wege zu betreiben. 
Der wahre Grund der Verzögerung bestand aber nur darin, 
dass Ludwig XIV. den Platz nicht geräumt sehen wollte, bis 
die Anlage eines neuen Breisach auf dem linken Rheinufer, 
welches er landeinwärts, hinter Fort Mortier, schleunigst er- 
richten ließ, beendet wäre, um damit das alte Bollwerk am 
Rhein, welches er aufgeben musste, in Schach balteu zu können. 

' So zeigt auch ein handsulirirtl icher Plan des K. u. k. Kriegaarchive 
vom Jahre 1699 nur nouL zwei kurze BrUckcnverb in düngen der Inael mit 
dem linken tifer. Auf allen späteren Plänen (von 1715 an), wie sie sich 
bei den Akten finden, ist überhaupt keine Brticke mehr vorhanden. Bei 
dieser Gelegenheit mag auf den viel verbreiteten (ho auch bei Ernas, 
Kunstdenktnlllor 6, l S. 20j Irrtum hingewiesen sein, als ob die Rbein- 
brücke erst 1741 bei der Niederlegung der Featungswerke entfernt worden 
sei. Höchst wahrscheinlich hat seit I69S bta zum lian der Eisenbahn im 
19. Jahrhundert keine feste Eheinbrücke mehr bestanden. Dagegen mag 
wol iu der zweiten frunzösischen Periode {1703 — 1714), für die ich keine 
aothenti sehen Pifine gesehen habe, eine Schiffbrücke vorhanden gewesen 
sein, welche 1714 entfernt wurUo (Deukw. Hheinischer Antiquarius 1744, 
die Notiz der 1. Aufl. von 1739 ergänzend), schwerlich aber .eine Btelneme 
BrOcke', wie es in dem geographischen Lexikon von Cellariua (vermehrte 
Ausgabe von E. Uhsen 1710) heißt. Auch 1743 scheint bei einer vor' 
tlbergehendcn BeBetziing der Bheininael durch die Österreicher wieder 
eine SchiBbrücke über den Rhein gelegt worden zu aein. Die Polemik 
Oielheltns (Anti^narius des Elbslroraa 1741. Vorrede) gegen Sthramm 
"ächaupioU . . . |der| meikuUrdigsten Brücken 1735, S. 149) ist be- 
Mhtigt, da dieser noch I7ä>> von duor grOUeron und anaelinlichen BrOcke 
iricht, ilnKBKeo ini Diolhelm selbst mit seiner Dehauptong, 
►rtunic »re als eine Schiffbrücke gestanden hat." 



Die verlorene Inschrift vom Rheintor zu Breisach 253 

Der Bau von Neu-Breisach schritt rasch genug vorwärts. 
Nach Vaubans Baubeschreibung vom 24. August 1698^ sollten 
für die neue Festung auch Materialien niedergelegter Werke 
von Breisach verwendet werden. Neu-Breisach erhielt, ehe es 
noch gebaut war, Rechte und Privilegien zuerteilt, um auch 
eine rasche Besiedelung des Orts zu erreichen^. Erst als man 
so auf französischer Seite einen Ersatz für das Verlorene ge- 
wonnen zu haben glaubte, erfolgte endlich die Übergabe 
Breisachs an die Österreicher. 

Der Zustand der Festung entsprach aber ihrem alten Rufe 
nicht mehr. Markgraf Ludwig von Baden, der berühmte Feld- 
herr, unterzog sie in diesen Jahren — es muss innerhalb der 
Zeit von 1700 bis 1703 gewesen sein — , einer Besichtigung. 
Dem Grafen Harrsch, dem spätem Kommandanten von Freiburg, 
teilte er damals seine Meinung mit, dass er „diesen Platz 
(Breisach) wegen seiner großen Weitläufigkeit, augenscheinlichen 
Ruins der Werke . . . und der besorgenden Gewalt des Rheins 
nicht aestimiert«"^ 

Schon 1703 ward Breisach nach kaum begonnenem Kampfe 
wiederum den Franzosen tiberliefert. Der Kommandant Graf 
Arco ist wegen der schmählichen Preisgabe der Festung zu 
Bregenz enthauptet worden'. Aber Frankreich blieb nur bis 
zum Ende des Kriegs im Besitze von Breisach. Der Friede 
von Rastatt und Baden gab es 1714 den Österreichern zurück. 
Diese übernahmen Breisach mit der Absicht, nunmehr keine 
Kosten sparen zu wollen, um es wiederum zu einer Festung 
ersten Rangs zu erheben. 

Die Notwendigkeit neuer Befestigungsanlagen ergab sich 
schon aus der veränderten strategischen Lage, in welcher sich 
Breisach nun befand. Als es unter Ludwig XIV. fortifikatorisch 
ausgebaut worden war, war es in einen engen Zusammenhang 
mit dem linken Rheinufer gebracht worden, wo das Fort 
Hortier als Brückenkopf den Abschluss der Gesamtanlage nach 
Westen hin bildete. Jetzt war der Rhein wieder die Grenze 



* In K. u. k. Eriegsarchiv. 

* Ordonnances d'Alsace 1 S. 274. 

* K. IL k. Eriegsarchiv. 

* VgL Ow-Wachendorf, Alemannia, N. F. 9, oder Zeitschr. der 
nh. f. Beförderung der Geschichts-, Altertums- und Volkskunde 

bog ... 24, 1908, S. 1—11. 



254 

geworden. Breisach war in östen-eichisciien Händen, Fort 
Mortier aber den Franzosen verblieben. Eben gegen dieses und 
gegen das dahinter liegende Neii-Breisach galt es jetzt, die alte 
Festung verteidigungsfiihig zu machen. In der Tat hatte Brei- 
sach, infolge der von dieser Seite drohenden Gefahren, viel von 
seiner strategischen Bedeutung eingebüßt. In diesem Sinne 
wird auch die erwähnte Äußerung des Markgrafen Ludwig zu 
verstehen sein. Und 



8oU eine Inschrift gelautet haben, die sich irgendwo im Fort. 
Mortier befand. 

Zunächst wurden in den Jahren 1715 — 1721 umfangreiche 
Arbeiten an der „Rheinwuhr'^, d. h. zum Schutze der Befesti- 
gungen gegen das Wasser des Rheins, ausgeführt. Nach einem 
Plane aus dem Jahre 1721 ist u. a. ein ausgedehntes Erdwerk 
vor dos auf der Nordseite des Rheintors befindliche Rondell 
gelegt worden. Dieses wurde damit der Bespülung durch den 
Strom entrückt, nicht aber das Rheintor selbst. An andern 
Stellen blieb noch viel zu tun, und die Hauptarbeit an der 
Herstellung der Befestigungen sollte 17B1 erst beginnen. 

In diesem Jahre wurde durch Graf Harrsch und einige 
Ingenieure eine eingehende Besichtigung der Breisacher Werke 
vorgenommen. Die Ingenieure erstatteten ausführlich Bericht 
an den Hofltviegsrat in Wien. Graf Harrsch aber verfasste 
einen „Kurzen Begriff des gegenwärtigen Stands der Vestung 
alt^Breysach"*, in dem er, auf das abfKUige Urteil des Mark- 
grafen Ludwig zurückgreifend, bemerkte, er habe es ehedem 
nicht recht begreifen können, nun aber habe er sich durch den 
Augenschein selbst von seiner Richtigkeit überzeugt. Und wenn 
auch, so schließt er, der Platz mit allen seinen Werken vSllig 
hergestellt würde, „bleibet er uns doch wegen dem erbaueten 
Neubreysach wenig nütz'-. 

Gleichwol wurden die Arbeiten fortgesetzt. Nicht nur die 

aus französischer Zeit überkommenen, zum Teil schon verfallenen 

Befestigungen wurden durchweg ausgebessert, sondern auch 

eine Reihe neuer Werke hinzugebant; unter anderem ward^^i 

I Fortifikation des Eckartsbergs stark erweitert. Im Jahre 1 

" Freiburg, 21. Januar 1731. K. ii, k 



Die verlorene Inschrift vom Keintor zu Breisack 255 

waren diese Arbeiten beendet. Ein Schreiben an den Hof- 
kriegsrat vom 20. August dieses Jahrs' sagt: „Die Festung 
Breisach sei nun in ihren Fortifications und anderen militar- 
gebäuen . . . völlig ausgebauet.^ 

Es werden wol die letzten erheblichen Arbeiten gewesen 
sein, die an den Breisacher Werken noch ausgeführt wurden. 
Ihre Verteidigungsfähigkeit ist nie erprobt worden. 1741 wurde 
die Festung von den Österreichern selbst geschleift. Das sinn- 
lose Zerstör ungs werk, welchem das alte Breisach 1793 zum 
Opfer fiel, ward an einem wehrlosen Landstädtchen verübt. 



Wer, vom linken Rheinufer kommend, auf der alten 
Brücke den Strom überschritt, der hatte, um Breisach betreten 
zu können, zuvor das Brückentor zu passieren. An der Stelle 
eines aus dem 14. Jahrhundert stammenden Baus ward aber 
unter Ludwig XIV. ein prächtiges neues Rheintor errichtet. 
Mit diesem haben wir uns nunmehr zu beschäftigen. 

Von einer künstlerischen Würdigung des Rheintors ebenso 
wie von einer genauen Beschreibung der Einzelheiten dürfen 
wir um so eher Abstand nehmen, als es an derartigen Arbeiten 
keineswegs fehlt '^ Für die Frage, mit der wir es zu 
tun haben, dürfen wir uns daher mit wenigen Bemerkungen 
begnügen, und diese sollen vornehmlich dem Figurenschmuck 
des Bauwerks gelten. 

Wir lassen es also dahingestellt, ob das unzweifelhaft in 
französischer Zeit erbaute Rheintor von dem jüngeren Mansart, 
von Levau oder Le Muet geschaffen worden ist und ob es 
mehr Anklänge an die Veroneser Festungstore der Hochrenais- 
sance oder an Pariser Palastbauten zeigt. Nur noch auf die 
starke Ähnlichkeit mit dem Stadttor zu Zara^^ mag hingewiesen 
werden, dessen Gesamtkomposition sehr an das Rheintor, bis 



• K. u. k. Kriegsarchiv. 

'® Vgl. F. X. Kraus, Die Kunstdenkmälcr des Großherzogtums Baden 
6, 1 S. 13, 20 ff. Dazu die zahlreichen Aufsätze des trefflichen Lokal- 
forschers Otto Langer in der Breisacher Zeitung (das Freiburger 
Stadtarchiv besitzt diese Aufsätze, in einem Sammelbande vereinigt); 
ders.» Das Rheintor in Altbreisach (Schauinsland, 17. Jahrlauf); ders., 
Breisach-Führer 1904. 

'* Abbildung bei Durm, Renaissance in Italien S. 387. 



256 Michael 

hinauf an das Hauptgesims, erinnert, während das obere Stock- 
werk dort fehlt. Die Ähnlichkeit wird noch durch den kräftig 
entwickelten Wassersockel unterstützt, über dem in beiden 
Fällen das eigentliche Bauwerk sich erhebt. 

Um auf den Figurenschmuck zu kommen, so sind die 
beiden männlichen Gestalten in den Nischen rechts und links 
vom Toreingang gewiss richtig als Herkules und Mars, also 
zwei antike Kriegsgottheiten, erklärt worden. Ferner sind die 
gefesselten Männer, welche zu beiden Seiten der rechts und 
links über dem Hauptgeschoss befindlichen Obelisken in sitzen- 
der Stellung angebracht sind, wol schlechthin als besiegte feind- 
liche Gewalten, wie sie in ähnlicher Behandlung oft vorkommen, 
aufzufassen, bei denen nichts darauf hinweist, dass es gerade, 
wie oft gesagt wird, Germanen sein müssen. 

Viel gestritten wurde über die Bedeutung der beiden 
Kolossalfiguren auf den schrägen Flächen des Giebels. Manche 
ähnliche Beispiele legen es nahe, an die Personifizierung zweier 
Flüsse zu denken. Es ist wol gesagt worden, man habe die 
Flüsse Rhein und Donau vor sich und zwar in Ketten, „gefesselt 
von dem mit dem französischen Wappen gezierten Kriegsgott" **, 
Die letztere Angabe klingt etwas verwunderlich, denn man 
sieht keinen Kriegsgott und keine Ketten, sondern nur die 
beiden lagernden Figuren in lässiger Haltung. Trotzdem wage 
ich es nicht, jene Auffassung, wie Langer^' es tut, rundweg 
abzulehnen. Das Dach des Giebels mit den beiden 'Figuren ist 
nämlich mindestens zweimal einer erheblichen Ausbesserung 
unterworfen worden ; zuerst in den zwanziger Jahren des 18. Jahr- 
hunderts, worüber ein Bericht besagt^*: „Ingleichen ist auch 
das Rheinthor an seiner schadhaften Dachung als auch an seinen 
Kammern zur Bewohnung verbessert worden.** Femer hat im 
Jahre 1887 eine Renovierung der obersten Partie des Rhein- 
tors stattgefunden. Damals waren im Giebel und an den beiden 
Kolossalfiguren tiefe Risse entstanden, früher vorhandene Eisen- 
klammern waren verschwunden, und Graswuchs zeigte sich in 
den Rissen. Einige Teile drohten auf das Dach des dahinter- 



" Rosmann-Ens S. 426. 
" Breisach-Führer S. 49, 50. 

" Ausführliche Relation von Allhiesiger V. Ö. Vestung Alt Breysacb 
H. August 1725. E. u. k. Kriegsarchiv. 



Die verlorene Insrhijft vom Rbeiator zu Breisach 



257 



stehenden Hauses zu fallen, so dass dessen Bewohner gefährdet 
waren. So wurden denn durch gemeinsame Aufwendungen des 
>Ii niste riuniü und der Stadt diese Schilden beseitigt; Maurer, 
Steinlinuer, Zimmermeister und Blechner wurden beschäftigt. 




S58 



Michael 



Man sieht es dep beiden Figuren an (vgl. Abbildung 2), wie- 
viel an ihren Leibern geäickt und gebessert ist; und ob die 
heute noth fehleuden Unteranne und Hände einstmals Ketten 
getragen haben, wird wol niemand mehr sagen können". 

Aber, ob gefesselt oder nicht, zwei Flüsse mögen hier 
wol dargestellt sein. Vielleicht sind die trUmmerhaften 
völutenartigen Ansätze als die Reste von Füllhörnern zu er- 
kliiren, wie sie den Flussgütiern als Attribute gegeben zu 




Abbildung 3. 

werden pflegen. Wenn aber zwei Flüsse, so liegt, es in der 
Tat nicht fern, an Rhein und Donau zu denken, da doch 
Breisacli als Brückenkopf in den HSnden der Franzosen wie 
ein Ausfallstor vom ÜberHiein hinüber zum Donaugebiet wirkte, 
wie es denn diesem Zwecke noch besser dienstbar gemacht 
wurde durch die nachfolgende Eroberung von Freiburg '*. 

" Die linlte Haud iler rechts sitzenden Figur ist allerdings erhalten, 
"er da Sil gehör ige Unterarm scheint nicht ursprünglich ku sein. 
° Hlioi» und Oooau werden auch gern als Mann und Frau be- 
^ achrieben. So Im Rbeiniichen ADtiqnariuB von 1739, wo im Vorberi chte 



Die verlureiie Insvlirirt vom Rlieintur zu lireisHch 259 

Elwas eingehender haben wir nns mit den beiden Medaillons 
oberhalb der Nischen zu beschäftigen (vgl. Abbildung 3 u. 4). 
Man hat in den hier angebrachten Reliefs Bildnisse historischer 
Personen erblicken wollen und zwar — recht naheliegend — 
diejenigen Ludwigs XIV. und seiner Gemalilin Maria Theresia, 
der Tochter Philipps IV. von Spanien. Diese Erklärung würde, 
wenn sie richtig wäre, eine gewisse Bedeutung flir die 
Datierung des ganzen Bauwerks besitzen. Clorer sieht in ( 




Michad 



schichte der spanischen Erbfolgefrage so denkwürdige Ehebuiid 
ist erst. 1660 geschlossen worden. Wer demnach die Medaillons 
als Darstellungen Ludwigs XIV. und Maria Theresias bezeichnet, 
darf nicht von einer Bauzeit reden, die vor dem Jahre 1660 üegt- 

Aber wir haben, um für die später zu behandelnde Frage 
der Datierung eine gewisse Klarheit zu schaffen, zunächst ein- 
mal zu fragen, ob es sich denn wirklich um Portriitdars teil un gen der 
genannten fürstlichen Personen handelt. Das scheint mir nun 
aber ganz unmUglich zu sein. Das rechts befindliche Medaillon, 
wie unsere Abbildung 4 es wiedergibt, zeigt einen Mann mit 
einem Vollbart. Ludwig XIV. hat in seinem ganzen Leben 
keinen Vollbart getragen. Die Bildnisse der jüngeren Jahre 
zeigen wol noch einen schwachen Schnurrbart; in mittlerem 
und höherem Lebensalter fehlt auch dieser. Auch gibt es wol 
kaum ein Bildnis, welches das Antlitz des Königs nicht von 
der mächtigen Allongeperücke umrahmt zeigte. Und selbst 
von diesen Äußerlichkeiten abgesehen, weisen die Gesichtszüge 
des Me dai I Ion köpf s auch nicht die entfernteste Ähnlichkeit mit 
denjenigen Ludwigs XIV. auf. Ebensoivenig kann das andere 
Medaillon als ein Konterfei der Königin Maria Theresia gelten, 
schon aus dem einfachen Grunde — soviel ist auch wol aus 
unserer Abbildung H zu ersehen — , weil es gar nicht eine 
Frau darstellt, sondern einen Mann. Die Bartlosigkeit des 
Gesichts hat zu jener Annahme verführt. Aber Hals und Brust 
haben unzweifelhaft männlichen Charakter und die Tracht ist 
diejenige eines römischen Kriegers. 

Wenn nun aber nicht Ludwig XIV. und Maria Theresia, 
wen hat man sich dann unter diesen Reliefs vorzustellen? 
Vielleicht zwei antike Gottheiten? Der Adler über der rechten 
Schulter des bärtigen Manns lässt an Jupiter denken. Dann 
läge es nahe^ den andern Kopf als Minerva zu deuten. Aber 
dem stellt wieder entgegen, dass man es, wie gesagt, auch hier 
mit einer männlichen Figur zu tun hat. An und für sich ist 
es auch nicht gerade wahrscheinlich, dass über den Nischen, 
welche schon zwei Gottheiten, nämlich Herkules und Mars, 
enthalten, noch einmal zwei Göttergestalten in den Medaillons 
dargestellt sein sollten. Und endlich hat uüin auf Werken der 
Architektur das Medaillon stets mehr zur Anbringung von Por- 
träts wirklicher Personen als zur Darstellung mythologischer 
Gestalten verwendet. 





Die verlorene Inschrift vom Rlieintor zu Bre[aacli 2fllj 

Ich möchte eine andere Vermntung aussprechen. Die 
geographischen Werke des 1 7. Jahrhuoderts bringen die älteste 
Geschichte von Breiaach mit den Taten der beiden römischen 
Kaiser Probus und Valentinian I. in Verbindung. So drücke 
es zum Beispiel die „Ausführliche und Grundrichtige Be- 
schreibung des ganzen Rheinstroms" (erschienen zu Nürnberg 
168G) auf S. 126 fo Ige nderra aßen aus: „Vom Ursprung dieses 
Orts melden die Geschicht-Schreiber : Es habe Kaiser Probus, 
als er die Alemannier überwunden, alles, so zwischen dem 
Rhein und Necker ist, zu einer Provinz gemachet, und viel 
Vestungen am Rhein aufgerichtet ; Kaiser Valentinianus habe 
hernach auch den Rhein mit hohen Castellen bevestiget, unter 
■welchen dann dieser Mona Brisiacus, oder Brisach, solle ge- 
wesen seyn." So begann für die Auffassung des 17. Jahr- 
hunderts, also für die Zeitgenossen des bildenden Kunstlers, 
der die Medaillons schul', die älteste Geschichte von Breisach 
mit den Kaisern Probus und Valentinian. Die Bilder eines 
Probus und Valentinian fand er in den viel verbreiteten Samm- 
lungen der Kaiserbildnisse, wie sie vom 16. bis ins 18, Jahr- 
hundert, von kurzen Geschichtserzählungen der einzelnen 
Regierungaepocben begleitet, zu erscheinen pflegten. Die ein- 
zelnen Kaiser treten darin in bestimmten, wiederkehrenden 
Typen auf, welche, wol meistens von Münzen entnommen, mit 
mehr oder weniger Freiheit behandelt werden. Ich ziehe dabei 
speziell zwei Sammlungen von Kaiserbildern zum Vergleich 
lieran, die eine aus dem Jahre 1657'^, deren Verfertiget sich 
rühmt, er habe sich treu an die Medaillen gehalten, „dann ich 
habe auss meinem kopff nichts darzu oder abthan", die andere, 
viel hilfloser in der Ausführung und die dort bereits ge- 
schaffenen Karaktere wiederholend, steht zeitlich der Erbauung 
des Rheiutors sehr nahe, denn sie ist aus dem Jahre 1669 '^ 

In diesen Sammlungen wird nun Probus dargestellt als ein 
bärtiger Mann in mittleren Jahren, dessen Erscheinung mit 
derjenigen unseres zur Rechten befindlichen Medaillonheldeu 

" Lebendlgo Bilder, gar nach aller Eeysem . . . aus den alten 
Medalien , . . wahrhaft! glich and getrewiicb contrafhet. Dem GroB- 
mSchtlgen Maximllieno Eunig von Boebem zugedediciert durch Huber- 
tnm Gboltz von Wirtzburg Maler zu AntortF. 

" Schau-Platz der Römisch^Teiitachen Kaiser . . . von C. J. Caeaare 
hia anf jetzt regierenden Leopoldum I. . . . von Simon Bonuneiater. 



J 



(Abbildung 4) gut Übereinstimmt. Ob nun der Kiinsder etn-a 
auch ein Vorbild gehabt hat, auf dem Probus als Jupiter dar- 
gestellt war, vermag ich nicht zu sagen. Noch auffallender ist die 
Ähnlichkeit unseres linken Medaillonkopfs (Abbildung 3) mit 
dem Valentinian der Kaiaerbüdnisse. Auch dieser ist bartlos. 
Im übrigen erstreckt sich die Ähnlichkeit freilich weniger auf 
die Gesichtszüge (aber darin zeigen auch die Sammlungen der 
Eaiserbilder untereinander, bei der geringen Kunstfertigkeit, 
die sie aufweisen, große Verschiedenheiten) als auf die Äußer- 
lichkeiten der Kleidung. Das auf der rechten Schulter zu- 
sammengeraffte Gewand erinnert an die Vorbilder, mehr noch 
der Helm. Dieser zeigt auf der Seitenfläche dieselben orna- 
mentalen Linien wie die Kaiserbilder. Auf diesen ist ferner 
als Hauptverzierung des Helms ein nach vorn sich vorstreckendes 
Fabeltier, den gotischen Wasserspeiern vergleichbar^^ angebracht, 
dessen langer Schwanz sich Über das ScheitelstUck hin bis an 
den unteren Rand erstreckt. Dabei mag noch bemerkt werden, 
dass dieser wunderliche Zierat sich auf keinem der andern 
Kaiserhilder wiederholt, also gerade demjenigen Valentinians 
eigentumlich ist. Und nun findet sich genau derselbe Helm- 
schmuck auch auf unserem linken Medaillon wieder, welches 
demnach in diesem Punkte eine merkwürdige Übereinstimmung 
mit den Valentin! au p orträt s und nur mit diesen aufweist. 

So mag denn der Verfertiger der Medaillons wol die 
Absicht gehabt haben, als ein kleines Zugeständnis an den 
Genius loci, die ältesten Helden der Stadtgeschichte, nämlich 
den ersten Eroberer des Landes und den Erbauer von Breisach, 
hier klinstierisch zu vere\vigen. 



Wenn nun der pompöse und doch künstlerisch vornehme 
Bau des Rheintors in seiner Gesamtheit wie ein Denkmal 
französischer Eroberungsluat in vergangenen Jahrhunderten auf 
uns wirkt, so wird die dadurch hervorgerufene Stimmung in 
dem Beschauer noch erhöht, wenn er vernimmt, dass zu den 
vergangenen Oeschl echtem das Bauwerk nicht allein durch 
Stein bauerarbeit und bildnerischen Schmuck, sondern auch in 
und gleichsam in derselben Sprache wie jene geredet 



Die verlorene Inschrift vom Rheintor zu Breisach 263 

Unterhalb des Giebels befindet sich zwischen je zwei 
kurzen dorischen Säulen ein steinumrahmtes leeres Feld, durch 
keinerlei bildhauerischen Schmuck oder sonstigen Zierat aus- 
gezeichnet. An dieser Stelle, heißt es, war einst die lateinische 
Inschrift zu lesen: 

Limes eram Gallis, nunc Pons et Janua fio; 
Si pergnnt. Grallis nuUibi limes erit'^ 

An klangvollen deutschen Übertragungen aus alter und 
neuer Zeit fehlt es nicht. Das antike Versmaß festhaltend, 
dichtete man: 

Einst der Gallier Grenze, bin jetzt ihnen Tor ich und Brücke, . 
Fabren die Gallier fort, gibt*s keine Grenzen für sie. 

Aus dem 18. Jahrhundert abei* stammt die vollere Über- 
setzung: 

Ich war der Franzen Ziel und ihrer Gränzen Stein, 
Nun muss ich ihre Tür und ihre Brücke seyn. 
Wenn ktlnftig dieses Volk so schnelle fort will gehen. 
So kan vor ihrer Wuth kein Gränzstein mehr bestehen. 

Seit Menschengedenken ist aber die Inschrift verschwunden. 
Die vielfach herrschende Meinung, sie sei nach dem Ende der 
französischen Herrschaft heruntergeholt worden und werde 
jetzt irgendwo, z. B. in Karlsruhe, als historisches Kuriosum 
aufbewahrt, bestätigt sich nicht, denn sie ist in keinem Karls- 
ruher Museum erhalten. 

Zunächst ist nun hervorzuheben, dass auf dem umrahmten Feld 
keine Spur einer ehedem voi*handenen Inschrift zu erblicken 
ist. Dieselbe könnte etwa auf zweierlei Weise angebracht ge- 
wesen sein. Entweder befand sie sich auf einer Platte, welche 
später entfernt wurde, oder sie war in den Stein gegraben. Es 



^ In dieser Form werden die Verse bis in das 19. Jahrhundert 
hinein wiedergegeben, nämlich noch bei Kolb, Lexikon von dem Groß- 
herzogtnm Baden, 1813, S. 152. Später kam die folgende, etwas veränderte, 
aber gewiss nicht verbesserte Version auf, die man heute regelmäßig 
zitiert findet: 

Limes eram Gallis, nunc pons et janua fio, 
Si pergunt Galli, nullibi limes erit. 

Schon das Vorkommen zweier verschiedener Versionen kann Be- 
denken erregen. 



i 



264 Michael 

sind aber keine Spuren von Eisenklammern oder dergleichen 
zu bemerken, mit denen die Tafel befestigt gewesen iväre, und 
ebensowenig hat mau den Eindruck, als ob hier einmal Buch- 
staben eingegraben waren. Die Oberflüche dieses rechteckigen 
Felds unterscheidet sich in der Beschaffenheit der Quader- 
steine, aus denen sie besteht (es ist Dolerit aus dem Kaiser- 
stuhl), überhaupt in garnichts von der Oberfiäche der übrigen 
Gebäudeteile. 

Aber nun könnte man fragen, ob das immer so gewesen 
sein muss. Dazu mag zunächst bemerkt werden, dass aus den 
Akten des Gemeinderats zu Breisach über die erwähnte Aus- 
besserung des Rheintors im Jahre 1887 klar hervorgeht, dass 
das rechteckige Feld damals gar nicht berührt worden ist. Die 
Arbeiten bezweckten im wesentlichen nur die Beseitigung der 
Schäden am Dache des Giebels und an den obersten beiden 
Kolossalfiguren. AuUerdem wurde der eigentliche Toreingang, 
welcher, wie es heißt*', seit der Entfernung der Brücke ver- 
mauert war, wieder freigelegt. Aber dies alles geschah ohne 
Anwendung eines Gerüsts. An dem umrahmten Felde kann 
Also 18S7 nichts verändert worden sein, denn es ist ohne 
Gerüst garnicht zu erreichen. 

Wir können aber sozusagen durch eigene Beobachtung den 
Zustand des umrahmten i'elds noch um etwa 100 Jahre weiter 
zurückverfolgen, wenn wir nämlich bei dem für Breisach ver- 
hängnisvollen Jahre 1793 verweilen, welches die Beschießung 
und Zerstörung der Stadt durch die Franzosen brachte. Das 
Rheintor blieb erhalten, aber nicht ganz unversehrt. Der fehlende 
Kopf einer der gefesselten Gestalten, die Schäden an der 
Herkulesfigur, an den Umrahmungen der beiden Medaillons, 
werden wol auf das Jahr 1793 zurückzuführen sein. Mit 
größerer Gewissheit lässt sich dies aber noch von den zahlreich 
erhaltenen Kugelspuren behaupten. Hierbei fülit es nun auf, 
<lass auf dem umrahmten Felde sich eine Spur findet, welche 
den übrigen vollkommen gleicht, nämlich ein tieferes, kreis- 
rundes Loch in der Mitte und ringsherum durch Abbrücklung 




I bei Kolb, Lexikon v 
^ 1 8. 152, wo Qbrigens die Verse , 
kwerdeo. Die Abbildung bei Clort 
lert« Rbeintor. 




1 dem Großherzogtum Baden, 1S13, 
das vorige Jahrhnndert* verwiesen 

, Breisach, 1883, zeigt noch das zu- 



Die verlorene Inschrift vom Rlieintor zu Breisach 265 

entstandene Schäden (vgl. Abbildung 2). Man wird schließen 
dürfen, dass im Jahre 179B die Inschrift wol nicht mehr vor- 
handen war. 

Ehe wir nun an die Überlieferung der Inschrift heran- 
treten, versuchen wir, die Zeit der Erbauung des Rheintors, 
so gut wir können, zu bestimmen. Dabei lassen wir die kunst- 
geschichtliche Betrachtung, da sie eine genaue Datierung nicht 
zu liefern \ermag, ganz aus dem Spiele. Auch der Figuren- 
schmuck kann uns nicht weiter führen. Insbesondere spielen 
die Medaillons bei dieser Frage keine Rolle mehr, wenn wir 
nämlich nicht mehr daran festhalten, dass die Dargestellten der 
König und die Königin von Frankreich sind. Aber auch ohne 
diese Annahme haben wir Ursache, das Jahr 1654, in welches 
Clorer ** die Erbauung setzen will , zu verwerfen. Das 
Rheintor ist nicht für sich allein gebaut worden, es bildet 
einen Teil, wenn man will, den Schlussstein der ganzen Be- 
festigungsanlage, wie sie auf Befehl Ludwigs XIV. gemacht 
wurde. Nun liegt die Zeit der großen Festungsbauten, mit 
denen der Name Vaubans verknüpft ist, etwas später. In 
bezug auf Breisach wissen wir, dass Vauban 1665 den Auftrag 
erhielt, den Platz zu befestigen, welchen Colbert zu einer 
Festung ersten Rangs zu erheben gedachte. Wir wissen 
femer, dass die Arbeiten in Breisach in den nächsten Jahren 
auch zur Ausführung gekommen sind*^ 

Wenn wir damit einen Anfangstermin für die Anlage der 
neuen Befestigungen, zu denen auch das Rheintor gehörte, ge- 
wonnen haben, so folgen nun Jahre, während welcher diese 
Arbeiten wol niemals ganz geruht haben werden. Dass sie 
auch während des Krieges der siebziger Jahre fortgeführt 
wurden, entnehmen wir der Erzählung eines französischen 



" Breisach. Seine Vergangenheit und Gegenwart. 1883, S. 56. 
Rosmann-Ens, Geschichte der J^tadt Breisach. 18.51, S. 425, leitet nach 
der Erwähnung eines Ereignisses aus dem Jahre 1(558 die Erzählung vom 
Bau des Rheintors mit den Worten ein: „Um diese Zeit begann usw.*^ 
Der Verfasser wusste offenbar kein genaues Datum anzugeben. Fajft 
scheint aber diese lose Aneinanderreihung der Ereignisse, wie sie sich 
bei Kosmann-Ens findet, Clorer zu der Annahme des Jahrs 1654 verleitet 
zu haben. 

*■ Vgl. Georges Michel, Histoire de Vauban, Paris 187i», S. 51 ff. 
Alemannia X. F. 9, 4. |^ 



366 



Midiac 



welcher zuerst 1675 und zum zweiten Male 1681 
in Breisacb gewesen ist \1b e 1675 von der Elsässer 

Seite her sich der Fes ung nah erstaunte er über die 

Tausende von Arbeitern, el he ah. Er meinte beim An- 

blick dieser VielgeschSft gke s h endlich eine Vorstellung 
macheu zu künnen, wie es »ol be n Bau der Pyramiden Ägyptens 
zugegangen sein möge. 

Derselben Erzählung können wir auch einen Termin ent- 
nehmen, zu welchem die Arbeiten bereits ihren Abschluss ge- 
funden hatten. Der Reisende findet bei seinem zweiten Besuch 
in Breisach sehr viel verändert. Von den Vornaauern, Wacht- 
häusem, Aullenwerken, Halbmonden redend, die er 1675 ge- 
sehen hat, ffigt er hinzu: ,Alle diese Arbeiten waren damals 
noch nicht völlig beendet", womit denn doch ausgedrückt ist, 
daSB sie 1681 fertig waren. Mit Hilfe einer andern Aussage 
sind wir ferner imstande, den Zeitpunkt der Beendigung der Be- 
festigungsarbeiten noch etwas weiter hinaufzuriicken. 1721 
schrieb Graf Harrsch, der Kommandant von Freiburg, nach 
einer amtlichen Besichtigung B^eisachs''^ dass von den Frim- 
zosen „in mehr als zwanzig .lahren wenig daran repariref 
worden sei. Er führt als Grund dieser Vernachlüssigung die 
Tatsache an, dass Frankreich, nachdem es „Meister von Stras- 
burg worden, auch Hüningen und Fort Louis erbauet hatte' 
auf den Besitz von Breisach niclit mehr so hohen Wert legte 
wie zuvor. Nun war Breisach im Jahre 1700 von Frankreich 
geräumt worden, die Rechnung mit den „melir als zwanzig 
Jahren" flihrt demnach auf die Zeit vor 1680. Man wird den 
Ausdruck dahin zu verstehen haben, dass die Bautätigkeit der 
Franzosen etwa 1678 oder 1679 ihr Ende erreicht habe. 

Wir haben also, um das Gesagte zusammenzufassen, die 
Tatsache feststellen können, dass die Neubefestigung Brei- 
aadis durch die Franzosen (wenn wir Anfangs- und Endtermin 



" jMemoires de deax. vnyages et sejours tu -Alsaco 1674— IGTti et 
IG^l, Hulletin <Iu Mua^e kistorique de Mulhouse, Iä8S— 1885. Nach 
|j;aiig(!i' Mitteilnng des Üorrn Stadtbibliotheknrs Th. Wagner in Hülhausen 
ist der Nam« äea Vt^rfasseta (vgl. auch •'^. 256) H. de THermine, der Aes 
HpriiLittgelii'rs Joa. Cuudro. Der aaf Breisacb und Freiburg bezügliche 
Teil der Reisebeachreibuiif; iut in deutscher Übersetzung mitgeteilt im 
S^auinalaiid, 17. Jubrlniif. 

jiJK. u. k, Kriegsiti'chjv. 



Die verlorene Inschrift vom Rheintor zu Breisach 



267 



so weit wie möglich auseinander rücken) in den Jahren 1665 
bis 1679 ausgeführt sein muss; wobei wir noch hinzufügen, 
dass z. B. im Jahre 1675 eine intensive Bautätigkeit ent- 
wickelt worden war. 

Wann aber ist nun innerhalb dieses Zeitraums von 14 Jahren 
das Rheintor erbaut worden? Eine sichere Antwort wird auf 
diese Frage kaum zu geben sein. Doch bietet, glaube ich, die 
Art, wie auf verschiedenen Festungsplönen von Breisach, die 



INI 

Abbildung 5. Das Rheintor 1699. 




Abbildung 6. Das Rheintor 1721. 




Abbildung 7. Das Rheintor 1672. 



sich bei den Akten im Wiener Kriegsarchiv befinden, das Rhein- 
tor behandelt wird, einen gewissen Anhalt für die Bauzeit des 
neuen Tors. In den aus dem Ende des 17. und dem Anfang 
des 18. Jahrhunderts erhaltenen handschriftlichen Plänen er- 
scheint nämlich das Rheintor seiner Gestalt entsprechend als 
ein langgedehntes Rechteck, welches in die am Rheinufer sich 
hinziehende Befestigungslinie, einen Teil derselben bildend, ein- 
gefügt ist. Mehrfach deuten diese Pläne sogar die Dreigliede- 
rung des Bauwerks an. Regelmäßig sind dabei auch die rechts 

18* 



266 



Mii-hHel 



und links vom Rheintor befindliclieu Eondelle, welche zum 
Scliutz der Brücke ebenfalls erst in französisclier Zeit errichtet 
worden sind, angegeben. Im Gegensatz zu dieser Behnndlungf!- 
weise, die man nuf unsern Abbildungen 5 (ans dem Jahre 1699) 
und 6 (17211 wiederfinden wird, steht die Art, wie ein Plan 
Ton 1672 (Abbildung 7) das Kheintor bebandelt. Unter dem 
hier angedeuteten Bauwerk, welches nicht breiter ist als die 
Brücke (welche auf den spHteren PlUnen fehlt, da sie vor der 
Häumung durch die Franzosen abgebrochen wurde), wird man 
schwerlich das neue Kheintor erkennen wollen. Dagegen lässt 
sich die Zeichnung sehr gut auf das alte Kheintor beztelien, 
welches z. B. nach Merians Kupferstich aus dem 1 7. Jahrhundert''*' 
ein mittelalterlicher Tortunn von geringer Breite gewesen ist. 
Mit andern Worten, wenn wir dem Plan von 1672 glauben, 
so hat damals das neue Rheintor noch nicht bestanden. Das- 
selbe muss also, da seit 1679 keine neuen Befestigungsarbeiten 
mehr ausgeführt wurden, in der Zeit von 1672 bis 1679, d.h. 
.etwa um die Mitte der siebziger Jahre des 17. Jahrhunderts, 
errichtet worden sein*'. 



Wie ist nun die Inschrift überliefert, und bat sie auch 
einmal jemand wirklich am Kheintor selbst gelesen ? 

Die erste Erwähnung der Inschrift iinde ich in einem 
kleinen Büchlein über „Elsas und Breyszgau", verfasst von 
einem Manne namens Ursenson und erschienen in Strasburg 
1G79". Das Erscheinungsjahr, das uns nicht gleichgültig Sftin 

*° Die Abliüdnng bei Bodenehr, Europens l'racht und Macht in 
200 KupferstOcken. Nr. 2:-! ist eine Naclibildung aus Merian. 

" Vom kunstbiat^iriadien Standpunkt ateht ciuer derartigen Datie- 
rung sieherlich nichts im We«;?. Wahrend der gesamte Knrakter de» 
Rheintors nur sllgenipin auf eine llauzeit Kwiachen 1650 und 1690 
scUlieUeD lüaat, ho ist noch als besonders karakterisÜsch hervorzuheben 
die obeie kurze Ordnung aber der großen doriacben unter dem Gieb«l. 
Etwas Ähnliches kommt noch vor an der Gartenfront des Louvre, wie »ie, 
wol von Levnu oder dem jüngeren Mnnaart eni.worfeti, auf einem Stich 
Silvestres von lfiT4 (!) cracheint, findet sich aber auch schon an Baateo 
he Muets, — Ich verdanke diese Angaben einer frenndlichen Mitteilung 
des Herrn Professors Oatendorf in Karlsruhe. 

nis liaptistae Melecij Lateinischer 
tl gegenwÄrtigem Zustand entworfen." Worauf 
, habe ich nicht crinittelii knnnen. Vielleicht 



1 Brejrfigau a 



Die verlorene Inschrift vom Rheintor zu Breisach 269 

kann, fällt auch mit der Abfassungszeit genau zusammen. Von 
Freiburg wird auf S. 23 berichtet, dass es im Nym weger Frieden 
am 26. Januar alten Stils 1679 vom Kaiser den Franzosen 
überlassen sei. Wir können ferner aus dem Inhalt ersehen, 
dass das Buch vor 1681, nämlich vor der französischen Okku- 
pation Straßburgs verfasst ist, da dieses noch als freie Reichs- 
stadt bezeichnet wird. Auf S. 63 ff. wird berichtet, was „in dem 
vorigen 1678sten Jahr" vor den Toren von Straßburg geschehen 
war, d. h. es werden die militärischen Maßregeln Frankreichs 
geschildert, welche die Okkupation vorbereiten. Man kann 
so fast nach Monaten die Abfassungszeit feststellen; sie fällt 
sicher in das Jahr 1679. In dieser Schrift heißt es nun 
S. 27 bei der Beschreibung von Breisach: „Über der Rheyn- 
Brück Pforten seynd vor etlichen Jahren folgende Versse zu 
lesen gewesen: 

Limes eram Gallis, nunc Pons et Janua fio: 
Si pergunt, Gallis nullibi limes erit/ 

So erfahren wir denn, dass die Inschrift im Jahre 1679 
am Rheintor nicht oder nicht mehr befindlich war. Sie ist 
aber dagewesen, sagt unser Autor, „vor etlichen Jahren", fügt 
er hinzu. Er weiß offenbar den Zeitpunkt, wann sie entfernt 
worden wäre, nicht genau anzugeben. Man würde aber doch 
in seinem Sinn sich mindestens 8 — 10 Jahre darunter zu denken 
haben. Wir würden damit auf einen Zeitpunkt zurückgeführt 
werden, wo das neue Rheintor noch gar nicht bestand, denn es 
ist nach unserer Annahme erst in der Zeit zwischen 1672 und 
1679 gebaut worden. Wenn aber selbst die Bauzeit früher läge 
undUrsensons „etliche Jahre" demnach auf einen Zeitpunkt führten, 
wo das Tor schon fertig war (was ich aber nicht glaube), so wäre 
die Inschrift, kaum angebracht, sofort wieder entfernt worden. 
Warum, ist nicht einzusehen, denn Breisach war während der 
ganzen Zeit in französischem Besitz, auch noch 1679. Es ist 



auf das Werk Orbis terrae partium succincta explicatio von Michael 
Neander (1582), da dieser Autor (nach dem Katalog des Britischen Mu- 
seams) auch unter dem Namen Meletius genannt zu werden scheint. 
Aber in der Hauptsache ist unser Büchlein wol neu, und gewiss mit seiner 
Angabe tlber das Breisacbcr Rheintor. Der neugriechische Geograph 
Meletios (1661 — 1714) kommt als zu jung nicht in Betracht. Seine 
r?(oYpa<pMi waXata xcci vsa erschien erst 1728 und, soviel icli sehe, auch 
niemals in lateinischer Übersetzung. 



ÜTit Mitbnci 

nicht anders: wie man die Aussage Ursensons «uch wendet, sie 
fuhrt zu Imiter Unmöglichkeiten. Mit andern Worten : die In- 
schrift hat an dem neuen Rheintor Uberliaupt niemals gestanden. 

Nun ergibt sich aber die andere Frage, ob sie vielleicht 
an dem alten Rlieintor angebracht gewesen und mit diesem 
gefallen sein konnte. 

Abbildungen aus dem 17. Jahrhundert von Merian und 
andern'" zeigen uns das alte Rheintor &\s einen mittelalterlichen 
Tortumi mit einem Vorbau, der die Zugbrücke trug, welche 
ihrerseits die Verbindung mit der eigentlichen, festen Rhein- 
brücke herstellte. Dass an diesem Torbau nicht Platz für die 
Inschrift gewesen wäre, kann nicht behauptet werden, dass sie 
aber daran gestanden bat, glaube ich- nicht. Der Gedanke, 
dass dem Vordringen Frankreichs keine Grenzen mehr gesetet 
seien, passt noch gar nicht in die Zeit der ersten Jahrzehnte 
nach der Okkupation Breisacha durch die Franzosen, er wfire 
kaum verständlich gewesen vor dem Beginn der Eroberungs- 
kriege Ludwigs XIV., d. h. vor dem Jahre 1667. Damit sind 
wir aber aucli in eine Zeit gelangt, wo die Neubefestigung 
Breisachs schon im Gange, und das alte Eheintor, wenn auch 
noch nicht niedergerissen, so doch sicherlich bereits dem Unter- 
gange geweiht war, um einem neuen Platz zu machen, welches 
sich, zweckdienlicher und harmonischer als das alte, in die neue 
BefestigungsUnie einfügte. 

Endlich scheint auch aus diesem lateinischen Distichon 
mehr die Denkweise eines Deutschen als die eines Franzosen zu 
reden, mehr Sorge um die Zukunft Deutschlands als ruhmredige 
Voraussage künftiger Waffen taten der Franzosen. Es wiire 
also ein gewisser Widerspruch vorhanden /.wischen dieser 
mehr deutsch als französisch gedachten Inschrift und der Tat- 
sache, dass sie, wenn überhaupt, doch nur von französischer 
Hand und in französischer Zeit angebracht worden sein könnte. 



So hat denn die Inschrift sicherlich nicht au dem neuen, 
und schwerlich an dem alten Rheintor gestanden. Nun hat 
aber trotzdem die zuerst 1679 bei Ursenson auftretende Über- 



™ Zwei dieser Abb jl dangen sind wieiievgut 
ürullhoraogtuim B 



riäLdenkmiilcr ili'u 



Die verlorene Inschrift vom Rheintor zu Breisach 271 

lieferung ihren Weg durch die Jahrhunderte gemacht, indem 
bald behauptet wurde, die Inschrift sei noch vorhanden, bald, 
sie sei zu irgend einer Zeit vorhanden gewesen. Dabei ist 
nun immer von dem neuen, niemals von dem alten Rheintor 
die Rede. An dem Resultat, zu dem die Angabe von 1679 
führt, können diese späteren Erwähnungen freilich nichts ändern, 
aber es lohnt sich wol, einige Beispiele herauszugreifen, um 
zu zeigen, wie die Überlieferung sich nun von Generation zu 
Generation fortpflanzt. 

Aus dem 17. Jahrhundert ist mir keine weitere Erwähnung 
der Inschrift begegnet, aber auch keine Erwähnung des Rhein- 
tors ^. Erst am Anfang des 18. Jahrhunderts finden wir Tor 
und Inschrift wieder genannt. In dem 1702 erschienenen 
geographischen Werk von Müllern ^^ heißt es (S. 355): 
„Übrigens wäre daselbst über den Rhein eine Brücke, und 
stehen über dem Rhein-Thor nachfolgende Verse: 

Limes eram Gallis ..." 

Hier ist also der erste Fall, wo ein Autor die Inschrift 
als zu seiner Zeit vorhanden bezeichnet. Doch ist es un- 
möglich, diese Notiz ernst zu nehmen. Im Jahre 1700 war 
Breisach von Frankreich an Österreich ausgeliefert worden. 
Nachdem die Inschrift in französischer Zeit nicht oder nicht 
mehr da war, ist sie es sicher nicht in österreichischer. Das 
Umgekehrte wäre denkbar, nämlich dass die Österreicher die 
vorhandene Inschrift beseitigt hätten, aber so liegt der Fall 
nicht, denn sie war ja schon 1679 nicht mehr da. Wie kommt 
also dieser Autor zu seiner Behauptung? Er ist nicht etwa 
an Ort und Stelle gewesen. In der Vorrede spricht er von 
den „schönsten Reisen, Schiifahrten, Handlungen und Aus- 
sendungen zu allerhand Völkern"*, welche die Geographen in 



^ Atisführliche Beschreibungen von Breisach enthalten in dieser 
Zeit: M^moires d'un voyage d'Alsace (Bulletin du Mus^e Historique de 
Malhonse) 1882; dasselbe in deutscher Übersetzung Schauinsland, 17. Jahr- 
laaf; Der edle Rheinstrom von seinem Ursprung bis zu desselben Tei- 
lung, Augsburg 1685; Ausführliche und grundrichtige Beschreibung des 
ganzen Rheinstroms, Nürnberg 10^6; De la Croix, Allgemeine Welt- 
beachreibung (französisch 1G93), deutsch Leipzig 1697. — Aus älterer 
Zeit (kurz vor Ursenson) sei noch genannt: P. C. B. Han, Das Soei- 
sageode Elsas, Nürnberg 1676. 

•' J. U. Müllern, Neuaussgefertigter Kleiner Atlas oder Umstand- 
Iw Besehreibung dess gantzen Erden- Crayses . . ., Franckfurt 1702. 



272 Michael 

„nächst abgewichenen Zeiten^ gemacht haben. Mit andern 
Worten, er arbeitet lediglich nach Beschreibungen anderer. 
Auf Genauigkeit wird auch sicherlich kein großer Wert gelegt. 
Der Autor will zwar nützlich, aber wol vornehmlich unter- 
haltend sein. „Und ist über dieses ein grosses Vergnügen, in 
seinem Zimmer sonder Furcht einiger Ungelegenheit und Un- 
ge wittere die weitausgebreitete Meere, schöne Felder, anmutige 
Landschaften und Stätte dieser Welt zu sehen, sodass das Lesen 
dergleichen Beschreibungen in Wahrheit nichts anderes ist denn 
ein bequemes Reisen mit sehr wenigen Unkosten und sonder 
einzige Gefahr." 

Die nächste Schrift, die wir zu berücksichtigen haben, ist 
Erdmann Uhsens Universal-Geographisch-Historisches Lexikon, 
Leipzig 1710. Es ist nach älteren Wörterbüchern von Cellarius 
und andern zusammengestellt. Auf S. 184 heißt es: „Über der 
Rheinpforte stehen diese Verse: 

Limes eram Gallis ..." 

Dieses Zeugnis stammt zwar wieder aus französischer Zeit, 
denn 1703 war die neue französische Okkupation erfolgt. 
Aber es ist deshalb nicht glaubwürdiger als dasjenige von 1702. 
Oder wird jemand annehmen wollen, die Franzosen hätten, als 
sie Breisach wieder in ihren Besitz gebracht hatten, nichts 
Eiligeres zu tun gehabt, als auf dem Rheintor die Inschrift an- 
zubringen, die vor Zeiten einmal daran gestanden haben sollte ? 

Eine Art Widerlegung enthält denn auch schon die Angabe 
bei Melissantes Geographia Novissima 1720 (inzwischen war 
Breisach wieder Österreichisch geworden) S. 881 : „Über den 
Rhein gehet eine schöne Brücke, und soll ehmals an der Rhein- 
Pforte gestanden haben: 

Limes eram Gallis . . .'^ 

Der mit der Wendung „soll ehmals'' ausgedrückte Zweifel 
an der Tatsache, ob die Inschrift je vorhanden gewesen, wäre 
kaum zu verstehen, wenn sie, wie wir eben gehört haben, noch 
vor 10 Jahren da war. 

Ich füge nur noch einige Notizen aus dem 18. Jahrhundert 
hinzu. Dielhelms ^^ Rheinischer Antiquarius 1739 hat auf S. 154 

'■-' Dor Nanu' dos Autors erscheint erst in der 3. Aufl. 1770. Die 
boiilon ersten 1 1781) und 1744) nennen sich verfasst „von einem (eifrigen) 



Die verlorene Inschrift vom Rheintor zu Breisach 273 

die Bemerkung: „Über der Rhein-Brück-Pforte sind im vorigen 
Jahrhundert folgende Verse zu lesen gewesen: 

Limes eram Gallis . . / 

Der Verfasser weist die Inschrift also bestimmt ins 
17. Jahrhundert zurück. Wir dürfen ferner annehmen, dass er 
selbst an Ort und Stelle gewesen ist und das Rheintor ohne 
die Inschrift gesehen hat, denn er bezeichnet seine Arbeit als 
eine solche, welche aus niedergeschriebenen Erinnerungen seiner 
eigenen Reisen hervorgegangen sei. 

Dasselbe Buch erschien nun aber fünf Jahre später in zweiter 
Auflage. Hier heißt es auf S. 256: „Über diesem Thore liesst 
man folgende Verse: 

Limes eram Gallis . . .* 

Woher diese merkwürdige Veränderung? Hängt sie viel- 
leicht damit zusammen, dass eben in diesem Jahre 1744 die 
Franzosen wieder einmal auf kurze Zeit Breisach in ihrem 
Besitz gehabt haben? Und haben sie am Ende die alte, ehe- 
dem vorhandene oder nicht vorhandene Inschrift jetzt Avirklich 
angebracht? Verlockend, wie diese Erklärung wäre, ist sie 
dennoch unmöglich. Die Vorrede des Buchs ist datiert: am 
Tage Petri Stuhlfeier 1744, d. i. am 18. Januar oder 22. Februar. 
Der 18. Januar kann es nicht sein, weil in derselben Vorrede 
eine am 22. Januar 1744 erfolgte Bischofswahl erwähnt wird. 
Also ist es der 22. Februar. Die Franzosen sind aber erst am 
17. September 1744 nach Breisach gekommen. So ist nicht 
anzunehmen, dass seit 1739 an dem Tor etwas geändert worden 
war. Nun hat aber für die 2. Auflage seines Buchs der Ver- 
fasser die Reise nicht wiederholt. Er erzählt in der Vorrede, 
dass er an viele Städte um Nachrichten geschrieben habe. Die 
Nachträge und Änderungen sind also wol meistens nach Briefen 
gemacht. Mit andern Worten, die erste Auflage (1739) beruht 
auf Autopsie, die zweite (1744) auf den Mitteilungen anderer. 
Schon aus diesem Grunde verdient die erste Auflage den Vor- 
zug; und sicherlich war die Inschrift auch 1744 nicht da. 

Nun tritt aber in diesem Jahre 1744 dieselbe Nachricht 
auch noch an anderer Stelle auf. Bei Bruzen la Martiniere 
/ 

Nachforscher In Historischen Dingen''. (J. H. D. = .lohann Hermann 
Dielhelm). 



■21i 



Micliacl 



(Geogfapliisches und kritischeB Leiikon deutseh"". Leipzig 
1744) heißt ee S. 1628 ebenfalls; „Über diesem Thore lieset 
nian folgende Verse : 

Limes erum ÜaRh . . .' 

Ein Vergleich zeigt aber, dass der Artikel „Breisacli- in 
diesem Lesikon aus der '2. Auflage des Rheinischen Antiquarius 
zum großen Teü wörtlich abgeschrieben ist. Die Vorrede ist 
datiert: Leipziger Michaelis- Messe 1744, also ein halbes Jahr 
später als der Antiquarius, der auch (freilich ohne Angabe der 
Auflage), unter den Quellen des Artikels „Breisach" genannt wird. 

Ebensowenig hat eB denn auch zu bedeuten, wenn die 
tlritle Auflage des Antiquarius (1776) abermals das Vorhandensein 
der Inschrift bezeugt. Der ganze Abschnitt über Breisach ist 
nSnilich aus der zweiten Auflage wOrtlich in die dritte heriiber- 
genommen. 

Im Grunde können wir aus den zuletzt mitgeteilten No- 
tizen nichts anderes gewinnen, als die Lehre, dass man vor dem 
gedruckten Wort nicht zuviel Hochachtung haben soll. Wer 
behaupten wollte, dass wenigstens zu der Zeit, wo ein Schrift- 
steller das Vorhandensein der Inschrift bezeugt, dieselbe doch auch 
dagewesen sein mtisse, demgegenüber weise ich darauf hin, dass 
noch bei Schuars, Südlicher Schwarzwald, 1883, eine Be- 
schreibung des Rheintors steht, welche auch ausdrücklich auf 
das daran befindliche ^übermütige Distichon" hinweist. In 
seinem patriotischen Schmerze über dasselbe fasst der Verfasser 
sich freilich schnell mit der tröstlichen Krwügung: „Jetzt hat 
dieses Distichon nur noch historischen Wert, denn überall von 
Breisachs Höhen sieht man nur deutsches Gebiet, und fran- 
zösischer Übermut wurde gestraft.'' 

Auch Bädeker, Rheinlande, erzählt in seiner Auflage von 
1886 von der „jammerlichen Inschrift, die aus jenen Tagen 
französischen Übermuts am Rheintor steht'*. Meyer, Schwarz- 



" Das französische Originnl von 1739 eutbält nur einen gunz kurzen 
Artikel über ßreisaek. ohne Erwfihnim}: des Rheintore. 

"' Die Gerechtigkeit erfordert zu bemerken , dnsB Schnai-a und 
liUdeker in ihren neuesten Auflagen die Inaufarift nicht mehr bringen, 
freilich auch das Rheintor gamjcht erwUhneu. -^ Herr Frofesaor Pfaff 
macht mich noch darsnf aufmerksam, das» nach C. MQndel, Der Kaiser- 

, Strasburg 1899, 8. Z9, die Jnschrift .seit einigen Jahren ent- 
lltmt i8t% 



Die verloreiiti Inschrift vom Klieiiitor zu Breisucli 275 

wähl, aber erwähnt 1902 noch die ^übermütige Inschrift*', 
während er sie in der Auflage von 1906 bei der Beschreibung 
des Rheintors weglässt. Könnte hier nicht ein späterer Histo- 
riker auf den Gedanken kommen, die Inschrift müsse also in 
der Zeit zwischen 1902 und 1906 entfernt worden sein? 



Hier endet unsere Beweisführung. Denn auf die nun noch 
entstehende Frage: Wie ist denn die Erzählung von der In- 
schrift entstanden, wer erfindet wohl dergleichen? werden wir 
eine völlig befriedigende Antwort kaum geben können. Immerhin 
dürfen wir uns der Aufgabe nicht entziehen, soviel darüber 
mitzuteilen, als sich auf dem Wege naheliegender Vermutungen 
tinden h'isst. 

Zunächst scheint das umrahmte Feld, auf dem man sich 
die Inschrift gedacht hat, in der Tat nach einer solchen zu 
verlangen, denn sie macht mit ihrer Leere neben den sonst 
mit Schmuckwerk so wolausgestatteten Partien des Bauwerks 
einen unfertigen Eindruck. Ich möchte wol glauben, dass 
wirklich die Absicht bestanden hat, eine Inschrift hier anzu- 
bringen. Auch fehlt es nicht an Beispielen von Inschriften auf 
Stadttoren, eben aus der Zeit Ludwigs XIV. In Philippsburg 
war ehedem am weißen Tor eine große lateinische Inschrift^'* 
angebracht, zur Erinnerung an die Erwerbung des Platzes durch 
Ludwig XIV. Ferner hat das Straßburger Tor in Neu-Breisach 
eine um dieselbe Zeit angebrachte Inschrift getragen^®. Frei- 
lich waren beide Inschriften nicht in poetischer Form gehalten, 
aber auch sie erzählten von der Bedeutung der Erwerbung 
oder der Gründung der beiden Festungen durch Ludwig XIV. 

Wir sehen, es ist gewissermaßen Stil, an den Toren der 
Plätze, welche Ludwig dem Kranze französischer Festungen 



^ Vgl. Nopp, Geschichte der .Stadt Philip{)sburg S. 175. Aus dem 
Wortlaute sei nur der, in eine Zu summen Stellung mit Breisach auslaufende 
ScMuss mitgeteilt: . . . ,.Brisaco inferius situ, non roburc; quod ille 
dandit utrumque, et nemo aperit et nemo claudit/ Ich verdanke den 
Hinweia auf Pbilippsburg Herrn Professor C. Neumann in Kiel. 

•• Brockhoff. Geschichte der Stadt und Festung Ncubreisach 
224. Sie lautet: ..Brisaco paci dato Ludovicus Magnus nuvum hoc ex 
itiquo validis Alsatiae securitati fundamentis exstruxit anno MDCIC." 



276 



Wic-liaol 



einfügte, Insehriften anzubringen zum liüliern RuLme des KOuigs 
von Frankreich und seiner Tat. Sollte also nicht etwas Der- 
artiges auch für das Hheintor beabsichtigt worden sein? 

Woher aber mag unser Distichon stammen? Wer zuzu- 
geben bereit ist, dass dasselbe überhaupt als eine von französi- 
scher Seite anzubringende Inschrift möglich war, der wird sich 
vorstellen können, dass es nach dem Vorschlage eines witzigen 
Kopfs in der Tat für das Rheintor bestimmt war, aber aus 
irgendwelchen Gründen, die wir nicht kennen, niemals an- 
gebracht wurde. Für die Beziehung des Distichons zu dem 
Bauwerk gibt es übrigens eineu Fall, welcher als Analogie zu 
dem unsrigen zu denken wäre. Am Tor eines Gefängnisses in 
Amsterdam befindet sich eine Inschrift, welche an diesen Platz 
nicht recht, zu passen scheint. Man hat gefunden, dass sie ur- 
sprünglich nur auf einer Denkmünze st.sud. welche bei der Br^ 
Öffnung des Gefängnisses geschlagen wurde. Viel später erst 
hal man den uoglUcklichen Einfall gehabt, die Inschrift auf das 
Tor selbst zu setzen *', So wäre die Möglichkeit, dass in 
unserem Falle etwas Derartiges vorliegt, nicht ganz auszu- 
Bchlieben. Aber einen Beweis gibt es nicht, denn keine der 
aus Breisach erhaltenen Münzen zeigt, meines Wissens, die 
Inschrift. 

Bndlieh mag auf die Tatsache hingewiesen werden, dass 
es vielleicht keine Epoche gegeben hat, in welcher die Vorliebe 
für das Epigramm grÖUer gewesen wäre, als im 17. Jahrhundert. 
Ja, noch mehr. Man hält sich dabei scheinbar gern an den 
ursprünglichen Karakter dieser Dichlungsfomi, man behandelt 
das pointenreiche kurze Gedieht gern als Aufschrift fiir ein 
Monument, ein Kunstwerk, ein Grabmal. Aber das ist nur ein 
Vorwand, um ein artiges Spiel ?.a treiben, um witzige Ge- 
danken, satirische .Spitzen in knapper Form zum Ausdruck zu 
bringen. Nach RicheUeus Tode, berichtet ein Werk des 
17. Jahrhunderts"*, „sind ihm viel sinnreiche, gute und Saty- 
rische Grab- Seh rifften gesetzet worden". Aber niemand wird 
bei der als Beispiel mitgeteilten Grabschrift: ,Hic jacet Arraan- 
dus, si non armasset, Amandus" je daran gedacht haben, die 



' Die Kenntnia dieaea Falles verdanke i 



I Kollegen Herrn 



Die verlorene Inschrift vom Rheintor zu Breisach 277 

Ruhestätte des großen Staatsmannes wirklich damit schmücken 
zu wollen. Vielleicht verdankt auch unsere angebliche In- 
schrift nur einem solchen geistreichen Spiel ihre Entstehung. 

Woher das Distichon stammt, wer es verfasst hat, wird 
die Welt wol nie erfahren. Aber seitdem es einmal geprägt 
war, schien eo der klassische dichterische Ausdruck zu sein für 
das, was die Besitzergreifung Breisachs für Frankreich bedeute. 
Man fand, dass diese Verse ihren richtigen Platz an dem Pracht- 
bau des Rhein tors haben würden, ja, dass sie wol auch einmal 
dort gestanden haben müssten. Und so übernimmt es die eine 
Generation von der andern. Die Schriftsteller aber sind unsere 
Zeugen dafür. Die einen, die niemals an Ort und Stelle ge- 
wesen sind, behaupten frischweg, dass die Verse an dem Rhein- 
tor zu lesen seien; die andern, welche dort waren und die In- 
schrift vermissten, folgen doch gern der Ortsüberlieferung und 
sagen, sie seien „vor etlichen Jahren** oder „im vorigen Jahr- 
hundert" daselbst zu lesen gewesen. 

Das Ganze mag wol als ein eigentümliches Beispiel dafür 
gelten, nicht wie eine historische Legende entsteht, denn das wissen 
wir in diesem Falle nicht, wol aber wie sie sich fortpflanzt 
und fortgepflanzt hat bis auf den heutigen Tag. 

Aber wenn es anders eine Legende ist, der historische 
Kern und die innere Wahrheit fehlen auch ihr nicht. Sie bleibt 
ein Denkmal dafür, wie das 17. Jahrhundert über Ludwig XIV., 
über die Stellung Frankreichs zu Deutschland gedacht hat und 
denken musste. 



Weitere Hallstattgrabhügel (Löhbücke) bei 

Ihringezi am Eaiserstulil. 

Zweiter Fundbericht von Eugen Fischer* 

(Mit 15 Abbildungen). 

Im Laufe des letzten Jahrs (März und August 1907) 
wurde es mir durch die dankenswerte Bewilligung von Mitteln 
seitens der Stadt Freiburg ermöglicht, wieder einige der „Löh- 
bücke" bei Ihringen in Angriff zu nehmen und bis auf den 
Grund aufzugraben; folgende Zeilen sollen einen kurzen Fund- 
bericht geben, der sich unmittelbar an den früheren anschließt 
(vgl. diese Zeitschr. Bd. 23, 1907, S. 1—42). 

1. 

Es handelt sich zunächst um den auf meinem Lageplan 
mit „J?" bezeichneten Hügel, es ist einer der größten, wir 
haben in zwei Abschnitten den Hügel in einem großen Oval 
abgetragen, dessen Längsdurchmesser 26 und Querdurchmesser 
16 m betrug* (vgl. den Lageplan, Abb. 1). 

Gleich in der Mitte zeigte sich, dass hier schon einmal 
ein Loch gegraben war, eine Bestattung war zerstört worden, 
auf deren Reste wir sofort trafen. Eine Anzahl menschlicher 
Knochen in gestörter Lagerung, eine große Anzahl Scherben 
zeigten es deutlich an. Die Scherben gehörten zu einer großen 
braungelben, mit rotem Muster versehenen Prachts-^Bow'le'', 
die sich aber ebensowenig zusammensetzen ließ wie ein Teller, 
den gelbe, ebenfalls verzierte Scherben verrieten. 

Hei ' ., m Tiefe kam in 7 m nordwestlicher Entfernung von 
der Mitte eine Bestattung in unberührtem Zustande zu Tage 
(7t 3 u. 1). Das Skelett, ausgezeichnet durch zierlichen dünnen 

' I)<'r scitliclK' Aiigreuzor gestattete keine Verbreiterung unserer 
(Tra})Uim. 



Weitere Hallstattgrabhügel (Löbbücke) bei 1 bringen 279 

Knocheabau, lag genau von Osten (Haupt) nach Westen auf 
einem Brett von 2,50 m Länge und 0,67 m Breite. Unter 
dem Brett zogen quer durch zwei je etwa 95 cm lange und 
15 cm breite Querleisten. Das Längsbrett scheint an beiden 
Längskanten etwas aufwärts gebogen, so dass seine Oberfläche 
in querer Richtung leicht konkav ausgehöhlt erscheint. Seine 
Holzfaserung geht in der Länge, die der Leisten quer dazu. 
Das Brett besteht aus Laubholz und zwar wahrscheinlich aus 
dem Stamme der Waldbuche*. 

Das Skelett ruhte auf diesem Sargbrett in Rückenlage, mit 
dem Scheitel etwa 30 cm vom oberen Rand ab, das Gesicht 
sah leicht nach rechts, der linke Arm war gestreckt, der rechte 
etwas gebeugt, so dass die Hand auf dem rechten Schenkel 
lag. Reiche Beigaben waren dieser, wie man sehen wird, 
weiblichen Leiche mitgegeben worden. Da sass um jeden 
Vorderarm hart unter dem Ellbogen ein mächtiger Armring aus 
Holz. Die beiden Ringe sind völlig gleich, dunkelbraun, ohne 
Verzierung. Es sind tonnenförmige , massive Reifen, 5,5 cm 
breit; der Querschnitt würde ein Kreissegment darstellen, also 
Z' ^ ; die Innenseite ist völlig glatt und gerade, die 
äußere gleichmäßig rund gewölbt, die Mitte ist 18 mm dick; 
die lichte Weite beträgt 59 mm. Solche Ringe sind ja aus 
dieser Zeit nicht selten, die hiesige Sammlung hat einen etwas 
kleineren aus Schreibers Nachlass, ebenfalls von Ihringen oder 
GUndlingen stammend; in der Nordschweiz, im Elsass und an- 
deren Orten kamen eine ganze Anzahl zum Vorschein. (Vgl. 
Wagner, Korrespbl. d. Westdeutsch. Zeitschr. VII, 1888, 
S. 209.) 

Am linken Ohr sass ein kleiner Ohrring, ein federnder, 
o£fener, schmuckloser Bronzereif (vgl. Abb. 2), 16 mm groß, an 
der dicksten Stelle gegenüber der Öffnung B mm dick, die freien, 
einander fast berührenden Enden verjüngen sich auf die Hälfte. 
Der Querschnitt des Reifs ist viereckig, eine Kante sieht nach 
innen. Auf der andern Seite des Kopfs fand sich vom andern 
Ohrring keine Spur (der Kopf hatte darauf gelegen). 

In der Halsgegend kamen folgende Reste eines Hals- 
schmucks zum Vorschein (Abb. 2): 



' Ich danke Herm Privatdozeuten Dr. Kniep für die liebeuswürdigür 
weise vorgenoinmono Unterauchuiig der Holz- und andern Roste. 



äSO 



Fiaclier 



Eine dunkel bräunt), durchbohrte, länglichrunde Perle aus 
Bernstein, Sie misat in der Richtung der Bohrung 17 mm, ist 
(quer dazu) 15 mm dick. Etwas tiefer am Hala lag ein ßronze- 
anhänger. Es ist ein fast quadratisches Bronzeplüttchen, das 
am Band noch nicht millimeterdick ist, sich aber nach der Mitte 
zu auf jeder Seite zu einer runden Wölbung erhebt, die im 
ganzen 6 mm dick ist. An allen vier Ecken war das Blech 
durchbohrt (.je ein Loch von 2 mm Weite). Zwei dieser 
Löcher sind leer, in zwei andern sitzt je ein 6 — 7 mm großes 
Bronzeringehen, in eines davon greift ein wenig grölleres Eisen- 
ringchen ein. Was das Ganze war und was noch fehlt, lässt 
sich nicht vermuten. Daneben lag endlich ein kleines, 1 '/j mm 
dickes DrahtstUckchen eines der Biegung nach etwa 25 mm 
weiten Bronzerings. Endlich lagen in der Nähe des Kopfs 
zwei kleine (lagatringe. Ihre Lage lässt sich leider nicht ganz 
genau feststellen, sie wurden handbreit neben dem Kopf ent- 
deckt, aber in Erde, die schon von der Gegend der linken 
Kopf- und Halsseite weggenommen war. Beide Ringchen sind 
BUS glänzend schwarzem homogenen Gagat (Jet), Das eine ist 
ö mm breit, im Lichten 12 mm weit, die Gagatmasse bei, wie 
gesagt, 5 mm Breite 3 mm dick ; der andere Ring ist bei fast 
gleicher Breite und Dicke nur 4 mm im Lichten weit, würde 
also eher als Gagatperle mit etwas weiter Bohrung anzu- 
sprechen sein. 

Solche Gagatfunde sind gerade in unserer Gegend nicht 
selten. (Vgl, obenerwähnten Aufsatz von Wagner, ferner 
Heierli, Urgeschichte der Schweiz, Zürich 1901, S. 371.) 

Vor den Rippen, bis in die HUftgegend reichend, lag eine 
schwärzliche Hasse mit feinen Bronzeresten bedeckt, kleine 
Schüppchen und Stückchen, dasselbe Gebilde ging auch unter 
den Rippen, d, h. am Rücken der Leiche hinab, es handelt sich 
wol um Reste eines Gehängs, wie es im Hügel ^IP' (Bericht I, 
S. 66) zu Tage kam. EinwSrts vom linken Ellbogen waren 
Spuren von Eisen zu erkennen, ein kleines Stück eines eisernen 
StSngelchens (etwa 3 cm lang) und ein 13 mm grolSes Eisen- 
ringchen — undeutbare Reste. 

Endlich stand unterhalb der Füße, noch auf dem Sarg- 
^ brett, ein Gei5ß (R 4), Es ist ein gedrückt birnfdrmiger, 
JteLkelloser Topf, die Form gleicht völlig der des prächtigen 
I das S. 36 Abb. 3 des vorigen Berichts dargestellt 



Weitere Hallstattgrabhügel (Löhbücke) bei Ibringen 281 

ist, nur die Größe ist geringer, auf eine Höhe von 21 cm 
kommt eine größte Ausbauchung von 24,5 cm. Auch die 
reiche Verzierung jener Stücke fehlt hier, der braunrote 
schmucklose Ton scheint hie und da mit schwarzen Farbbändern 
versehen gewesen zu sein, die aber so stark zergangen sind, 
dass das Muster nicht mehr erkennbar ist. Einige Knochen- 
reste, darunter zwei Milchbackzähne vom Schwein, lagen bei 
diesem Gefäß. 

Um 1 m tiefer als diese Bestattung stießen wir im nord- 
östlichen Teile des Hügels (etwa 9 m von unserer Mitte 
— siehe Lageplan — ) auf eine Brandbestattung. Zunächst kam 
eine förmliche Lage, fingerdick, aus Asche, Kohlenresten, Scher- 
benstückchen und angebrannten Tierknochen; 20 cm tiefer die 
Urne mit kleineren Gefäfien und einem Bronzedolch. Um diese 
und unter dieseii lag wieder Asche, mit Holz- und Knochen- 
resten, darunter kam der feste, gelbe Lettenboden, der überall 
den Untergrund bildet. Hier stand also eine Aschenurne, da- 
neben eine flache, kleine Schale und ein Napf (siehe Abb. 3), 
neben diesem steckte aufrecht der Dolch. 

Die Urne besteht aus ganz grobem, grauem Ton, ist sehr 
dickwandig (etwa 1 cm) und schlecht gebrannt. Die Form ist 
aus der zugehörigen Abbildung zu ersehen, der größte Querdurch- 
messer beträgt 26 cm, die Höhe 24 cm. Als Verzierung finden 
sich auf dem gleichmäßig grauen Ton oberhalb der größten 
Bauchausladung fünf Rinnen rings herum laufend, zwischen 
denen sich vier Ringwülstchen erbeben. Die mittleren werden 
an zwei gegenüber liegenden Seiten der Urne unterbrochen 
durch je eine quer gestellte breite Warze. Unterhalb des 
Rinnenbands läuft ringsum ein Band, bestehend aus hart neben- 
einander liegenden, 5 — 6 cm langen kleinen, geraden, abwärts 
gerichteten Rinnen, je zwischen sich kleine Wülstchen lassend 
(vgl. die Abbildung); nur unter den Warzen laufen diese kleinen 
Rinnen quer, also senkrecht zu den andern. All diese Rinnen 
sind sehr seicht, die Erhebungen dazwischen sehr gering, das 
Ganze ohne starkes Relief, verwaschen und nur angedeutet. 
Noch undeutlicher ist endlich eine Art von breiteren seichten 
Furchen, die rings vom Boden her aufsteigen und die Oberfläche 
der Unterhälfte der Urne rauh und uneben erscheinen lassen. 

Die kleine Schale, ebenfalls schwarzgrau, aber besser ge- 
brannt und dünn, ist 5 cm hoch, oben 12 cm weit. Der Boden 

Aleiuannia X. F. 9, 4. \\) 



282 Fiaclier 

ist völlig flaclikugelig gewölbt; als Verzierung gehen vier si 
aber wol freihändig und einzeln, daher nicht ganz regelmäUig 
gezogene Ringlinien aiilieu rings um die Schale, an einer Stelle 
unterbrochen von einer ganz niederen, ijueren Erhebung (An- 
deutung einer Warze, aber der Form nach nicht warzenartig, 
siehe Abbildung), Unter dieser sind zwei Dreiecke eingeritzt, 
jedes mit SchrKgünien (SchraiFur) ausgettillt. 

Der Napf endlich besteht aus sehr gut gebranntem, hartem, 
schwarzem Ton; er ist 7'/^ cm hoch, etwa 12 cm weit; in 
der runden Bodenwolbung, die gleichmKUig aus der Bauchaus- 
Wölbung sich fortsetzt, ist ein quer 3 '/, cm messender, flacher 
Boden eingedruckt. Drei Linienbänder laufen ringsum, jedes 
wie das vorhin an der Schale beschriebene, Sie alle hören am 
Henkel auf, der seinerseits vier Längslinien auf seiner Ober- 
flSche hal. Dieser Henkel ist stark 1 cra breit und lässt ge- 
rade ein Bleistift unter sich durch; die Topfwand ist unter 
dem Henkel eingedrückt, ao dass der Durchlass vollkommen 
rund ist. 

Während von einem Inhalt von Schälchen und Napf nicht-S 
nachweisbar — unmittelbar über der Schale lag ein Schweine- 
zahn — , enthielt die Urne Kohlen, weiß gebrannte Knochen- 
stiickcheu und Asche. Und mitten zwischen dieser Aschenerde 
kam eine weitere, sehr schön verzierte Schale zum Vorschein, 
die also im Innern der Urne steckte. Es ist eine flache Schale, 
oben 13 cm weit mit stark umgebogenem Rand, ö cm hoch, 
aus grauem Ton und auf der ganzen Außenseite, einschlieü- 
lich des flachen Badens, über und über bedeckt von Verzie- 
rungen die auch die Oberseite des Randes noch überziehen 
(vgl. Abb. 4). 

Es sind eingeritzte Ringlinien, Ränder aus wechselnd 
schraffierten Dreiecken und Reihen kleiner Kreisstempetchen. 
Alle diese eingedruckten Verzierungen sind mit weiUer Farbe 
ausgefiilh. Die Abbildung 4 gibt die Verzierung möglichst 
genau wieder, ebenso die zierliche Protilierung. 

Der Dolch endlich ist nur in seiner Klinge erhalten, vom 
Griff keine Spur. Es ist nicht der bekannte Hallstattdolch, 
sondern die alte Bronzeform, wie überhaupt diese Bestattung 
etwas relativ Altertümliches hat. Die Klinge ist 14 cm lang, 
bis zu 2,3 cm breit, hübsch und regelmäßig lanzettförmig ge- 
«ckwungen, wie es Abb. ä zeigt. An dem Rest der Griffzni^e 





Weitere Hallstattgrabhügel (Löhbücke) bei Ihringen 283 

findet sich ein Nietloch und daneben ein noch steckender Niet- 
nagel. In der Nähe lag noch ein Stückchen eines kleinen 
Bronzeringchens. 

Eine weitere Aschenbestattung wurde nun weiter südlich, 
hart neben der Mitte desselben Hügels freigelegt, reich mit 
einer Steinsetzung versehen (vgl. Lageplan, Abb. 1). Ebenfalls 
auf dem gewachsenen Boden, dem gelben „Letten'', fand sich ein 
Steinkranz, aus großen Feldsteinen bestehend, die in mehreren 
Lagen übereinander gehäuft waren, so dass der Steinring 30 bis 
40 cm dick und 50 — 60 cm hoch war. Das Oval, das so her- 
gerichtet wurde, hatte 5,7 auf 4,7 m Durchmesser. An der 
Nordwestseite dieses Ovals verbreiterte sich der Steinwall zu 
einer etwa rechteckigen, 2,3 auf 1,4 m großen Steinanhäufung 
von gegen 90 cm Höhe. 

Der Raum im Steinkranz war frei von Funden, außer 
einer oberen Hälfte einer Mohn-Eopfnadel aus Bronze mit 
12 mm dickem Kopfe, der zwei kleine Rillen als Verzierung 
trägt (vgl. Abb. 6). 

Die Bestattung lag unter der großen Steinsetzung. Als 
deren oberste Lage entfernt war, kamen Scherbenstücke (Rand- 
teile) eines außerordentlich dickwandigen Gefäßes zum Vorschein. 
Sie waren völlig auseinander gesprengt und lagen rings um, 
auf und unter einem großen Stein. Das lässt sich nur so 
erklären, dass der Stein seinerzeit auf der Urne, etwa auf 
deren Holzdeckel, lag und nach dessen Verwesung in die Urne 
hineinsank, diese zersprengend. Zwischen diesen derben und 
dicken Scherben lag Asche und wenige kleine weißgebrannte 
Knochenstücke. 

Die untersten Teile des Gefäßes hatten leider von der 
Nässe stark gelitten, so dass eine Zusammensetzung nur zu 
geringem Teile möglich war. 

Es war eine mächtig große Urne aus dickem, grobem, 
grauem Ton; die Weite der oberen Öffnung hat etwa 22 cm 
Durchmesser; von da verengt sie sich zu einem Hals, der ziem- 
lich scharf winkelig gegen den rund gewölbten Bauch sich absetzt 
(Abb. 7). Dieser zeigt seine größte Ausladung vermutlich in der 
Mitte, leider fehlt hier so viel, dass sich nicht das ganze Profil 
erkennen lässt. Der Boden ist relativ groß, mindestens 12 cm 
im Durchmesser. Etwa auf der Schulter laufen zwei flache, 
schlecht modellierte Wülste rings herum, ein ganzer Streifen 

19* 



S84 






von unregelmäßigen Rauhigkeiten geht rings um die Wand ober- 
halb dee Bodens. 

Neben dieser Urne und elier noch um Handbreite liefer 
stand eine glänze Anordnung von acht Gefällen, sieben ein- 
ander im ganzen recht ähnliche Tellerchen und seitlich daneben 
ein hoher henkelloser Krug. Neben und unter den Tellern 
lagen Aschenreste und ungebrannte Tierknochen (Schwein?), 
dazwischen ein Bronzemesser. 

Über die Geföße seien noch folgende Angaben gemacht: 
Der Krug (fl 11) ist 18'/^ cra hoch, hat 17 cm gröUten 
Bauchdurchmesser. 

Die Form ist aus Abb. B zu ersehen. In dem schwarzen, 
gut gebrannten Ton sind als Verzierung drei Bänder ange- 
bracht, je aus drei eingei'ilzten Linien bestehend. 

Von den Tellern hat einer einen oberen Durchmesser von 
17 cm, dem eine Bodenfläche von 3,5 cm gegenübersteht, bei 
nicht gani! 3 cm Höhe. Die Innenseite ist reich verziert, wie 
BS Abb. 9 zeigt. Der schwarze Ton trägt leise eingeritzte 
Doppellinien, zu einem zierlichen Bogenmuster angeordnet; 
strahlen artig ziehen vom Boden ebensolche Doppellinien zu den 
Knickpunkten der Bögen. Etwas tiefer eingeritzt ist das Ziek- 
zackband, das den Rand umzieht. Das Tellerchen gleicht also 
völlig dem von Wagner (Hügelgräber und Umenfriedhöfe. 
Karlsruhe 1885) auf Taf. IV, 4 abgebildeten Teller aus dem 
Urnenfeld von Huttenlieim, auch die groüe Urne hat dort eine 
ihresgleichen. Weitere fünf Teller (R 12, 14, 15, 16, 17) 
sind unter sich so gut wie völlig gleich, schwarz, ohne Ver- 
ziei-ung, etwas kleiner wie jener (oben 1 5 cm weit), dafür etwas 
tiefer, 4,ö cm hoch und mit etwas größerer Bodenfiäche. Drei 
davon haben innen am Übergang von Boden und Wandfläche 
ein oder zwei Ringlinien eingeritzt. Das siebente Tellerchen 
endlich {R 10) ist güns; klein (10,6 cm oberer Durchmesser, 
3 cm Höhe), hat umgekehrt gehalten die Form eines Schutz- 
trnppenhntes (vgl. Abb. 10); eine sehr ähnliche Form fand 
sich im Hügel C (vgl. früheren Bericht S, 19), wo aber Farb- 
verzierung angebracht war. Hier ist die Verzierung der Innen- 
seite der oben beschriebenen des größeren Tellers sehr Shnlich, 
eingeritzte Bngenmusler, der Rand ist frei, dagegen trügt die 
Außenseite der tiefen Tellerhöhlung eine Anzahl ringsum lau- 
fender Rillen (siehe Frolil der Abb. 10). 




Weitere Hallstattgrabhügel (Lölibticke) bei Ihringen 285 

Das Bronzemesser endlich zeigt eine hinten 8 mm breite 
Klinge, mit völlig geradem, hinten B mm dickem Rücken, der 
hier einige Querlinien trägt, je paarweise angeordnet. Die 
Schneide zieht lange dem Rücken parallel, biegt ihm dann all- 
mählich entgegen zur Bildung der Spitze. Die Klinge ist 
14,5 cm lang. Hinten geht die Klinge über in eine erst dreh- 
runde, dann von oben und unten her abgeplattete Zunge, deren 
dünnes Ende sich etwas umbiegt und dann abgebrochen ist; 
man sieht, es hätte sich zu einer Öse aufwärts (rückwärts) ge- 
bogen, also das typische bronzezeitliche Messer. 

Weitere Beigaben waren nicht zu finden. 

Diese drei Bestattungen, wozu wol eine ganz oberfläch- 
liche, wie gesagt, früher zerstörte vierte kommt, waren das 
ganze Ergebnis der Durchforschung dieses Hügels. Nur noch 
ein einzelnes Gefäß wurde aufgefunden, 3,5 m südwestlich der 
Mitte, ganz auf dem Grunde des Hügels, völlig einzeln liegend, 
ohne Aschen- oder Knochenreste. Es ist ein sehr hübscher, 
niedriger Napf (R 18) aus feinem, gelbem Ton, eine eigen- 
tümlich gestauchte Form, wie sie Abb. 11 zeigt. Wagner 
bildet (a. a. 0. Taf. IV, 12) ein ganz ähnliches Töpfchen 
ab. Als Verzierung gehen drei Dreifachlinien, wenig tief ein- 
geritzt, um den Hals herum, von deren unterster je im Ab- 
stand von etwa 1 cm je drei kleine Striche senkrecht herab- 
ziehen, um auf der größten Ausbauchung zu enden. Diese 
Ausbauchung ist sonst glatt (nach der Figur könnte man Aus- 
bauchungen zwischen jenen kleinen Linien denken, was nicht 
vorhanden). Das Gefäß ist 10 cm hoch und 16 cm breit aus- 
geladen. Bei ihm lag der Reißzahn eines Hunds. 

2. 

Als nächster wurde nun Hügel T des Lageplans in An- 
griff genommen und mit einem Radius von 7 m um die Mitte 
ausgegraben. Leider erwies er sich als schon früher umge- 
graben. Wir trafen an verschiedenen Stellen Skelettreste in 
gestörter Lage, einmal steckte ein Oberschenkelbein senkrecht 
im Boden, das zugehörige andere lag etwas abseits davon. An 
vielen Stellen waren Scherben, aber die meisten einzeln und 
zerstreut. 

Im östlichen Teile stießen wir auf Reste einer Bestattung, 
die ich für eine Brandbestattung halte, aber auch sie war von 



286 



Fi sehe i- 



andern teilweise zerstört. Erhalteu war noch, hart über dem 
feuchten Löss-Untergrund (Lett), eine 75 auf 30 cm große 
dünne Lage verkohlten Holzes (also ein ehemaliges Brett(. Auf 
diesem die Reste eines schwarzen Topfs {T 3), in der Ent- 
fernung von knapp '/a "* davon ein zweiter Topf (2' 10) und 
ringsum noch Sc h erben stUfke verschiedener Topfe. 

7a\ nennen ist von'diesen ein kleines Bruchstück, bestehend 
aus einem Henkel, der unmittelbar die Umbiegung des Rands 
darstellt, so dass also der Rand an der betreffenden Stelle un- 
unterbrochen und glatt in den Henkel übergeht, eine etwas 
nnge wohnliche Erscheinung, (Also etwa Wagner Taf. IV 9.) 
Über die sonstige Pomi dieses Topfes ist nichts zu er- 
schließen. 

Dagegen fanden sich keinerlei Knochenreste, nur Asche 
und angebrannte KnochenstUckchen. Recht interessant sind 
nun die beiden genannten Töpfe. Der erste ist von einfacher, 
alter Form (vgl, Abb. 12), es ist ein fast kugelförmiges Ge- 
fäß, dessen Hals ohne Knick aufsitzt, sich auch nach oben, bis 
zur Mündung ständig verengert. Das Geftiß, 24 cm hoch bei 
25 cm Durchmesser, besteht aus tiefschwarzem Ton. Vom Hals 
an ziehen eingeritzte Linien abwSrts wie Längegrade auf einem 
Globus, welche die Kugel in 22 entsprechende LSngsstreifen 
zerlegen. Von diesen ist abwechselnd immer einer glatt und 
leer, der andere mit zahllosen kommaartigen Eindrücken ver- 
sehen, die mit weißer Farbe ausu^efllUt sind. An einer Seite 
ragt unter dem Halsansatz eine quergestellte, etwa 1 cm hohe 
Warze hervor, quer doppelt so breit als längs. 

Die zweite Schüssel (Abb. 13) hat ganz die Form unserer 
landläufigsten heutigen Suppenschüsseln, ein hohler Fuß fallt 
besonders auf. Auf einer Seite ist ein knapp den kleinen 
Finger durchlassender Henkel, auf der gegenüberliegenden zwei 
beieinander stehende, kaum '/^ cm hohe, spitz-kegelförmige 
Warzen. Der schwarze Ton dieser H cm hohen Schüssel trägt 
sonst keine Verzierung. 

3. 

Weiter kam Hügel „Z" an die Reihe; der Hügel, mit einem 
Durchmesser von Hm, wurde wie stets völlig abgehoben. Schon 
TOr der Grabung fand Herr Studiosus Rosin Reste eines Gürtel- 
blechs, das eine hübsche Zickzacklinien Verzierung aufgewiesen 
'^ben mnss. Es sind Quadrate (von genau 2,5 cm Breite) ab- 





Wi-i 



e Hiillstiittgrtibhügel (Li>hl>U<:ke) bei lliriugen 



2H7 



wechselnd leer und gefüllt mit Linieo. Diese sind feinste Ztck- 
zarklinien, toit einem Zackenrädclien eingedrückt ; die Zickzack- 
linien bilden Gitter oder G-rStenmuster usw. Leider sind nur 
kleine Bruchstücke vorhanden. In der obersten Ackerkrume 
lagen weiter zwei gleiche, glatte, massive, geschlossene, bronzene 
Armringe ( 9 cm weit) und ein kleinerer ebensolcher Ring 
(5 cm weit). Man darf natürlich hier eine vom Pflug ver- 
störte Bestattung annehmen, deren Reste in Torm von mensch- 
lichen KnochenstUckeu und zahlreichen Scherben über den ganzen 
Hügel innerhalb der ersten Spatentiefe zerstreut waren. Die 
Scherben gehörten neben andern einer großen Prachtbowle an, 
wie ich sie frUher beschrieb und Abb. 8 des früheren Berichts 
darstellte. Das entsprechende Ornament war deutlich festzu- 
stellen. 

Bei 40 cm Tiefe (= 50 cm über dem Grund) kam 4,3 m 
südöstlich der Mitte eine stark zergangene Kinderbestattung zu 
Tage. (Z 4 — siehe Lageplan, Abb. 14.) Dürftige Reste 
von Knochen, ein Milchsehneidezahn und zwei sogenannte Zahn- 
acherben von noch nicht durchgebrochenen Backzähnen zeigen, 
dass es sich um die Reste eines Kinds handelt. 

Als Beigaben war ein Toiletteninstrument aus Bronze vor- 
handen, es lag neben den Zähnen. An einem kleinen Bronze- 
ring hängen eine d cm lange Bronzepinzette, die Branchen sind 
am freien, qner abgestutzten Ende 6 mm breit; daneben zwei 
6 — 6'/j cm lange Bronzeatäbchen, je 2 mm stark, gedreht; der 
obere abgeplattete Teil ist zu einer Öse umgewickelt; unten 
sind sie leider abgebrochen; eines hat sich verbreitert, vielleicht 
zu einem kleinen Löffelchen, man sieht aber nur noch den Be- 
ginn einer Verbreiterung, das andere ist unten abgeplattet, in 
diese platte Fläche ist von einer Seite eine tiefe Rinne ein- 
gefeilt, das Ende gabelt sich dann in zwei Spitzen, von denen 
aber nur das unterste Stück noch besteht, wie sie endeten, ist 
nicht zu ersehen, so wenig wie der Zweck dieses Instruments, 
(Sehr ähnliche Stücke sind abgebildet bei Hoernes, Die Hall- 
stattperiode, Arch. f. Anthr. N. F. HI, 1906, Tafel 12 Fig. 14, 
15, 16, ein genau gleiches bei Wagner a. a. 0., Taf. II, Fig. 7.) 

Etwa in entsprechender Lage des nordöstlichen Viertels 
in gleicher Tiefe kam die Bestattung eines Erwachsenen zum 
Vorschein (Z 5) nach der Derbheit der Oberschenkelknochen 
als Mann zu deuten. Der Scheitel sah genau nach Osten, das 



k 



288 Kiathcc 

Skelett Iftg auf dem Hiicken. Über der recbten Sctiültet If^en 
zwei BroiiKenadeln, je 17 cm lang, wobei aber das untere Ende 
fehlt. Die eine hat eioen etwa 6 mm starken, runden Kopf, 
gleicht also der in Abb. 16 des früheren Berichts dargestellten 
völlig, nur ohne Verzierung, die andere war oben spiralig auf- 
gedreht, es ist aber nur noch die erste Spiraldrahung erhalten. 
Dabei lagen kleine Bruchstücke eines etwa in arkstiickgr ölten 
Bronzerings. 

Zu Füßen der Leiche standen nebeneinander sechs Ge- 
fäße (Z b). Eis ist ein henkelloser Topf mit kugeligem Baueb, 
auf dem ziemlich scharf abgeknickt und etwas nach außen ge- 
bogen ein etwa 2 cm hoher Hals aufsitzt bei 1-1 cm Gesamt- 
höhe; die Bodenfläche ist verhältnismäßig breit. Verzierungen 
fehlen, der Ton ist schwarz. Dann kommt ein flacher henkel- 
loser, sehr dickwandiger Napf ;ius grobem, grauschwarzem Ton; 
von der 6 cm breiten Bodentliiche erweitert sich die Wand 
ganz gleichmäüig zum 15 cm weiten oberen Rand bei 6,5 cm 
Höhe. Weiter folgen vier einander ungefiihr gleiche, schwarze, 
runde SchSlchen (wie iingeftbr .\bb. 3 und y des früheren Be- 
richts abgebildet), ohne Henkel und Verzierung^ 

Eine weitere Bestattung lag 5,3 m östlich von der Mitte, 
in gleicher Höhenlage wie vorige, dabei ebenso nach Osten ge- 
richtet, aber die Knochen wai-en nur noch als krütnelige Masse 
erhalten. .An Beigaben wurden zu Füllen zwei Gefäße ge- 
funden, eine flache, runde, schwarze, schak-nförmige Schüssel, 
(Z. 7), oben 18,5 cm weit, 7 cm hoch. Am Rand ist au einer 
Stelle eine gut halberl)seu große und -tormige Warze angebracht. 
Daneben stand, aus rotem Ton, eine etwas flachere, ebenfalls 
schmucklose Schüssel {Z'o), nur 13,5 cm weit und 4,5 cm hoch. 

.Abermals im südlichen Teil des Hügels (vgl, Lageplsn) 
kam eine Bestattung, die nur an aufgestellten Geßißen und 
Knochenspuren als solche zu vermuten. Die Knochen, Reste 
von Höhrenknochen, sind so zergangen, dass über die ursprüng- 
liche Lage nichts zu sagen ist. Auch zwei der Gefälle waren 
so zerstört — es müssen grolie, dickwandige Töpfe gewesen 
sein — , dass die Form sich nicht vermuten lässt. Der eine 
war aus rotem, der andere aus schwarzem Ton. Dazu gehörte 

li nii-'lit ineliT 



Weitere Hallstattgrabhügel (Löbbücke) bei Ibringen 289 

ein ebenfalls stark zerstörtes, nur etwa 2,5 cm hohes, halb- 
rundes, schwarzes Schälchen {Z 10). — Als letztes fand sich 
ein rundbauchiger Henkelkrug {Z 9), 16 cm hoch, aus rotem 
Ton, wahrscheinlich auch mit schwarzen Farbbändern. Die 
Form ist aus beistehendem Profil zu ersehen (Abb. 15). — 
Einzelne rote Scherben deuten noch einen weiteren zerstörten 
Topf an. 

Kaum 2 m westlich von dieser Bestattung und etwa 30 cm 
tiefer ruhte ein Skelett {Z 13), mit dem Kopf nach Südost ge- 
richtet, gestreckt in Rückenlage, die Arme längs des Leibs. 
Es muss eine alte Frau gewesen sein, die Knochen sind relativ 
dünn und zierlich, dabei zeigen die stark abgekauten Zähne 
und die Beschaffenheit der Knochen höheres Alter an. Zu 
seinen Füßen stand wieder eine von den bauchigen Bowlen 
(Z 12), wieder genau in der nun oft erwähnten Form (Abb. 3 
vorigen Berichts), der rote Ton trägt verwaschene Reste schwar- 
zen Farbmusters. Das Gefäß ist 19 cm hoch und hat 23 cm 
Bauchdurchmesser. Zu ihm gehörten wieder zwei der kleinen, 
halbrunden, schwarzen Schälchen. 

Nun erschienen in der Mitte des Hügels hart nebenein- 
ander zwei Bestattungen, nur wenig (20 cm) über dem Grund. 
Die Skelette (Z 16 und 16 b) lagen entgegengesetzt, eines mit 
dem Kopf nach Nordost, das andere nach Südwest. Dieses hat 
starke Zähne, derbe, dicke Knochen, es dürfte einem erwach- 
senen Manne angehört haben, das andere ist durch seine dünnen 
Schädelknochen und das schwach entwickelte Oberfläch enrelief 
der Knochen als weiblich zu denken (mit ziemlicher Wahr- 
scheinlichkeit). Auch hier stand zu Füßen des östlicheren eine 
Bowle (Z 14) genau wie die eben beschriebene, nur ist der 
Hals nicht winklig abgesetzt, sondern geht in sanftem Bogen 
von der Schulter ab, ist auch niedriger. Der Hals ist außen 
schwarz bemalt, sonst ist das Gefäß braunrot, es misst 18 cm 
in der Höhe und 20 cm im größten Durchmesser. Andere 
Beigaben barg diese Doppelbestattung nicht. 

Eine ganz ähnliche Doppelbestattung mit entgegengesetzter 
Lage der beiden Toten, Seite an Seite, traf ich früher in Hügel Z, 
(siehe früheren Bericht S. 38). 

Als letzte Beisetzung endlich stießen wir, wieder^ in gleicher 
Tiefe wie eben südwärts von diesen, auf ein Skelett, das mit 
dem Haupte nach Süden gerichtet lag. Leider hatte hier die 



i 



290 



Fischer 



Nässe arg zerstörend gewirkt: man fand verkohlte Reste eines 
Bretts, auf dem die Knochen lagen, die aber zu mürben 
Stücken zerdrückt waren. Längs des Skeletts lagen zahlreiche 
Scherben anf jenem Brett, teils Einzelscherben, teils zu einem 
roten Topf« (X 17) gehörig, der wieder (wie aus einzelnen 
Stücken hervorgeht) die ^übliclie" Bowlenform besitzt. Eine 
wieder zusammensetzbare solche Bowte [Z IS), 17 cm hoch, 
21 cm breit, stand zu Füßen des Skeletts, bei ihr ein kleines, 
schwarzes Schlichen, so dass genau die Abb. 3 des früheren 
Berichts zu wiederholen wäre. Diese Bowle ist jedoch wieder 
glatt, rot, mit Spuren schwarzer Ringbänderbemalung. 

So lagen also acht Bestattungen in diesem Hügel, alle 
ziemlich armlich. Eine Bevorzugung einer bestimmten Lage ist 
so wenig wajirzunehmen wie früher. 



Er^ebntsüe. 

Als wichtigstes Ergebnis aus dieser neuen Grabung ist 
wol das Auffinden von Brandgiäbern anzusehen, die bisher bei 
Ihringen fehlten, während Wagner ein solches bei Gündlingen 
auffand. Ich versuchte, möglichst genau die gegenseitige Lage 
von Brandgrab und Erdbestattung festzustellen, da ja gerade 
dieser Wechsel für chronologische Fragen so wichtig ist, wie 
Schumacher* zeigt. Ich kann hier natürlich nicht auf diese 
Frage im einzelnen eingehen, möchte aber hervorheben, dass 
obiger Bericht die Angaben Schumachers völlig bestätigt. 

Zunächst muss ich hier eine irrtümliche Angabe aus meinem 
früheren (I.) Bericht verbessern. Ich wurde durch einen sehr 
liebenswürdigen brieflichen Hinweis des Herrn Direktor Schu- 
macher darauf aufmerksam gemacht, dass in jenen Grabbügeln 
fraeines I, Berichts) doch sicher nicht alle Bestattungen spät- 
hallstättisch seien. Meine eigenen neuen Erfahrungen und ver- 
mehrtes Vergleichsmatevial lassen mich jene frühere Angabe 
als irrtümlich erkennen, auller den spätlial Ist attischen Prachl- 
geföUen sind zahlreiche Gefälle älterer Form vorhanden, zu 
inmachers filterer Hall Stattperiode gehörig. 

Dass diese ältere Periode hier in Ihringen vorhanden war 

e hat Leichenbestattung, nicht Verbrennung — , zeigen nun 

:humBcber, Zur praluHtoHachen ArcbSologie Südwest- 
•'undber. a. Schwaben VI. 1898, 8. 21 und VIII. 1900, 8. 44ff. 



Weitere HAÜstattgrabhägel i^Löhbacke) bei IhringeD 291 

auch diese neuen Grabungen. Aber sie liefern aneh den An- 
schlass nach rückwärts. Die Brandbesuttungen im Hügel ^R^ 
liegen tiefer. 

Diese Brandbestattangen sind nun entweder aus der mitt- 
leren Hallstattzeit, auf deren Brandbestattung wieder besonders 
Schumacher hinweist, oder aber sie gehören ganz in den An- 
fang der Hallstattzeit. Denn vor dieser, im letzten Teil und 
ausgangs der Bronzezeit, verbrannte man bei uns die Toten, 
so dass wir aus dieser Zeit Brandgräber haben, die „ ebenso wol 
noch zu der jüngsten Bronzezeit wie der ältesten Hallstatt- 
periode gerechnet werden können**, wie Schumacher sehr 
richtig ausführt. Unsere Brandgräber nun aus Hügel .if* 
glaube ich gerade in diese Zeit setzen zu sollen, eher als in 
die sogenannte mittlere Hallstat tperiode. Dafür sprechen die 
Ähnlichkeit der Keramik unserer Brandbeisetzungen mit der 
vom Huttenheimer bronzezeitlichen Urnenfeld und die Formen 
des Dolchs und des Messers; die Lage, tiefer als das Skelett- 
grab mit den Armringen, spricht nicht dagegen (sie spricht 
aber auch nicht gegen die andere Annahme). 

Wie dagegen die Töpfe aus der gestörten Brand(?)-Be- 
stattung in Hügel ^T^ zu deuten sind, muss ich offen lassen, 
ich verfuge da über zu wenig Vergleichsmaterial. 



An dieser Stelle möchte ich nun noch eines andern 
Punktes gedenken: Wo mag zu unserer groUen Ihringer Metro- 
pole — ich kenne nun 27 Hügel, und oft enthält einer 6, ja bis 
über 20 Bestattungen! — die zugehörige Siedelung gewesen 
sein? Trotz eifrigen Suchens fand ich nichts und nahm des- 
halb an, dass das heutige Dorf Ihringen vielleicht unmittelbar 
auf der Stelle aller seiner Vorgänger liegt bis in die Hallstatt- 
zeit zurück. Für diese ^Kontinuität der Siedelung**, für die ja 
in letzter Zeit so viel eingetreten wird, habe ich folgende Be- 
stätigung. Beim Aufgraben einer Straße in Ihringen (zwecks 
Kabellegung) fanden Arbeiter eine Anzahl Scherben. Der Ihringer 
Taglöhner Jenne, der bisher bei meinen sämtlichen Grabungen 
als Vorarbeiter geholfen hatte, sammelte von jenen Scherben, be- 
nachrichtigte mich aber leider nicht. Er versichert nun, die 
Scherben seien absolut dieselben roten und schwarzen, wie er 
sie für mich zu Hunderten ausgegraben. Da ich so viele davon 



292 Fischer — Weitere Hallstattgrabhügel (Löh bücke) bei Ih ringen 

habe, seien sie weggeworfen worden. Ich bin von der Richtig- 
keit dieser Angaben überzeugt, der Mann kennt die Natur 
dieser Scherben genau. Ich glaube also wenigstens einen deut- 
lichen Hinweis für die Lage der betreffenden Hallstattsiedelung 
zu haben, auch wenn ich den einwandfreien Beweis — die 
Scherben — noch nicht besitze. Ist der Hinweis richtig, dann 
ginge aber die Kontinuität noch weiter rückwärts. Zeigen oben 
geschilderte Brandgräber in das Ende der Bronzezeit, so weist 
folgender Fund sogar ins Neolithikum zurück. Beim Tiefer- 
graben eines Kellers in Ihringen w^urde 3 m unter der Ober- 
fläche ein schön poliertes, durchbohrtes Steinbeil gefunden aus 
hellgrünem (Kaiserstühler) Amphibol(?)-gestein '\ Man darf also 
hier vielleicht an dauernde Siedelung denken von der jüngeren 
Steinzeit bis heute — musste doch die sonnige, windgeschützte 
Nische am Berg, in die von oben ein kleines bewässertes Täl- 
chen mündet, stets eine günstige Stätte abgeben — noch heute 
den andern Stellen überlegen: der Ihringer Edelwein hat einen 
guten Namen! 



^ Jetzt mit all den Ausgrabungsfunden in der städtischen Samnilung. 



Samuel Israels Glückwünschung zur 

Yermälilung Walter Rettichs von Dachstein, 

gewesenen Ratsherrn zu Freiburg i. B. 

und Kapuziners. 

Von L. Bastian. 

Das Jahrbuch für Geschichte, Sprache und Literatur Elsass- 
Lothringens enthält in seinem letzten Jahrgange (23, 1907, 
S. 34 — 105) einen Abdruck der „Susanna" des Samuel Israel. 
Dadurch ist ein elsässischer Schriftsteller wieder zu Ehren ge- 
kommen, welcher so ziemlich der Vergessenheit anheimgefallen 
war. Nur wer zufällig den zweiten Band von Goedekes Grund- 
riss durcharbeitete, oder in der Geschichte der alten Reichs- 
stadt Münster im S. Gregoriental bewandert war, konnte wissen, 
dass Samuel Israel, ein geborener Straßburger, um 1600 Pro- 
visor und Organist zu Lahr, später Diakonus und Pfarrer zu 
Münster i. E. gewesen und sich durch zwei Schauspiele, „Susanna" 
und „Pyraraus und Thisbe", einen Platz in der Literaturgeschichte 
erworben hatte. 

Schon ehe der genannte Abdruck erfolgt war, hatte ich 
mich einer Anregung meines verehrten Lehrers Professor Martin 
in Strasburg folgend längere Zeit mit Israel und dessen Dich- 
tungen beschäftigt. Im Fortgang dieser Arbeit habe ich Material 
zur genaueren Feststellung der Lebensgeschichte Israels zusammen- 
tragen dürfen. Vor allem habe ich auf der Straßburger Stadt- 
bibliothek ein kleines Gedicht von ihm gefunden, welches Goedeke 
entgangen ist, überhaupt wenig bekannt zu sein scheint. Als 
Gelegenheitsgedicht wird es weitere Kreise vielleicht nicht so 
sehr interessieren als die Dramen. Bei den Lesern dieser Zeit- 
schrift darf es wol auf größere Teilname rechnen, ist es doch 
verfasst zu Ehren eines Manns, der mehrere Jahre in Freiburg 
gelebt und einem Markgrafen von Baden seine Dienste gewidmet 
hat. Auch dem benachbarten elsässischen Oberlande gehört er 
an, Kolraar und Münster sind für seinen Lebensgang wichtig 
geworden. 



294 






Ehe wir den Abdruck des Gedichts geben, werden einige 
Worte über den Helden und den Verfasser willkommen sein. 

Goedeke' gibt über Israel folgende Notizen: Samuel Israel, 
geboren zu StralJburg, war Organist und Provisor zu Lahr, 
15y9 Helfer des Pfarrers David Funccius zu Mlinster im Gre- 
goriental und nach dessen Tod, IGIO, Pfarrer; er starb 1633; 
sein Nachfolger war seit 31. Juli 1633 Wilhelm Weber. — Seine 
Quellen sind Israels eigene Angaben in den gedruckten Dramen 
und Rathgeber, Münster im Gregoriental 1874, S. 171 ff. 

R&tfageber hätte aus den in Münster vorhandenen Kirchen- 
büchern noch mehr gewinnen können. Es heiUt daselbst'; 

,Anno 1610, den 15 Septembris, hin ich Samuel Israel von 
Straßburg, der auff die 8 Jahr Diaconus und Schulmeister auch 
Organist allhir zu Münster gewesen, für einen evangelischen 
Pfarherrn, post obitum Dom. M. David Funck, von einem ersamen 
Raht auff und angenommen worden, der Allmächtig Gott wolle 
mir seinem unwürdigen Knecht und Diener die gnad seines 
heiligen geistes verleihen, Amen. Anno aetatis meae 33. ** 

Aus diesem Selbstzeugnis Israels können wir zunächst fest- 
stellen, dass er nicht 1599, sondern 1602, vielleicht aucli erst 
1603 nach Münster gekommen ist*. Ferner, wenn Israel 1610 
33 Jahre alt ist, so ist er 1577 geboren. In der Tat findet 
sich im Kirchenbuch von Alt-Sankt Peter zu Stvallbuvg folgender 
Taufakt aus dem Februar 1577; 

H, Heinrich Israel, Zeugmeister' 

Dorothea StöfHerin 

Samuel 

Balthasar von Bruchhausen, Rittmeister. 

Aristnrchua Mornweg, schafner uf vnser frawen haufl. 

J. Esther Bemharta Schmidts Organisten tochter. 



■ Gniodriss IT 2, S. 39]. 

* Icli verdanke diesen Auaziig di'v Krtundlichkuit ileä Konsiatorial- 
prSaidenten G. lUuller in Münster. 

' Guedekes JahreBzahJ 1.^99 geht wol zurtlck aaf die etwas xer- 
ue Auadmckswpiae des Vcrseiuhnissea der Pfarrer, Helfer und Scliiil- 

■ in Münster bei Rathgeber a. a O. 8. 169—178. 
' Über die ätetluni; eines Zeugmeistera imterrichtet uns das Rats- 

.1 der XXI. 1.^5^ fol. TO: .die Neuordnung der beiden Zeugnieister 
r schützen ni eiste r so vb<?r den buchsenbolF, yeschutz. puiuer, plei etc. 
rdpet aind* . . . (StraÜburger Stadtarchiv). 



Samuel Isrnels lilückwilnsclmug mir Vormflhliing Wuller Rettichs 

Es dürfte wol keinem Zweifel unterliegen, dass wir hier 
den Taufakt unseres Israel vor uns haben. Ein genaues Ge- 
burtsdatum ergibt sich allerdings nicht, da der Eintrag nur den 
Monat, nicht den Tag nennt. 

Über Israels Familienverhältnisse erfahren wir ebenfalls 
Näheres aus dem Mlinsterer Kirchenbuch. Dasselbe berichtet 
Über die Taufe von vier Kindern in den Jahren 1603, 1611, 
1614, 1616. Israels Frau wird 16Ü3 als Ursula Tliomännin 
erwähnt. Angaben über ihr Ende fehlen. Auch Israels Tod 
im Jahre 1633 ist für uns jetzt nur aus dem Pfarrerverzeichnis 
festzustellen, da die Sterbe register von Münster für die Jahre 
1621—1638 fehlen. 

Von seinen Dramen stammt „Pyramus und Thisbe" noch 
aus der Lahrer Zeit", ebenso der erste Druck dieses Stücks 
von 1601. Auch die „Susanna" dürfte Israel nach Münster 
mitgeliraeht, höchstens dort vollendet haben, da sie, wie auf 
dem Titel des Drucks bemerkt ist, am 7. August 1603 dort- 
selbst aufgeführt wurde". Im folgenden Jahre, am 19. August 
1604, wurde auch „Pdyranius und Thiabe" aufgeführt. Obwo! 
die Aufführung durch die „ersame Burgerschafft mit fr^ilichem 
zuschawen vnnd bescheidenfaeit Abgängen", fehlte es nicht an 
übelwollender Kritik. In der Vorrede zur 2. Auflage 1609 
glaubte deshalb Israel die Erklärung schuldig zu sein: „Jedoch 
mit disem beding / das ich / weil sie etwas Weltlich (vnd es 
jetztmalen meines beruffs nit mehr ist / mit solchen exercitijs 
vmbzugehn) Niemand er sey Jung oder Alt / hierdurch will ge- 
ärgert haben," Zwei Freunde, deren einer, Johannes Ochs von 
Kalmar, selbst in der Susanna als Prologus mitgespielt hatte, 
Spendeten für denselben Dnick zwei Gedichte „ad Authorem", 
worin sie diesen über die erlittenen Angriffe trösten. 



liBgBW / 

. Ovidij 



/die: 









* Dicweil ich dann zu der zeit / als ich noch su Lohr ii 
im Organisten vnd Provisoratdienst genesen / recreationis c. 
Hetamorphosin für mich genommen vnd durchlesen / hat mich v< 
diese materi ... bewegt / dsa fcU mir als bald ffirgeuommp 
in ein 'l'ragoediam lu zwingen / . . . üoangesehen aber ich e 
1601 aniflegon vnnd tnicken lasaeD. (Dedicatio zu Pyr.) 

• Siehe den Abdruck a. a, 0. S. 34, Hierbei will ich bemerken 
der Titclliolzachnitt S. 3f> nicht richtig erklärt wird. Er stellt keine 
Susanna dar, sondern Batfaaeba im Bade, Dae Bild wird in damaligen 
EatechismuBdrackeu regelmäßig zum 6, Gebot gegeben. Eine Suanunn 

^^^darateUung war dem Drucker wol nicht zur Hand. 




•isa 



Bastian 



Beziehungen zu Eolinnr jm Verein mit einem Erfolge auf 
kirchlich ein Gebiete druckten Israel 1609 noch einmal die Feder 
in die Hand zu einem Glückwunsch anlösslich der Hochzeit 
Herrn Walter Rettichs. 

Seinem Inhalte nach besteht das Gedicht größtenteils aus 
einei- Lebensbeschreibung des Bräutigams. Was uns Israel hier 
unter Beifügung von Jalireszahl und Datum von ihm erzählt, 
ist abenteuerlich genug: 1583 Soldat unter Alexander Famese, 
1589 Student, 1592 Ratsherr zu Freibui-g i. B-, 1596 verwitwet 
und Kapuziner, 1602 nach Münster im EJsass, 1609 in Kolmar 
zum Luthertum übergetreten und wiederum verheiratet — welcher 
Roman lielie sich aus diesen Angaben aufbauen! 

An einigen Stellen können wir sie nachprüfen. Der Frei- 
burger Slatrikei zufolge' ist Gualtherus Reitig ex Dacfastain 
dioec. Argent. am 28. Februar 1589 immatrikuliert worden. 
Nach dem Freiburger Ratsbesetzungsbuch" ist Walter Retich 
am 27. Juni 1594 unter die zwölf „besteudigen Riith" von der 
Bürgerschaft gewühlt worden, nachdem er bereits ein Jahr früher 
am 14, Juni 1593 als Ratsherr vorgeschlagen worden war. — 
Irrt sich hier Israel in der Jahreszahl, so stimmt seine Angabe 
über den Eintritt in den Orden — 27. November lö9ß — wieder 
gut mit dem Ratsbesetzungsbuch: am IS, November 1596 wird 
hier der Abwicklung seiner letzten weltlichen Verpflichtungen 
Erwähnung getan. Wir können also Israels Daten im all- 
gemeinen Vertrauen entgegenbringen. 

Sein Held gewinnt aber noch an Interesse, wenn wir ihm 
weiter nachforsclien. Zwar über seine Geburt und Jugendzeit 
hat sich bis jetzt nichts finden lassen. Die Dachsteiner Kirchen- 
bücher beginnen erst 1618°. So wird seine Gestalt ftir uns 
erst in der Freiburger Zeit greifbar. Durch seine Ehe mit 
Cleophea Färlerin, der Tochter eines Oberstenmeisters '", scheint 
er auch äußerlich in recht gute Verhältnisse gekommen zu sein. 
Als Ratsherr wird er 1595 Predigerpfleger, Pfleger zu St, Clara 
und Schulherr. Als er am 13. November 1596 dem Rate an- 
zeigt, „daß er sich zu Capizinerorden begeben wolle, . . . bat 



1, Nr. 34. 

Stadtarchiv. 
Mitteilung v 
Zunftmeistei 




Mutrikel der UniversitHt Freiburg i. B. I 



Herrn Pfarrer Netli 



Samuel Israels Glückwünschuug zur Vermählung Walter Rettichs 297 

man Ine wieder hineingenommen und durch den Stadtschreiber 
furhalten lassen, daß sein . . . Abbitten und vorhaben einem 
ers. Rath ganz frömbdt fürkomme, bath man ihn, wenn es sein 
köndte, so er dem ers. Rath biöher ganz wohlgefellig gedient, 
wollte er noch lenger bei ihnen verharren wollten sie Innen 
nit weniger den bißanher zu allen Ehren befördern". Er hatte 
sich also als brauchbarer Mann, als tüchtiger Ratsherr bewährt, 
dem noch weitere Ehren im städtischen Dienste winkten, dessen 
Weggang man bedauerte. 

Freiburg bekam erst 1599 — 1601 ein Kapuzinerkloster, das 
erste im badischen Oberlande *^ Seinen Vorsatz auszuführen 
musste sich Rettich in die Schweiz begeben, wo der Orden 
1581 Fuß gefasst hatte ^-, wol nach Luzern, wo 1583 das erste 
und bis 1607 einzige Kapuzinerkloster der deutschen Schweiz 
gegründet worden war'^. Von hier aus nahmen die Kapuziner 
bald den Oberrhein in Angriff. 1601 erfolgte, wie schon ge- 
sagt, ihre Niederlassung in Freiburg, 1603 in Ensisheim im 
Oberelsass '^. Rettichs Erscheinen zu Münster schon ein Jahr 
vorher erklärt sich aus der damaligen Übeln Lage der Abtei 
und damit des Katholizismus im GregorientaP^ Der frühere 
Ratsherr und studierte Mann schien wie kein anderer im 
Stande, in der kleinen elsässischen Reichsstadt zu retten, was 
zu retten war, wenn nicht für die Benediktiner, so vielleicht 
für den eigenen Orden. — Es war nicht seine Schuld, dass 
er in seiner exponierten Stellung von der Häresie, welche er 
bekämpfen sollte, selbst ergriffen und schließlich überwältigt 
wurde. 

Wann Israel, welcher in demselben Jahre 1602 als Schul- 
meister nach Münster gekommen war, Rettich kennen lernte, 
können wir nicht sa^en. Immerhin scheint er über dessen 
Verhalten genau unterrichtet und spricht mit Bestimmtheit 
davon, dass eben der Aufenthalt in Münster den Anstoß zu 
späterem Übertritt gegeben habe. Dieser fällt mit dem Rettichs 



'' Vierordt. (ieschichte der ev. Kirche im (Iroßh. Baden II 145. 
'-' Caatian von Linden, Die Kapuziner im Elsass einst und jetzt 

i^Uii, 8. :>i ff. 

!■! [»fyffer, (ieschichte der Stadt und des Kantons Luzern 1 2>i). 
** (iratian von Linden 8.56. 

'' Vgl. 0hl, (ieschichte der Stadt Münster und ihrer Abtei im 
lire;:orieutal S. 2^2 f. 

Aleiiinunia N. F. 9, 4, 20 



398 



TinftiHii 



Austritt aus dem Orden zusammen und wurde am 6. Mai 1609 
vollzogen. 

Der Umstand, dass Rettidi noch im selben Jahre eine zweite 
Ehe einging, könnte den Verdacht erwecken, dass äußerliche 
Interessen ihn zu seinem Schritt verleitet haben. Es ist nicht 
»ehr wahrscheinlich, dass Rettich sich schon vorher mit Heirats- 
plänen trug, sonst hätte er wol nicht sieben Monate gewartet, 
um sie auszuführen. Dazu kommt noch, dass die Braut ein 
Kolraarer Bürgerkind war und dass sich der frühere Kapuziner 
im Spätjahr 1609 nach dieser Stadt wendet, wo er den Rat 
bittet, ihn ,in ecimtz vnd schirm vff vnd anzunehmen" '", Hier 
habet! sich wol bald gute Freunde seiner angenommen, ihm 
vielleicht sogar in den Ehestand verholfen. Den 8. November 
1609 als Hochzeitstag nach Israels „Glück wünschung" finden 
wir durch die Heiratsurkunde besiStigt''. Damit ist auch Israels 
Bericht zu Ende. 

Seine weitere Versorgung fand Rettich bei Markgraf Georg 
Friedrich von Baden. Unterm 20. Dezember 1609'* empfiehlt 
der Kolmarer Magistrat dem bekannten Vorkämpfer der luthe- 
rischen Sache den „ehemalen berühmt gewesten Capuziner". 
Ein Äktenband des Groli herzoglichen Haus- und Staatsarchivs 
zu Karlsruhe'" enthiilt Berichte Rettichs an Georg Friedrich 
nebst den darauf ergangenen Antworten und Verfügungen, 
Rettich ist Amtsverweser zu Mühlberg und als Unterhändler 
beim Abschluss des Bündnisses mit den reformierten Schweizer- 
kantonen ttitig, auf welches sein Landesherr, als der lange 
vorausgesehene Religionskrieg ausbrach, so vergebliche Hoff- 
nungen setzte. Er erwShnt am 12. Februar 1012 seinen früheren 
mehrjährigen Aufenthalt in der Schweiz'", am 19. MSrz Nach- 



'" Stadtarchiv Kolraar. Rnlsprutokülle von 1604— 16H fol. 452 
(leüH Snmbstugs den 2. Septembris): „Wi.lter Hettifh in Hchurm »uff- 
genohineii." 

" Stadtardiiv Kolniar. Heiratsurbmiden lÜIW Nr. 27. f. Nov. 
H. Owalther Rfltich. H. Dwalther Riitichüi, Aiiipiuaiiw za Dni'Jislein s. 8on 
lind Marin. 3prnhnrt !Schnellens a. dochter. 
" Stiidtarchiv Kolniar. Miasivenbuch. 

'* QrnBli. flauB- und Stnataarchiv I. Personalien in Baden-Diiilafli. 
:. i. Ausland tSi-liwei«). 

-'•^r hfj solchen Rcginienteru vnd in der Eydgenoä- 
-^a vnd dei'aelbigen Gelegenheit vnd prui-edi^ren 



Samuel Israels GlfickwüiischuDg zur Vermählong Walter Rettichs 299 

Stellungen seitens der Katholiken**, am 3. April seiner „ver- 
lassenen haushaltung, amptsgeschefft und grossen auffsatz*". Ein- 
gehende Nachsuchungen in Basel, Bern, Luzem, Solothum, 
Zürich, vielleicht auch Innsbruck, würden das Bild Rettichs wol 
vervollständigen. Da er mit der Negoziierung des genannten 
Bündnisses in die große Politik eingegrififep hat, würden sich 
solche Nachsuchungen schon lohnen, auch abgesehen von dem 
Interesse, welches Rettichs Erlebnisse psychologisch darbieten. 
Das Merkwürdigste ist wol, dass er 1620 den Weg in 
seine alte Kirche zurückfand, noch dazu unter Anleitung eines 
den Kapuzinern nicht gerade befreundeten Ordens**. Die Jahr- 
bücher der Schlettstadter Jesuiten atmen, wo sie von der ge- 
lungenen Bekehrung Rettichs sprechen, stolze Befriedigung: 
War doch ein geschickter Agent der protestantischen Partei, 
welchen sein früherer Orden bei der guten Sache nicht hatte 
festhalten können, durch sie vom Irrtum seines Wegs zurück- 
geführt worden! Ob ganz freiwillig? Nach was für Erleb- 
nissen? Ob diesmal für die Dauer — denn über sein Ende 
haben wir noch nichts gefunden — ? Mit solchen Fragen 
nehmen wir vorläufig von Rettich Abschied. 

'* «Hab auch veraers verstanden das von Solothum auß meiner 
persohn sehr nachgestolt würdt.* 

" G6ny, Jahrbücher der Jesuiten zu Schlettstadt und Rufach 
1615 — 1765, I 25. «Duodecim fuerunt, qui abiurata haeresi cum Ecclesia 
in gratiam redierunt. Inter illos notissimus per Alsatiam, Austriam, 
superioremque fere totam Germaniam apostata (Gualterus Rettich), qui 
cum quatuordecim annis in Capuccinorum ordine egisset, magni scandali 
transfuga, inde ad acatholicos Basileenses et Helvetios migravit, totidemqoe 
annos in stipendiis plurium baereticorum principum, liberarumque civi- 
tatum transegit.* — , Iuris peritia, perfidia linguarura, pluriumque gentium 
ac morum cognitio, commoda acceptaque eins ministeria reddiderunt. Ubi 
vero extremis Ecciesiae temporibus ruinam et periculum labefactae Ecclesiae 
vidit, Deo conscientiam permovente indoluit, se militem eversionibus, so 
socium hostilibus factionibus concitandis exitialem operam praedictis 
locasse, postulatis vero apud suam Sanctitatem magnis patronis nobis pro 
exomologesi et contritione primae scptimanae exercitiis excitanda commen- 
datus est/ 



20' 



300 Bastian 



Glückwünschung 

Zu den Hochzytlichen 

Ehren / deß Ehrenvesten vnd wolge- 

lehrten Herren Walther Rettichs von Dach- 
stein bürtig / jetzund zu Colmar wonhaift als Hochzeit- 
ters: Mit der Ehren: vnd Tugend treichen Jungfrau- 
wen Maria / Weyland Herren Bernhardt SchneHeu 
seliger hinderlassenen Tochter von Colmar / ge- 
halten daselbst den 27. Noverabris 

Anno 

letzt Ist Rettichs VnnD Marlae 

Ehrentag. 

Gestellt durch 

Samuel Israel von Straßburg / jetziger 

zeit Schul: vnnd Kirchendiener zu 

Munster / in S. Gregorij 

Thal. 

Getruckt im Jahr Christi / 1610 

Christo Duce & Auspice. 

FRied / Frewd / längs Leben / Heyl vnd Glück / 

Euch Gott zu ewerm Heyraht schick. 
Ehrenvester Herr / vnd Wolgelehrt / 

Sehr guter Freund von Gott Inir b'schert. 
Es spricht Hanna die fromm Matron / 
1. Sam. 25. Elkanae Weib im Danklied schon: 

Der Herr schlegt todt / vnd wirfft darnider / 

Macht aber alsbald lebend wider. 
Mit welchen werten sie mit fleiß / 

Sicht auflf deß lieben Gottes weyß / 
Die er gegen, den seinen übt / 

Mit angst vnd noht sie viel betrübt: 
Aber nach außgestandenem leyd / 
Werden sie wider sehr erfrewt. 
Wie von Jacob geschrieben steht 
Das jhn Gott Geistlich hab getodt: 
Oenes. 87. Indem er etlich zwentzig Jahr / 

Seins Sohns Josephs beraubet war: 
Hat auch kein ander rechnung gemacht 

Dann er sey worden vmbgebracht. 
Endtlich aber als Bottschaift kam / 
Vnd er seins Sohns wolfahrt vernam / 
Qfiiw.46. Da sagt der Text das Jacob frey / 

^•am wider lebend worden sey. 
"v«xel wunderlich / 

oder Gottes richten sich: 



Samuel Israels Glück wünschung zur Vermählung Walter Rettichs 301 



Sagen mit Asaph gantz getrost / 
Psalm 73. Ob mich der Herr schon von sich stoßt / 
Dennoch will ich nicht von ihm kehren / 

Nimpt mich hemacher an mit ehren. 
Wann ich nur Herr dich haben mag / 

Nach Himmel vnd Erden ich nichts frag: 
Wann ich gleichsam yerschmacht vor schmertzen / 

So gibstu doch trost meinem Hertzen. 
Psalm iiH. Der Herr mich zwar gar ernstlich rieht / 

Aber dem Todt gibt er mich nicht. 
Sagt mein Herr Walther / b*kennots frey / 

Ob euchs nicht so ergangen seyV 
Ob jhr nicht auch bißher empfunden / 

Ein lange zeit deß Herren Wunden? 
Die er zu ewerer Glaubens prob / 

Euch zugeschickt vnd seinem Lob. 
Ja Gott hat sich gleichsam versteckt / 

Sein Angsicht vor euch zugedeckt: 
Euch lassen gehn ohn Glauben bloß / 

In jrrthumb vnd verstockung groß. 
Also daß das gantz Hinmilisch Heer 

Hat vber euch getrawret sehr. 
Zu g*schwcigen ander Creutz vnd Plag / 

Deß jhr genug g'habt alle Tag. 
Sagt doch ob jhrs erkennet nun 

Was es sey für ein klüglich thun? 
Von Jugeudt auif erkennen nicht 

Deß heiigen Euangelij Liecht? 
Welchs (Gott sey lob) ist offenbar 

In Gottes wort gantz hell vnd klar: 
Vnd vnsers Glaubens ohne list 

Einig Regel vnd Richtschnur ist. 
Es leydct nicht der Menscheng'satz 

Vnd gibt auch weder statt noch platz / 
Der selbs erwohlten Geistligkeit / 

Ist als vmbsonst / vnd muß beyscit. 
Ja die gantz heilig Göttlich schrifft 

Welch alle Gsatz weit vbertrifft / 
Zeigt vns den Herren Jesum Christ / 

Der vnser heyl vnd zweck ja ist / 
Dem müss(»n wir leben vnd sterben 

Wolln wir änderst den Himmel erben: 
Vnd wer hierinn nit recht wird g' lehrt / 

Deß Leib vnd Seel wird gwiß zerstört / 
Vnd dieses ist ein geistlich Creutz 

Erweckt noch heut zu tag viel Streits. 
Nachmalen als jhr b*kommen habt 

Sterck / vnnd euch Gott mit Mannheit b*gabt / 
Habt jhr euch aller bester massen 



302 Bastian 

Für ein Soldaten brauchen lassen / 

1588. Mit streit / kampff vnd Kriegßsachen ja / 

Vnder Aiexandro de Parma. 
Nach dem jhr lang bey ihm verharrt / 

1589. Ein Candidatus Iuris ward: 

Biß das man euch vorgezogen hat / 

Zu Freyburg in der wärthen Statt 
[A iij] Vnd euch vertrawter weiß bedacht / 
1502. Zu einem Rahtsherrcn gemacht / 

Welchs Ampt jhr zubracht in der Ehe 

Mit ewr Haußfraw Cleophe / 
Die jhrs Gschlechts war ein Färlerin 
1596. Ist Tods verfahren vnd nun hin. 
Ihr Vatter war her für gezelt 

Zum Oberstnmeister Ampt erwohlt. 
Vnd hat euch zwar viel lust vnd frewd 

Gott haben lassen in der zeit. 
Endtlichen auch gegriffen an / 

Zu einem Witwer werden lan / 
Da das Leibliche Creutz ein stück 

Ließ sehen von seim gwalt vnd tück 
Darauff jr bald in denen dingen 

Dachten ewer Leben zuzubringen / 
In einsamkeit auff dieser Welt 

In einem stand der Gott mißfellt 
Dämon dißmal zu erzelen was / 

Halt ich jetzt gantz vnnötig daß : 
Wills in seim wärth verbleiben lassen / 

Evch ists bewust in besten masscn. 
Allein als jhr ein lange zeit / 

Zubracht in solcher Einsamkeit / 
Hat euch endtlich der liebe Gott / 

Der nicht begert des Sünders Todt / 
In gnaden wider gesehen an / 
2. Regam 5. Wie Naaman den Feldthauptman / 

Derselb war mit dem Außsatz heßlich / 

Verstellet an seim Leib gantz großlich. 
Ihr aber ward nicht ohne schaden / 

Mit dem geistlichen Außsatz beladen: 
Mit falschem wohn vnd jrrthumb schwer 

Der Marck vnd Bein durchtringet sehr. 
Naaman war durch anstiiftung 

Einer Gottseligen Tochter jung / 
Zu reysen auß gleichsam befohlen / 

Sein g'sundtheit widerumb zu holen: 
Also hat auch iiie vrsach geben 

Ewer eygen Gwisscn vnd Hertz darneben / 
Von solcliem jrrthumb abzulohn 

Darmit man nicht kan gerecht bestohn: 



Samuel Israels Glückwünschung zur Vermählung Walter Rettichs 303 



1602. 



Ynd alshald lieblich widerumb 

Der Seelen g'sundheit zu euch kumb. 
Naaman darmit er ward gesund / 

Macht er sich auff geschwind zur stund / 
Vnd reyset mit bedachten Sinn / 

Zum Propheten Elisa hin: 
Ihr aber / damit ewer Seel / 

Gereinigt dem Gott Israel / 
Hat er euch g'holffen in dem fahl / 

Hieher in dieses Munsterthal / 
Auff das zum theil zu hilff euch kumm / 

Daselbst das Euangelium. 
Naaman anfengklich trotzig war 

Deß Jordans fluß verachtet gar / 
Im gegentheil erhebet Er 

Die Wasser zu Damasco sehr: 
Also jhr auch anfengklich ward 

[A iiij] Mit falschem wohn eingnommen hart: 
Das jhr stats drob gestritten vest 

Ewr meyuung sey die allerbest: 
Drumb das der Anhang g' waltig ist / 

Mit Potentaten außgerüst / 
Vnd thut man heut noch viel so spüm / 

Die die Hegna mundi verfUrn: 
Biß euch Gott auß Genaden schon / 

Deß Hertzens Augen auffgethon / 
Vnd jhr nun mehr erlehrnet gleich / 

Was sey deß Antichristisch Reich / 
Wie man mit Menschen gsatz vnd schwencken / 

Die armen gVissen da thut krencken. 
Darauß so seit nun erlößt / 

Mit Dauid künnet jhr getrost 
Von Hertzen grund jetzt jubilieren 

Vnd auß dem Psalmen triumphieren 
Psalm 118. Diß ist der Tag des Herren heut 

Den er gemacht vnd zuboreit / 
Last uns frewen vnd frolich singen 

Herr hilff vnd laß wol gelingen / 
Heut Gott der Herr euch gnade gibt / 

Das jhr wider brecht ewer glübdt / 
WeU'hs jhr nit rechtmassig gethan / 

Drumb hatte Gott kein g fallen dran / 
Heut diesen Tag ists dreyzehn Jahr / 

Das jhr euch habt verkleidet gar / 
Vnd das end nicht gar wol erwogen / 

Ein Münchskutt vnd Kapp angezogen: 
Aber nun mehr dasselbig Kleid / 

Geworflfen weg vnd g'than beyseit. 
Weil jhr gespürt vnd innen worden 



2. Thessal. 2. 
1. Timoth. 4. 



159Ü. 



1«309 6. HaiJ. 



304 Bastian 

Das nicbt für euch derselbig Orden 
Das solch Kleyd keinen selig mach 

Es gehört darzu ein ander sach 
Heut thut jhr Gott dem Herren die Ehr 

Das jhr folget S. Pauli Lehr: 
Der sagt in seinen Schriiftcn suust 
1. Cor. 7. Das freyen besser dann leiden brunst. 

Ob jhr schon hierdurch macht viel Feind / 

Die euch hefftig zuwider seind: 
Vnd sagen / das da sey Meineydig / 
Ein Mensch der Gott also heleydig. 
Isidoras. Wolan / laßt bellen jmmer fort / 

In malis pro- ^j^ werdens nicht mit einem wort 
iniQis rescinde „ . , , , ^ , xi. / 

lidem: in turpi Erweisen / das man recht dran thu / 

Voto muta decre- Etwas wider Gott sagen zu / 
tumiquodincaute j^ (1,.^^ begieng man doppel sünd / 

Impia enim est Wann maus zu halten sich vnderstund 
promiOio, quae Laßt zürnen das gantz Hellisch g'schwürm / 
adimpletur sce- Gott wird euch geben schütz vnd schirm / 
®' Laßt euch nur jmmer hin verketzern / 

PJs geschieht doch nur von losen schwatzern. 
Müst jhr schon boren hinderwertz 

Vil Schmach, nachreden, schimpff vnd schertz 
So seit nur vnerschrocknes muhts 

Auß Feindes Mund geht nie nichts guts. 
1. Sani. 27, 7. Achib hat euch sicher zu leben 

Zu Ziklag gute wohnung geben / 
Nemlich Colmar die b'rhürabte Statt 

In schütz euch auffgenommen hat / 
Deren Gott jhr barmhertzigkeit 

Belohnen woU zu seiner zeit. 
Thut jhr was eim Christen gebürt / 

Ewr Gewissen habt ihr wol saluiert. 
Auß eins grimmigen Wolflfes Orden / 

Seit jhr ein dultigs Schäfflein worden: 
Auß einem Saulo frech vnd wild / 

Seit jhr worden ein Paulus mild: 
Auß einem Zacheo vngetrew / 

Seit jhr worden ein Tobias frey / 
Auß eim Verfolger Christi Herd / 

Seit jhr worden sein Diener warth. 
Derselbig ewer Meister gut / 

Nemb euch hinfort in seine hut: 
Der wöll euch stercken / festen / gründen / 

Ewer Hertz mit seim Geist entzünden / 
Darmit jhr bleibt zu Christo g*wendt / 

Standhafftig biß in ewer end / Amen. 



s 



Samael Israels GlückwüDschung zur Vermdhloiig Walter Kettichs 305 

Dieweil jhr dann gleichfals gesinnt danieben 

Euch in den heiigen Ehestand zu hegeben 

So wünsch ich euch zuforderst he vi vnd glücke . 

Das Gott her schicke. 
Wie habt jhr doch so grosses gluck fün^-are 
Das jhr ein Blunilin find so spat im Jahre / 
Da doch mancher im Früling keins kau haben - 

Sich mit zu laben. 
Diß Blfimlin hat euch Gott der Herr erhalten / 
Vnd doch nit also gar lassen veralten / 
Vor Reiff vnd schnee / auch räuchern wind gesch Atzet / 

Das es erhitzet. 
In rechter Lieb vnd gutem gruch dameben / 
So es euch kfinflftig gantz krafflig wird geben / 
Biß die Mariae Roßlin mehr verrichte / 

Vnd trag fein Früchte. 
Ach halts in ehren / ob jhrs schon spat fundeu / 
Vnd es gemangelt manches jähr / tag / stunden 
Es wird sich desto lieblicher erzeigen / 

Vnd euch erfrewen. 
Wolan / Gott lob / das Roßlein ist gebrochen / 
Ob schon die Dorner hefftig han gestochen / 
So wird die Lieb doch solches vberwinden / 

Wider verbinden. 
Darmit jhr auch dermal eins mocht schawen , 
Die schonen Oelzweiglin mit ewern Augen / 
Sitzen vrab ewern Tisch fein ordinieret / 

Vnd schon gezieret. 
Das wünsch ich euch beyden von grund meins hertzen 
Vnd das euch Gott vor aller angst vnd schmertzen / 
Vor ungliick / kranckheit / vnd gar groß gefahre / 

Alizeit bewahre. 



Dem Zoilo wünsch ich gedult / 
Hab ich verlohren schon sein huld / 

So acht ichs doch im geringsten nicht / 
Wann er vor boßheit schon zerbricht. 

Darbey kau man sehen ohne list / 
Wer narrisch oder witzig ist. 

ENDE. 



Eine schwäbische Bauemrede aus dem 

Jahre 1737. 

Mitgeteilt von Albert Mannheimer. 

Auf dem von Karl Alexander, Herzog zu Württemberg 
(1733 — 1737) im Jahre 1737 veranstalteten Karneval erschien 
am 5. März eine Bauernhochzeit, wie uns Arnoldus Liberius in 
einem Büchlein berichtet, das den Titel trögt „Vollkommene 
Historie und Lebensbeschreibung des fameusen und berüchtigten 
Würtembergischen Avanturiers Jud Joseph Süß Oppenheimer. 
Franckfurt und Leipzig 1738**. 

Das junge Paar wurde vom Hofpoeten getraut, der eine 
Rede hielt, von der uns Liberius folgenden „Extract" gibt: 

I. 

Hat uins as ander gearn, wollt Ihr in Liab und Loyd 

An anauder nit verlaun, so küsset ich ellboyd. 

Hauzeiter sa raer au, wo host Dei Inventare 

Wen kuins nex bringt in d'Ayh, so ist as Larefare 
5 Wia mier der Schul thes sait, so bstoht Dei Sach in dem 

An alta Lumpa Truch, a Stück vom Ofa Grem 

A nuier Fuier Zuig, a Nagel-nuis paar Hosa 

A Mörschel von Metall, nex aber drinn zum stosa 

An Ober-Seaga Buech, des aber nimme gantz 
10 A Kreutzer Spiagele an alter Farra-Schwantz 

A Löffel und a Bsteck, do fehlt davon ah Gabel 

A halb-verrißner Holg, do druff der Thurn von Babel 

A Butt, a BeasastihI, a halbe Büschel Strau 

A Simmre Bira-Schnitz, a Mützle vor a Frau; 
15 Fainf Groscha ah baar Geld, a Karr, an Ochsa Joch, 

An Erda Grechtsame ins Pflaute Basches Loch. 

11. 

At Braut hergega bot zwoy Petermändla * Geld 
An oerdlichs Riaba-Land glei duss am Acker Feld 



Druck hat „Peterämndla". Ich fasse dies „ Petermändla ** als 
»Peterle** = eine kleine Münze. 



ManuUeimer — Eine schwäbische Bauernrede aus dem Jahre 1737 307 

Zwo- Henimater mit Knöpflf, drui Deller und a Pfanna 
20 A Zoyne dia no guet, und au a gflickta Wanna 
A saubers Pfündlc Flahs, a Kunckla ohna Füeß, 
An Vierling Haber-Meal, und Schmaltz no zum a Gmüeß 
Nu will er ebbas au Ihr Basa no vermacha, 
Wenns des ist wia i sieh, so hent ar schöna Sacha. 

Der Dichter dieser Bauernrede ist vielleicht der nämliche 
wie der Verfasser der zwei Bauerngespräche: 

1. „Das lamentierende Jud-Süßische Frauenzimmer" (s. o. 
(S. 238). 

2. „Lustiger Galgen gang «ach Süßenhang" (vgl. Geschichtl. 
Lieder und Sprüche Württembergs S. 664 flf., hrsg. von 
Steiif & Mehring). 

Die Ähnlichkeit der Schreibung in diesen drei Dichtungen 
und die Reimgewandtheit und humorvolle Derbheit, die ihnen 
allen gemeinsam ist, legen diese Annahme nahe. 

Liberius nennt den Hofpoeten, den Dichter unserer Bauem- 
rede, auf S. 128 seiner „Historie" auch als Verfasser der „Per- 
sonalien" (Steiff & Mehring S. 658, Nr. 153). Die Vermutung 
Mehrings, dass der Verfasser der Personalien und der Bauem- 
gespräche identisch sei, erfährt dadurch eine Bestätigung. Der 
Name des Dichters war nicht nachzuweisen. 

- Hier liegt eine leicht erklärbare Verwechslung des Genus vor. 
Zu erwarten wäre „zwoy''. 



Kalenderregeln. 

Von Panl Beck. 

Der durch Joh. Gg. Kern, der hohen Schul zu üillingen 
F. cardinaelischen Doktor Medicus, verfasste, ebenda bei Se- 
bald Mayer 1573 gedruckte, dem Abte Nicodemus des Klosters 
St. Georgen im Schwarz wald gewidmete Schreibkalender, 
eine Inkunabel der jetzt so bedeutenden Kalenderliteratur, 
enthält u. a. allerlei hygienische Belehrungen, an welchem 
Monate Ader zu lassen, Schweilibäder zu nehmen, Speisen mit 
Spezereien zu genießen. Tränklein aus Benediktuskraut und 
Salbei zu genießen, Salat zu essen ist u. dgl., wie folgt: 

Jenner. 

Iß in dem Jenner alle Jar 
Warme Speiß, die sey rein und klar, 
Kein Bluet solt du auch von dir Ion, 
Es ist nit guet in diesem Mon. 

Hornung. 

Der Hornung gepuert krankheit bald, 
Vermeid meth, hier und was sey kalt, 
Auch fleuch die kelte, das ist gut, 
Auff dem Daumen magst laßen Blut. 

Hertz. 

Mertz bringt des Leibes Feuchtigkeit, 
Er gebirt schmertzen, wee und Layd, 
In diesem Monat laß kain bluet, 
Schwaißbaden aber ist dir guet. 

April. 
Der April bringt Glentz daher, 
Die Brd fhuet sich auff wunderber, 

^ Leyb und mehrts Bluet, 
b vast guet. 



Bei-k — Kalonderreirolii 3l*i^ 

May. 

Laßen im Maven ist nit schail. 
Purgir dich und suech Wasserbad, 
Iß Speiß beraj't mit specerey, 
Ab Benedikt trink und Salvev *. 

Brachmon. 

Vorm Meth im Brachmon hüte Dich, 
Und vor dem newen Bier rath ich, 
Mit öl vnnd eßich iß Salat-, 
Schlaff nit ziivil, das ist mein rath. 

Hewmon, 

Wer im Hewmon sich woll bewaren. 
Derselbe sol zuvil trinkens sparen 
Ihm auch kein Ader laßen schlahen 
Vnnd darzu kein Bad anfahen. 

Augstmon. 

Im Augstmon meßiglich dich zeuch, 
Schlaff wenig und Unkeuschheit fleuch, 
Nit lal), maß dich hitziger speiß, 
Bad und Arznei fleuch, bist du weiß. 

Herpstmon. 

Zeitig Frucht im Herpst seind guet, 
Seg, pflanz und laß das Bluet, 
üeißmilch, Käß und Pyren iß, 
Der frischen träublin nit vergiß. 

Weinmon. 

Weinmon gibt wein und wiltpret her, 
Gänse, Enten und Vögel mehr. 
Diese Ding alle sind gsund zwar, 
Doch überiße dich nit gar. 

^ »Salbei war nach der damaligen Medizin gut gegen Schwindel und 
wirkt erwärmend, stärkend, zerstört ))üsc Feuehtigkeit (FIuhh). Henedikten- 
kraut zerteilt die Feuchtigkeit und äuflert sich blutreinigend. 

- yalat soll beruhigend wirken von wegen des in ihm enthaltenen 
Alkaloides Lactuzin. 



310 Anzeigen und Nachrichten 

WintermoD. 

Meth trinken magst in disem Mon, 
Honig, Ingwer brauchen schon, 
Bad und Unkeuschheit meyd, 
Du wirst sonst lam vor der zeyt. 

Ghristmon. 

Christmon will warme speiß han. 
Zum haupt magst du dir wol lan, 
Vor kelt und frost dich wol bewar, 
Ab zimmt^ magst du trinken zwar. 



Anzeigen und Nachrichten. 

Lowacky Alfred, Die Mundarten im hochdeutschen Drama his 
gegen das Ende des 18. Jahrhunderts. [Breslauer Beiträge 
zur Literaturgeschichte, 7.] Leipzig 1905. VIII u. 171 S. S''. 4,50 M. 

Der Verfasser führt uns durch einen Zeitraum von über zwei Jahr- 
hunderten, von den Ausläufern der Reformationszeit bis in die Zeit des 
Sturms und Drangs. Seine gründliche Arbeit behandelt 114 Dramen, 
die mundartliche Bestandteile enthalten, zum großen Teil sehr entlegene, 
aber auch einige bekanntere Stücke, wie „Die geliebte Dornrose" von 
Andreas Gryphius oder „Die Kindermörderin ** von Heinrich Leopold 
Wagner. 

Da ich gerade eine Untersuchung über die Verwendung der Mund- 
art im englischen Renaissancedrama abgeschlossen habe, ist es mir eine 
verlockende Aufgabe, auf Grund des von Lowack dargebotenen reich- 
haltigen Materials das Verhältnis der deutschen und der englischen dra- 
matischen Literatur zur Mundart miteinander zu vergleichen. 

Zunächst fallen uns hierbei manche Ähnlichkeiten allgemeiner Art 
auf, die aber gewiss nicht auf Beeinflussung der einen Literatur durch die 
andere beruhen, sondern sich in beiden unabhängig voneinander, ganz von 
selbst, aus dem Zwang der Verhältnisse heraus ergeben haben: 

1. In beiden Literaturen erscheint die Mundart meist mehr oder 
weniger stark mit schriftsprachlichen Bestandteilen durchsetzt. Die Gründe 
hierfür sind gewiss auch in beiden Fällen dieselben: Rücksicht auf die 
Schauspieler, denen die echte Mundart allzu fremd sein mochte, auf die 
Znaehaner, denen das VerstHndnis einer fremdartigen Mundart erleichtert 



•^h Ingwer, Salbei usw. wurden damals im Weine 



Anzeigen und Nu eh richten 311 

wenlen sollte, niclit selten aber aurb mangelhnftd Kenntnis cler Mundart 
tieiin Dichter selbst. 

2. Zuweilen wird die Mundart in bestimmten Rollen nm- gleichsam, 
durcb ein paar Sticbproben tingedcutet, gar nicbt durchgefülu't; ihre Durcb- 
ftlhrang blieb der Improvisation des Schauspielers überlassen (Tgl. Lownck 
S. 35, 186). Dies Verfalireo erklärt sich aus dem Beqiicralichkeilabedarfnis 
des Dichters, dem. selbst wenn er mit der betreffenden Mundart vertraut 
war, die schriftliche Festsetssnng mundartlicher Formen mitunter erheb- 
liche ächwierigkeiten bereitet haben mag. 

'A. Das älteste englische StQck, worin die Mundart beträchtlich her- 
vortritt, ist die bald nach ITiöS geschriebene anonyme Momtitüt mit katho- 
lischer Tendenz ^Respublica* '. Das tLlt«ste erhaltene deutsche Drama, 
worin die Mundart begegnet, ist Fraux Oemefkes , Komödie' .Dämon 
und Pfthias' (1.571:4). deren Stoff uns durch Schillers Ballade ..Die Bllr]g- 
schuft' vertraut ist^. In beiden Literaturen taucht also die Mundart ini 
Drama seit der zweiten Hälfte des lö. Jahrhunderts auf. Eine Verwendung 
der Mundart innerhalb der ^cliriftaprache und im bewusaten üegensatz 
zu dieser bat das Vorhandenaeiu einer solchen Schriftsprache zur not- 
wendigen Vorausaetzung. Die ungefähre (ileichzeitigkeit des Auftretens 
der Mundart in beiden Literaturen erklärt aich sehr einfach daraus, daas 
Bowol die deutsche als auch die engliaelie Schriftsprache sich etwa gleich- 
zeitig, XU Beginn der Neuxeit. herausgebildet hatten. 

4. .\nch der Zweck der Mundart ist im Drama beider Literaturen 
der gleiche, Sie dient entweder zur fa.'arakteristik: ihre TrSger sollen als 
aus einer bestimmten Gegend stammend oder ala zu den unteren Volka- 
klnaaen gehörig gekennzeichnet werden. Oder sie dient einem koraisohen 
Zweck, indem sie bei den andern Personen des Stflcks MissverstBndniEse 
und Wortverdrehungen hervorruft. Ähnliche Zwecke dürfen wir über auch 
in jeder andern Literatur bei Dichtern vorauxsetzcn, die mundartliche 
Bede in die Schriftsprache ernflechten. 

Wichtiger als solche ftuflerliche, zum Teil selbstverBtändliolie Äha- 
lichkeiten sind die vorhandenen Unterschiede; denn diese beruhi'n auf der 
Wesens Verschiedenheit beider Völker; 

1. Im englischen Drama des Ifi. und 17. Jahrhunderts kommen über- 
haupt nur drei Mundarten vor: Eauptmundarl ist die südwestliche der 
lirafschafttu Devon. Somerset und Dorset, die in Londoner Schriftsteller- 
kreisen als Bauemdialekt schlechthin verwertet zu werden pflegte; auQer- 
dem findet sich noch die nordengliacbc und die mit ihr nah verwandt« 
schottische Mundart. Zwar bevorzugt auch das deutsche Drama eine be- 
stimmte Mundart vor allen andern, nBrnlicb die niederdentsche : doneben 
findet sich aber auch die thüringische, schlesische und echwgbische. ver- 

' Vereinzelte Spuren der Mundart ünden sich allerdings schon in 
B^ea protestantischer Morslitüt „Comedy conceming Tbree Laws* (153S 
gedruckt). 

' Ein merkwürdiger Zufall ist es, dass der gleiche Stoff um 15ß4 
auch in einem englischen Drama .Dämon and Pitblas* von Richard Edwards 
behajidelt wurde, das auch mundartliche Bestandteile enthlilt. Diese selbst 
sind aber inhaltlich denen des deutschen Stücks durchaus unähnlich. 




312 Anzoijtjen und Naclirichten 

ciiizelt auch die Imvrisolic^ alcniannisclu» ^ und tVänkisclie Mundart. AVir 

■ 

sehrn also. aiilWr den Saolison des heutigen Köuijrreichs. alle deutschen 
Stännne in ihren Mundarten im Drama vertreten. 

2. Die Mundart ist für das englische von viel geringerer Bedeutuug 
als für das deutsche Drama: sie wird dort fast durchweg von unter- 
;|j;eordueten Personen niederen Standes liesurochen. hier dagegen mitunter 
auch von Höherstehenden oder von Ilauptjiersrtnrn. z. 1). im Drama „laBak** 
(1G06) des Kostockers Schlue von Ahraham und sogar von Jehova selbst. 

In England führte die straffe ]»olitische Kinheit zu einem bedeutenden 
l'hergewicht der aus der Hauptstadt l.Midon hervorgegangenen Schrift- 
sprache über die Mundarten: in Deutst land dagegen, wo eine London 
ents]>rechende. das ganze geistige Lehen wie in einem Brennpunkt sam- 
melnde Hauptstadt fehlte, bewirkte die g; Uiere geistige Vielgestaltigkeit 
und kräftiger entwickelte Eigenart der i..nzelnen Landschaften ein viel 
stärkeres Hervortreten der Mundarten ii lerhalb der Literatur in der 
Schriftsprache. 

Lowack hat seine tleilSig«» und gedieh ue Abhandhing nur vom lite- 
raturgeschichtlichen Staudpunkt aus gesrhr ■». wie er selbst (S. 3) aus- 
drücklich betimt. lag es nicht in seinem I^avr iiuch die rein sprachliche 
Seite des <iegenstands zu berücksichtigen. Wir wollen darob nicht mit 
ihm rechten. Immerhin war diese von ihm selbst gewollte Begrenzung 
bedauerlich: eine gröliere Beachtung auch der sprachlichen Seite des 
Themas, wenn auch nur in der Form eines alphahetischen Wörterverzeich- 
nisses für jede der vorhandenen .Mundarten, hätte sicherlich einen dankons- 
werten Beitrag zur (Jeschichte der deut**chen Mundarten ergehen. Auch 
wäre es richtig gewesen, die einzelnen mundartlichen Bestandteile auf 
ihre Echtheit zu jirüfen. Vielleirlit unterzieht >'iv\\ der Verfasser dieser 
Aufgabe sjȊter einnuil. 

Die Ausdrucksweise Lowacks ist nnt unter schwerfällig, von über- 
Hüssigei- l'mständlichkeit und ungeschickt. Er hat eine besondere Vor- 
liebe für umschreibende Wendungen. Ein Satz wie: -Endlich ist noch 
eines Stücks Erwähnung zu tun. das mit dem ;Jü jährigen Kriege aller- 
i\luizt> nichts zu tun hat" i'^. IIl'i lä^'Sl die IVile vermissen. Beispiele 
für schlerhtes Deutsch liegen vor in foljxenden Sätzen: «Der Bauer Celjax 
niuss sich anhören, dass die Landleute zu dumm seien, gutes Bier zu 
brauen", und .('eljax wird zum (.Tcläcliter gemachf* (beides S. 148). 

Ereiburir i. I». Eduard Eckhardt. 

■' Ihre überniireude Sleliuui; im deutschen Drama iiewann die bavriseh- 
ö^ti'neiclii-»<"lie Mundait aUo erst im li'. Jahrhundert. 

' Alemannisch»' Mundart i-nt lullten das Ihcikiinigsspiel des Schweizers 
Pet«r Spirbtig ■ D»"!"* • und zwei Stücke von Heinrich Leopold Wagner 
ilTT'» und lTT»i . daiiintt-r die >i-ln»n erwähnte .Kinilermörderin", mit Ein- 
inueii im Snalihurger Dialekt. liiM-r badisches Alemannisch fehlt also völlig. 

her >. Jl^ .in::ekniidi:jte Aul"?-atz: ./um Minnesang im Lande Baden*^ 
kiiiiii \\«urii lJ;iimini;in.i;r] rr^t im iiäcb«^ten Heft erscheinen. 

Die Alemannia hört niH diesem Hefte auf zugleich Zeitschrift 
der Freibur«:er (■eselNchafl für <«eschichtsknnde zii sein. 




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Stanford University Libraiy 

Stanford, Califomfai 



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retam it m§ aoon •• poidblc, bot not later thaa 
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